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Hells Angels: Ein höllisches Geschäft

© Beobachter 2010

In der Auseinandersetzung zwischen Hells Angels und Outlaws geht es um mehr als Ehre. Der Schweiz droht ein Krieg um Einfluss im Milieu.

Peter Johannes Meier

Kriege beginnen heute am Computer. Auch jener zwischen Rockergangs in der Schweiz. Bevor am 12. Juni im aargauischen Ehrendingen Dutzende Schüsse auf das Clubhaus und Fahrzeuge der Rockergruppe Outlaws abgefeuert wurden, kämpften die Schweizer Hells Angels bereits mit der Tastatur um territoriale Vorherrschaft – im Internet. Ihre Feinde: die ebenfalls aus den USA stammenden Outlaws und Bandidos sowie Gremium, ein in Deutschland gegründeter «Motorradclub».

Damit die Schweiz rot-weiss bleibt – der Farbcode der Hells Angels in der Szene -, haben die Höllenengel alle denkbaren Schweizer Internetadressen ihrer Feinde registriert. So führen www.outlawsmc.ch oder www.bandidosmc.ch zu einer Adresse in Zürich-Affoltern – zum Clubhaus der Zürcher Hells Angels. Auf den Internetseiten verteidigen sie mit Wilhelm Tell im Bild das «Schweizer System», das nur einen internationalen Club kennt: die Hells Angels.

«FREUNDSCHAFTSBESUCH» MIT BÖSEN FOLGEN

Vor diesem rot-weissen Haus warteten die Zürcher Hells Angels vor zwei Wochen auf ihre «Brüder» und Verbündeten. Im Tross wollte man nach Ehrendingen in der Nähe von Baden fahren. «Ein Ausflug, wie ihn die Hells Angels und andere Motorradclubs regelmässig unternehmen», verharmloste Hells-Angels-Anwalt Valentin Landmann. Ein «freundschaftlicher Besuch» zur Gründungsfeier der Outlaws sei geplant gewesen. Kaum dort angekommen, sei die Hundertschaft aus Zürich aber angegriffen, ja beschossen worden, so Landmann. Darauf sei die Situation eskaliert. Fahrzeuge auf dem Gelände wurden demoliert, der Schaden beläuft sich auf rund 1’000’000 Franken. Ein gutes Dutzend Outlaws stand zirka 100 Hells Angels und anderen Rockern gegenüber. Drei Tessiner Rocker wurden verhaftet.

Über Landmanns Sicht wird in der Szene geschmunzelt. Und die Aargauer Polizei stellte sofort klar: Geschossen wurde auf die Scheune der Outlaws und deren Fahrzeuge. Sind sie derart schlechte Schützen?

Dass dies kein harmloser Ausritt werden würde, ahnte ein Zeuge vor dem Zürcher Clubhaus. «Die Hells Angels waren auffallend nervös, als sie auf Kollegen warteten, die dann auch zu Dutzenden anbrausten», sagt der Szenekenner, der anonym bleiben will. «Mit der Zeit spürt man, ob sie gut drauf sind. An jenem Samstag waren sie es nicht.»

Doch worum geht es in diesem Krieg? Bloss um gekränktes Ehrgefühl, weil die Outlaws ihren Club nicht von den Hells Angels bewilligen liessen? Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass neue Clubs sich bewerben und bewähren müssen, um von grösseren Clubs, sprich: den Hells Angels, die Absolution zu erhalten. Nur dann dürfen sie die Bezeichnung MC (für Motorradclub) und ein Clublogo auf der Lederkutte tragen. Die Anerkennung ist an Auflagen gebunden, so dürfen die Motorradclubs keine Frauen aufnehmen. «Man kann das mit dem Zunftwesen vergleichen. Am Sechseläuten darf ja auch nicht jeder mitlaufen», sagt Landmann. Klar ist aber: Die Outlaws würden von den Hells Angels und anderen Motorradclubs nie akzeptiert.

Denn anders als in den Nachbarländern ist die Schweizer Szene fest in den Händen eines einzigen internationalen Motorradclubs. Ihre Gegner waren in den vergangenen Jahren nicht etwa andere Rocker, sondern die Bundesanwaltschaft und das Eidgenössische Untersuchungsrichteramt. Seit 2003 ermittelten sie gegen die Hells Angels wegen organisierter Kriminalität. Ohne Erfolg, wie die Bundesanwaltschaft vor einigen Wochen bekanntgab.

Die rot-weisse Vorherrschaft ist in Motorradclubs kaum bestritten, wie Einträge in Schweizer Internetforen zeigen. Milieu-Anwalt Landmann selbst warnt vor «deutschen Verhältnissen in der Schweiz». In Deutschland und in skandinavischen Ländern liefern sich die Rocker seit Jahren gewalttätige Auseinandersetzungen, vor allem um die Vorherrschaft im Rotlicht-milieu. Die Kämpfe forderten bereits Dutzende Tote und Hunderte Verletzte. Im Mai wurden in Deutschland zwei Hell Angels wegen der Ermordung eines Outlaw-Präsidenten zu langen Haftstrafen verurteilt.

EIN POSITIVES IMAGE IST DEN ROCKERN WICHTIG

Und die Schweizer Hells Angels? Öffentlich stellen sie sich als sympathische Gesellen dar, deren Welt sich um Töfffahren, gemeinsames Grillieren, Bier und Frauen dreht. Und einmal pro Jahr zeigen sie ihr Herz für Benachteiligte, fahren Behinderte aus. Sind die Schweizer Engel anders als ihre höllischen Brüder in Deutschland?

«Es wäre naiv, zwischen guten Schweizern und bösen Deutschen zu unterscheiden», sagt Jürgen Roth, ein deutscher Autor, der über die Hells Angels recherchierte. «Das ist ein internationales Netzwerk, für das der Profit im Vordergrund steht. Und der ist im Menschen-, Drogen- und Waffenhandel nun mal besonders hoch.»

Von einer «kriminellen Organisation» spricht Ex-Hells-Angel Uli. Er war Gründer und acht Jahre lang Vizepräsident eines deutschen Chapters, bevor er als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Brüder aussagte. «In Deutschland beziehen sich die geschäftlichen Interessen grösstenteils auf das Rotlichtmilieu. Dazu gehören so gut wie alle damit einhergehenden Geschäfte wie Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel», schreibt er in seinem kürzlich veröffentlichten Buch «Höllenritt».

Von Ehrenhaftigkeit bleibt wenig übrig. Die Hells Angels erinnern eher an eine Sekte, der es darum geht, möglichst viel Geld zu scheffeln. Mit Motorradfahren hätten manche Mitglieder nichts mehr zu tun, schreibt Uli. Sie besässen nicht mal mehr einen Fahrausweis. Zu Anlässen liessen sie ihre Bikes mit Lastwagen herankarren.

Gibt es einen Sonderfall Schweiz? «Im Milieu haben die Hells Angels in den letzten Jahren an Bedeutung verloren», sagt der Besitzer eines Grossbordells in der Nähe von Zürich. Vor sieben Jahren noch musste er sich im damaligen Clubhaus an der Langstrasse auf einen Stuhl setzen, um einen Film zu schauen: Köpfungsvideos aus dem Tschetschenienkrieg. Ein Einschüchterungsversuch im Machtkampf zwischen verfeindeten Bordellbetreibern. Die Bundesanwaltschaft fand bei ihren Ermittlungen 2003 und 2004 zwar auch Hinweise auf Schutzgelderpressung, doch Betroffene relativierten ihre Aussagen plötzlich wieder. Dennoch blieb es nicht bei geschmacklosen Videoabenden. Für Geld verübten Zürcher Hells Angels etwa Buttersäure-Anschläge auf Bordelle oder verprügelten den Ex einer Prostituierten, die sich schlecht behandelt fühlte. Der Milieukrieg war nicht die einzige Betätigung der Engel. Ein Überfall auf einen Geldtransport in Pfäffikon SZ wurde mit Hilfe eines französischen Hells Angels ge-plant, aber nie durchgeführt. Und dann gibt es noch 250 Kilo Cannabis, die nie verkauft werden konnten, weil sie wegen schlechter Lagerung vergammelten.

