Sozialabgaben weggeputzt

Die Nummer eins im Schweizer Putzgeschäft bezahlt seit Jahren kaum Sozialabgaben. Sie ist kein Einzelfall: Ausstände bei AHV und IV wachsen.

Peter Johannes Meier

«Illegal ist nicht egal», heisst es auf der Website von putfrauenvermittlung.ch. Die laut eigenen Angaben grösste Firma der Branche zitiert die Kampagne «Gegen Schwarzarbeit» des Staatssekretariats für Wirtschaft und behauptet, «sämtliche Sozialleistungen» der Angestellten «zu bezahlen».

Interessant für alle, die eine Putzfrau legal beschäftigen wollen, aber den Papierkram scheuen. Doch ausgerechnet wegen nicht bezahlter Sozialleistungen wird die Firma mit 850 Angestellten auf über 600000 Franken betrieben. Hinzu kommen über 400000 Franken ausstehende Mehrwertsteuern (Stand November 2010).

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Gläubiger sind hauptsächlich die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich (SVA), die vor allem auf AHV-Beiträge wartet, sowie der Bund, bei dem die Mehrwertsteuern ausstehen. Marco Gloor, Geschäftsleiter der Putzfrauenvermittlung.ch, «bedauert», dass aufgrund der Dokumente «der Eindruck entstehen kann», es würden «mehr Schulden angehäuft als abbezahlt». Dies liege daran, dass aktuelle Zahlungen auch für die Tilgung von Schulden aus vergangenen Jahren eingesetzt würden. Dadurch komme es immer wieder zu neuen Betreibungen. Dieser eigenwilligen Erklärung fügt Gloor an, er habe mit der Sozialversicherungsanstalt einen Abzahlungsdeal abgeschlossen, den er auch einhalte.

Die SVA will sich aus Datenschutzgründen nicht zum konkreten Fall äussern. «Firmen werden aber nicht weiter betrieben, wenn sie Ratenpläne einhalten und die neu anfallenden Abgaben bezahlen», versichert Sprecherin Daniela Aloisi. Doch genau dies geschieht seit Februar.

Weil die Putzfrauenvermittlung.ch ihre Angestellten schweizweit an eigenständige Franchise-Unternehmen verleiht, müsste sie eine Bewilligung für Personalverleihfirmen haben. Diese hat sie nicht, wie Can Arikan vom Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit bestätigt. Die Firma habe inzwischen aber ein entsprechendes Gesuch eingereicht, das nun geprüft werde. Gegenüber dem Beobachter bestritt Gloor, dass die Firma eine derartige Bewilligung benötige.

Die Putzfrauenvermittlung.ch nimmt es seit Jahren locker mit dem Bezahlen von Sozialabgaben und Mehrwertsteuern. Das Total der ausstehenden Forderungen ist in den letzten Jahren ständig angewachsen, auf mittlerweile über eine Million Franken.

WOHIN SIND DIE KUNDENGELDER GEFLOSSEN?

Abzahlungsvereinbarungen können den drohenden Konkurs oder die Pfändung einer Firma verhindern. So die Idee hinter Deals zwischen Sozialversicherungen und Unternehmen. Sie können sinnvoll sein, wenn eine Firma überraschend in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Bei der Putzfrauenvermittlung.ch trifft das kaum zu. Die Putzfrauen werden nämlich nur bezahlt, wenn ihre Leistung auch einem Kunden verrechnet werden kann. Und nur dann werden Sozialabgaben fällig. Es stellt sich darum die Frage, wohin die von den Kunden bereits abgelieferten Sozialabgaben geflossen sind. Marco Gloor weist jeden Verdacht zurück, solche Gelder könnten anderweitig eingesetzt worden sein.

Einer der Verwaltungsräte der Putzfrauenvermittlung.ch ist der St. Galler SVP-Kantonsrat Roland Hartmann. Vor gut einem Jahr hatte er in der «Südostschweiz» erklärt, die Firma laufe «ausserordentlich gut», alle Schulden seien bezahlt worden. Er wollte zu den neuen Schulden nicht Stellung nehmen und verwies auf Geschäftsleiter Gloor. Hartmann sass bereits dreimal in Verwaltungsräten von Gloor-Firmen; zwei Werbeagenturen sind in Konkurs gegangen, ein Reisebüro musste mangels Aktiven von Amts wegen liquidiert werden.

Immerhin müssen sich die Angestellten der Putzfrauenvermittlung.ch bei einem allfälligen Konkurs keine Sorgen um AHV- und IV-Beiträge machen, sofern ihnen diese in den Lohnabrechnungen abgezogen worden sind. Dann trägt die Sozialversicherung den Schaden – also all jene Beitragszahler, die sich korrekt verhalten.

Um möglichen «Sozialmissbrauch» durch Firmen zu beenden, könnten die Sozialversicherungen auch ohne weitere Betreibungen gerichtlich einen Konkurs fordern. In der Praxis geschieht das aber selten – obwohl die Summe der schweizweit nicht einbezahlten AHV- und IV-Beiträge stark angewachsen ist: von 832 Millionen 2008 auf 984 Millionen Franken 2009. Etwa zehn Prozent davon muss sich der Staat jährlich ans Bein streichen – meist weil Firmen in Konkurs gegangen sind.

Schmutzige Geschäfte mit Putzfrauen

Voll Porno

Bereits Zehnjährige können heute problemlos auf Pornographie zugreifen. Wie gehen Jugendliche damit um? Wie sollen Eltern und Lehrer reagieren?

Peter Johannes Meier und Nicole Krättli

Penisse, gespreizte Schenkel, riesige Brüste: Sie waren über die ganze Wandtafel verteilt. In krakeliger Schrift stand «Claudia will Sex», dazu eine Telefonnummer. Der Lehrer sass an seinem Pult und schwieg. Die Schüler der fünften Primarklasse flüsterten erst, dann kicherten sie. Als sie zu quietschen begannen, erhob sich der Lehrer. Schliesslich war er es gewesen, der die Tafel frühmorgens vollgekritzelt hatte.

