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Hinter den Dampfern her

Wer elektronisch dampft, muss künftig keine Tabaksteuer mehr zahlen. Bis es so weit ist, langt der Staat noch mal zu.

Wo eine Sucht ist, ist auch ein Geschäft. Und dort beginnt die Heuchelei. Das zeigt die Auseinandersetzung um die Tabaksteuer für tabakfreies Dampfen. Auch auf elektronische Zigaretten, die keinen Rauch erzeugen, sondern Aromastoffe verdampfen und weder Tabak noch Nikotin enthalten, muss die Tabaksteuer erhoben werden. Das hat das Bundesverwaltungsgericht am 17. Januar entschieden. Ein Urteil, das schon bald bedeutungslos sein wird. Das Gericht stützt sich auf eine kuriose Bestimmung, die demnächst verschwinden soll.

Denn drei Wochen vor dem Gerichtsentscheid dampfte es im Parlament. Die Politiker beauftragten den Bundesrat, die Tabaksteuer auf elektronische Zigaretten – selbst solche, die Nikotin enthalten – grundsätzlich abzuschaffen. SP-Ständerat und Raucher Roberto Zanetti konnte eine deutliche Mehrheit hinter sich scharen. Vergeblich argumentierte Finanzvorsteherin Eveline Widmer-Schlumpf, es fehle der wissenschaftliche Nachweis, dass die Produkte zur «Entwöhnung» auch taugten. Doch darum geht es gar nicht. Die Tabaksteuer hatte nie Gesundheit zum Ziel. Es geht um Geld. Widmer-Schlumpf ist ja auch Finanzministerin.

350 TABAKBAUERN WERDEN SUBVENTIONIERT

Raucher liefern dem Bund zuweilen merkwürdige Steuern ab. 2,6 Rappen pro Päckchen fliessen in Präventionskampagnen, die vom Rauchen abhalten sollen. Exakt gleich viel geht in die Förderung des heimischen Tabakanbaus, 350 Bauern werden so subventioniert. Die Prävention als Feigenblatt für das Tabakkraut. Immerhin wurde entschieden, diese Steuern auf das Dampfen nicht mehr zu erheben.

Um mehr Geld geht es bei der Mehrwertsteuer (7,4 Prozent), um richtig viel bei der Tabaksteuer: Pro Päckchen sind es Fr. 4.20 (55,2 Prozent), die so in die AHV fliessen. Wer eine Packung pro Tag raucht, unterstützt die Altersvorsorge jährlich mit über 1500 Franken. Ein Sozialwerk ausgerechnet, von dem der Raucher aufgrund seiner geringeren Lebenserwartung weniger profitieren wird. Die Tabaksteuer finanziert heute rund fünf Prozent der AHV.

Kein Wunder, will man Raucher nicht ziehen lassen, wenn sie plötzlich dampfen. Dass es nicht um deren Gesundheit geht, zeigt der Blick zurück ins Jahr 1971. Der Bundesrat warnte: «Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Jahren [!] Zigaretten, die keinen Tabak enthalten, auf dem Markt erscheinen. […] dadurch könnten die zur Finanzierung der eidgenössischen Versicherung [AHV] bestimmten Einnahmen eine empfindliche Einbusse erleiden.» Das Ergebnis war die kuriose Bestimmung über «tabakähnliche» Erzeugnisse. Es ging immer um Geld.

Raucher ohne Luft, Dicke unter Druck

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Dampf ablassen statt rauchen

© Beobachter 2010

Wie kommt man zum Nikotin trotz Rauchverbot? Mit elektrischen Verdampfern statt glimmenden Zigaretten. Ein Erfahrungsbericht.

Peter Johannes Meier

Der Mann umklammert die Stange Bier mit beiden Händen. Er starrt in den gelben Saft, in seinem Inneren bebt es. Gleich wird er explodieren: «Wir haben abgestimmt! Und jetzt kommt ihr mit diesem Scheisstrick!», schreit es aus ihm heraus. Dann springt er von seinem Barhocker, mustert mich – ich erkenne Hass – und verlässt das Lokal. Vor der Tür raucht er eine Zigarette.

Es war das bisher irritierendste Erlebnis mit meiner elektrischen Zigarette. Ausgerechnet ein Raucher fühlte sich vom Wasserdampf gestört. Intensiv muss er sich wohl auf das Rauchverbot vorbereitet, sich in Selbstbeherrschung geübt haben. Und jetzt kommt tatsächlich einer und dampft einfach drauflos.

Seit dem Rauchverbot ist die «Elektro» meine Begleiterin. Anders als die «Pyro» – die traditionelle Zigarette – verbrennt sie keinen Tabak, sie dampft.