HELLS ANGELS GRÜNDEN NEUE ABLEGER

Manche Delikte sind bereits verjährt, und wo Anklagen denkbar sind, wird es immer nur um die Taten einzelner Personen gehen, nicht um die einer kriminellen Organisation. Buttersäure-Anschläge sind im Milieu weiterhin verübt worden. Doch auch hier wird der Krieg vermehrt am Computer geführt: Mit Anfrageattacken werden Webseiten konkurrierender Sexunternehmer lahmgelegt. Wer sie in welchem Auftrag ausführt, ist unklar.

Die Überwachungen und Verfahren waren für die Hells Angels eine Zäsur. Der Zürcher Präsident und andere gefallene Engel mussten den Club verlassen, der kaum noch zu führen war. Nun scheinen sich die Hells Angels aber erholt zu haben. Sie gründen neue Chapter wie kürzlich in Basel. Manche Mitglieder sind auch heute im Milieu tätig – was noch keine Straftat ist. Und manche Bordellbetreiber wünschen sich gar einen stärkeren Einfluss der Hells Angels zurück. «In Zürich wird das Gewerbe von Türken und der Strassenstrich von Ungarn kontrolliert. Die Polizei hat diese Szene nicht im Griff. Dazu braucht es andere – warum nicht die Hells Angels?», so die Besitzerin eines Etablissements.

Der neue Präsident, Patrik «Hemi» Hemenschwyler, wollte mit dem Beobachter vorerst nicht über die Zukunft der Hells Angels sprechen. Bis 1993 hatte er einer anderen Bruderschaft gedient: als Schweizergardist beschützte er den Papst. Künftig dürfte er sich vermehrt um die Sicherheit der Hells Angels sorgen müssen. Der Krieg um Marktanteile im höllischen Geschäft wird die Schweiz kaum verschonen. Vergangenes Wochenende äusserte sich Hemi dann kurz in der Sonntagspresse und wiederholte seinen Anwalt: «Wir wollen hier keine deutschen Verhältnisse.» Bloss: In Deutschland sind die Hells Angels für diese Verhältnisse wesentlich mitverantwortlich.

Kommentare

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Nach den Rauchern die Dicken

Der Ruf nach Prävention wird in immer neuen Bereichen laut. Gesundheitsexperte Martin Hafen befürchtet, dass schon bald Eltern zahlen sollen, die Ungeborene mit Down-Syndrom nicht abtreiben

Peter Johannes Meier und Nicole Krättli

Beobachter: Ab dem 1. Mai gilt das Rauchverbot in Gaststätten praktisch schweizweit. Kommen nach den Rauchern die Dicken an die Kasse?
Martin Hafen: Tatsächlich ist es typisch für Prävention, dass man zuerst ein Problem thematisiert – zum Beispiel das Übergewicht –, dann vor negativen Folgen warnt, um letztlich auch Schuldzuweisungen an diejenigen zu machen, die das Problem nicht in den Griff bekommen.

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Beobachter: Kürzlich behauptete das Bundesamt für Gesundheit sogar, Übergewichtige würden unser Gesundheitssystem immer mehr belasten.
Hafen: Das mag sachlich richtig sein, doch solche unterschwelligen Schuldzuweisungen sind ethisch heikel. Es gibt ja auch Faktoren für das Übergewicht, die vom Betroffenen kaum beeinflusst werden können.

Beobachter: Ist das Kostenargument nicht falsch? Über­gewichtige und Raucher haben ja eine kürzere Lebenserwartung. Eine Studie aus Holland zeigt, dass sie das Gesundheitswesen deutlich weniger belasten. Am teuersten sind normal gewichtige Nichtraucher, die im Alter an zahlreichen Krankheiten leiden.
Hafen: Das zeigt, wie einseitig eine auf Kosten fixierte Argumentation ist. Man könnte daraus ja ableiten, ein möglichst kurzes Leben wäre besonders gesellschaftsverträglich. Das kann aber kaum der Sinn des Lebens sein. Jede Gesundheitspolitik muss darum zum Ziel haben, die Dauer chronischer Krankheiten möglichst zu reduzieren, unabhängig von der Länge eines Lebens.

Beobachter: Wem wird nach den Übergewichtigen die ­Kostenfalle gestellt?
Hafen: Denkbar ist, dass schwangere Frauen unter Druck kommen. Die pränatale Diagnostik ermöglicht es, Behinderungen wie das Down-Syndrom früh zu erkennen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Forderung aufkommt, solche Kinder abzutreiben oder die medizinischen Folgekosten selber zu bezahlen. In Amerika wird diese Diskussion bereits geführt. Ich finde Debatten, die auf eine Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen hinauslaufen, sehr bedenklich. Sie schliessen die Betroffenen aus, bewirken aber kaum Verhaltensänderungen.

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Ringier will per Handy Kasse machen

Der Medienkonzern Ringier und das Kreditinstitut GE Money Bank wollen die Schweizer Einkaufswelt aufmischen. Kunden sollen auf Schritt und Tritt mit Werbung auf dem Handy geködert werden.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen Konsumania arbeitet Ringier an einem neuen Bezahlsystem per Handy. Das Ziel ist nicht bloss, neue «Blick»-Abonnenten zu gewinnen, sondern Produkte und Dienstleistungen verschiedenster Anbieter an den Kunden zu bringen. Konsumania setzt auf moderne Handys, mit denen künftig an der Kasse bezahlt werden soll.

Die Ortungsfunktion der Geräte erlaubte es zudem, Kunden auf Schritt und Tritt mit Sonder angeboten zu ködern. So kann künftig das Schuhgeschäft um die Ecke ein Schnäppchen anpreisen, wenn man gerade an der Filiale vorbeigeht. Bezahlt wird, indem die Verkäuferin einen Barcode auf dem Handy des Kunden einscannt.

Ringier-Sprecher Stefan Hackh bestätigt, mit dem Projekt diesen Sommer oder Herbst auf den Markt zu gehen. Ringier hat dafür ein eigenes Tochterunternehmen gegründet. Als strategischer Partner ist unter anderem die auf Konsumkredite spe­zialisierte GE Money Bank mit an Bord. Hackh: «Sie übernimmt die Funktion einer Kreditkartenorganisation, wickelt also die Zahlungen der Einkäufe ab.» Als Zahlungsvarianten sollen die Abrechnung über das Handy, per Kreditkarte mit Monatsabrechnung oder über eine Debitkarte mit Vorauszahlung angeboten werden.

Mario Roncoroni, Geschäfts leiter des Berner Vereins Schuldensanierung, warnt davor, dass Kunden ihre Rechnungen künftig wohl auch abstottern dürfen. Dafür werde dann ein hoher Kreditzins verlangt. «Alles andere würde mich bei der Beteiligung der GE Money Bank sehr überraschen.» Bis zu einer Limite von 500 Franken müsste Konsumania nicht mal die Kreditwürdigkeit der Kunden abklären. Erst höhere Beträ­ge fallen unter das Konsumkreditgesetz, das dies vorschreibt.

Auf einer Testseite im Internet kündigt Ringier-CEO Marc Walder an, «die ganze Medienpower in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, Radio und Fernsehen dafür einzusetzen, den Gedanken der virtuellen, digitalen Shopping-Mall möglichst schnell ins Land zu tragen»

Schuldenberater Mario Roncoroni sieht in Konsumania weit mehr als eine Alternative zur etablierten Kreditkarte. «Wer ständig Sonderangebote auf seinem Handy erhält, wird dazu verleitet, über seinen Verhältnissen zu konsumieren.» Vor allem jüngere Leute seien hier gefährdet.

© Beobachter

Frauen wollen einen neuen Islam

© Beobachter 2010


Echte Reformen fordern im Islam vor allem Frauen. Den Dialog mit Schweizer Behörden und Politikern prägen aber konservative muslimische Organisationen.

Peter Johannes Meier und Gian Signorell

Vom Minarettverbot völlig überrascht, waren sich Politiker und Religionsvertreter sofort einig: Jetzt müsse «der Dialog» intensiviert werden. So wird in zwei Wochen an der Universität Zürich zum interreligiösen Dialog aufgerufen. Initiant der Veranstaltung ist das Zürcher Dialog-Institut, eine Organisation türkischer Muslime, die sich dem Gedankengut des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen verpflichtet fühlt. Das «Abrahamitische Symposium» steht unter dem Motto: «Ist Religion Privatsache?»