Es war ein ungewöhnlicher Einstieg in Sexualkunde: Sprüche und Zeichnungen, die die Schüler von öffentlichen Toiletten kannten. Jetzt sollten sie darüber reden. Über Sex, Lust und wie Männer und Frauen damit umgehen. Nach eine kurzen Verlegenheitspause sprudelte es aus den Elfjährigen heraus. Sie verzichteten sogar auf ihre sonst herbeigesehnte Pause. In der Nachbarklasse passierte nichts dergleichen. Dort existierte Sexualkunde nicht – oder sie erschöpfte sich in Funktionsbeschreibungen von Eileitern und Samensträngen.

Bild: Stadler/Uster

Die ungewöhnliche Aufklärungsstunde fand 1977 in einer Zürcher Landgemeinde statt. Das Internet war bestenfalls ein Hirngespinst, Videorekorder ein Luxusgut, und nach Mitternacht sendete das Fernsehen Testbilder. 33 Jahre später surfen bereits Zehnjährige Pornoseiten im Internet ab, Schüler prahlen mit Sexfilmen auf ihren Handys. Es sind keine Zufallsfunde: Das Softwareunternehmen Symantec hat 2009 in Suchmaschinen eingetippte Begriffe analysiert. «Sex» rangierte bei den Acht- bis Zwölfjährigen auf Platz vier. Und auch «Porno» schaffte es bei Kindern bis sieben Jahre auf den vierten Platz. Die Resultate sind zwar nur schwer überprüfbar, da Firmen wie Google ihre Suchranglisten mittlerweile von Sexbegriffen säubern. Klar aber ist: Jugendliche und Kinder, die nach Pornos suchen, finden sie auch. Mit Ausnahme von illegaler Pornographie ist heute praktisch alles ohne wirksamen Jugendschutz erhältlich – gratis. Ein simpler Klick auf «Ja, ich bin 18 Jahre alt» reicht für einen fast unbeschränkten Zugriff aus.

AUFKLÄRUNG ÜBERFORDERT LEHRER

Etwas anderes hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten kaum verändert: Viele Lehrerinnen und Lehrer stossen bereits bei der biologischen Aufklärung und dem Vermitteln von Verhütungsmethoden an ihre Grenzen. Der Sexualkundeunterricht leide unter einem grossen Defizit, weil Lehrkräfte das Thema umschiffen, warnte der Zürcher Lehrerverband im vergangenen Jahr. Und auch die Jugendlichen selbst sind der Meinung, dass das Lehrpersonal nicht ausreichend ausgebildet ist, um sexuelle Aufklärung zu leisten. Dies ergab eine Befragung von über 1200 Schweizer Jugendlichen zwischen 15 und 20 Jahren im «Face of Global Sex Report» 2010 des Kondomherstellers Durex.

Die Jungsozialisten (Juso) wollen Pornographie deshalb zum Pflichtstoff in der Sexualkunde machen. Sogar Pornofilme sollen mit Zwölfjährigen angeschaut und besprochen werden. «Es geht uns um die Rollenbilder, die über solche Filme vermittelt werden. Die Jugendlichen entdecken gerade ihre Sexualität und werden mit unterwürfigen, willigen Frauen konfrontiert, über die sich Männer hermachen. So funktioniert das aber nicht», sagt Juso-Zentralsekretärin Tanja Walliser. Zwar stünden vor allem die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder umfassend aufzuklären. Die Realität sei aber oft anders. Wenn es bereits den Eltern unangenehm sei, über Sex und Pornographie zu sprechen, dann würden sich auch die Kinder anderswo Hilfe suchen. «Wir wollen die Aufklärung aber nicht einfach der Pornoindustrie überlassen», so Walliser.

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Kämpfer im Spiel – Gewinner im Job?

Computerspiele machen einsam und aggressiv, so ein verbreitetes Vorurteil. Namhafte Wissenschaftler sehen das anders: Erfolgreiche Gamer stellen mit ihren Fähigkeiten die künftige Wirtschaftselite.

Balz Ruchti und Peter Johannes Meier

Wer wissen will, wie Unternehmen in zehn Jahren geführt werden, muss sich Online-Spiele anschauen. Das ist kein Werbespruch aus der Game-Industrie, sondern die Erkenntnis von Kommunikationsforschern der Stanford-Universität in Kalifornien. Byron Reeves und sein Team analysierten, wie sich weltweit tätige Unternehmen entwickeln, und haben für sie die künftigen Führungskräfte entdeckt: erfolgreiche Online-Gamer. Das Spielen im Netz macht keineswegs dumm, einsam oder gar aggressiv – im Gegenteil: Es ist karriere- und wirtschaftsfördernd, so das Fazit der Studie «Virtuelle Welten – echte Führer».

Laut den Forschern werden sich Unternehmen künftig noch mehr aufgliedern und über alle Kontinente hinweg vernetzen. Dadurch müssten immer mehr Aufgaben virtuell koordiniert und ausgeführt werden – ohne dass darunter Zwischenmenschliches leiden darf. Der Manager, der mit Powerpoint-Präsentationen im Köfferchen Flugzeuge besteigt und seinen Mailverkehr an die Sekretärin delegiert, wird hier zweifellos an Grenzen stossen.

