Schlagwort-Archive: Allah

Im Namen Allahs

© Beobachter 2009


Die Schweiz debattiert derzeit über Minarette. Doch Muslime haben ganz andere Probleme: Ihre Imame sind schlecht ausgebildet – und in Moscheen wird Politik gemacht.

Peter Johannes Meier, Gian Signorell, Balz Ruchti, Sid Ahmed Hammouche

«Journalisten sind wie Füchse. Ich mag sie nicht», sagt Mustafa Karahan. «Sie schleichen sich rein und stellen freundliche Fragen. Dann aber steht etwas völlig anderes in der Zeitung.» Darum ist der Mediensprecher des Türkischen Kulturellen Kreises in Wangen bei Olten an diesem Freitagnachmittag strikt. Ohne Termin geht gar nichts. Und die Fragen braucht er vorher schriftlich. «Bitte haben Sie Verständnis», sagt Karahan und kommt noch bis zum Ausgang mit.

Die Nerven liegen blank in der schlagzeilenträchtigen Moschee in Wangen. Das Objekt der Kontroverse steht seit Januar auf dem Dach: ein weisses, mit goldenen Kanten verziertes Minarett. Für seine Errichtung stritten die Wangner Muslime bis vor Bundesgericht und wurden damit, wohl unfreiwillig, zu einem Auslöser der Minarett-Initiative.

Vergangenen Juni dann der nächste Eklat. Der Integrationsbeauftragte des Kantons Solothurn, Albert Weibel, sagte seine Teilnahme an der Einweihungsfeier des Minaretts ab. Er störte sich an einer Fahne. Sie weht auch heute auf dem Dach des Zentrums. Die Fahne zeigt einen heulenden Wolf. Für Kritiker ein Zeichen der Zugehörigkeit zur türkischen Organisation der «Grauen Wölfe», einer rechtsextremistischen Gruppierung.

Karahan distanziert sich ausdrücklich: «Mit denen haben wir nichts zu schaffen.» Für die Wangner Moschee sei der Wolf bloss ein Symbol aus der türkischen Geschichte. Türkentum wird in der Moschee hochgehalten. Zur Einweihung des Minaretts im Juni formulierte Karahan auch seine Ideen von Integration. Man müsse die eigene Kultur kennen und die schweizerische respektieren. Alles andere sei Assimilation.

FAST DOPPELT SO HOHE GEBURTENRATE

Der Islam hat sich in den vergangenen 40 Jahren zur stärksten nichtchristlichen Religionsgemeinschaft in der Schweiz entwickelt. Waren es 1970 noch 16’300 Muslime, registrierte die Volkszählung im Jahr 2000 knapp 311’000, damals 4,3 Prozent der Bevölkerung. Inzwischen dürfte ihre Zahl, so schätzen Experten, auf über 400’000 angewachsen sein. Der Trend wird anhalten: Die muslimische Bevölkerung in der Schweiz ist jünger als die übrige Gesellschaft, und die Geburtenrate ist bei muslimischen Frauen fast doppelt so hoch.

Wer sind die Muslime in der Schweiz? «Sie bilden keine geschlossene Gemeinschaft, sondern organisieren sich nach den gesprochenen Sprachen», sagt der Luzerner Religionsforscher Samuel M. Behloul. Mehr als die Hälfte der Muslime stammt aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, rund jeder fünfte Muslim aus der Türkei. Eine kleine Minderheit wanderte aus Schwarzafrika, Asien oder den Maghreb-Staaten ein.