Fethullah Gülen ermuntert aus seinem Exil in den USA dazu, konservative islamische Glaubensinhalte und Lebensführung mit westlichen Demokratien in Einklang zu bringen. Kritiker warnen vor einer pseudomodernistischen Bewegung; in Tat und Wahrheit würden sich Gülens Anhänger jeder echten Reform verweigern. «Was an der Zürcher Tagung harmlos als ‹interreligiöser Dialog› daherkommt, verfolgt die Absicht, von namhaften Persönlichkeiten die Bestätigung zu erhalten, dass Religion nicht Privatsache sein darf. Die Trennung zwischen Staat und Religion ist den konservativen Muslimen nämlich ein Dorn im Auge», warnt Saïda Keller-Messahli, die Präsidentin des Schweizer Forums für einen fortschrittlichen Islam. Die Bestätigung diene militanten Islamanhängern dann als Argument, um gegen eine säkulare, weltliche Ordnung mobilzumachen.

Saïda Keller-Messahli, Zürich

«DAS SIND NUR 15 PROZENT»

Als Mitorganisator für die Tagung im Februar konnte das Dialog-Institut die Theologische Fakultät der Uni Zürich gewinnen. Bereits zum zweiten Mal innert weniger Monate wird dann der Zürcher Regierungsrat Markus Notter an einer Veranstaltung dieses Instituts teilnehmen. «Ich führe auch mit eher konservativ gesinnten Religionsvertretern den Dialog», meint Notter dazu. «Von reformorientierten Muslimen bin ich bis jetzt nicht eingeladen worden. Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe, bestimmte religiöse Ausrichtungen zu bevorzugen oder zu bekämpfen. Der Staat soll sich in Glaubensfragen nicht einmischen.»

Auf Dialog setzt auch Eveline Widmer-Schlumpf. Drei Wochen nach der Minarettabstimmung traf sich die Justizministerin mit Vertretern islamischer Organisationen. Eingeladen: die Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, die Koordination islamischer Organisationen Schweiz und die undurchsichtige Fondation de l’Entre-Connaissance, deren Sekretär Hafid Ouardiri die Berner Demonstration nach der Minarettabstimmung organisiert hatte. Fazit des Treffens: Der Bund sei für die Wahrung des Religionsfriedens und das ungestörte Zusammenleben zwischen den verschiedenen Kulturen im Land verantwortlich. Er wolle deshalb «den Dialog mit den Muslimen fortführen».

Necla Kelek, Hamburg

«Dialog» ist das Zauberwort – in der Realität versagt es. Denn Behörden und Politiker führen den Dialog mit Vertretern konservativer Organisationen, reformbereite Muslime bleiben aussen vor. Für Keller-Messahli ist deshalb klar: «Die Politiker und Behörden sollten ihre Fixierung auf die islamischen Organisationen endlich aufgeben. Sie repräsentieren nur 15 Prozent der muslimischen Bevölkerung.» Noch deutlicher formuliert es Necla Kelek, deutsche Soziologin türkischer Abstammung: «Dass die islamischen Organisationen als Vertretung der Muslime schlechthin angesehen werden, ist eine Katastrophe.» Zumindest auf Bundesebene scheint sich jetzt ein Umdenken abzuzeichnen. «Wir werden künftig den Kreis der Gesprächsteilnehmer erweitern», sagt der Sprecher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, Guido Balmer. Wer konkret eingeladen werde, sei aber noch nicht bekannt.

ISLAMKRITIKERIN UNTER POLIZEISCHUTZ

Die unverblümte und klare Sprache von Keller-Messahli und Kelek ist typisch für eine kleine Gruppe mutiger muslimischer Frauen in Europa (siehe die folgenden zwei Seiten). Sie gehen in ihrer Kritik am Islam viel weiter als die meisten ihrer männlichen Kollegen. «Die Frauen sind die ersten Opfer des Islams. Sie haben unter dieser Religion viel mehr zu leiden als die Männer», sagt Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime. Die gebürtige Iranerin, die heute in Köln lebt, steht wegen ihrer exponierten Stellung im Zentralrat unter Polizeischutz: «Wer heute etwas Kritisches zu Mohammed oder zum Koran sagt, erhält sofort Morddrohungen.»

Mina Ahadi, Köln

«WIR MÜSSEN AUFHÖREN, HÖFLICH ZU SEIN»

Reformorientierten Muslimen fehlt jedoch eine Organisation, die auch von Behörden und Politikern als Gesprächspartner anerkannt wird. Das Manko ist erkannt: «Es gibt einen grossen Bedarf, dass sich die säkularen, liberalen Muslime besser organisieren. Aber ein stärkeres Engagement gelingt erst, wenn die schweigende Mehrheit die Notwendigkeit begreift, dass die Interpretation des Islams und die damit zusammenhängenden Fragen wie das Kopftuch für Kinder oder die Dispensation vom Schwimmunterricht nicht einer kleinen Minderheit überlassen werden dürfen», sagt die Berner Politikwissenschaftlerin Elham Manea, gebürtige Ägypterin.

Elham Manea, Bern

Manea und auch Keller-Messahli wünschen sich statt des Austauschs von unverbindlichen Freundlichkeiten, wie er bisher meist stattgefunden hat, einen wirklichen Dialog zwischen den orthodoxen islamischen Kreisen und der liberalen Mehrheitsgesellschaft, zu der eben auch viele Muslime gehörten. «Wir müssen aufhören, höflich zu sein und Probleme zu verharmlosen. Wir müssen heikle Dinge wie Zwangsehen, die Verhüllung der Frau, die Vorgänge in den Moscheen und die patriarchalen Gewohnheiten auf den Tisch bringen und hart diskutieren», sagt Keller-Messahli.

Ein solcher Dialog dürfte die konservativen Muslime aber überfordern. So wollte die «Basler Zeitung» nach der Minarett-Initiative die progressive Keller-Messahli mit der konservativen Aynur Akalin, Vertreterin der islamischen Organisationen im Rat der Religionen, einem überkonfessionellen Diskussionsforum, an einen Tisch bringen. Akalin verweigerte das Gespräch. Es gehöre nicht zu ihren Prinzipien, eine öffentliche Diskussion mit Angehörigen des islamischen Glaubens einzugehen. Seltsam – Aynur Akalin sitzt im Vorstand des Zürcher Dialog-Instituts.

Wie muslimische Frauen den Islam reformieren wollen

Gratis arbeiten für die ABB

© Beobachter 2009


Entlassene ABB-Angestellte* Ehemalige Temporärangestellte der ABB sind gezwungen, weiterhin für die ABB zu arbeiten – ohne Lohn. Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose machen das möglich.

Peter Johannes Meier

Die Schaffhauser Arbeiterinnen waren der ABB einfach zu teuer geworden. Doch flinke Hände braucht das Unternehmen weiterhin, um seine weltweit gefragten Stromschalter herzustellen. ABB hat sie in Bulgarien gefunden, für rund fünf Franken die Stunde. Seit über zwei Jahren wird dort produziert.

Aber auch in Schaffhausen werden nach wie vor Schalter zusammengesetzt. Vorwiegend von Frauen, in Handarbeit und zu bulgarischen Bedingungen. Mehr als 100 Arbeitsplätze hat die ABB für die Stiftung «Impuls – Fit for Jobs!» eingerichtet. Impuls führt im Auftrag der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) und der Sozialämter sogenannte Beschäftigungsprogramme durch.

Bild: Stefan Jäggi

So kommt es, dass heute Arbeitslose und Ausgesteuerte an den Arbeitstischen der ABB sitzen. Unter ihnen auch ehemalige ABB-Angestellte Temporärangestellte der ABB. Sie waren entlassen worden, als der Grossteil der Produktion nach Bulgarien wanderte. «Diese Leute machen heute den genau gleichen Job, für den sie zuvor einen Lohn von der ABB erhalten haben. Und obwohl wir alle arbeiten, gelten wir weiterhin als arbeitslos. Das ist unheimlich deprimierend», sagt ein Teilnehmer des Impuls-Programms. Das RAV hatte ihn nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit zu einem halbjährigen ABB-Einsatz verknurrt.

DIE ABB IM STIFTUNGSRAT

Für seine Arbeit bezahlt das Unternehmen exakt den bulgarischen Stundenlohn. Nicht ihm, sondern der Stiftung. Er selber gilt weiterhin als stellenlos und erhält Arbeitslosengeld. Und obwohl er fast zu 100 Prozent für die ABB arbeiten muss, wird ihm jeder Tag von der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes abgezogen. Ausserdem muss er sich um einen «echten» Job bemühen.

