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Enterprise im Sturzflug

© Beobachter 2010

Die Schweizer Talis Enterprise will in Deutschland Touristen in den Weltraum schiessen. Die Firma entpuppt sich als Fassade für undurchsichtige Geldbeschaffer.

Peter Johannes Meier

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2008. Die Talis Enterprise kündigt Flüge für Touristen in 120 Kilometer Höhe an, ein paar Minuten Schwerelosigkeit. 2012 sollten erste Passagiere für 150000 Euro abheben.

August 2010: Die Talis, eine Briefkastenfirma in Morschach SZ, hat ein Problem. Verwaltungsratspräsident Hans Ulrich Ammann ist abgesprungen. «Das nötige Geld ist nicht zusammengekommen.» Wie viel Geld in der Kasse liege, wisse er nicht, das Ganze sei «etwas intransparent».

Ammann war von deutschen Geschäftsleuten als einziger Schweizer in den Verwaltungsrat geholt worden. Sein Langenthaler Unternehmen Swiss Propulsion Laboratory soll den Raketenantrieb für das Raumschiff bauen. «Wir würden unseren Beitrag gern leisten, falls sich das Projekt finanzieren lässt.» Ganz aufgegeben hat er es noch nicht. Ebenso die beiden deutschen Initiatoren des Projekts. Sie arbeiten seit Jahren an der Verwirklichung ihres Traums: das Raumschiff Enterprise, das fünf Passagiere in den suborbitalen Raum befördert.

FIASKO FÜR INVESTOREN

Ob es je dazu kommen wird, ist fraglich. Um an Kapital zu gelangen rund 100 Millionen Euro werden angeblich gebraucht –, haben sich die Unternehmer auf einen umstrittenen Geldbeschaffer und Mitaktionär eingelassen: Jan Richard Emmert. Der Deutsche arbeitete bisher in einem losen Netzwerk von Geschäftsleuten aus dem Raum Frankfurt, die seit Jahren Investoren für neue Geschäftsideen suchen.

Die Projekte endeten für die Anleger regelmässig in einem Fiasko. Deren Geld floss nämlich weniger in die Geschäftsidee, sondern versickerte im Umfeld der Geldbeschaffer. So geschehen bei der Firma Nicstic, die eine rauchlose Zigarette auf den Markt bringen wollte, bei Swiss Chillmi, die ein Entspannungsgetränk versprach, bei Seabed, die versunkene Schiffe bergen wollte, oder bei der Jackpot System Tipp AG, die um Aktionäre für Lotto-Spielgemeinschaften warb. Mehrere dieser Firmen hatten ihr Domizil in Zug – an derselben Adresse wie Emmerts eigene Firma, die Peers Consulting AG.

Die Projekte der «Frankfurter Schule» haben noch etwas gemeinsam: Rhetorisch geschickte Verkäufer telefonieren jeweils potentielle Investoren ab, auch in der Schweiz. Ein baldiger Börsengang soll den Aktienwert angeblich in die Höhe treiben. Auch für die Talis wurde ein Börsengang angekündigt – auf Ende 2009.

EIN LUFTIGES PROJEKT

Emmert versucht zu beruhigen: «Noch im September wird die Talis mit neuem Verwaltungsrat und neuem Domizil die rechtlichen Erfordernisse wieder erfüllen.» Zum Thema Finanzen sagt er nur so viel: «Die Wirtschaftskrise hat das Projekt um einige Jahre zurückgeworfen.» Man stehe aber in Verhandlungen mit Investoren, auch die malaysische Regierung zeige Interesse.

Derweil bricht das Kartenhaus Talis zusammen. So will der ostdeutsche Flugzeugbauer Xtremeair nichts mit dem Talis-Projekt zu tun haben. «Es gab eine unverbindliche Anfrage. Eine Zusammenarbeit ist aber nie entstanden. Dennoch benutzt uns die Talis als Aushängeschild», beschwert sich Geschäftsleiter Harro Möwes.

Ein weiterer angeblicher Talis-Partner ist der deutsche Gastronom Gerd Käfer. Auf Talis-Webseiten präsentiert sich das Unternehmen mit dem Gourmetpapst, der die Fluggäste künftig im schwerelosen Raum verköstigen soll. «Gerd Käfer wurde vor einiger Zeit von Herrn Emmert angefragt, ob er die Menüs für Reisende zusammenstellen könnte. Seither haben wir von der Talisnichts mehr gehört», sagt eine Mitarbeiterin. Eine Kooperation gebe es nicht.

Für Weltraumflüge scheint das Talis-Projekt etwas gar luftig zu sein. Sollte es irgendwann doch zum Countdown kommen, sollen die Flüge über das Unternehmen Space Travellers verkauft werden. Dieses vermittelt bereits heute Astronautentrainings und Jetflüge. Die sind zumindest echt – auch wenn dafür mit der Schweizer Möchtegern-Astronautin Barbara Burtscher geworben wurde.

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