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Frauen wollen einen neuen Islam

© Beobachter 2010


Echte Reformen fordern im Islam vor allem Frauen. Den Dialog mit Schweizer Behörden und Politikern prägen aber konservative muslimische Organisationen.

Peter Johannes Meier und Gian Signorell

Vom Minarettverbot völlig überrascht, waren sich Politiker und Religionsvertreter sofort einig: Jetzt müsse «der Dialog» intensiviert werden. So wird in zwei Wochen an der Universität Zürich zum interreligiösen Dialog aufgerufen. Initiant der Veranstaltung ist das Zürcher Dialog-Institut, eine Organisation türkischer Muslime, die sich dem Gedankengut des umstrittenen Predigers Fethullah Gülen verpflichtet fühlt. Das «Abrahamitische Symposium» steht unter dem Motto: «Ist Religion Privatsache?»

Fethullah Gülen ermuntert aus seinem Exil in den USA dazu, konservative islamische Glaubensinhalte und Lebensführung mit westlichen Demokratien in Einklang zu bringen. Kritiker warnen vor einer pseudomodernistischen Bewegung; in Tat und Wahrheit würden sich Gülens Anhänger jeder echten Reform verweigern. «Was an der Zürcher Tagung harmlos als ‹interreligiöser Dialog› daherkommt, verfolgt die Absicht, von namhaften Persönlichkeiten die Bestätigung zu erhalten, dass Religion nicht Privatsache sein darf. Die Trennung zwischen Staat und Religion ist den konservativen Muslimen nämlich ein Dorn im Auge», warnt Saïda Keller-Messahli, die Präsidentin des Schweizer Forums für einen fortschrittlichen Islam. Die Bestätigung diene militanten Islamanhängern dann als Argument, um gegen eine säkulare, weltliche Ordnung mobilzumachen.

Saïda Keller-Messahli, Zürich

«DAS SIND NUR 15 PROZENT»

Als Mitorganisator für die Tagung im Februar konnte das Dialog-Institut die Theologische Fakultät der Uni Zürich gewinnen. Bereits zum zweiten Mal innert weniger Monate wird dann der Zürcher Regierungsrat Markus Notter an einer Veranstaltung dieses Instituts teilnehmen. «Ich führe auch mit eher konservativ gesinnten Religionsvertretern den Dialog», meint Notter dazu. «Von reformorientierten Muslimen bin ich bis jetzt nicht eingeladen worden. Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe, bestimmte religiöse Ausrichtungen zu bevorzugen oder zu bekämpfen. Der Staat soll sich in Glaubensfragen nicht einmischen.»

Auf Dialog setzt auch Eveline Widmer-Schlumpf. Drei Wochen nach der Minarettabstimmung traf sich die Justizministerin mit Vertretern islamischer Organisationen. Eingeladen: die Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz, die Koordination islamischer Organisationen Schweiz und die undurchsichtige Fondation de l’Entre-Connaissance, deren Sekretär Hafid Ouardiri die Berner Demonstration nach der Minarettabstimmung organisiert hatte. Fazit des Treffens: Der Bund sei für die Wahrung des Religionsfriedens und das ungestörte Zusammenleben zwischen den verschiedenen Kulturen im Land verantwortlich. Er wolle deshalb «den Dialog mit den Muslimen fortführen».

Necla Kelek, Hamburg

«Dialog» ist das Zauberwort – in der Realität versagt es. Denn Behörden und Politiker führen den Dialog mit Vertretern konservativer Organisationen, reformbereite Muslime bleiben aussen vor. Für Keller-Messahli ist deshalb klar: «Die Politiker und Behörden sollten ihre Fixierung auf die islamischen Organisationen endlich aufgeben. Sie repräsentieren nur 15 Prozent der muslimischen Bevölkerung.» Noch deutlicher formuliert es Necla Kelek, deutsche Soziologin türkischer Abstammung: «Dass die islamischen Organisationen als Vertretung der Muslime schlechthin angesehen werden, ist eine Katastrophe.» Zumindest auf Bundesebene scheint sich jetzt ein Umdenken abzuzeichnen. «Wir werden künftig den Kreis der Gesprächsteilnehmer erweitern», sagt der Sprecher des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, Guido Balmer. Wer konkret eingeladen werde, sei aber noch nicht bekannt.

ISLAMKRITIKERIN UNTER POLIZEISCHUTZ

Die unverblümte und klare Sprache von Keller-Messahli und Kelek ist typisch für eine kleine Gruppe mutiger muslimischer Frauen in Europa (siehe die folgenden zwei Seiten). Sie gehen in ihrer Kritik am Islam viel weiter als die meisten ihrer männlichen Kollegen. «Die Frauen sind die ersten Opfer des Islams. Sie haben unter dieser Religion viel mehr zu leiden als die Männer», sagt Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime. Die gebürtige Iranerin, die heute in Köln lebt, steht wegen ihrer exponierten Stellung im Zentralrat unter Polizeischutz: «Wer heute etwas Kritisches zu Mohammed oder zum Koran sagt, erhält sofort Morddrohungen.»