«Wir werden hier zu einer Arbeit gezwungen, die uns in keiner Weise für einen echten Job qualifiziert. Und wir haben keine Zeit, uns sinnvoll weiterzubilden», sagt der 38-Jährige. Aus dem Programm aussteigen darf er nur, wenn er einen anderen Job findet. Selbst eine Mitarbeiterin der Stiftung übt Kritik an diesem Konzept: «Es fällt mir ausgesprochen schwer, Arbeitslose für einen solchen Einsatz zu motivieren, der sie nicht weiterbringt.»

Die Idee der «bulgarisierten» Arbeitsplätze hatte die ABB selber in die Stiftung eingebracht – wenige Monate nachdem ihr Schaffhauser Geschäftsführer, Frank Wentzler, in den Impuls-Stiftungsrat gewählt worden war. «Unsere Idee war es, einen Teil der einfachen, aber lohnintensiven Montagearbeit der Impuls-Stiftung zu übergeben, statt alles nach Bulgarien auszulagern», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Aus Sicht der ABB sei dies ein sinnvolles Projekt, um vorwiegend Ausgesteuerte zu beschäftigen. «Wer letztlich dort genau arbeitet, entscheiden aber nicht wir.»

Tatsächlich sind es mehrheitlich Arbeitslose. Und keiner von ihnen konnte sich bisher für eine ordentliche Anstellung bei der ABB qualifizieren. «Die Bestückungsarbeit ist eine sehr einfache Tätigkeit, für die wir in Schaffhausen gar keine regulären Arbeitsplätze mehr haben», sagt Inderfurth.

Roland Gasser, Geschäftsführer der Impuls-Stiftung, kann der Arbeit dennoch etwas Positives abgewinnen: «Die Schaltermontage ist eine konstruktive Tätigkeit. Es wird ein Produkt für ein renommiertes Unternehmen hergestellt, das auf dem Weltmarkt gefragt ist. Die Arbeitenden sind dadurch motivierter als zum Beispiel beim Elektrorecycling, wo ein Produkt ja zerstört werden muss.»

„ICH WÜRDE NIE SAGEN, DASS ICH HIER WAR“

Die Arbeitslosen werden vom RAV in das Beschäftigungsprogramm geschickt. «Ich habe ein gewisses Verständnis, wenn ehemalige ABB-Angestellte, die jetzt hier arbeiten, den Hintergrund dafür nur schwer begreifen», sagt Vivian Biner, Leiter des Schaffhauser Arbeitsamts. Es sei eben schwierig, eine vergleichbare andere Arbeit zu finden. «Und nach jeder Wirtschafts-krise gibt es weniger niederschwellige Arbeitsplätze.»

Arbeitslose, die sich beim Beobachter gemeldet haben, sind überzeugt, dass sie Impuls nicht fit für einen neuen Job macht. «Bei einer Stellenbewerbung würde ich nie angeben, dass ich ein halbes Jahr hier war. Wir arbeiten zusammen mit Drogenabhängigen und anderen Sozialfällen. Entsprechend ist auch der Ruf der Impuls-Stiftung», sagt einer, der – wie die meisten – nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit in das Programm geschickt wurde. Zuvor hatte er eine leitende Stellung in einem Gewerbebetrieb. Einzelne wurden bereits nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit in das Programm beordert.

«Ein Einsatz hat mitunter auch einen anderen Hintergrund. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass jemand anderswo schwarzarbeitet. Und eine geringe Arbeitszufriedenheit kann bewirken, dass sich ein Arbeitsloser ernsthafter um eine neue Stelle bemüht», sagt dazu Vivian Biner.

Dass entlassene Angestellte als Arbeitslose wieder die gleiche Tätigkeit verrichten, ist einzigartig am Schaffhauser Beschäftigungsprogramm. Dagegen ist es kein Sonderfall, wenn Arbeitslose immer früher in solche Programme gesteckt werden, die ihnen bei der Stellensuche kaum etwas nützen. Entsprechende Beschwerden gehen vermehrt beim Beratungszentrum des Beobachters ein.

So muss zum Beispiel im Kanton Bern eine arbeitslos gewordene 62-jährige Frau neben einem 40-prozentigen Zwischenverdienst noch zu 60 Prozent Gratisarbeit in einem Pflegeheim leisten. Ausserdem wird sie regelmässig zu Bewerbungskursen und Persönlichkeitsschulungen aufgeboten. Dass sie dadurch wieder eine Stelle findet, dürfte unwahrscheinlich sein.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verteidigt solche Programme. Und das, obwohl seine eigenen Studien zeigen, dass sie für viele Betroffene die Stellensuche eher erschweren als erleichtern (Beobachter Nr. 16 und 22).

«Langzeitarbeitslose oder Ausgesteuerte bewegen sich für eine gewisse Zeit wieder in einer Tagesstruktur, die sinnstiftend sein kann. Das Ziel ist immer, Personen fit für den Arbeitsmarkt zu machen oder ihre Fitness für den Arbeitsmarkt zu erhalten», sagt Oliver Schärli, Gruppenleiter Bildung und Beschäftigung beim Seco. Doch wie das Schaffhauser Beispiel zeigt, sind es keineswegs nur Langzeitarbeitslose, die solche Programme besuchen müssen.

ES GEHT AUCH UM ABSCHRECKUNG

«Sicher ist es der Idealfall, wenn eine vorübergehende Beschäftigung den Arbeitslosen für einen neuen Job qualifiziert. Es gibt aber weitere Gründe für einen solchen Einsatz», sagt Schärli. So werde abgeklärt, ob jemand überhaupt in der Lage ist, eine Arbeitsstelle anzutreten. Oder ob die Person aus gesundheitlichen Gründen, weil sie Kinder betreuen muss oder schwarzarbeitet, gar nicht voll vermittelbar ist. «Bis zu 30 Prozent der Programmbesucher melden sich nach wenigen Tagen oder bereits vor Antritt einer solchen Massnahme bei der Arbeitslosenversicherung wieder ab», so Schärli.

Für die arbeitslosen Schaffhauser Arbeiter ist das kaum eine Alternative: «Ich gehe immer noch davon aus, dass ich in die ALV einbezahlt habe, um unterstützt zu werden, wenn ich arbeitslos bin», sagt einer aus dem Impuls-Programm.

* Gegendarstellung der ABB

„Im Beobachter 24/09 wird unter dem Titel „Bulgarisierte Jobs für die ABB“ die Behauptung aufgestellt, entlassene ABB-Mitarbeitende wären gezwungen, bei der ABB ohne Lohn dieselben Arbeiten zu erledigen wie vorher. Diese Behauptung ist unrichtig. Richtig ist allerdings, dass an den von „Impuls – Fit for Jobs“ eingerichteten und nicht in den Räumen der ABB liegenden Arbeitsplätzen unter anderem auch Aufträge der ABB erledigt werden. Allerdings arbeitet gegenwärtig bei „Impuls“ keine Person, die vorher bei der ABB angestellt war.“

Im Namen Allahs

© Beobachter 2009


Die Schweiz debattiert derzeit über Minarette. Doch Muslime haben ganz andere Probleme: Ihre Imame sind schlecht ausgebildet – und in Moscheen wird Politik gemacht.

Peter Johannes Meier, Gian Signorell, Balz Ruchti, Sid Ahmed Hammouche

«Journalisten sind wie Füchse. Ich mag sie nicht», sagt Mustafa Karahan. «Sie schleichen sich rein und stellen freundliche Fragen. Dann aber steht etwas völlig anderes in der Zeitung.» Darum ist der Mediensprecher des Türkischen Kulturellen Kreises in Wangen bei Olten an diesem Freitagnachmittag strikt. Ohne Termin geht gar nichts. Und die Fragen braucht er vorher schriftlich. «Bitte haben Sie Verständnis», sagt Karahan und kommt noch bis zum Ausgang mit.

Die Nerven liegen blank in der schlagzeilenträchtigen Moschee in Wangen. Das Objekt der Kontroverse steht seit Januar auf dem Dach: ein weisses, mit goldenen Kanten verziertes Minarett. Für seine Errichtung stritten die Wangner Muslime bis vor Bundesgericht und wurden damit, wohl unfreiwillig, zu einem Auslöser der Minarett-Initiative.

Vergangenen Juni dann der nächste Eklat. Der Integrationsbeauftragte des Kantons Solothurn, Albert Weibel, sagte seine Teilnahme an der Einweihungsfeier des Minaretts ab. Er störte sich an einer Fahne. Sie weht auch heute auf dem Dach des Zentrums. Die Fahne zeigt einen heulenden Wolf. Für Kritiker ein Zeichen der Zugehörigkeit zur türkischen Organisation der «Grauen Wölfe», einer rechtsextremistischen Gruppierung.