Was Führungskräften künftig abverlangt wird, lernen junge Gamer heute in ihrer Freizeit. Den Teilnehmern grosser Online-Rollenspiele, sogenannter Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs), stellen sich Aufgaben, die sie – wie Manager – alleine nicht mehr lösen können. «World of Warcraft» ist ein solches Spiel, das derzeit zwölf Millionen Nutzer weltweit vereint. Führer dirigieren Gruppen von Spielern, sogenannte Gilden, auf gemeinsamen Missionen. Wer sich hier als Leader halten oder aufsteigen kann, beweist Führungstalent. Bei einer Umfrage unter IBM-Managern mit Game-Erfahrung gab fast die Hälfte an, dass das Spielen ihre Führungsqualitäten verbessert habe, schreibt die «Harvard Business Review» 2008. Was macht Online-Gildenleader zu besseren Managern?

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Die Göttinnen und das Geld

© Beobachter 2010

In Thun wird für ein undurchsichtiges Projekt in Pakistan gesammelt – selbst der Stadtpräsident und eine Nationalrätin helfen mit. Nun wird Kritik aus den eigenen Reihen laut.

Peter Johannes Meier

Sterne heissen in Pakistan Sitaaras. Zwei gibt es auch im Berner Oberland, sie irrlichtern in Thun. Förderverein Sitaara heisst der eine, er sammelt Geld, um jungen Frauen in Pakistan eine Ausbildung als Näherinnen zu finanzieren.

Sitaara nennt sich auch ein esoterischer Treffpunkt und Laden in der Thuner Altstadt, in dem Therapeutin Verena Anliker «Heilketten» verkauft und eine Gruppe von Frauen betreut, der sie die «radikale Vergebung» lehrt, wozu die Halsketten hilfreich sein sollen. Vergeben müssen sich die Frauen vor allem selber. Nur so könnten sie den Graben zwischen Menschsein und Göttlichkeit etwas verkleinern. Das gelingt immerhin insoweit, als sich die Frauen gern als «Göttinnen» bezeichnen.

Einige arbeiten gegen einen Naturallohn im Sitaara-Laden. Damit können sie sich die zum Teil mehrere hundert Franken teuren «Heilketten» kaufen. Oder Frauenkleider aus Pakistan, sogenannte Punjabis, die der Laden ebenfalls im Angebot hat, die sogenannte Sitaara-Fashion. Die Kleider werden allerdings «aus Qualitätsgründen» nicht von den unterstützten Näherinnen gefertigt, sondern von Männern in Pakistan, von professionellen Schneidern.

Ein halbes Dutzend «Göttinnen» wandelt so in Punjabis durch Thun und ist in corpore im Vorstand des Fördervereins Sitaara vertreten. Anliker nimmt dort als Beirätin an den Sitzungen teil. Der Verein wird von rund 100 Mitgliedern alimentiert, darunter Prominente wie der abtretende Thuner Stadtpräsident Hans-Ueli von Allmen (SP) oder die National- und Gemeinderätin Ursula Haller (BDP), die sich im November um das Stadtpräsidium bewirbt.

Die Stadt Thun hat den Verein bisher einmal mit 5000 Franken unterstützt, die reformierte Kirchgemeinde hat für die «Hilfe zur Selbsthilfe» schon mehrmals ihre Kasse geöffnet. Rund 10000 Franken nimmt der Verein jährlich aus Mitgliederbeiträgen und Spenden ein, 2005 konnte der Bau der Näherei in Pakistan gar mit 63000 Franken finanziert werden.

Hilfe für Pakistan, modisches Multikulti und etwas Erleuchtung im Berner Oberland – gegen diese Mischung wäre kaum etwas einzuwenden. Doch seit einigen Monaten rumort es in den Thuner Sitaaras. «Da war zuerst dieses ungute Gefühl, als schon wieder Geld für das Gebäude der Näherei in Pakistan gesprochen werden sollte, dieses Mal für eine Fassadensanierung», sagt ein langjähriges Vorstandsmitglied.

WAS IN PAKISTAN LÄUFT, IST UNKLAR

Zusammen mit weiteren Kritikern und einer aussenstehenden Person begann man, Organisation und Geldflüsse der Sitaaras zu analysieren. So kam eine Reihe von Ungereimtheiten zutage, die bis heute weder von der Vereinspräsidentin – eine der wenigen Nicht-«Göttinnen» im Vorstand – noch von Beirätin Anliker geklärt worden sind. Ein letztes Ultimatum, die Fragen zu beantworten, verstrich im September. Die Kritiker seien nie zu einer Aussprache am runden Tisch bereit gewesen, entgegnet Präsidentin Christine Vogel. «Wir wollen klare Antworten auf klare Fragen, keine Gruppentherapie», sagt ein Vereinsmitglied.

Organisation und Geldflüsse der Sitaaras sind schwer zu erfassen. Und über das Projekt in Pakistan sind kaum verlässliche Informationen erhältlich. Wie viele Frauen von den Zuwendungen des Fördervereins profitiert haben, ist nirgends erfasst. Wer sie genau sind, ist unbekannt, es werden keine Diplome für die Ausbildung ausgestellt.

Für das Projekt «vor Ort» verantwortlich ist der mit seiner Familie in Deutschland lebende Partner von Anliker, Jamil Khan. Ihm gehört auch die mit Vereinsgeldern gebaute Näherei. Gemäss Khan sollen bereits rund 200 Frauen eine mehrmonatige Ausbildung genossen haben. Er selber war allerdings seit anderthalb Jahren nicht mehr dort. Für die Ordnung im Haus sorgt seine Schwester, die auch Lohn aus der Schweiz bezieht. «Sie wird von einem Vereinsmitglied persönlich gesponsert», erklärt Präsidentin Vogel.

Weitere Verwandte der Familie Khan wohnen im Umfeld der Näherei. «Solange nicht Klarheit darüber herrscht, wer hier wofür Geld erhält und wer genau die Schule besucht, bleibt der Verdacht, dass hier Dritte zu Unrecht profitieren», warnt ein ehemaliges Vereinsmitglied.