Mina Ahadi, Köln

«WIR MÜSSEN AUFHÖREN, HÖFLICH ZU SEIN»

Reformorientierten Muslimen fehlt jedoch eine Organisation, die auch von Behörden und Politikern als Gesprächspartner anerkannt wird. Das Manko ist erkannt: «Es gibt einen grossen Bedarf, dass sich die säkularen, liberalen Muslime besser organisieren. Aber ein stärkeres Engagement gelingt erst, wenn die schweigende Mehrheit die Notwendigkeit begreift, dass die Interpretation des Islams und die damit zusammenhängenden Fragen wie das Kopftuch für Kinder oder die Dispensation vom Schwimmunterricht nicht einer kleinen Minderheit überlassen werden dürfen», sagt die Berner Politikwissenschaftlerin Elham Manea, gebürtige Ägypterin.

Elham Manea, Bern

Manea und auch Keller-Messahli wünschen sich statt des Austauschs von unverbindlichen Freundlichkeiten, wie er bisher meist stattgefunden hat, einen wirklichen Dialog zwischen den orthodoxen islamischen Kreisen und der liberalen Mehrheitsgesellschaft, zu der eben auch viele Muslime gehörten. «Wir müssen aufhören, höflich zu sein und Probleme zu verharmlosen. Wir müssen heikle Dinge wie Zwangsehen, die Verhüllung der Frau, die Vorgänge in den Moscheen und die patriarchalen Gewohnheiten auf den Tisch bringen und hart diskutieren», sagt Keller-Messahli.

Ein solcher Dialog dürfte die konservativen Muslime aber überfordern. So wollte die «Basler Zeitung» nach der Minarett-Initiative die progressive Keller-Messahli mit der konservativen Aynur Akalin, Vertreterin der islamischen Organisationen im Rat der Religionen, einem überkonfessionellen Diskussionsforum, an einen Tisch bringen. Akalin verweigerte das Gespräch. Es gehöre nicht zu ihren Prinzipien, eine öffentliche Diskussion mit Angehörigen des islamischen Glaubens einzugehen. Seltsam – Aynur Akalin sitzt im Vorstand des Zürcher Dialog-Instituts.

Wie muslimische Frauen den Islam reformieren wollen

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Das Netz der Konservativen

© Beobachter; 30.10.2009


Unter dem Stichwort «Dialog» verbreitet sie einen konservativen Islam: Die Gülen-Bewegung ist in der Schweiz angekommen.

Peter Johannes Meier und Gian Signorell

Dialog heisst ihr Schlüsselwort, ihr Schweizer Zentrum ist das Dialog-Institut in Zürich. Hier empfängt eine Gruppe von Muslimen Politiker, Medienschaffende, Wissenschaftler und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. Für Vorträge und zum sogenannten interreligiösen Gedankenaustausch. Verbindendes betonen statt Trennendes suchen: der goldene Weg in die Multireligionsgesellschaft? Die Medien berichten wohlwollend über das Institut. Einzelne Referenten verlassen es gar euphorisiert: So ermunterte die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer nach einem Vortrag ihre Polizisten, für einmal Ramadan zu feiern. Der Aufruf soll mässig befolgt worden sein. Für den 5. November ist der Zürcher Justizdirektor Markus Notter angekündigt.

Recherchen des Beobachters zeigen, dass hinter dem Institut und weiteren Einrichtungen eine umstrittene islamische Bewegung steht: das Netzwerk von Fethullah Gülen, das sich von der Türkei aus über die ganze Welt spannt. Der charismatische Prediger, der in den USA lebt, will Muslime mit Hilfe des türkischen Mittelstands in die Gegenwart führen. Gülen predigt einen konservativen Islam, der sich unabhängig vom Staat in der Gesellschaft durchsetzen soll. Er ruft Muslime dazu auf, sich in westlichen Gesellschaften nicht abzuschotten, sondern sich darin erfolgreich zu bewegen. Daran arbeitet die Gülen-Bewegung mit geschätzten fünf Millionen Anhängern in einem losen, weltweiten Verbund von Stiftungen, Schulen, Zeitungen und TV-Stationen.

«Wir wollen keine frustrierten Muslime»

«Durch eine gute Ausbildung können sich junge Muslime besser in unsere Gesellschaft integrieren», sagt der 34-jährige Cebrail Terlemez, Geschäftsleiter des Dialog-Instituts. Die Elterngeneration, meist unqualifizierte Arbeiter, sei oft nicht in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen. «Hier springen unsere Bildungsinstitutionen ein. Wir wollen keine frustrierten Muslime, die sich in einer Parallelgesellschaft bewegen», so Terlemez. Das Schweizer Gülen-Netzwerk umfasst neben dem Dialog-Institut Ausbildungszentren für Schüler und Studenten, die von der Stiftung Sera betrieben werden. In Zürich hat sie im August eine erste Sekundarschule eröffnet. Terlemez betont, dass die in der Schweiz üblichen Schulfächer unterrichtet würden. «Das sind keine religiösen Schulen. Religion gibt es dort gar nicht als Schulfach.» Die Institutionen werden laut Terlemez massgeblich von türkischen Unternehmern in der Schweiz finanziert.