Karahan distanziert sich ausdrücklich: «Mit denen haben wir nichts zu schaffen.» Für die Wangner Moschee sei der Wolf bloss ein Symbol aus der türkischen Geschichte. Türkentum wird in der Moschee hochgehalten. Zur Einweihung des Minaretts im Juni formulierte Karahan auch seine Ideen von Integration. Man müsse die eigene Kultur kennen und die schweizerische respektieren. Alles andere sei Assimilation.

FAST DOPPELT SO HOHE GEBURTENRATE

Der Islam hat sich in den vergangenen 40 Jahren zur stärksten nichtchristlichen Religionsgemeinschaft in der Schweiz entwickelt. Waren es 1970 noch 16’300 Muslime, registrierte die Volkszählung im Jahr 2000 knapp 311’000, damals 4,3 Prozent der Bevölkerung. Inzwischen dürfte ihre Zahl, so schätzen Experten, auf über 400’000 angewachsen sein. Der Trend wird anhalten: Die muslimische Bevölkerung in der Schweiz ist jünger als die übrige Gesellschaft, und die Geburtenrate ist bei muslimischen Frauen fast doppelt so hoch.

Wer sind die Muslime in der Schweiz? «Sie bilden keine geschlossene Gemeinschaft, sondern organisieren sich nach den gesprochenen Sprachen», sagt der Luzerner Religionsforscher Samuel M. Behloul. Mehr als die Hälfte der Muslime stammt aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, rund jeder fünfte Muslim aus der Türkei. Eine kleine Minderheit wanderte aus Schwarzafrika, Asien oder den Maghreb-Staaten ein.

Eine von ihnen ist Chaira Belghaba. Die modisch gekleidete Frau sitzt auf der Terrasse eines Cafés und spielt mit dem bunten Sonnenschirmchen in ihrem Glas. Die Swarovski-Steine auf ihrem Handy glitzern in der Nachmittagssonne. Belghaba ist in Algerien aufgewachsen. Ihre Eltern kamen als Asylbewerber in die Schweiz, sie heiratete einen Schweizer. Abends betet sie ab und zu, und sie glaubt, dass es einen Gott gibt. Mit dem Islam aber, wie er in den Moscheen gelehrt wird, hat sie nichts am Hut. «Ich habe diese Art von Glauben verloren, als in meiner alten Heimat im Namen des Islams Bomben explodierten und Menschen umgebracht wurden», sagt sie lakonisch. Trotzdem: «Ja, klar bin ich eine Muslimin.» Wenn sie ihre Eltern besucht, die inzwischen wieder in Algerien wohnen, werfen ihr die Leute auf dem Land ihren westlichen Lebensstil vor. Sie befolge nicht die Vorschriften des Islams, und Nachbarn meinten, mit ihrer Lebensweise drohe ihr nach dem Tod die Hölle. «Die können mir ja schon mal das Ticket dahin besorgen», sagt Belghaba lächelnd und zwirbelt das bunte Sonnenschirmchen zwischen den Fingern.

Solche Sätze würde Serkan Acarbey (Name geändert) nie in den Mund nehmen. Der junge Türke aus dem thurgauischen Bürglen ist ein eifriger Moscheegänger, lebt streng nach den fünf Säulen des Islams. Er bekennt sich zu Allah als alleinigem Gott, betet fünfmal am Tag, fastet während des Ramadans und hat vor, einmal nach Mekka zu pilgern. Von der Zakat, der islamischen Armensteuer, ist er noch befreit, weil diese erst ab einem bestimmten Einkommen fällig wird. Acarbey trinkt keinen Alkohol, leiht Geld nicht gegen Zinsen aus, befürwortet das Verbot von vorehelichen Beziehungen. Für ihn ist dieser streng islamische Lebensstil der beste Garant, um sich in die Mehrheitsgesellschaft einzufügen: «Braucht ein Mensch, der diese Pflichten befolgt, sich noch weiter zu integrieren? Ein solcher Mensch stört doch niemanden, und niemand wird sich von ihm belästigt fühlen.»

DIE ZENTRALE ROLLE DER IMAME

Wenige Kilometer von der Milli-Görüs-Moschee entfernt, immer noch in Bürglen, liegt etwas versteckt in einem ehemaligen Fabrikgebäude eine weitere türkische Moschee. Sie gehört dem türkisch-islamischen Kulturverein. Die Stimmung ist lockerer als in der Milli-Görüs-Moschee. Im Gemeinschaftsraum trinken Männer Tee und rauchen. Auf dem Grossbildschirm läuft ein Fussballspiel der türkischen Süper Lig. Wie in den meisten Moscheen hängt am Eingang eine grosse Tafel mit Namen und Geldbeträgen, von 10 bis 200 Franken. Die Tafel weist aus, wie viel jedes Mitglied pro Monat bezahlt hat. Im Gebetsraum, einer mit Teppichen ausgelegten Fabrikhalle, trennt ein Faltvorhang die Abteilung für die Frauen ab. So werden sie von den Männern nicht gesehen, hören aber, was der Imam predigt.

Anders als die Milli-Görüs-Moscheen arbeiten die türkisch-islamischen Kulturvereine mit dem staatlichen Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkei zusammen. Die 1924 von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Institution kontrolliert die Imame und deren Ausbildung. Im Ausland sollen die Imame auch dafür sorgen, dass die türkische Diaspora ihre Loyalität zum Heimatland nicht verliert. In kleinere Moscheen werden staatliche Imame für ein Jahr entsandt, in grösseren können sie bis zu fünf Jahre bleiben. Doch auch in der Moschee des Kulturvereins wird geklagt. Die Mitglieder haben einen Imam beantragt. Ohne Erfolg. Zurzeit sei kein Vorbeter abkömmlich, wurde ihnen beschieden.

Imame sind für die gläubigen Muslime zentrale Bezugspersonen. Sie beraten ihre Schutzbefohlenen in allen Lebensbereichen. Sie beantworten religiöse Fragen, sind aber auch erste Anlaufstelle bei Mietstreitigkeiten, Schwierigkeiten mit Ämtern und Behörden und bei Beziehungs- und Erziehungsproblemen.

Auch der junge Tunesier Jamal sucht Rat, nämlich beim Imam der Mahmud-Moschee an der Forchstrasse in Zürich. Sie wird vor allem von arabischsprechenden Muslimen besucht. Jamal hat sich verliebt. Darf er mit dieser Frau eine Beziehung beginnen? «Das muss der Imam entscheiden. Ohne seine Erlaubnis ist es nicht möglich», sagt Jamal.

ODESSTRAFE UND GEWALT

Die Bedeutung des Imams in der muslimischen Gemeinde kann kaum überschätzt werden. Umso erschrockener war der österreichische Soziologe Mouhanad Khorchide, als er die Fragebögen seiner Untersuchung auszuwerten begann. Khorchide ist selber Muslim, predigte in Wien als Imam und galt bei den Oberen der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich als Hoffnungsträger. Er interessierte sich für die Einstellungen von muslimischen Religionslehrern in seinem Land. «Die Ergebnisse sind katastrophal», sagte Khorchide in einem Interview.

Gemäss seiner Untersuchung hält rund ein Fünftel der Befragten Demokratie und Islam für unvereinbar, fast jeder Fünfte (18,2 Prozent) erachtet die Todesstrafe als eine gerechte Sühne für den Abfall vom Islam. Jeder Dritte (32,7 Prozent) lehnt rechtsstaatliche Prinzipien ab, und immerhin noch jeder Elfte (8,5 Prozent) äusserte Verständnis dafür, wenn zur Verbreitung des Islams Gewalt angewandt wird.

«NIE EINE EXTREMISTISCHE PREDIGT GEHÖRT»

Ähnlich unbequem sind die Ergebnisse einer Studie, die das deutsche Bundesinnenministerium vor zwei Jahren publik machte. Befragt wurden insgesamt 1750 Muslime. Über 44 Prozent äusserten die Überzeugung, dass Muslime ins Paradies kommen, wenn sie im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben. Immerhin 14 Prozent der Befragten, von denen knapp 40 Prozent einen deutschen Pass hatten, stünden mit der Rechtsstaatlichkeit auf Kriegsfuss und zeigten eine problematische Distanz zur Demokratie. Die Studie ordnet 40 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime als fundamental orientiert ein.