Die Kritik an Sitaara zielt auch nach Thun: In den Sitaara-Laden fliesst ebenfalls Geld aus dem Förderverein. Keine grossen Beträge, 2000 Franken waren es 2009. Doch eigentlich sollte der Laden aus dem Erlös des Kleiderverkaufs das Hilfsprojekt mitunterstützen. «Der Laden rentiert zurzeit aber nicht», so Anliker.

Ursula Haller und Hans-Ueli von Allmen stehen nach wie vor hinter dem Förderverein. «Die bei der Gründung des Vereins verantwortlichen Vorstände konnten meine Fragen damals überzeugend beantworten», sagt von Allmen, der darauf ein persönliches Empfehlungsschreiben für den Verein verfasste. Und Ursula Haller, die den Verein auch mit Gönnerbeiträgen unterstützt, betont, dass der Förderverein alle Geldflüsse nach Pakistan protokolliere und die Buchhaltung auch revidiert werde. Zum konkreten Projekt in Pakistan konnten beide keine Auskunft geben.

PRO PROBLEM EINE HALSKETTE

Verena Anliker wittert ein anderes Motiv hinter dem Angriff auf Sitaara: «Ich werde seit Jahren von einem Exgatten eines Vorstandsmitglieds verleumdet. Er hat fälschlicherweise den Eindruck, ich würde Frauen in ihren Entscheiden beeinflussen.» Kritik an Anlikers Arbeit kommt aber auch von einem ehemaligen Mitglied der Frauengruppe: «Die Mitgliedschaft für die monatlichen Treffen kostet 250 Franken – pro Monat! Hinzu kommen Ausgaben für Therapien, Kurse und die überteuerten Halsketten. Für jedes neue Problem sollte dann eine neue Kette gekauft werden. Selbstverständlich kann das eine Beziehung belasten.»

Mehr Selbstkritik und weniger Selbstvergebung ist offenbar nicht der Weg, den Sitaara gehen will. Vielmehr will man jetzt Strafanzeigen prüfen.

U-Haft ruiniert Treuhänderin

© Beobachter 2010
Die Zürcher Staatsanwaltschaft untersucht einen Fall von Cannabis-Handel. Eine Treuhänderin sitzt seit Monaten in Untersuchungshaft. Sie beteuert ihre Unschuld. Doch die Haft hat sie bereits ruiniert.

Peter Johannes Meier

Hanfhändler haben innerhalb von zwei Jahren 150 Kilogramm Canna- bis per Zug aus der Schweiz nach Österreich geschmuggelt. Die zwei Haupttäter, ein 39-jähriger Geschäftsmann von der Zürcher Goldküste und ein 29-jähriger Koch aus Südtirol, sitzen seit bald einem Jahr in Österreich im Gefängnis. Dort war- ten mehrere Jahre Freiheitsstrafe auf sie.

Der Schweizer Drogenhändler war Mit- besitzer einer Hanfplantage, der Südtiroler transportierte das Kraut jeweils im Rucksack nach Österreich.

Doch wohin floss das Geld aus dem Drogenhandel? Die Zürcher Staatsanwältin Gabi Alkalay hat eine Treuhänderin aus dem Zürcher Unterland im Visier. Ihr will sie Geldwäscherei nachweisen, deshalb sitzt die 44-Jährige seit Monaten in Untersuchungshaft. Ende 2009 hatte sie zusammen mit dem Hauptangeklagten eine legale Firma für Duftträger gegründet, die wegen der Verhaftung allerdings nie geschäftsaktiv wurde. Zudem hatte sie früher die Steuererklärung für eine weitere Firma des Schweizers gemacht.

Die Frau beteuert ihre Unschuld: «Viel- leicht habe ich Fehler gemacht, war zu gut- gläubig. Aber ich würde mich nie auf Drogengeschäfte einlassen. Und mein damaliger Kunde war ja nicht als Drogenhändler angeschrieben», sagt die Tochter eines Drogenfahnders. Sie müsse sofort freigelassen werden, entschied das Bundesgericht Ende August. Zwei Monate hatte sie bereits abgesessen, doch die Staatsanwältin wollte sie hinter Gittern behalten; die Treuhänderin könne Beweismittel vernichten oder Zeugen beeinflussen. Doch ihre geschäftlichen und privaten Unterlagen waren bei Hausdurchsuchungen bereits beschlagnahmt worden – und die Haupttäter sitzen ja bereits im Gefängnis.

Die Freiheit sollte für die Treuhänderin nur eine Episode werden. Drei Wochen nach ihrer Entlassung wurde die gesundheitlich angeschlagene Frau erneut verhaftet. Diesmal brachte die Staatsanwältin Aussagen eines Drogenhändlers vor, wo- nach die Treuhänderin gewusst haben soll, um was für Geschäfte es ging. Und sie soll Geld für das Bezahlen von Rechnungen des Haupttäters entgegengenommen haben. «Einfach ignoriert wird, dass die pauschalen Aussagen der Verhafteten widersprüchlich und unbelegt sind und dass für die Überprüfung der Vorwürfe keine Haft nötig ist», sagt ihr Anwalt Dieter Aebi. Erneut hat er das Bundesgericht angerufen, der Entscheid steht noch aus. Gegen die Staatsanwältin hat er Anzeige wegen Freiheitsberaubung erstattet. Das Obergericht wollte die entsprechende Untersuchung gegen die Staatsanwältin bereits einstellen, dagegen läuft nun ein Rekurs.

