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„Ein Eigenheim macht kaum noch Sinn“

© Beobachter 2010

Mit utopischen Romanen und Sachbüchern hat P.M. Schweizer Wohngenossenschaften inspiriert. Jetzt arbeitet er am Neustart für die Schweiz.

Mit P.M. sprach Peter Johannes Meier (ausführliche Version)

P.M. Bild: Oliver Lang

Der 1946 geborene P. M. (häufigste Initialen im Telefonbuch) arbeitet am Neustart für die Schweiz. Der Philologe hat mit utopischen Romanen und Sachbüchern, darunter die ökosoziale Utopie «bolo’bolo», in den Achtzigern erst Hausbesetzer, dann genossenschaftliche Hausbesitzer inspiriert. Das bolo ist die Grundeinheit, in der 500 bis 700 Leute in überschaubaren Gemein schaften leben, vernetzt mit anderen bolos. 1995 war P. M. Mitgründer der Zürcher Genossenschaft Kraftwerk1. Weitere Kraftwerke mit mehreren hundert Bewohnern sind in Planung.

Beobachter: In der Stadt zu wohnen wird für viele unerschwinglich. Manche ziehen in die Agglo, und wer Geld hat, kauft sich etwas auf dem Land. Was ist der Traum von den eigenen vier Wänden wert?
P. M.: Wenig. Ich rate davon ab. Ein eigenes Haus ist kaum noch sinnvoll, weil wir immer mobiler werden. Plötzlich steht das Haus dann am falschen Ort, weil wir zum Beispiel woanders arbeiten. Viele Leute kaufen bloss Eigentum, weil sie ihr Geld sicher parkieren wollen. Nach der Erfahrung mit der jüngsten Bankenkrise ist das ja verständlich – rein ökonomisch. Sozial und ökologisch ist es dagegen Unsinn. Wohneigentümer schla fen oft nur 50 Zentimeter entfernt von anderen Eigentümern, mit denen sie eigentlich nie etwas zu tun haben wollen. Oder sie landen auf einer Einfamilienhaushalde und generieren jeden Tag Pend­lerverkehr, weil sie woanders arbeiten und die Freizeit verbringen.

Beobachter: Es können ja nicht alle in der Stadt wohnen…
P. M.: Das Land ist grundsätzlich gut für Landwirtschaft und etwas Tourismus. Aber ausser den Bauern schlafen die meisten Leute dort bloss. Die Schweiz hat sich eine 2000-Watt-Gesellschaft zum Ziel gesetzt. Hausbesitzer auf dem Land werden das nie erreichen. Die Genossenschaft, in der ich lebe – das Zürcher Kraftwerk1 –, ist zumindest schon auf dem Weg dorthin. Die Städte könnten so verdichtet werden, dass es Platz für alle hat.

Beobachter: Was ist zu tun?
P. M.: Gewisse Einfamilienhaushalden müssen früher oder später aufgegeben werden. Da gegen haben Städte ab 15000 Einwohnern eine Chance, reanimiert zu werden. Auch die zu Unrecht geschmähten Blocksiedlungen in den Agglos haben gros ses Potential. Sie können verdichtet und mit Dienstleistungszentren versehen wer den. Das ist auch der Ausweg für viele Klein städte und Dörfer, in denen das Leben von der S-Bahn und den immer gleichen Shoppingcentern getötet worden ist.

Beobachter: Was raten Sie den Eigenheimbesitzern?
P. M.: Verkaufen, solange man noch einen guten Preis dafür erhält. Das Geld würde ich dann in einer Genossenschaft sicher investieren. Damit können innovative Siedlungen in den Agglomerationen und Städten gebaut werden, die den neuen Lebensanforderungen gerecht werden.

Beobachter: Und wie überzeugen Sie die Hauseigentümer?
P. M.: Die meisten merken es selber. Viele glauben noch an eine Art Immobilien-Monogamie. Sie meinen, man könne ein Leben lang mit dem Partner oder der Familie an einem Ort leben und wirtschaften. Sie be rechnen nächtelang, wie gross das Haus oder die Wohnung mit dem gemein samen Einkommen sein darf. Dabei werden sie von der Realität überrumpelt. Paare trennen sich, die Kinder ziehen aus, plötz­lich hat man einen tollen Job im Ausland. Das Wohneigentum wird zum Klumpfuss.

Beobachter: Mieter haben diese Flexibilität.
P. M.: Ja, aber man bezahlt oft einen viel zu hohen Preis. Es werden zu viele Luxuswohnungen gebaut. Ich frage mich: für wen? Da bei kann man noch heute in Zürich 100 Quadratmeter grosse Wohnun gen für weni ger als 2000 Franken pro Monat bauen. Als Mieter hat man allerdings keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Bewohnerschaft. Viel interessanter sind darum Siedlungen oder selbstkonzipierte Nachbarschaften, die einerseits auf die Rendite maximierung verzichten und anderseits eine Auswahl von Wohnun gen anbieten, in ner halb derer die Bewohner wechseln können. Genossenschaften, die über Liegenschaften in verschiedenen Quartieren und Orten verfügen, machen das möglich.