Für die Imame in der Schweiz legt Hisham Maizar die Hand ins Feuer. «Ich kenne hier jeden Imam. Es gibt keine Fundamentalisten unter ihnen», sagt der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids), zu der mehr als 150 islamische Zentren gehören. Hinweisen auf tendenziöse Äusserungen würde er als Fids-Präsident sofort nachgehen. «Ich wäre der Erste, der sich im Fall des Auftauchens von Hasspredigern oder Fundamentalisten unter den Imamen schützend vor die islamische Gemeinschaft stellen würde.»

Auch der Luzerner Religionsforscher Samuel M. Behloul betont, dass er bei seinen zahlreichen Moscheebesuchen nie eine extremistische Predigt gehört hat. Bloss: Wann ist eine theologische Lehrmeinung extrem: erst wenn sie zum Kampf gegen die Ungläubigen aufruft? Oder schon, wenn sie das Selbstbestimmungsrecht des Menschen bezweifelt, die Gleichwertigkeit von Mann und Frau bestreitet und die Einführung der Scharia als eigentlich wünschenswert bezeichnet?

Die Genfer Buchautorin Mireille Vallette neigt zur zweiten Ansicht. Für ihr Buch «Islamophobie oder legitimes Misstrauen?» analysierte die Frauenrechtlerin, wie sich führende, vor allem Westschweizer Islamvertreter und Imame öffentlich äusserten – zu umstrittenen Fragen wie dem Tragen eines Kopftuchs, dem Austritt aus dem Islam oder der Meinungsfreiheit. «Ich habe keinen Fürsprecher eines modernen Islams gefunden», sagt Vallette. Zum gleichen Befund kommt die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI), Saïda Keller-Messahli: «In orthodoxen Kreisen sind jene, die sich glaubhaft zu Demokratie und Menschenrechten bekennen, eine klare Minderheit.» In den Moscheen wehe noch der Geist des 7. Jahrhunderts.

FÜRBITTEN FÜR KÄMPFENDE BRÜDER

Für den Geist in den Moscheen interessierte sich auch das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Die Bundesbeamten beauftragten vor einiger Zeit Schweizer Religionsforscher mit einer Studie, in der die Einstellungen der hiesigen Imame erforscht werden sollten. Ausserdem sollten das Rekrutierungspotential und mögliche Schweizer Ableger der Muslimbruderschaft untersucht werden, einer der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten. Zu welchem Ergebnis kam die Studie? Das ist bis heute geheim. «Sie wurde gemäss den Bestimmungen für sensible Informationen klassifiziert», erklärt Sebastian Hueber, stellvertretender Chef Kommunikation VBS.

Der Gebetsraum ist zum Bersten voll an diesem Freitagnachmittag im islamischen Zentrum an der Rue de lIndustrie in Freiburg. Es ist das Ende des Ramadans, ein für Muslime besonders wichtiger Tag. «Allahu akbar»: Allah ist am grössten, es gibt nichts Grösseres als Allah. Der Imam intoniert das rituelle, arabische Gebet. Die gute Hundertschaft Gläubige kniet nieder und berührt mit der Stirn den Boden. Nach dem Gebet folgt die Freitagspredigt. «Seid fromm, folgt den Vorschriften Allahs, trinkt keinen Alkohol, bleibt den Frauen fern», beschwört der Vorbeter seine Gemeinde. Dann folgen Fürbitten für «die kämpfenden Brüder in Tschetschenien, in Afghanistan, im Irak und in Palästina», und «möge Allah die Feinde des Islams bestrafen». Der junge Imam übernimmt seine Rolle ehrenamtlich, wie er später im Gespräch mitteilt. Er ist in Libyen aufgewachsen, wohnt seit mehreren Jahren im Kanton Freiburg als Asylbewerber und lebt von der Sozialhilfe.

Ganz anders präsentiert sich die Situation an der Zürcher Rötelstrasse. Hier predigt Emad Abdalla, ein Neuankömmling. Seit gerade mal zwei Monaten ist er in der Schweiz. «Ich dachte, ich würde in eine ruhige Gemeinde kommen, und stelle fest, es ist hier wie ein Vulkan.» Abdalla spielt auf die Minarett-Initiative an. «Aber wir werden nicht explodieren. Der Entscheid des Volkes gilt.» Eben hat er in der Freitagspredigt die rund 300 vorwiegend aus dem Maghreb stammenden Gläubigen zur Solidarität und Einheit aufgerufen. Aufgewachsen ist er in Ägypten, erzählt der Imam, während er barfuss über den grünen Teppich des Gebetsraums zu seinem Büro geht. Er kennt den Islam, hat an der Al-Azhar-Universität in Kairo studiert. Diese gilt in der islamischen Welt als eine der angesehensten Bildungsinstitutionen und ist die zweitälteste noch aktive Universität der Welt. Ein Jahr insgesamt wird Abdalla in Zürich predigen. Er verstehe noch nicht alles von den hiesigen Gegebenheiten, gibt er offen zu. «Ich brauche noch Zeit, um mich zu integrieren.»

Das scheint einer seiner Vorgänger, der Imam Youssef Ibram, in mehr als zehn Jahren nicht geschafft zu haben. Der Marokkaner musste 2004 seinen Posten in Zürich räumen, nachdem er in einem Interview zur Frage der Steinigung gesagt hatte: «Ich kann nicht dagegen sein, diese Strafe ist Teil des islamischen Rechts.»

Ibram sitzt jetzt als Vertreter der Schweiz im European Council for Fatwa and Research (sinngemäss etwa: Europäischer Rat für Fatwas und Forschung). Der Rat betrachtet die Scharia als verpflichtend für alle Muslime und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Fatwas (islamische Rechtsgutachten) für die muslimische Bevölkerung Europas zu erlassen, die mit den lokalen Gegebenheiten vereinbar sind. Fatwa Nr. 6 schreibt den Frauen das Kopftuch vor, Fatwa Nr. 17 verbietet strikt die Heirat einer Muslimin mit einem Nichtmuslim, Fatwa Nr. 38 verbietet den Mädchen das Velofahren, falls das Risiko dabei gross ist, dass das Jungfernhäutchen reisst.

ZWISCHENFALL AUF DEM SCHULHAUSPLATZ

Nach seinem Abgang in Zürich amtete Ibram bis November 2008 als Imam an der Moschee im Genfer Stadtteil Petit-Saconnex. Dieser angegliedert ist auch eine Schule, an der 900 Kinder und Jugendliche in Arabisch, islamischer Bildung und Auslegung des Korans unterrichtet werden. 2007 wurden vier als moderat bekannte Kadermitglieder der Moschee unerwartet entlassen, darunter der langjährige Pressesprecher Hafid Quardiri. Quardiri macht Ibram und die saudische Gesandtschaft in Genf für die Säuberungsaktion verantwortlich. Für diese Leute, sagte er kürzlich, bewege er sich «am Rande des Islams», ja sei «beinahe ein Ungläubiger».

Im Jahr nach den Entlassungen weigerte sich die Moschee entgegen der Tradition, einen Tag der Ökumene durchzuführen. Der Besuch einer Genfer Maturitätsklasse war ebenfalls nicht willkommen.

Im vergangenen April kam es zu einem Zwischenfall mit Schülerinnen einer benachbarten Schule: Nach dem Freitagsgebet nahm eine Gruppe Moscheebesucher eine Abkürzung über den Sportplatz, wo die Mädchen gerade Turnunterricht hatten. Die Männer warfen aufgestellte Markierungen um und beschimpften die Schülerinnen als «Drecksweisse» und als «schamlos», weil sie sich «während der Gebetsstunde» in ihren Turntenüs sportlich betätigten.

Die Frage stellt sich, ob Moscheen die Integration der Muslime in unsere Gesellschaft fördern oder erschweren. «Die Integration findet in erster Linie über den Arbeitsplatz und die Sprache statt», sagt Religionssoziologe Behloul. Man könne nicht von den Einwanderern verlangen, dass sie ihre Heimatkultur verleugnen und sich zu 100 Prozent an die hiesige Gesellschaft anpassten. «Und bedenken Sie», schiebt er nach, «es finden jeden Monat überall in der Schweiz Hunderte von Dialogveranstaltungen statt, über die die Medien nie berichten.»