Eine von ihnen ist Chaira Belghaba. Die modisch gekleidete Frau sitzt auf der Terrasse eines Cafés und spielt mit dem bunten Sonnenschirmchen in ihrem Glas. Die Swarovski-Steine auf ihrem Handy glitzern in der Nachmittagssonne. Belghaba ist in Algerien aufgewachsen. Ihre Eltern kamen als Asylbewerber in die Schweiz, sie heiratete einen Schweizer. Abends betet sie ab und zu, und sie glaubt, dass es einen Gott gibt. Mit dem Islam aber, wie er in den Moscheen gelehrt wird, hat sie nichts am Hut. «Ich habe diese Art von Glauben verloren, als in meiner alten Heimat im Namen des Islams Bomben explodierten und Menschen umgebracht wurden», sagt sie lakonisch. Trotzdem: «Ja, klar bin ich eine Muslimin.» Wenn sie ihre Eltern besucht, die inzwischen wieder in Algerien wohnen, werfen ihr die Leute auf dem Land ihren westlichen Lebensstil vor. Sie befolge nicht die Vorschriften des Islams, und Nachbarn meinten, mit ihrer Lebensweise drohe ihr nach dem Tod die Hölle. «Die können mir ja schon mal das Ticket dahin besorgen», sagt Belghaba lächelnd und zwirbelt das bunte Sonnenschirmchen zwischen den Fingern.

Solche Sätze würde Serkan Acarbey (Name geändert) nie in den Mund nehmen. Der junge Türke aus dem thurgauischen Bürglen ist ein eifriger Moscheegänger, lebt streng nach den fünf Säulen des Islams. Er bekennt sich zu Allah als alleinigem Gott, betet fünfmal am Tag, fastet während des Ramadans und hat vor, einmal nach Mekka zu pilgern. Von der Zakat, der islamischen Armensteuer, ist er noch befreit, weil diese erst ab einem bestimmten Einkommen fällig wird. Acarbey trinkt keinen Alkohol, leiht Geld nicht gegen Zinsen aus, befürwortet das Verbot von vorehelichen Beziehungen. Für ihn ist dieser streng islamische Lebensstil der beste Garant, um sich in die Mehrheitsgesellschaft einzufügen: «Braucht ein Mensch, der diese Pflichten befolgt, sich noch weiter zu integrieren? Ein solcher Mensch stört doch niemanden, und niemand wird sich von ihm belästigt fühlen.»

DIE ZENTRALE ROLLE DER IMAME

Wenige Kilometer von der Milli-Görüs-Moschee entfernt, immer noch in Bürglen, liegt etwas versteckt in einem ehemaligen Fabrikgebäude eine weitere türkische Moschee. Sie gehört dem türkisch-islamischen Kulturverein. Die Stimmung ist lockerer als in der Milli-Görüs-Moschee. Im Gemeinschaftsraum trinken Männer Tee und rauchen. Auf dem Grossbildschirm läuft ein Fussballspiel der türkischen Süper Lig. Wie in den meisten Moscheen hängt am Eingang eine grosse Tafel mit Namen und Geldbeträgen, von 10 bis 200 Franken. Die Tafel weist aus, wie viel jedes Mitglied pro Monat bezahlt hat. Im Gebetsraum, einer mit Teppichen ausgelegten Fabrikhalle, trennt ein Faltvorhang die Abteilung für die Frauen ab. So werden sie von den Männern nicht gesehen, hören aber, was der Imam predigt.

Anders als die Milli-Görüs-Moscheen arbeiten die türkisch-islamischen Kulturvereine mit dem staatlichen Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkei zusammen. Die 1924 von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Institution kontrolliert die Imame und deren Ausbildung. Im Ausland sollen die Imame auch dafür sorgen, dass die türkische Diaspora ihre Loyalität zum Heimatland nicht verliert. In kleinere Moscheen werden staatliche Imame für ein Jahr entsandt, in grösseren können sie bis zu fünf Jahre bleiben. Doch auch in der Moschee des Kulturvereins wird geklagt. Die Mitglieder haben einen Imam beantragt. Ohne Erfolg. Zurzeit sei kein Vorbeter abkömmlich, wurde ihnen beschieden.

Imame sind für die gläubigen Muslime zentrale Bezugspersonen. Sie beraten ihre Schutzbefohlenen in allen Lebensbereichen. Sie beantworten religiöse Fragen, sind aber auch erste Anlaufstelle bei Mietstreitigkeiten, Schwierigkeiten mit Ämtern und Behörden und bei Beziehungs- und Erziehungsproblemen.