Beobachter: Unser auf Flexibilität ausgerichtetes Leben ­widerspricht doch der Genossenschaftsidee. Die baut ja darauf, dass sich Mitglieder über längere Zeit mit einem Projekt identifizieren.
P. M.: Mit dem Projekt schon, aber nicht un bedingt mit den eigenen vier Wänden. Viel wich tiger als das Eigentum sind heute doch verbindliche soziale Beziehungen. Das gibt uns Orientierung und Unterstützung in Kri sensituationen. In Genossenschaften können solche Netzwerke aufgebaut werden. Meine Genossenschaft ist Mitglied einer Gemüsekooperative, die biologische Produkte liefert. Diese bieten wir in einem eigenen Laden den Bewohnern an. Es entsteht dadurch ein direkter Bezug zur Produktion unserer Lebensmittel. Wir sind übrigens günstiger als die Grossverteiler.

Beobachter: Das tönt nach Ämtliwirtschaft. Jeder muss in seiner Freizeit noch etwas beitragen, auf das er eigentlich keine Lust hat. Gemüse einkaufen, putzen.
P.M.: Putzen funktionierte tatsächlich nicht. Die Ansprüche waren zu unterschiedlich, darum haben wir dafür bezahlte Arbeitsplätze geschaffen. Aber in den meisten Genossenschaften kann man ja auch ohne Ämtli günstig wohnen. Wir wollten dagegen schon immer einen Schritt weiter gehen. Es geht uns darum, Lebens- und Wirtschaftszusammenhänge selber zu gestalten. Ja, wir setzten auf freiwillige Mitarbeit, haben dadurch aber auch eine eigene Bar, einen Laden, eine Gemeinschaftsküche auf dem Dach und ein Gästezimmer. Und wir nehmen eine soziale Verantwortung wahr, die sonst der Staat allein tragen müsste. Ein Teil unserer Wohnungen ist für Leute reserviert, die sonst Mühe hätten, die Miete zu bezahlen.

Beobachter: Wer ist für eine solche Genossenschaft ungeeignet?
P.M.: Niemand. Auch Einzelgänger nicht. Wir brauchen sogar einige, die möglichst wenig mit dem Projekt zu tun haben wollen. Leute, die immer kommunizieren wollen, gehen einem ja auf die Nerven. Auf 500 Leute verträgt es ohne weiteres 50 Einzelgänger.

Beobachter: Was braucht es, damit eine neue Siedlung funktioniert?
P.M.:Man sollte nichts machen, an dem weniger als 500 Leute beteiligt sind. Siedlungen sollten immer mindestens 200 Wohnungen haben, damit die erwähnte Flexibilität entsteht und man sich nicht gegenseitig auf den Wecker geht. Kleinere Gemeinschaften sind immer etwas empfindlich oder werden gar sektiererisch. Bis 150 Menschen können untereinander informell kommunizieren, was zu klebrigen und gefährlichen Entscheidungsprozessen führen kann. Es werden informelle Allianzen geschmiedet, um andere zu überrumpeln. Diese kritische Grösse muss darum überwunden, Entscheidungsfindungen müssen formalisiert werden. Wenn jemand eine gute Idee hat, muss er sie halt an einer Versammlung vorbringen. Formalisierte Abläufe sind wichtig, um das Individuum zu entlasten. Das schützt vor Filz und erlaubt Kontroversen, ohne dass man einen Andersdenkenden deswegen nicht mehr mögen darf. Wenn ich zum Beispiel etwas gegen den Lärm auf dem Kinderspielplatz habe, muss ich nicht im Alltag den Buhmann spielen. Ich kann mein Anliegen an einer Versammlung vorbringen. Informelle Kommunikation ist zwar etwas wichtiges, es sollten aber keine gewichtigen Entscheide auf diesem Weg gefällt werden.

Beobachter: In Ihrem Buch «Neustart Schweiz» gehen Sie einen Schritt weiter. Sie postulieren neue Formen des Wirtschaftens. So sollen die Bürger etwa entscheiden, was in ihrem Quartier an geboten wird. Das tönt nach Planwirtschaft.
P. M.: Planung gibt es immer, die Frage ist nur für wen. Es geht nicht bloss um Quartiere, sondern um unser ganzes Wirtschafts system. Wir taumeln von Crash zu Crash – bei uns merken wir noch nicht viel davon, aber für 80 Prozent der Weltbevölkerung ist das eine Dauerkatastrophe. Warum bauen wir nicht die bestehenden öffentlichen Diens te so aus, dass die Grundbedürfnisse für alle gesichert sind? Zudem sollten wir uns wirtschaftlich absichern, indem wir eine Direktbelieferung zwischen Bauernbetrieben und Nachbarschaften einrichten. Das ist für alle ideal: Die Bauern haben sicher Abnehmer, die Konsumenten bekommen günstigere Produkte von Produzenten, die sie kennen. Wir brauchen einen Umbau der verschwenderischen und unsicheren Marktwirtschaft zu einem demokratisch regulierten Haushalt, lokal und global.

Beobachter: Welche Rolle soll der Staat dabei spielen?
P. M.: Eine wichtige, er hat es nur noch nicht gemerkt. Der Staat muss eine Coaching-Rolle wahrnehmen. Es braucht jetzt so etwas wie einen neuen Landigeist, einen Aufbruch zu neuen Ufern. In der Organisation «Neustart Schweiz» arbeiten wir daran.

Beobachter: Der Leidensdruck dafür ist doch viel zu gering.
P. M.: Nicht das Leiden, sondern die Wahrnehmungsfähigkeit für das Leiden ist zu gering. Wir sind so eingespurt in unserem Alltag, dass wir nicht mehr merken, wie schlecht es uns eigentlich geht. Ein Viertel der Schweizer soll ja an Depressionen leiden. Wir können uns leider gar nicht mehr vorstellen, wie gut es uns gehen könnte.

www.neustartschweiz.ch

www.kraftwerk1.ch


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