Doch nicht allen muslimischen Einwanderergruppen gelingt die Integration gleich gut. Das spiegelt sich auch in den Moscheen und Gebetszentren. «Für türkisch oder arabisch geprägte Zentren ist die Kluft zur hiesigen Gesellschaft grösser als für die bosnischen und albanischen», erklärt der Luzerner Islamwissenschaftler Andreas Tunger. Muslime aus Ex-Jugoslawien stammen aus einem europäischen Umfeld. Geprägt durch die Erfahrungen des kommunistischen Staates, sind sie es gewohnt, sich selber zu organisieren. Der überwiegende Teil sieht seine Zukunft in der Schweiz, eine Rückkehr in ihre Herkunftsländer ist kaum eine Option. «Entsprechend gross ist ihre Loyalität zur Schweiz und zu den hiesigen Sitten und Gebräuchen», so Tunger.

Anders sieht es bei den Türken aus. Ihre Moscheen in der Diaspora stehen oft auch für eine politische Haltung gegenüber dem Heimatland. Vor allem geht es um die Einstellung zum säkularen türkischen Staat. In der 3000-Seelen-Gemeinde Bürglen etwa ist es die Moschee des gemässigten türkisch-islamischen Kulturvereins, die mit der konservativ-islamischen Moschee der Milli-Görüs-Bewegung (die nationale Sicht) konkurriert. Letztere wird in Deutschland von mehreren Bundesländern und von Sozialwissenschaftlern als antisemitisch und islamistisch kritisiert. Gegen den deutschen Generalsekretär der Bewegung und weitere Funktionäre ermittelt die Staatsanwaltschaft München seit diesem Frühling wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Dass über die Gotteshäuser Politik im Herkunftsland betrieben wird, schreckt viele in der Schweiz aufgewachsene Muslime ab. Neue islamische Bewegungen werben darum vermehrt ausserhalb der Moscheen um Gläubige (Das Netz der Konservativen).

IMAME NUR NOCH MIT STAATLICHER BEWILLIGUNG

Schweizer Politiker und Behörden haben den starken Einfluss der Imame auf die Gläubigen erkannt. Seit Anfang 2008 müssen darum alle religiösen Betreuungspersonen – dazu gehören auch die Imame – nachweisen, dass sie über eine entsprechende Ausbildung verfügen, eine Schweizer Landessprache sprechen und mit dem gesellschaftlichen und rechtlichen Wertesystem in der Schweiz vertraut sind. Acht Imamen ist seither die entsprechende Bewilligung erteilt worden, drei Gesuche wurden abgelehnt.

Einen Schritt weiter geht der Kanton St. Gallen. Hier müssen religiöse Lehrkräfte aus Nicht-EU- und Nicht-Efta-Staaten eine Integrationsvereinbarung unterzeichnen, wonach sie sich in einer Landessprache sowie in Staatsbürgerkunde weiterzubilden haben. Spätestens im dritten Jahr müssen die Imame ein Nachdiplomstudium an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) besuchen. «Imame, die sich gegen die berufsspezifische Ausbildung sträuben, müssen die Schweiz verlassen», sagt Bruno Zanga, Leiter des St. Galler Ausländeramts.

Mit dem Nachdiplomstudium «Religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext» schlägt die ZHAW einen neuen Weg ein. Die Projektleitung liegt in den Händen von Christiane Hohenstein. Ist sie die richtige Person für diese Aufgabe? Zweifel sind erlaubt. Eine erste Medienanfrage nach der Zahl der eingeschriebenen Studierenden beantwortet Hohenstein, die sich gemäss ihrem Curriculum nie wissenschaftlich mit dem Islam befasst hat, gar nicht. Als der Beobachter nach einer Woche nachhakt, lässt die deutsche Professorin, zuständig für interkulturelle Kompetenz, wissen: «Ich irre mich nicht, wenn ich davon ausgehe, dass ich Ihnen nichts schuldig bin? Ich habe Aufgaben in der Forschung, Lehre, Weiterbildung und Verwaltung, die mir keine Zeit lassen, mich mit jeder journalistischen Anfrage detailliert auseinanderzusetzen.»

DIE AUSBILDUNG FUNKTIONIERT NOCH NICHT

Der eingeschlagene Weg, Imame und islamische Religionslehrpersonen in der Schweiz auszubilden, scheint einem Bedürfnis zumindest eines Teils der muslimischen Bevölkerung zu entsprechen. Im Juli publizierten Forscher der Universität Zürich eine Studie, gemäss der eine Mehrheit der befragten Muslime und islamischen Institutionen dies begrüssten. Sie versprechen sich davon eine integrationsfördernde Wirkung. Repräsentativ ist die Studie nicht: «Sie kann es nicht sein, denn wir befinden uns auf Neuland. Das darin vorhandene Spektrum von Meinungen haben wir nun allerdings erkundet und gewissermassen kartiert», sagt Andreas Tunger vom Forschungsteam.

In der Praxis funktioniert die Ausbildung der Imame noch nicht. In Basel musste ein Projekt für einen Lehrstuhl für «islamische Theologie» an der Universität auf Eis gelegt werden. Potentielle Geldgeber, darunter das Ministerium für islamische Wohlfahrt in Kuwait, beanspruchten ein Mitbestimmungsrecht bei der Wahl der Lehrpersonen, die Uni erachtete aber nur eine beratende Rolle als mit ihrer Unabhängigkeit vereinbar. An der Universität Freiburg sollte im September in französischer Sprache ein Nachdiplomstudium «Islam, Muslime und Zivilgesellschaft» starten. Das Bildungsangebot interessierte nur gerade drei Imame. Der auf 23 Tage angelegte Kurs musste auf sechs Tage reduziert werden. Den ZHAW-Kurs in Winterthur besuchen acht Personen, wobei nicht alle einen islamischen Hintergrund haben.

PREDIGEN NUR IN DER LANDESSPRACHE

Ungenügend ausgebildete Imame und Moscheen, aus denen politisiert wird: Für den Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze wäre das vermeidbar. Neben der Ausbildung von Imamen an Schweizer Hochschulen verlangt er «offene Moscheen» von den Betreibern der Gotteshäuser. «Predigten sollten vorrangig in einer unserer Landessprachen, allenfalls in Englisch, abgehalten werden. Und jeder Bürger – auch Nichtmuslime – sollte Gottesdienste besuchen können», fordert Schulze. So werde wirksam verhindert, dass problematische Prediger Moscheen als Plattform benutzten. «Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn Moscheen als öffentlich-rechtliche Institutionen, zum Beispiel als Stiftungen, betrieben werden», so Schulze. Dadurch würden sie einer minimalen staatlichen Aufsicht unterstellt.

Im luzernischen Emmenbrücke steht die Moschee des Vereins der Islamischen Gemeinschaft Luzern. Es ist nach Genf die zweitgrösste im Land. Weitgehend in Fronarbeit haben die örtlichen bosnischen Muslime das Innere des ehemaligen Kinos an der Emmenweidstrasse in ein repräsentatives islamisches Gotteshaus umgebaut. Der Gebetsraum mit dem roten Teppich und den feingemusterten, prächtig blauen Fayencen an der Wand belegt nur rund einen Fünftel der Gebäudefläche. Der Rest des Zentrums beherbergt einen Saal für Veranstaltungen, einen Jugendraum, Büros, eine Bibliothek mit Computerstationen und ein Restaurant. Dieses steht allen offen. Eine Moschee nicht genau nach Schulzes Konzept, aber sicher in seinem Sinn.

«Kommen Sie zum Mittagessen», sagt am Telefon ohne Umschweife Vehbija Efendic, der Vereinspräsident. Es gibt Kartoffelgratin, Ratatouille und Pouletschenkel an einer Béchamelsauce. Eine bosnische Spezialität? Efendic lacht. «Der Koch hat 18 Jahre für die Kantine im Coop gearbeitet.» Efendic selber lebt seit über 30 Jahren in der Schweiz.

«UNSERE SOLIDARITÄT GEHÖRT DER SCHWEIZ»

Das lockere Tischgespräch dreht sich um die Minarett-Initiative, um die Situation der Muslime in der Schweiz, die Lage in Bosnien. Die Unterhaltung überrascht. Erwartet man solche Worte von einem Imam? «Die Situation in Bosnien braucht uns nicht zu kümmern. Wir müssen unser Leben hier gestalten. Unsere Solidarität gehört der Schweiz. Das steht so im Koran.» Und: «Der Muslim muss seine Nachbarn besser respektieren als seine Brüder.» Auch das stehe so im Koran. Efendic redet mit natürlicher Überzeugungskraft, anschaulich, in plastischen Vergleichen. Braucht die Moschee ein Minarett? «Das Minarett ist wie der Stern bei einem Mercedes: Der Wagen fährt auch ohne sehr gut.» Da wird Efendic sogar heftig. Eine halbe Million Franken für ein Minarett zu sammeln sei kein Problem, empört er sich, aber die 120’000 Franken für die Bibliothek habe er förmlich zusammenkratzen müssen. «Nicht die Symbole sind wichtig, sondern der Inhalt.»