Auch der junge Tunesier Jamal sucht Rat, nämlich beim Imam der Mahmud-Moschee an der Forchstrasse in Zürich. Sie wird vor allem von arabischsprechenden Muslimen besucht. Jamal hat sich verliebt. Darf er mit dieser Frau eine Beziehung beginnen? «Das muss der Imam entscheiden. Ohne seine Erlaubnis ist es nicht möglich», sagt Jamal.

ODESSTRAFE UND GEWALT

Die Bedeutung des Imams in der muslimischen Gemeinde kann kaum überschätzt werden. Umso erschrockener war der österreichische Soziologe Mouhanad Khorchide, als er die Fragebögen seiner Untersuchung auszuwerten begann. Khorchide ist selber Muslim, predigte in Wien als Imam und galt bei den Oberen der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich als Hoffnungsträger. Er interessierte sich für die Einstellungen von muslimischen Religionslehrern in seinem Land. «Die Ergebnisse sind katastrophal», sagte Khorchide in einem Interview.

Gemäss seiner Untersuchung hält rund ein Fünftel der Befragten Demokratie und Islam für unvereinbar, fast jeder Fünfte (18,2 Prozent) erachtet die Todesstrafe als eine gerechte Sühne für den Abfall vom Islam. Jeder Dritte (32,7 Prozent) lehnt rechtsstaatliche Prinzipien ab, und immerhin noch jeder Elfte (8,5 Prozent) äusserte Verständnis dafür, wenn zur Verbreitung des Islams Gewalt angewandt wird.

«NIE EINE EXTREMISTISCHE PREDIGT GEHÖRT»

Ähnlich unbequem sind die Ergebnisse einer Studie, die das deutsche Bundesinnenministerium vor zwei Jahren publik machte. Befragt wurden insgesamt 1750 Muslime. Über 44 Prozent äusserten die Überzeugung, dass Muslime ins Paradies kommen, wenn sie im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben. Immerhin 14 Prozent der Befragten, von denen knapp 40 Prozent einen deutschen Pass hatten, stünden mit der Rechtsstaatlichkeit auf Kriegsfuss und zeigten eine problematische Distanz zur Demokratie. Die Studie ordnet 40 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime als fundamental orientiert ein.

Für die Imame in der Schweiz legt Hisham Maizar die Hand ins Feuer. «Ich kenne hier jeden Imam. Es gibt keine Fundamentalisten unter ihnen», sagt der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids), zu der mehr als 150 islamische Zentren gehören. Hinweisen auf tendenziöse Äusserungen würde er als Fids-Präsident sofort nachgehen. «Ich wäre der Erste, der sich im Fall des Auftauchens von Hasspredigern oder Fundamentalisten unter den Imamen schützend vor die islamische Gemeinschaft stellen würde.»

Auch der Luzerner Religionsforscher Samuel M. Behloul betont, dass er bei seinen zahlreichen Moscheebesuchen nie eine extremistische Predigt gehört hat. Bloss: Wann ist eine theologische Lehrmeinung extrem: erst wenn sie zum Kampf gegen die Ungläubigen aufruft? Oder schon, wenn sie das Selbstbestimmungsrecht des Menschen bezweifelt, die Gleichwertigkeit von Mann und Frau bestreitet und die Einführung der Scharia als eigentlich wünschenswert bezeichnet?

Die Genfer Buchautorin Mireille Vallette neigt zur zweiten Ansicht. Für ihr Buch «Islamophobie oder legitimes Misstrauen?» analysierte die Frauenrechtlerin, wie sich führende, vor allem Westschweizer Islamvertreter und Imame öffentlich äusserten – zu umstrittenen Fragen wie dem Tragen eines Kopftuchs, dem Austritt aus dem Islam oder der Meinungsfreiheit. «Ich habe keinen Fürsprecher eines modernen Islams gefunden», sagt Vallette. Zum gleichen Befund kommt die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI), Saïda Keller-Messahli: «In orthodoxen Kreisen sind jene, die sich glaubhaft zu Demokratie und Menschenrechten bekennen, eine klare Minderheit.» In den Moscheen wehe noch der Geist des 7. Jahrhunderts.