«ALLE KONTEN SIND BLOCKIERT»

Während der Untersuchungshaft hat die Polizei mehrere Unternehmen im Kanton Zürich durchsucht, für welche die Treuhänderin gearbeitet hatte oder an denen sie beteiligt ist. Mit schwerwiegenden Fol- gen. «Über eine der Firmen hätten Löhne ausbezahlt werden sollen. Doch alle Konten sind blockiert», sagt die Frau. Dadurch seien auch ganze Familien in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Die Haft hat ihr gesundheitlich zugesetzt. Ihr Arzt stellte nach der Entlassung einen alarmierenden Eisenmangel fest. Und eine Hautkrankheit konnte sie im Gefängnis trotz den selber mitgebrachten Salben nicht behandeln. Finanziell kommt die Frau nur noch dank der Unterstützung von Verwandten über die Runden, da ihre Konten blockiert sind. Seit der erneuten Verhaftung machen sich die Angehörigen Sorgen um die gesundheitliche Verfassung der Frau. Erst als Folge der Anzeige gegen die Staatsanwältin hat das Obergericht eine Untersuchung der Hafterstehungsfähigkeit angeordnet.

Die Polizei beschlagnahmte auch eine ganze Lastwagenladung Dokumente aus einem Garagenbetrieb des Ex-Gatten der Treuhänderin. «Hier wird einfach grossflächig alles abgegrast, in der Hoffnung, irgendwas zu finden, auch wenn es mit der Drogengeschichte nichts zu tun hat», sagt der Garagist. Ein Verdacht, der sich mittler- weile zu bestätigten scheint. In der Haft hat die Treuhänderin gestanden, einem ihrer Kunden bei Steuerdelikten geholfen zu haben. Dafür muss sie wohl mit einer Geldstrafe rechnen. Ein solches Delikt hätte aber nie eine Untersuchungshaft gerechtfertigt.

Die Untersuchungshaft sagt auch nichts darüber aus, ob jemand schuldig ist oder nicht. Und zumindest in der Theorie ist die U-Haft auch keine Strafe. Sie soll lediglich ein ordentliches Verfahren gewährleisten, wenn dies sonst nicht möglich ist – weil jemand fliehen, Beweismittel vernichten oder Zeugen beeinflussen könnte. Oder eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellt.

Doch für Verhaftete sind die Auswirkungen meist so gravierend, dass sie die Untersuchungshaft als Strafe ohne Urteil wahrnehmen. Plötzlich aus dem beruflichen Alltag herausgerissen und von Ver- wandten und Bekannten abgeschnitten, können sie ihren Verpflichtungen meist nicht mehr nachkommen.

«DAS DARF NIE EIN GRUND FÜR EINE U-HAFT SEIN»

Regelmässig rügt das Bundesgericht Haft- entscheide, weil keine Gründe für eine Inhaftierung vorhanden sind. So mussten die Zürcher Behörden im September einen jungen Mann freilassen, der im Verdacht steht, an einer gewalttätigen 1.-Mai-Nachdemonstration teilgenommen zu haben. Er wurde elf Monate nach dem Anlass in Haft gesetzt, nachdem die Polizei in einem Ab- wasserschacht nahe einer beschädigten Bankfiliale ein Tuch mit seinen DNA-Spuren gefunden hatte. Für die Untersuchung dieses Falles sei keine Haft nötig, entschied das Bundesgericht. Ebenfalls im September hob das Bundesgericht einen Haft- richterentscheid aus dem Kanton Aargau gegen einen Einbrecher auf, weil es schlicht an einer Begründung für die Haft fehlte.

Der Basler Strafrechtsprofessor Peter Albrecht war selber Haftrichter. Er sagt: «Verdächtige werden oft vorschnell in Untersuchungshaft gesetzt.» Und er hat auch eine Erklärung dafür: «Sitzt ein Tatverdächtiger in Haft, können die Ermittlungen viel bequemer durchgeführt werden. Die Per- son ist dann immer greifbar. Das darf aber nie der Grund für eine Untersuchungshaft sein.» Verdunkelungsgefahr werde aber schon fast automatisch vorgebracht und von Haftrichtern auch angenommen. Konkret könne sie dann aber oft nicht begründet werden.

Update 26/11/10

Treuhänderin zum zweiten Mal freigelassen

Das Bundesgericht rügt erneut die Zürcher Staatsanwaltschaft. Eine Treuhänderin, die wegen Verdachts auf Geldwäscherei verhaftet worden war, musste Ende Oktober zum zweiten Mal sofort aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Die Befürchtung der Zürcher Behörden, die 44-Jährige könnte ihre Freiheit nutzen, um das Strafverfahren zu behindern, sei reine Spekulation.

Bereits Ende August hatte das oberste Gericht festgehalten, dass keine Haftgründe gegen die Unternehmerin vorliegen. Nur drei Wochen nach ihrer Freilassung wurde sie erneut verhaftet, weil sie Geld von einem Cannabishändler entgegengenommen haben soll. Die Treuhänderin bestreitet den Vorwurf.

Einer ihrer Kunden, für den sie die Steuererklärung gemacht hatte, war vor einem Jahr in Österreich wegen Cannabishandels verhaftet worden. Er und weitere Mittäter hatten rund 150 Kilogramm Marihuana aus der Schweiz nach Österreich geschmuggelt.

Gegen die zuständige Staatsanwältin Gabi Alkalay hat die Treuhänderin Strafanzeige wegen Freiheitsberaubung eingereicht. Während der monatelangen Untersuchungshaft konnte sie ihren geschäftlichen Verpflichtungen nicht nachkommen, was sie finanziell ruiniert und psychisch stark belastet habe.


Job schon wieder weg

© Beobachter 2010
Die Prix-Courage-Trägerin Esther Wyler verliert erneut ihre Anstellung. Angeblich hat sie sich im Ton vergriffen.

Peter Johannes Meier

Die Gemeinde Ostermundigen will Esther Wylers befristeten Arbeitsvertrag als Juristin im Sozialamt 2011 auslaufen lassen. Fachlich wird ihr nichts vorgeworfen. Im Gegenteil: Wyler war 2009 gar im Rennen um eine Vorgesetztenstelle. In der Endrunde erhielt ein Mitbewerber den Job.