Und in der Vertrautheit, die solche Sätze hat entstehen lassen, klingen diese folgenden dann umso verstörender: die Scharia? Wenn ein Dieb wisse, dass ihm die Hand abgehackt werde, überlege er sich zweimal, ob er stehlen wolle. Und ja, die Frau müsse ein Kopftuch tragen. Und ja, eine Muslimin dürfe keinen Christen heiraten. Efendic: «So will es die islamische Tradition.»

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Das Netz der Konservativen

© Beobachter; 30.10.2009


Unter dem Stichwort «Dialog» verbreitet sie einen konservativen Islam: Die Gülen-Bewegung ist in der Schweiz angekommen.

Peter Johannes Meier und Gian Signorell

Dialog heisst ihr Schlüsselwort, ihr Schweizer Zentrum ist das Dialog-Institut in Zürich. Hier empfängt eine Gruppe von Muslimen Politiker, Medienschaffende, Wissenschaftler und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. Für Vorträge und zum sogenannten interreligiösen Gedankenaustausch. Verbindendes betonen statt Trennendes suchen: der goldene Weg in die Multireligionsgesellschaft? Die Medien berichten wohlwollend über das Institut. Einzelne Referenten verlassen es gar euphorisiert: So ermunterte die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer nach einem Vortrag ihre Polizisten, für einmal Ramadan zu feiern. Der Aufruf soll mässig befolgt worden sein. Für den 5. November ist der Zürcher Justizdirektor Markus Notter angekündigt.

Recherchen des Beobachters zeigen, dass hinter dem Institut und weiteren Einrichtungen eine umstrittene islamische Bewegung steht: das Netzwerk von Fethullah Gülen, das sich von der Türkei aus über die ganze Welt spannt. Der charismatische Prediger, der in den USA lebt, will Muslime mit Hilfe des türkischen Mittelstands in die Gegenwart führen. Gülen predigt einen konservativen Islam, der sich unabhängig vom Staat in der Gesellschaft durchsetzen soll. Er ruft Muslime dazu auf, sich in westlichen Gesellschaften nicht abzuschotten, sondern sich darin erfolgreich zu bewegen. Daran arbeitet die Gülen-Bewegung mit geschätzten fünf Millionen Anhängern in einem losen, weltweiten Verbund von Stiftungen, Schulen, Zeitungen und TV-Stationen.

«Wir wollen keine frustrierten Muslime»

«Durch eine gute Ausbildung können sich junge Muslime besser in unsere Gesellschaft integrieren», sagt der 34-jährige Cebrail Terlemez, Geschäftsleiter des Dialog-Instituts. Die Elterngeneration, meist unqualifizierte Arbeiter, sei oft nicht in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen. «Hier springen unsere Bildungsinstitutionen ein. Wir wollen keine frustrierten Muslime, die sich in einer Parallelgesellschaft bewegen», so Terlemez. Das Schweizer Gülen-Netzwerk umfasst neben dem Dialog-Institut Ausbildungszentren für Schüler und Studenten, die von der Stiftung Sera betrieben werden. In Zürich hat sie im August eine erste Sekundarschule eröffnet. Terlemez betont, dass die in der Schweiz üblichen Schulfächer unterrichtet würden. «Das sind keine religiösen Schulen. Religion gibt es dort gar nicht als Schulfach.» Die Institutionen werden laut Terlemez massgeblich von türkischen Unternehmern in der Schweiz finanziert.

Für die Berliner Gülen-Expertin Claudia Dantschke steht ausser Frage, dass solche Schulen dazu genutzt werden, neue Anhänger zu gewinnen. «Das läuft auf einer informellen Ebene ab. Schüler und Studenten werden zum Beispiel motiviert, in eine muslimische Wohngemeinschaft zu ziehen. Dort werden sie dann angehalten, streng islamisch zu leben.» Bekim Agai von der Universität Halle, der über die Gülen-Bewegung eine Dissertation geschrieben hat, unterstreicht die Bedeutung dieses informellen Bereichs, um Führungsleute zu rekrutieren.

Gülen selber wird bei den Projekten kaum je als geistiger Vater erwähnt. Islamwissenschaftler kritisieren denn auch die undurchsichtige Struktur und Finanzierung der Bewegung. «Vor allem Jugendliche, die über Moscheenbesuche nicht mehr zum Islam finden, werden über Bildungsveranstaltungen angesprochen. Was an Kursen und vor allem darüber hinaus gelehrt wird, ist undurchsichtig», sagt der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Sein Kollege Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule Berlin unterstellt Gülen gar eine «islamistische Auffassung», die unter «pseudomodernistischem Lack» getarnt werde. In Deutschland ist die Bewegung in nahezu jeder Stadt aktiv.

Dialog-Geschäftsleiter Terlemez bestätigt, dass sich Gülen-Anhänger nicht als Reform-Muslime verstehen. «Wir wollen vielmehr zeigen, dass man auch als traditioneller Muslim in der Schweiz integriert und beruflich erfolgreich leben kann.»

Erst der Koran, dann die Wissenschaft

Eine Mitstreiterin am Dialog-Institut ist Ümran Bektas. Die Psychologiestudentin mit türkischen Eltern ist in der Schweiz aufgewachsen. «Ein Jahr vor der Matur entschied ich mich, auch äusserlich nach meiner Religion zu leben.» Seither trägt die inzwischen verheiratete Frau ein Kopftuch. «Es gab schon seltsame Reaktionen. Eine Freundin meinte, ich könne ihr doch sagen, dass ich dazu gezwungen werde. Es war aber mein freier Entscheid.» Gülen verlangt von den Frauen nicht, ein Kopftuch zu tragen. Dennoch tun es die meisten Anhängerinnen.

Institutsleiter Terlemez ist im Thurgau aufgewachsen und besuchte die Milli-Görüs-Moschee in Bürglen. Als Student lebte er in einer WG mit türkischen Männern. «Zuvor sammelte ich Erfahrungen in einer gemischten WG. Obwohl ich die Mitbewohner mochte, waren Konflikte programmiert. Das geht vom Ausziehen der Schuhe – wir Muslime beten auf dem Teppich – übers Essen bis zum freizügigen Herumlaufen von Mitbewohnerinnen.»

Gülen-Anhänger betonen stets ihr Interesse für wissenschaftliche Erkenntnis. Dies mit einem konservativ-islamischen Glauben zu vereinbaren scheint für sie kein Problem: Die Evolution erklären sie – ähnlich wie evangelikale Bewegungen – mit einer kreationistischen Theorie. Gülen selber schreibt: «Koran und Hadith [die Überlieferungen Mohammeds] sind wahr und absolut. Wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft.»

Update: Privatschulen für Muslime

Anhänger des konservativen Muslim-Predigers Fethullah Gülen fördern Migrantenkinder über ein intransparentes Netz von Privatschulen.

in Backsteingebäude an der Theaterstrasse in Winterthur. Kein Hinweisschild – erst wer die Treppe in die erste Etage hochsteigt, findet an der Eingangstür das Firmenlogo: «Ekol Bildungszentrum». Es ist Mittwochnachmittag, in den Zimmern büffeln Schüler Mathematik und Deutsch, fast ausschliesslich Migrantenkinder.

«Unser Nachhilfeunterricht ist konfessionell strikt neutral. Religion spielt im Unterricht keine Rolle», sagt Schulleiter Abdullah Yildiz. Wirklich? Getragen wird das Institut vom muslimischen Kulturverein Prisma. Die Mitglieder wollen das in den Medien «verzerrte Bild des Islams» korrigieren.

Türkische Muslime betreiben mindestens ein halbes Dutzend Privatschulen in der Deutschschweiz, wie Recherchen des Beobachters zeigen (siehe Grafik). Sie sind Teil eines informellen Netzwerks, das der Bewegung des umstrittenen türkischen Predigers Fethullah Gülen nahesteht.

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