FÜRBITTEN FÜR KÄMPFENDE BRÜDER

Für den Geist in den Moscheen interessierte sich auch das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Die Bundesbeamten beauftragten vor einiger Zeit Schweizer Religionsforscher mit einer Studie, in der die Einstellungen der hiesigen Imame erforscht werden sollten. Ausserdem sollten das Rekrutierungspotential und mögliche Schweizer Ableger der Muslimbruderschaft untersucht werden, einer der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten. Zu welchem Ergebnis kam die Studie? Das ist bis heute geheim. «Sie wurde gemäss den Bestimmungen für sensible Informationen klassifiziert», erklärt Sebastian Hueber, stellvertretender Chef Kommunikation VBS.

Der Gebetsraum ist zum Bersten voll an diesem Freitagnachmittag im islamischen Zentrum an der Rue de lIndustrie in Freiburg. Es ist das Ende des Ramadans, ein für Muslime besonders wichtiger Tag. «Allahu akbar»: Allah ist am grössten, es gibt nichts Grösseres als Allah. Der Imam intoniert das rituelle, arabische Gebet. Die gute Hundertschaft Gläubige kniet nieder und berührt mit der Stirn den Boden. Nach dem Gebet folgt die Freitagspredigt. «Seid fromm, folgt den Vorschriften Allahs, trinkt keinen Alkohol, bleibt den Frauen fern», beschwört der Vorbeter seine Gemeinde. Dann folgen Fürbitten für «die kämpfenden Brüder in Tschetschenien, in Afghanistan, im Irak und in Palästina», und «möge Allah die Feinde des Islams bestrafen». Der junge Imam übernimmt seine Rolle ehrenamtlich, wie er später im Gespräch mitteilt. Er ist in Libyen aufgewachsen, wohnt seit mehreren Jahren im Kanton Freiburg als Asylbewerber und lebt von der Sozialhilfe.

Ganz anders präsentiert sich die Situation an der Zürcher Rötelstrasse. Hier predigt Emad Abdalla, ein Neuankömmling. Seit gerade mal zwei Monaten ist er in der Schweiz. «Ich dachte, ich würde in eine ruhige Gemeinde kommen, und stelle fest, es ist hier wie ein Vulkan.» Abdalla spielt auf die Minarett-Initiative an. «Aber wir werden nicht explodieren. Der Entscheid des Volkes gilt.» Eben hat er in der Freitagspredigt die rund 300 vorwiegend aus dem Maghreb stammenden Gläubigen zur Solidarität und Einheit aufgerufen. Aufgewachsen ist er in Ägypten, erzählt der Imam, während er barfuss über den grünen Teppich des Gebetsraums zu seinem Büro geht. Er kennt den Islam, hat an der Al-Azhar-Universität in Kairo studiert. Diese gilt in der islamischen Welt als eine der angesehensten Bildungsinstitutionen und ist die zweitälteste noch aktive Universität der Welt. Ein Jahr insgesamt wird Abdalla in Zürich predigen. Er verstehe noch nicht alles von den hiesigen Gegebenheiten, gibt er offen zu. «Ich brauche noch Zeit, um mich zu integrieren.»

Das scheint einer seiner Vorgänger, der Imam Youssef Ibram, in mehr als zehn Jahren nicht geschafft zu haben. Der Marokkaner musste 2004 seinen Posten in Zürich räumen, nachdem er in einem Interview zur Frage der Steinigung gesagt hatte: «Ich kann nicht dagegen sein, diese Strafe ist Teil des islamischen Rechts.»

Ibram sitzt jetzt als Vertreter der Schweiz im European Council for Fatwa and Research (sinngemäss etwa: Europäischer Rat für Fatwas und Forschung). Der Rat betrachtet die Scharia als verpflichtend für alle Muslime und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Fatwas (islamische Rechtsgutachten) für die muslimische Bevölkerung Europas zu erlassen, die mit den lokalen Gegebenheiten vereinbar sind. Fatwa Nr. 6 schreibt den Frauen das Kopftuch vor, Fatwa Nr. 17 verbietet strikt die Heirat einer Muslimin mit einem Nichtmuslim, Fatwa Nr. 38 verbietet den Mädchen das Velofahren, falls das Risiko dabei gross ist, dass das Jungfernhäutchen reisst.

