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Raucher ohne Luft, Dicke unter Druck

Was dem Patienten nicht hilft, soll er selber bezahlen.

Peter Johannes Meier

Wieso sollen Krankenkassen für Medikamente und Therapien aufkommen, die dem Kranken nichts gebracht haben? Die Frage ist gut, die Antwort der der Gesundheitspolitikerinnen Ruth Humbel (CVP) und Yvonne Gilli (Grüne) gefährlich.

Sie wollen Krankheiten, die „eng mit dem Lebensstil“ zusammenhängen, auf ihre Kassenpflicht überprüfen lassen. Konkret soll nur noch bezahlt werden, wenn ein Medikamente oder eine Therapie auch geholfen hat. Im anderen Fall wird der Patient zur Kasse gebeten. Gemeint sind Raucher, Fettleibige und alle Arten von Süchtigen. Die Selbstverantwortung der Patienten soll so gestärkt, grosszügiges Verschreiben durch Ärzte unterbunden werden.

Der richtige Weg, um das Gesundheitswesen zu sanieren? Wohl kaum, denn treffen würde es vor allem Kranke mit kleinem Geldbeutel. Unter Suchterkrankungen leiden sie nachweislich häufiger als Gutverdienende. Und sozial Schwächere würden schon aus „finanzprohylaktischen“ Gründen auf so manche Therapie verzichten, die ihnen helfen könnte. Das Risiko, mehrere hundert oder tausend Franken aus der eigenen Tasche zu bezahlen, wäre schlicht zu gross. Aber das war ja zu erwarten: Nach den Rauchern die Dicken.

Wieso nicht anders herum: Hilft ein Medikament nicht, muss es der Hersteller bezahlen. Darauf ist noch kein Politiker gekommen.

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Nach den Rauchern die Dicken

Der Ruf nach Prävention wird in immer neuen Bereichen laut. Gesundheitsexperte Martin Hafen befürchtet, dass schon bald Eltern zahlen sollen, die Ungeborene mit Down-Syndrom nicht abtreiben

Peter Johannes Meier und Nicole Krättli

Beobachter: Ab dem 1. Mai gilt das Rauchverbot in Gaststätten praktisch schweizweit. Kommen nach den Rauchern die Dicken an die Kasse?
Martin Hafen: Tatsächlich ist es typisch für Prävention, dass man zuerst ein Problem thematisiert – zum Beispiel das Übergewicht –, dann vor negativen Folgen warnt, um letztlich auch Schuldzuweisungen an diejenigen zu machen, die das Problem nicht in den Griff bekommen.

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Beobachter: Kürzlich behauptete das Bundesamt für Gesundheit sogar, Übergewichtige würden unser Gesundheitssystem immer mehr belasten.
Hafen: Das mag sachlich richtig sein, doch solche unterschwelligen Schuldzuweisungen sind ethisch heikel. Es gibt ja auch Faktoren für das Übergewicht, die vom Betroffenen kaum beeinflusst werden können.

Beobachter: Ist das Kostenargument nicht falsch? Über­gewichtige und Raucher haben ja eine kürzere Lebenserwartung. Eine Studie aus Holland zeigt, dass sie das Gesundheitswesen deutlich weniger belasten. Am teuersten sind normal gewichtige Nichtraucher, die im Alter an zahlreichen Krankheiten leiden.
Hafen: Das zeigt, wie einseitig eine auf Kosten fixierte Argumentation ist. Man könnte daraus ja ableiten, ein möglichst kurzes Leben wäre besonders gesellschaftsverträglich. Das kann aber kaum der Sinn des Lebens sein. Jede Gesundheitspolitik muss darum zum Ziel haben, die Dauer chronischer Krankheiten möglichst zu reduzieren, unabhängig von der Länge eines Lebens.

Beobachter: Wem wird nach den Übergewichtigen die ­Kostenfalle gestellt?
Hafen: Denkbar ist, dass schwangere Frauen unter Druck kommen. Die pränatale Diagnostik ermöglicht es, Behinderungen wie das Down-Syndrom früh zu erkennen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Forderung aufkommt, solche Kinder abzutreiben oder die medizinischen Folgekosten selber zu bezahlen. In Amerika wird diese Diskussion bereits geführt. Ich finde Debatten, die auf eine Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen hinauslaufen, sehr bedenklich. Sie schliessen die Betroffenen aus, bewirken aber kaum Verhaltensänderungen.

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