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Ringier will per Handy Kasse machen

Der Medienkonzern Ringier und das Kreditinstitut GE Money Bank wollen die Schweizer Einkaufswelt aufmischen. Kunden sollen auf Schritt und Tritt mit Werbung auf dem Handy geködert werden.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen Konsumania arbeitet Ringier an einem neuen Bezahlsystem per Handy. Das Ziel ist nicht bloss, neue «Blick»-Abonnenten zu gewinnen, sondern Produkte und Dienstleistungen verschiedenster Anbieter an den Kunden zu bringen. Konsumania setzt auf moderne Handys, mit denen künftig an der Kasse bezahlt werden soll.

Die Ortungsfunktion der Geräte erlaubte es zudem, Kunden auf Schritt und Tritt mit Sonder angeboten zu ködern. So kann künftig das Schuhgeschäft um die Ecke ein Schnäppchen anpreisen, wenn man gerade an der Filiale vorbeigeht. Bezahlt wird, indem die Verkäuferin einen Barcode auf dem Handy des Kunden einscannt.

Ringier-Sprecher Stefan Hackh bestätigt, mit dem Projekt diesen Sommer oder Herbst auf den Markt zu gehen. Ringier hat dafür ein eigenes Tochterunternehmen gegründet. Als strategischer Partner ist unter anderem die auf Konsumkredite spe­zialisierte GE Money Bank mit an Bord. Hackh: «Sie übernimmt die Funktion einer Kreditkartenorganisation, wickelt also die Zahlungen der Einkäufe ab.» Als Zahlungsvarianten sollen die Abrechnung über das Handy, per Kreditkarte mit Monatsabrechnung oder über eine Debitkarte mit Vorauszahlung angeboten werden.

Mario Roncoroni, Geschäfts leiter des Berner Vereins Schuldensanierung, warnt davor, dass Kunden ihre Rechnungen künftig wohl auch abstottern dürfen. Dafür werde dann ein hoher Kreditzins verlangt. «Alles andere würde mich bei der Beteiligung der GE Money Bank sehr überraschen.» Bis zu einer Limite von 500 Franken müsste Konsumania nicht mal die Kreditwürdigkeit der Kunden abklären. Erst höhere Beträ­ge fallen unter das Konsumkreditgesetz, das dies vorschreibt.

Auf einer Testseite im Internet kündigt Ringier-CEO Marc Walder an, «die ganze Medienpower in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, Radio und Fernsehen dafür einzusetzen, den Gedanken der virtuellen, digitalen Shopping-Mall möglichst schnell ins Land zu tragen»

Schuldenberater Mario Roncoroni sieht in Konsumania weit mehr als eine Alternative zur etablierten Kreditkarte. «Wer ständig Sonderangebote auf seinem Handy erhält, wird dazu verleitet, über seinen Verhältnissen zu konsumieren.» Vor allem jüngere Leute seien hier gefährdet.

© Beobachter

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«Privatsphäre wird verletzt»

Ein mutmasslich pädophiler Priester wird im «Blick» voreilig geoutet, und der Verdacht gegen Jörg Kachelmann ist ein Medienereignis. Medienrechtler Peter Studer fordert Zurückhaltung.

Mit Peter Studer sprach Peter Johannes Meier

Beobachter: Der in Deutschland verhaftete TV-Wettermann Jörg Kachelmann wurde täglich in den Medien vorgeführt – wegen des blossen Verdachts, er habe seine Exfreundin vergewaltigt. Erwarten Sie mehr Zurückhaltung von uns Journalisten?
Peter Studer: In diesem Fall musste ja fast zwingend über die Verhaftung und auch den Vergewaltigungsvorwurf geschrieben werden. Es fällt halt sofort auf, wenn eine prominente Person wie Jörg Kachelmann plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Das ist der Preis der Prominenz. Die Medien sind aber ethisch verpflichtet, zurückhaltend darüber zu berichten. Und sie müssen dem Angeschuldigten die Möglichkeit einräumen, die Vorwürfe zurückzuweisen.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Beobachter: Der Vorwurf hat ja weder mit der beruflichen Tätigkeit von Kachelmann noch mit einem anderen Aspekt seiner Prominenz zu tun. Wäre das nicht nötig für eine Berichterstattung mit Name und Bild?
Studer: Die Schweizer Gerichte haben das nie schlüssig beurteilt. Eine Berichterstattung ist vor allem aufgrund der Bekanntheit einer Person erlaubt. Das Delikt muss nicht zwingend etwas mit deren Tätigkeit zu tun haben. Wichtiger ist es, dass die Unschuldsvermutung zum Ausdruck kommt. Es wäre also zum Beispiel unzulässig, in einem Bericht auf weitere, bereits verurteilte Sexualtäter hinzuweisen. Dadurch entstünde der Eindruck, Kachelmann stehe in einer Reihe mit diesen Tätern.

Beobachter: Die «Tagesschau» in Deutschland berichtete anfänglich gar nicht über den Fall und musste darum ebenfalls Kritik einstecken.
Studer: Es ist sicher vornehm und auch wünschenswert, nicht über den Fall zu berichten. Es wäre aber weltfremd, dies von allen Medien fordern zu wollen.