ZWISCHENFALL AUF DEM SCHULHAUSPLATZ

Nach seinem Abgang in Zürich amtete Ibram bis November 2008 als Imam an der Moschee im Genfer Stadtteil Petit-Saconnex. Dieser angegliedert ist auch eine Schule, an der 900 Kinder und Jugendliche in Arabisch, islamischer Bildung und Auslegung des Korans unterrichtet werden. 2007 wurden vier als moderat bekannte Kadermitglieder der Moschee unerwartet entlassen, darunter der langjährige Pressesprecher Hafid Quardiri. Quardiri macht Ibram und die saudische Gesandtschaft in Genf für die Säuberungsaktion verantwortlich. Für diese Leute, sagte er kürzlich, bewege er sich «am Rande des Islams», ja sei «beinahe ein Ungläubiger».

Im Jahr nach den Entlassungen weigerte sich die Moschee entgegen der Tradition, einen Tag der Ökumene durchzuführen. Der Besuch einer Genfer Maturitätsklasse war ebenfalls nicht willkommen.

Im vergangenen April kam es zu einem Zwischenfall mit Schülerinnen einer benachbarten Schule: Nach dem Freitagsgebet nahm eine Gruppe Moscheebesucher eine Abkürzung über den Sportplatz, wo die Mädchen gerade Turnunterricht hatten. Die Männer warfen aufgestellte Markierungen um und beschimpften die Schülerinnen als «Drecksweisse» und als «schamlos», weil sie sich «während der Gebetsstunde» in ihren Turntenüs sportlich betätigten.

Die Frage stellt sich, ob Moscheen die Integration der Muslime in unsere Gesellschaft fördern oder erschweren. «Die Integration findet in erster Linie über den Arbeitsplatz und die Sprache statt», sagt Religionssoziologe Behloul. Man könne nicht von den Einwanderern verlangen, dass sie ihre Heimatkultur verleugnen und sich zu 100 Prozent an die hiesige Gesellschaft anpassten. «Und bedenken Sie», schiebt er nach, «es finden jeden Monat überall in der Schweiz Hunderte von Dialogveranstaltungen statt, über die die Medien nie berichten.»

Doch nicht allen muslimischen Einwanderergruppen gelingt die Integration gleich gut. Das spiegelt sich auch in den Moscheen und Gebetszentren. «Für türkisch oder arabisch geprägte Zentren ist die Kluft zur hiesigen Gesellschaft grösser als für die bosnischen und albanischen», erklärt der Luzerner Islamwissenschaftler Andreas Tunger. Muslime aus Ex-Jugoslawien stammen aus einem europäischen Umfeld. Geprägt durch die Erfahrungen des kommunistischen Staates, sind sie es gewohnt, sich selber zu organisieren. Der überwiegende Teil sieht seine Zukunft in der Schweiz, eine Rückkehr in ihre Herkunftsländer ist kaum eine Option. «Entsprechend gross ist ihre Loyalität zur Schweiz und zu den hiesigen Sitten und Gebräuchen», so Tunger.

Anders sieht es bei den Türken aus. Ihre Moscheen in der Diaspora stehen oft auch für eine politische Haltung gegenüber dem Heimatland. Vor allem geht es um die Einstellung zum säkularen türkischen Staat. In der 3000-Seelen-Gemeinde Bürglen etwa ist es die Moschee des gemässigten türkisch-islamischen Kulturvereins, die mit der konservativ-islamischen Moschee der Milli-Görüs-Bewegung (die nationale Sicht) konkurriert. Letztere wird in Deutschland von mehreren Bundesländern und von Sozialwissenschaftlern als antisemitisch und islamistisch kritisiert. Gegen den deutschen Generalsekretär der Bewegung und weitere Funktionäre ermittelt die Staatsanwaltschaft München seit diesem Frühling wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Dass über die Gotteshäuser Politik im Herkunftsland betrieben wird, schreckt viele in der Schweiz aufgewachsene Muslime ab. Neue islamische Bewegungen werben darum vermehrt ausserhalb der Moscheen um Gläubige (Das Netz der Konservativen).