Im Einschätzungsbericht werden der 51-Jährigen positive Eigenschaften zugeschrieben. Auch eine Führungsposition wird Wyler grundsätzlich zugetraut. Weil sie aber «weder Ruhe noch Gelassenheit und Optimismus» ausgestrahlt habe, riet der Personalberater von ihr ab. Zudem erwähnt er einen «mit Resignation verbundenen Rückzug in die Tierwelt»; Wyler hat einen Hund. «Den Entscheid habe ich akzeptiert. Die Argumentation kann ich aber nicht nachvollziehen», sagt sie.

So erging es auch ihrem persönlichen Coach. Dessen Kritik leitete Wyler an Vorgesetzte weiter, was dort offenbar nicht gut ankam. «Seit dem Assessment ist die Zusammenarbeit schwieriger geworden», sagt Gemeindepräsident Christian Zahler. Inwiefern, wollte er mit Hinweis auf den Persönlichkeitsschutz nicht sagen.

SAGEN WAS MAN DENKT

Offenbar war Wylers Vorgehen aber Grund, sie im Frühling 2010 erneut nur befristet anzustellen. Wyler wehrte sich. «Um mich herum wurden seit neun Monaten Mitarbeiter mit ganz normalen Verträgen neu angestellt. Ich verstand nicht, weshalb ich trotz guten Qualifikationen nicht gleich behandelt werde», so Wyler. In mehreren E-Mails beantragte sie eine unbefristete Anstellung. Zudem stellte sie in Frage, ob eine erneute Befristung überhaupt rechtmässig sei. Dabei habe sie sich im Ton vergriffen, wirft ihr der Gemeindepräsident vor.

Arbeitskollegen zeigen sich erstaunt. «Die meisten wussten gar nicht, dass Wyler nur befristet angestellt war», sagt eine Mitarbeiterin. Offenbar geniesst sie grosses Vertrauen. «Wyler ist kompetent, hilfsbereit und keineswegs resigniert. Das hört man auch von anderen Ämtern, mit denen wir zusammenarbeiten.» Dass sie eine sei, die sagt, was sie denkt, werde durchaus positiv wahrgenommen.

Daran will Wyler nichts ändern – «auch wenn ich keinen Job im Sozialbereich mehr finden sollte».

„Kritik am Missbrauch ist kein Kampf gegen die Sozialhilfe“

Enterprise im Sturzflug

© Beobachter 2010

Die Schweizer Talis Enterprise will in Deutschland Touristen in den Weltraum schiessen. Die Firma entpuppt sich als Fassade für undurchsichtige Geldbeschaffer.

Peter Johannes Meier

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2008. Die Talis Enterprise kündigt Flüge für Touristen in 120 Kilometer Höhe an, ein paar Minuten Schwerelosigkeit. 2012 sollten erste Passagiere für 150000 Euro abheben.

August 2010: Die Talis, eine Briefkastenfirma in Morschach SZ, hat ein Problem. Verwaltungsratspräsident Hans Ulrich Ammann ist abgesprungen. «Das nötige Geld ist nicht zusammengekommen.» Wie viel Geld in der Kasse liege, wisse er nicht, das Ganze sei «etwas intransparent».

Ammann war von deutschen Geschäftsleuten als einziger Schweizer in den Verwaltungsrat geholt worden. Sein Langenthaler Unternehmen Swiss Propulsion Laboratory soll den Raketenantrieb für das Raumschiff bauen. «Wir würden unseren Beitrag gern leisten, falls sich das Projekt finanzieren lässt.» Ganz aufgegeben hat er es noch nicht. Ebenso die beiden deutschen Initiatoren des Projekts. Sie arbeiten seit Jahren an der Verwirklichung ihres Traums: das Raumschiff Enterprise, das fünf Passagiere in den suborbitalen Raum befördert.

FIASKO FÜR INVESTOREN

Ob es je dazu kommen wird, ist fraglich. Um an Kapital zu gelangen rund 100 Millionen Euro werden angeblich gebraucht –, haben sich die Unternehmer auf einen umstrittenen Geldbeschaffer und Mitaktionär eingelassen: Jan Richard Emmert. Der Deutsche arbeitete bisher in einem losen Netzwerk von Geschäftsleuten aus dem Raum Frankfurt, die seit Jahren Investoren für neue Geschäftsideen suchen.

Die Projekte endeten für die Anleger regelmässig in einem Fiasko. Deren Geld floss nämlich weniger in die Geschäftsidee, sondern versickerte im Umfeld der Geldbeschaffer. So geschehen bei der Firma Nicstic, die eine rauchlose Zigarette auf den Markt bringen wollte, bei Swiss Chillmi, die ein Entspannungsgetränk versprach, bei Seabed, die versunkene Schiffe bergen wollte, oder bei der Jackpot System Tipp AG, die um Aktionäre für Lotto-Spielgemeinschaften warb. Mehrere dieser Firmen hatten ihr Domizil in Zug – an derselben Adresse wie Emmerts eigene Firma, die Peers Consulting AG.

Die Projekte der «Frankfurter Schule» haben noch etwas gemeinsam: Rhetorisch geschickte Verkäufer telefonieren jeweils potentielle Investoren ab, auch in der Schweiz. Ein baldiger Börsengang soll den Aktienwert angeblich in die Höhe treiben. Auch für die Talis wurde ein Börsengang angekündigt – auf Ende 2009.

EIN LUFTIGES PROJEKT

Emmert versucht zu beruhigen: «Noch im September wird die Talis mit neuem Verwaltungsrat und neuem Domizil die rechtlichen Erfordernisse wieder erfüllen.» Zum Thema Finanzen sagt er nur so viel: «Die Wirtschaftskrise hat das Projekt um einige Jahre zurückgeworfen.» Man stehe aber in Verhandlungen mit Investoren, auch die malaysische Regierung zeige Interesse.