Für die Berliner Gülen-Expertin Claudia Dantschke steht ausser Frage, dass solche Schulen dazu genutzt werden, neue Anhänger zu gewinnen. «Das läuft auf einer informellen Ebene ab. Schüler und Studenten werden zum Beispiel motiviert, in eine muslimische Wohngemeinschaft zu ziehen. Dort werden sie dann angehalten, streng islamisch zu leben.» Bekim Agai von der Universität Halle, der über die Gülen-Bewegung eine Dissertation geschrieben hat, unterstreicht die Bedeutung dieses informellen Bereichs, um Führungsleute zu rekrutieren.

Gülen selber wird bei den Projekten kaum je als geistiger Vater erwähnt. Islamwissenschaftler kritisieren denn auch die undurchsichtige Struktur und Finanzierung der Bewegung. «Vor allem Jugendliche, die über Moscheenbesuche nicht mehr zum Islam finden, werden über Bildungsveranstaltungen angesprochen. Was an Kursen und vor allem darüber hinaus gelehrt wird, ist undurchsichtig», sagt der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Sein Kollege Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule Berlin unterstellt Gülen gar eine «islamistische Auffassung», die unter «pseudomodernistischem Lack» getarnt werde. In Deutschland ist die Bewegung in nahezu jeder Stadt aktiv.

Dialog-Geschäftsleiter Terlemez bestätigt, dass sich Gülen-Anhänger nicht als Reform-Muslime verstehen. «Wir wollen vielmehr zeigen, dass man auch als traditioneller Muslim in der Schweiz integriert und beruflich erfolgreich leben kann.»

Erst der Koran, dann die Wissenschaft

Eine Mitstreiterin am Dialog-Institut ist Ümran Bektas. Die Psychologiestudentin mit türkischen Eltern ist in der Schweiz aufgewachsen. «Ein Jahr vor der Matur entschied ich mich, auch äusserlich nach meiner Religion zu leben.» Seither trägt die inzwischen verheiratete Frau ein Kopftuch. «Es gab schon seltsame Reaktionen. Eine Freundin meinte, ich könne ihr doch sagen, dass ich dazu gezwungen werde. Es war aber mein freier Entscheid.» Gülen verlangt von den Frauen nicht, ein Kopftuch zu tragen. Dennoch tun es die meisten Anhängerinnen.

Institutsleiter Terlemez ist im Thurgau aufgewachsen und besuchte die Milli-Görüs-Moschee in Bürglen. Als Student lebte er in einer WG mit türkischen Männern. «Zuvor sammelte ich Erfahrungen in einer gemischten WG. Obwohl ich die Mitbewohner mochte, waren Konflikte programmiert. Das geht vom Ausziehen der Schuhe – wir Muslime beten auf dem Teppich – übers Essen bis zum freizügigen Herumlaufen von Mitbewohnerinnen.»

Gülen-Anhänger betonen stets ihr Interesse für wissenschaftliche Erkenntnis. Dies mit einem konservativ-islamischen Glauben zu vereinbaren scheint für sie kein Problem: Die Evolution erklären sie – ähnlich wie evangelikale Bewegungen – mit einer kreationistischen Theorie. Gülen selber schreibt: «Koran und Hadith [die Überlieferungen Mohammeds] sind wahr und absolut. Wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft.»

Update: Privatschulen für Muslime

Anhänger des konservativen Muslim-Predigers Fethullah Gülen fördern Migrantenkinder über ein intransparentes Netz von Privatschulen.

in Backsteingebäude an der Theaterstrasse in Winterthur. Kein Hinweisschild – erst wer die Treppe in die erste Etage hochsteigt, findet an der Eingangstür das Firmenlogo: «Ekol Bildungszentrum». Es ist Mittwochnachmittag, in den Zimmern büffeln Schüler Mathematik und Deutsch, fast ausschliesslich Migrantenkinder.

«Unser Nachhilfeunterricht ist konfessionell strikt neutral. Religion spielt im Unterricht keine Rolle», sagt Schulleiter Abdullah Yildiz. Wirklich? Getragen wird das Institut vom muslimischen Kulturverein Prisma. Die Mitglieder wollen das in den Medien «verzerrte Bild des Islams» korrigieren.

Türkische Muslime betreiben mindestens ein halbes Dutzend Privatschulen in der Deutschschweiz, wie Recherchen des Beobachters zeigen (siehe Grafik). Sie sind Teil eines informellen Netzwerks, das der Bewegung des umstrittenen türkischen Predigers Fethullah Gülen nahesteht.

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