IMAME NUR NOCH MIT STAATLICHER BEWILLIGUNG

Schweizer Politiker und Behörden haben den starken Einfluss der Imame auf die Gläubigen erkannt. Seit Anfang 2008 müssen darum alle religiösen Betreuungspersonen – dazu gehören auch die Imame – nachweisen, dass sie über eine entsprechende Ausbildung verfügen, eine Schweizer Landessprache sprechen und mit dem gesellschaftlichen und rechtlichen Wertesystem in der Schweiz vertraut sind. Acht Imamen ist seither die entsprechende Bewilligung erteilt worden, drei Gesuche wurden abgelehnt.

Einen Schritt weiter geht der Kanton St. Gallen. Hier müssen religiöse Lehrkräfte aus Nicht-EU- und Nicht-Efta-Staaten eine Integrationsvereinbarung unterzeichnen, wonach sie sich in einer Landessprache sowie in Staatsbürgerkunde weiterzubilden haben. Spätestens im dritten Jahr müssen die Imame ein Nachdiplomstudium an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) besuchen. «Imame, die sich gegen die berufsspezifische Ausbildung sträuben, müssen die Schweiz verlassen», sagt Bruno Zanga, Leiter des St. Galler Ausländeramts.

Mit dem Nachdiplomstudium «Religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext» schlägt die ZHAW einen neuen Weg ein. Die Projektleitung liegt in den Händen von Christiane Hohenstein. Ist sie die richtige Person für diese Aufgabe? Zweifel sind erlaubt. Eine erste Medienanfrage nach der Zahl der eingeschriebenen Studierenden beantwortet Hohenstein, die sich gemäss ihrem Curriculum nie wissenschaftlich mit dem Islam befasst hat, gar nicht. Als der Beobachter nach einer Woche nachhakt, lässt die deutsche Professorin, zuständig für interkulturelle Kompetenz, wissen: «Ich irre mich nicht, wenn ich davon ausgehe, dass ich Ihnen nichts schuldig bin? Ich habe Aufgaben in der Forschung, Lehre, Weiterbildung und Verwaltung, die mir keine Zeit lassen, mich mit jeder journalistischen Anfrage detailliert auseinanderzusetzen.»

DIE AUSBILDUNG FUNKTIONIERT NOCH NICHT

Der eingeschlagene Weg, Imame und islamische Religionslehrpersonen in der Schweiz auszubilden, scheint einem Bedürfnis zumindest eines Teils der muslimischen Bevölkerung zu entsprechen. Im Juli publizierten Forscher der Universität Zürich eine Studie, gemäss der eine Mehrheit der befragten Muslime und islamischen Institutionen dies begrüssten. Sie versprechen sich davon eine integrationsfördernde Wirkung. Repräsentativ ist die Studie nicht: «Sie kann es nicht sein, denn wir befinden uns auf Neuland. Das darin vorhandene Spektrum von Meinungen haben wir nun allerdings erkundet und gewissermassen kartiert», sagt Andreas Tunger vom Forschungsteam.

In der Praxis funktioniert die Ausbildung der Imame noch nicht. In Basel musste ein Projekt für einen Lehrstuhl für «islamische Theologie» an der Universität auf Eis gelegt werden. Potentielle Geldgeber, darunter das Ministerium für islamische Wohlfahrt in Kuwait, beanspruchten ein Mitbestimmungsrecht bei der Wahl der Lehrpersonen, die Uni erachtete aber nur eine beratende Rolle als mit ihrer Unabhängigkeit vereinbar. An der Universität Freiburg sollte im September in französischer Sprache ein Nachdiplomstudium «Islam, Muslime und Zivilgesellschaft» starten. Das Bildungsangebot interessierte nur gerade drei Imame. Der auf 23 Tage angelegte Kurs musste auf sechs Tage reduziert werden. Den ZHAW-Kurs in Winterthur besuchen acht Personen, wobei nicht alle einen islamischen Hintergrund haben.