Derweil bricht das Kartenhaus Talis zusammen. So will der ostdeutsche Flugzeugbauer Xtremeair nichts mit dem Talis-Projekt zu tun haben. «Es gab eine unverbindliche Anfrage. Eine Zusammenarbeit ist aber nie entstanden. Dennoch benutzt uns die Talis als Aushängeschild», beschwert sich Geschäftsleiter Harro Möwes.

Ein weiterer angeblicher Talis-Partner ist der deutsche Gastronom Gerd Käfer. Auf Talis-Webseiten präsentiert sich das Unternehmen mit dem Gourmetpapst, der die Fluggäste künftig im schwerelosen Raum verköstigen soll. «Gerd Käfer wurde vor einiger Zeit von Herrn Emmert angefragt, ob er die Menüs für Reisende zusammenstellen könnte. Seither haben wir von der Talisnichts mehr gehört», sagt eine Mitarbeiterin. Eine Kooperation gebe es nicht.

Für Weltraumflüge scheint das Talis-Projekt etwas gar luftig zu sein. Sollte es irgendwann doch zum Countdown kommen, sollen die Flüge über das Unternehmen Space Travellers verkauft werden. Dieses vermittelt bereits heute Astronautentrainings und Jetflüge. Die sind zumindest echt – auch wenn dafür mit der Schweizer Möchtegern-Astronautin Barbara Burtscher geworben wurde.

Wohnen tut not

© Beobachter 2010

Bald wohnen nur noch Reiche in den Zentren: Die Immobilienpreise steigen und drängen Normalverdiener aus der Stadt. Das Rezept dagegen: mehr Genossenschaftsbauten.

Andrea Haefely, Peter Johannes Meier, Martin Vetterli

Es gebe kein Menschenrecht aufs Wohnen im Seefeld. Mit diesem Spruch brachte der Direktor des Schweizer Hauseigentümerverbands die Wohnungsnotdebatte im Zürcher Trendquartier auf einen Punkt, der rundum provoziert. Nur: «Seefeldisiert» – von Besserverdienenden verdrängt – fühlen sich mittlerweile auch Bewohner anderer Quartiere – und in anderen Städten.

Einen Kilometer westlich vom Seefeld, im Escherpark, kommt der Spruch besonders schlecht an. Dort will die Credit Suisse 13 Mehrfamilienhäuser mit Baujahr 1941 abbrechen und Luxuswohnungen hochziehen. «Die Häuser entsprechen nicht mehr den zeitgemässen Bedürfnissen von Mietobjekten an dieser Lage», begründete die CS den 75 Mietern die Kündigung.

«DAS SCHLIMMSTE IST DER ZYNISMUS»

Ausziehen muss auch die Familie Obi. Dreieinhalb Jahre hatten sie im Quartier eine grössere Wohnung gesucht, nachdem ihr erstes Kind zur Welt gekommen war. In der CS-Siedlung waren sie endlich fündig geworden, auch wenn ihnen die Vierzimmerwohnung für 2700 Franken eigentlich zu teuer war. «Endlich hatte diese nervenaufreibende Sucherei ein Ende», erzählt Regula Obi. Doch neun Monate später kam die Kündigung: «Niemand hat uns gewarnt, niemand hat je etwas von Abbruch gesagt.» Es habe stets nur geheissen, die Küchen und Bäder würden irgendwann saniert. Das Schlimmste aber sei der Zynismus: «Man redet immer von Häusern, die Sanierungsbedarf haben. Als würden wir Menschen, die hier ihr Zuhause haben, die hier verwurzelt sind, nicht existieren.»

«Seefeldisierung»: Im Zürcher Trendquartier am See weichen günstige Altbauten teuren Luxuswohnungen. Bild: Oliver Lang

Dass die Credit Suisse ausgerechnet in Zürich die Bagger auffahren lässt, ist kein Zufall. Denn immer mehr Leute wollen hier leben, viele kommen direkt aus dem Ausland an die Limmat. Es herrscht Wohnungsnot. Der Anteil leerer Wohnungen ist in Zürich auf 0,05 Prozent gefallen – nur eine von 2000 Wohnungen steht leer. In Genf ist es immerhin eine von 500, in Basel eine von 110. «Zürich hat an Attraktivität gewonnen. Die Kehrseite davon sind steigende Mieten», bestätigt Marco Salvi, Immobilienökonom bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Trotz reger Bautätigkeit übersteige die Nachfrage das Angebot bei weitem. Die Folge: Die Mieten steigen und steigen. Viele Hausbesitzer nutzen dies aus und erhöhen den Mietzins. Manche tun dies auch ohne Investitionen bei Mieterwechseln – gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts darf der Mietzins um nicht mehr als 10 Prozent der bisherigen Miete erhöht werden. Doch wer wehrt sich schon bei höheren Aufschlägen, viele wollen vor allem eines: endlich eine Wohnung.

Die rasant wachsenden Mietzinse spiegeln sich im Stadtzürcher Mietpreisindex. Von 1993 bis 2000 verteuerten sich die Mieten gerade mal um 1,3 Prozent, in den letzten zehn Jahren schnellten sie um 17,6 Prozent in die Höhe. Dasselbe passierte am Genfersee: In Lausanne erhöhten sich die Mietpreise in den letzten fünf Jahren um 14,5, in Genf gar um 18,3 Prozent. In Lugano und Basel hingegen stiegen sie nur um sechs Prozent, in Bern um 5,3 Prozent, in St. Gallen gar nur um 3,5 Prozent.

