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Der verlorene Sohn

Die Geschichte eines Schweizers, der in Chile auf tragische Weise ums Leben kommt – und der verzweifelte Kampf seiner Eltern um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Sven Broder und Peter Johannes Meier

Die Angst sitzt Patrick Zwimpfer im Nacken, als er im Licht seiner Stirnlampe folgende Nach­richt auf einen Zettel kritzelt: «Don Juan. Bitte nehmen Sie mein Gepäck mit. […] Ich gehe nur voraus, damit Sie mit dem Pferd gehen können. Grüsse, Patrick». Die Notiz ist für seinen Führer bestimmt, einen 62-jährigen, kauzigen chilenischen Gaucho. Was der nicht weiss: Der Gringo hat zwischen den spanischen Zeilen einen deutschen Satz versteckt. Einen Hilferuf zwischen Klammern: «um nicht umgebracht zu werden!».
Es ist kalt an jenem 7. Mai 2005, als Patrick beschliesst, das Lager zu verlassen und den Zweitagesmarsch zurück nach Lago Verde allein anzutreten. Der Winter ist früh dran in Patagonien, im Süden Chiles.

Einen Seesack auf dem Rücken, der viel Papier, aber kaum Proviant enthält, kämpft sich Patrick in jener Nacht vier Kilometer am Rio Turbio entlang, durchwatet drei eisige Zuflüsse – bis er auf halbem Weg Männer hört und das Gekläff ihrer Hunde. Er ist sich sicher, an den Stimmen seine Verfolger zu erkennen – und flüchtet in die Wälder. Dort verliert sich seine Spur.

Zwei Tage später, am 9. Mai, 10.30 Uhr, meldet Don Juan den 41-jährigen Schweizer bei der Polizei von Lago Verde als verschollen. Und er übergibt den Beamten Patricks Gepäck und die hinterlegte Nachricht. Den deutschen Satz «um nicht umgebracht zu werden» verstehen sie nicht.

Wegen des einbrechenden Winters leiten Polizei und Zivilschutz aber sofort eine Such­aktion ein. Am 13. Mai informiert die lokale Staatsanwaltschaft die Schweizer Botschaft in Santiago de Chile. Man mutmasst, Zwimpfer könnte über die Berge nach Argentinien verschwunden sein. Ein zweiter Anruf am selben Tag, diesmal vom Zivilschutz, erreicht Jean-Didier Javet, den zuständigen Konsul in der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt. Die Such aktion drohe zu scheitern. Weil auf dem Meer ein Sturm tobt und Fischer bedroht, stehen die Polizeikräfte in Alarmbereitschaft. Der einzige flugfähige Helikopter ist dort im Einsatz und ebenfalls nicht verfügbar.

Chilenische Polizisten und Militärs suchen nach Patrick Zwimpfer.

Das Militär beschliesst, anstelle des Helikopters Soldaten von der Provinzhauptstadt Coyhaique ins acht Stunden entfernte Lago Verde zu entsenden. An Pfingsten, 16. Mai, ziehen 34 Mann zu Fuss los, um Patrick zu suchen; Militärs, Grenzpolizisten und Freiwillige aus dem Dorf. Sie müssen aber bald einsehen, dass ihr Unterfangen in diesem unwegsamen Tal, bei Kälte und Schnee, aussichtslos ist. Zudem suchten sie am falschen Ort – sie vermuteten, Patrick sei nach seinem Aufbruch zu Don Juans Hütte zurückgegangen.

DIE HIOBSBOTSCHAFT ERREICHT DIE ELTERN

Nach vier Tagen – Patrick ist nun seit fast zwei Wochen verschollen – sucht der Zivilschutz erneut das Gespräch mit Konsul Javet. Die Chilenen beharren auf Unterstützung aus der Luft. Sie wollen einen privaten Suchhelikopter mieten, verlangen dafür von der Schweiz aber die Übernahme der Treibstoffkosten. Es geht um 700’000 Pesos, rund 1600 Franken. Der Konsul lehnt ab. «Mangels Geldmitteln und auch einer entsprechenden Kompetenz», wird die offizielle Begründung später lauten.

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