Eine elektrische Zigarette besteht aus einem Akku, einer Verdampfungseinheit und einem auswechselbaren Mundstück, das in einem Depot nikotinhaltige Flüssigkeit enthält. Das Ganze sieht aus wie eine klassische Zigarette mit Mundstück – formal also etwas für Dandys. Erst die Innereien machen die Elektro für alle Raucher interessant: Wer an ihr zieht, erzeugt einen Unterdruck in der Verdampfungskammer. Das Signal für den Akku, etwas Flüssigkeit zu zerstäuben und zu erhitzen. So atmet der Dampfer Wasserdampf ein, angereichert mit Nikotin und Aromastoffen. Dazu leuchtet an der Spitze des Akkus ein LED-Lämpchen – die «Glut».

Ein rotes Lämpchen an der Spitze simuliert die Glut. Die E-Zigarette gibt bloss Dampf an die Umgebung ab.

Weil die E-Zigarette nichts verbrennt, erzeugt sie auch keine toxischen Verbrennungsprodukte. Der Dampfer kommt zu seinem Nikotin und dem leichten Kratzen im Hals, ohne dass Dritte belastet würden. Selbst die Aromastoffe sind nur in unmittelbarer Nähe riechbar und verpuffen rasch. Einzig Kleinstmengen Nikotin werden mit der ausgeatmeten Luft an die Umgebung abgegeben. Ausser bei Mund-zu-Mund-Beatmung dürfte das Dritte nicht beeinträchtigen. So zumindest der Erkenntnisstand, Studien dazu gibt es erst wenige.

Die E-Zigarette ist zweifellos eine weniger schädliche Alternative zur Tabakzigarette. Und weil sie keinen Rauch produziert, verstösst sie nicht gegen das Rauchverbot. Wer aber meint, er könne nun in jedem Lokal zu seinem Espresso dampfen und die Zeitung lesen, unterschätzt die Macht der Dampfwolke.

Tatort Sihlcity, ein Café im Zürcher Shoppingcenter. Das mit dem Espresso und der Zeitung klappt. Doch nach einigen Zügen Dampf steht der Kellner vor mir. «Hier ist Rauchen verboten.» Ich erkläre ihm das mit dem Wasserdampf. «Das interessiert mich nicht. Andere Gäste könnten meinen, Sie rauchen. Und das will ich nicht», macht der Kellner kurzen Prozess. Rauchverbot hin oder her: Der Hausherr darf auch verbieten, was erlaubt ist.

Anders läuft es in Bars ab, wo der Anteil der Raucher sowieso höher ist. Ein privates Vergnügen bleibt das Dampfen aber auch hier nicht. Kein einziges Mal bin ich nicht auf meine Elektro angesprochen worden. Der Dampf, das teuflische Rot der LED-Glut: Sofort wollen Gäste und Angestellte wissen, was das ist, wie es funktioniert, was es kostet und wo man es bestellen kann. Meist in der Reihenfolge. Raucher, die eine Elektro probieren, sind von ihr angetan. Sie muss allerdings im Ausland bestellt werden. Die nikotinhaltige Flüssigkeit ist in der Schweiz von der Heilmittelkontrolle nicht zugelassen, weil noch niemand die nötigen Untersuchungen dafür finanziert hat. In Deutschland ist alles problemlos über das Internet bestellbar, und der Import in die Schweiz ist für den Eigenkonsum auch erlaubt. Der Schweizer Zoll verzeichnet denn auch eine markante Zunahme an Bestellungen seit Einführung des Rauchverbots.

Doch was bringt das Dampfen ausser neuen Bekanntschaften im Ausgang? Nach zwei Wochen konsequenten Verzichts auf Pyros: eine spürbar bessere Atmung, Küssen mit Nichtraucherinnen, höchstens nach Schweiss riechende Kleider, keine Brandlöcher, einen besseren Geschmacks- und Geruchssinn. Und 80 Prozent weniger Kosten, weil keine Tabaksteuer bezahlt werden muss. Worauf muss man verzichten? Auf Teer (krebserregend), Blei (giftig), Formaldehyd (krebserregend), Blausäure (giftig), Arsen (Rattengift) und einige Rauchteufel mehr.

Die schlechte Nachricht: Man bleibt vom Nikotin abhängig. Und elektrisch zu dampfen schliesst nicht aus, nebenbei richtige Zigaretten zu rauchen. So nahe Elektros auch an Pyros herankommen: Irgendwie bleibt es wie Würste braten auf einem Elektrogrill.

Weitere Infos:

www.e-rauchen-forum.de