PREDIGEN NUR IN DER LANDESSPRACHE

Ungenügend ausgebildete Imame und Moscheen, aus denen politisiert wird: Für den Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze wäre das vermeidbar. Neben der Ausbildung von Imamen an Schweizer Hochschulen verlangt er «offene Moscheen» von den Betreibern der Gotteshäuser. «Predigten sollten vorrangig in einer unserer Landessprachen, allenfalls in Englisch, abgehalten werden. Und jeder Bürger – auch Nichtmuslime – sollte Gottesdienste besuchen können», fordert Schulze. So werde wirksam verhindert, dass problematische Prediger Moscheen als Plattform benutzten. «Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn Moscheen als öffentlich-rechtliche Institutionen, zum Beispiel als Stiftungen, betrieben werden», so Schulze. Dadurch würden sie einer minimalen staatlichen Aufsicht unterstellt.

Im luzernischen Emmenbrücke steht die Moschee des Vereins der Islamischen Gemeinschaft Luzern. Es ist nach Genf die zweitgrösste im Land. Weitgehend in Fronarbeit haben die örtlichen bosnischen Muslime das Innere des ehemaligen Kinos an der Emmenweidstrasse in ein repräsentatives islamisches Gotteshaus umgebaut. Der Gebetsraum mit dem roten Teppich und den feingemusterten, prächtig blauen Fayencen an der Wand belegt nur rund einen Fünftel der Gebäudefläche. Der Rest des Zentrums beherbergt einen Saal für Veranstaltungen, einen Jugendraum, Büros, eine Bibliothek mit Computerstationen und ein Restaurant. Dieses steht allen offen. Eine Moschee nicht genau nach Schulzes Konzept, aber sicher in seinem Sinn.

«Kommen Sie zum Mittagessen», sagt am Telefon ohne Umschweife Vehbija Efendic, der Vereinspräsident. Es gibt Kartoffelgratin, Ratatouille und Pouletschenkel an einer Béchamelsauce. Eine bosnische Spezialität? Efendic lacht. «Der Koch hat 18 Jahre für die Kantine im Coop gearbeitet.» Efendic selber lebt seit über 30 Jahren in der Schweiz.

«UNSERE SOLIDARITÄT GEHÖRT DER SCHWEIZ»

Das lockere Tischgespräch dreht sich um die Minarett-Initiative, um die Situation der Muslime in der Schweiz, die Lage in Bosnien. Die Unterhaltung überrascht. Erwartet man solche Worte von einem Imam? «Die Situation in Bosnien braucht uns nicht zu kümmern. Wir müssen unser Leben hier gestalten. Unsere Solidarität gehört der Schweiz. Das steht so im Koran.» Und: «Der Muslim muss seine Nachbarn besser respektieren als seine Brüder.» Auch das stehe so im Koran. Efendic redet mit natürlicher Überzeugungskraft, anschaulich, in plastischen Vergleichen. Braucht die Moschee ein Minarett? «Das Minarett ist wie der Stern bei einem Mercedes: Der Wagen fährt auch ohne sehr gut.» Da wird Efendic sogar heftig. Eine halbe Million Franken für ein Minarett zu sammeln sei kein Problem, empört er sich, aber die 120’000 Franken für die Bibliothek habe er förmlich zusammenkratzen müssen. «Nicht die Symbole sind wichtig, sondern der Inhalt.»

Und in der Vertrautheit, die solche Sätze hat entstehen lassen, klingen diese folgenden dann umso verstörender: die Scharia? Wenn ein Dieb wisse, dass ihm die Hand abgehackt werde, überlege er sich zweimal, ob er stehlen wolle. Und ja, die Frau müsse ein Kopftuch tragen. Und ja, eine Muslimin dürfe keinen Christen heiraten. Efendic: «So will es die islamische Tradition.»

weiterlesen

Werbeanzeigen