Beobachter: Der «Blick» berichtete vergangene Woche über einen angeblichen «Pädo-Pfarrer» mit Namen und Bild, nachdem dieser in Untersuchungshaft genommen worden war. Ist ein Pfarrer ebenfalls eine Person, die wegen solcher Vorwürfe an die Öffentlichkeit gezerrt werden darf?
Studer: Nein. Eine solche Berichterstattung ist total daneben. Der Angeschuldigte hatte nicht einmal die Möglichkeit, die Vorwürfe allenfalls zu bestreiten. Auf diese Weise wird die Privatsphäre unnötig verletzt. Anders als Kachelmann ist ein Pfarrer einer kleinen Gemeinde eben primär eine Privatperson, die nur für einen kleinen Kreis von Bürgern eine öffentliche Ausstrahlung hat. Die Berichterstattung ist umso erstaunlicher, als «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley gleichentags in der NZZ zuzusichern schien, medienethisch korrekt zu berichten. Dabei zog er Konsequenzen aus einem vom Presserat gerügten «Blick»-Artikel. Darin outete das Blatt eine Gemeindeangestellte, die sich privat für ein erotisches Online-Portal hatte ablichten lassen.

Beobachter: Zurück zum Pfarrer: Sexualdelikte mit Kindern könnten ja etwas mit der beruflichen Tätigkeit eines Pfarrers zu tun haben, falls dieser zum Beispiel regelmässig Kontakt mit Kindern hat. Ist es hier nicht legitim, die Öffentlichkeit vor allfälligen weiteren Taten zu warnen?
Studer: In diesem Fall nicht. Der Pfarrer ist ja in Untersuchungshaft genommen worden. Etwas anders sieht es zum Beispiel bei einem notorischen Wirtschaftskriminellen aus, gegen den ein Verfahren eröffnet wird, ohne dass er deswegen in Haft sitzen muss.

Beobachter: Sinkt die Hemmschwelle in den Medien, Tatverdächtige zu outen?
Studer: In den Boulevardmedien ist das sicher so. Manche Journalisten glauben, wenn eine Person Informationen über sich ins Internet gestellt hat und mit Google mühelos auffindbar ist, habe sie sich damit auch dem Medienboulevard geöffnet. So ist es natürlich nicht. Für Betroffene ist es nach einem Freispruch oder einer Einstellung des Verfahrens auch immer schwieriger geworden, angemessen rehabilitiert zu werden. Kein Medium berichtet einigermassen breit über einen Freispruch, auch wenn die betroffenen Personen zuvor über Wochen massiv verdächtigt worden sind.

Beobachter: Artikel werden auch grosszügig im Internet freigegeben. Müssen sie nach einer gewissen Zeit gelöscht werden?
Studer: Selbstverständlich, sofern sie öffentlich zugänglich bleiben. Bei geschützten Datenbanken kann auch eine Sperrung genügen, damit man nur noch gegen Interessennachweis auf den Artikel zugreifen kann.

Beobachter: Sind sich die Medien dieser Pflicht bewusst?
Studer: Leider kaum. Und es kommt eine gewaltige Aufgabe auf die Medien zu. Aber auch auf Suchdienste wie Google. Ich habe das Unternehmen kürzlich besucht. Das Verständnis für Löschungen ist leider noch nicht sehr gross. Es wird argumentiert, ein Betroffener müsse seine Negativmeldungen im Internet halt mit Positivmeldungen kompensieren. Aus rechtlicher Sicht ist das keine Lösung. Darum reagieren Unternehmen wie Google oft erst, wenn Rechtsanwälte mit Konsequenzen drohen.

Kommentare

Das Ende der Gratis-Kultur

Die Schweizer Medienhäuser fahren mit gedruckten Produkten immer weniger Geld ein. Deshalb suchen sie neue, kostenpflichtige Absatzkanäle. Ein eigener Online-Kiosk und ein digitales Lesegerät sollen Kunden zum Bezahlen bringen.

Peter Johannes Meier

Das Zeitalter der digita len Bezahlzeitung beginnt jetzt. Die grossen Verlagshäuser Tamedia, NZZ, Ringier, Edipresse und der Buchhändler Orell Füssli schliessen sich mit der Swisscom zusammen, um digitalisierte Zeitungen und Bücher über einen neuen Online-Kiosk zu verkaufen. Die Leser sollen ein vergünstigtes Lesegerät erwerben, auf das sie Zeitungen und Bücher runterladen können. Die unter Ertragsschwund leiden den Medienhäuser sehen die Zeit gekommen, von der Alles-Gratis-Strategie abzurücken.

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Uni-Kurse statt Medienvielfalt

Eigentlich sollten die Millionen einer Solothurner Stiftung die regionalen Medien fördern. Stattdessen floss Geld an die Uni Bern.

Peter Johannes Meier

Medienprofessor Roger Blum hat eine Leiche geerbt – eine reiche. Es geht um rund 20 Millionen, die in einer Stiftung stecken, die ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen kann: den Erhalt der «Solothurner Zeitung» und weiterer Titel der Vogt-Schild Medien Gruppe. So wollte es die Gründerfamilie Vogt, darum richtete sie in den fünfziger Jahren die Stiftung ein. Dennoch verkaufte der Stiftungsrat das Unternehmen 2009 an die AZ Medien Gruppe («Aargauer Zeitung»). Der Erlös ging an die Vogt-Stiftung.

Roger Blum, der im Januar in Pension ging, soll ihr jetzt neues Leben einhauchen, zusammen mit dem ebenfalls in den Stiftungsrat gewählten Publizisten und Edipresse-Direktor Peter Rothenbühler.

Institutsleiter war bis Ende Januar der umtriebige Netzwerker Blum, der im Dezember dann selbst in den Stiftungsrat gewählt worden war. Blum hatte sich in der Vergangenheit stets besorgt über Monopolisierungen in der Zeitungslandschaft gezeigt. Jetzt darf er über den Erlös einer solchen Monopolisierung mitverfügen.

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