JE MEHR ZUZÜGER, DESTO TEURER

Wichtigster Treiber dieser Entwicklung ist die Zuwanderung. Das Millionen-Zürich wirkt wie ein Magnet auf Migranten – insbesondere auf junge, gutausgebildete, kinderlose Fachleute aus dem Norden und dem Westen. Das führe auf dem Wohnungsmarkt zu einem eigentlichen Verdrängungswettbewerb, schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft in einer Studie.

Die Nationalbank-Ökonomen Kathrin Degen und Andreas M. Fischer haben am Beispiel von Einfamilienhäusern errechnet, dass ein Prozent Immigration das Wohneigentum im Schnitt um 2,7 Prozent verteuert. Ein Effekt, mit dem auch die Mieten steigen. Für Zürich heisst das: Wächst die Stadtbevölkerung um 3650 Personen, steigt der Durchschnittszins einer 2000-Franken-Wohnung um über 50 Franken. In den letzten Jahren sind nur schon aus dem Ausland 20’000 Personen in die Limmatstadt gezogen. Kommt dazu: «Die Bestandsmieten zeichnen ein geschöntes Bild», warnt ZKB-Immobilienexperte Marco Salvi. Wo es keine Mieterwechsel gibt und nicht gross saniert wird, seien die Preise ziemlich konstant. «Bei Neuvermietungen dagegen beobachten wir etwas ganz anderes: Diese Mieten sind in den letzten zehn Jahren deutlich mehr als die Inflation gestiegen.»

Die Folge: Die Yuppisierung greift um sich. «Die Nachfrage nach Wohnraum in den Zentren nimmt beständig zu. Manche Alteingesessenen sind nicht in der Lage oder nicht bereit, so viel fürs Wohnen auszugeben», so Salvi. Deshalb suchten so viele eine Wohnung in der Agglomeration oder kauften sich ein Häuschen auf dem Land, was wegen der rekordtiefen Hypothekarzinsen verlockend scheint. Steigen sie aber, wird die Luft für viele Häuslebauer dünn. Die Nationalbank warnt bereits vor einer Überhitzung des Wohnungsmarkts.

Wie der Umbau der Stadt Zürich abläuft, sieht man im Langstrassenquartier, das sich vom Ausländer- zum Trendviertel wandelt. Kinderlose Gutverdiener drängten so stark ins Quartier, dass sich sogar der Altersmix geändert hat. Der Anteil von 21- bis 45-Jährigen ist rasant gestiegen, auf Kosten von Älteren und Familien mit Kindern. Von einer breiten Yuppisierung des «Chreis Cheib» könne dennoch nicht die Rede sein, findet Brigit Wehrli, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich. Dass Zuzüger die Wohnungen in frisch gebauten oder sanierten Häusern übernehmen würden und dafür deutlich mehr Miete zahlten, sei grundsätzlich eine positive Entwicklung: «Die Gefahr der Verslumung des von der Sex- und Drogenszene beherrschten Quartiers konnte gebannt werden.» Es sei zu einer «generellen Hebung des Levels von Wohnraum» gekommen, wie man sich das vor zehn Jahren erhofft habe.

Nicht nur sozial Schwächere oder Alte finden nur noch mit Glück Wohnraum in der Innenstadt, auch Mittelstandsfamilien bekunden grosse Mühe. Wie etwa Daniela und Daniel Röttele, die bis Juli in einer 3½-Zimmer-Wohnung im Seefeld wohnten. Als vor vier Jahren ihr zweites Kind zur Welt kam, begannen sie sich nach etwas Grösserem umzuschauen. Akut wurde die Situation vor anderthalb Jahren, als das dritte Kind unterwegs war. Rötteles schrieben Genossenschaften an, durchforsteten Zeitungen und das Internet, standen x-mal Schlange bei Besichtigungen. Ohne Erfolg. «Es war zum Verzweifeln», sagt Daniel Röttele. Fündig wurden sie in letzter Minute in einer städtischen Siedlung, bei der sie sich zuvor schon dreimal beworben hatten. Jetzt zieht die Familie in eine 2200 Franken teure Fünfzimmerwohnung im selben Quartier. «So etwas findet man auf dem freien Wohnungsmarkt nicht mehr. Wir hätten die Stadt verlassen und von unseren Freunden wegziehen müssen.»

GEMEINNÜTZIGE SIEDLUNGEN ALS AUSWEG

Stadtpräsidentin Corine Mauch kennt das Problem: «Zürich will ein Wohnort für alle Bevölkerungsschichten bleiben.» Und wenn es seine Eigenart als Stadt mit einer kleinräumigen Verteilung verschiedener Einkommensschichten und Lebensformen behalten will, müsse Zürich den Anteil genossenschaftlicher und kommunaler Wohnungen bei mindestens 25 Prozent halten. Weil die Stadt weiterwächst, geht das nur, wenn neue gemeinnützige Siedlungen gebaut werden.

Der Zürcher Wohnungsmarkt ist angespannt, ohne gemeinnützigen Wohnungsbau wäre er desolat. Rund 25 Prozent aller Zürcher Wohnungen gehören Bauträgern, die nicht renditeorientiert sind, vier Fünftel davon, also 20 Prozent aller Wohnungen der Stadt, gehören Genossenschaften. Mit diesem hohen Anteil steht Zürich aber allein da. Schweizweit ist der Anteil der Wohnbaugenossenschaften seit den Fünfzigern von rund zehn auf gut fünf Prozent gesunken. Fast ein Viertel aller Genossenschaftswohnungen steht heute in Zürich.

Land ist knapp in der Schweiz, erst recht im urbanen Raum. Die Antwort heisst verdichtetes Bauen. Die Rechnung ist einfach: Höhere Bauten auf gleicher Fläche bieten mehr Wohnraum. Diesen Weg hat die Baugenossenschaft BDZ in Zürich eingeschlagen. Die 1922 gegründete Genossenschaft war in der komfortablen Lage, dass sie sich überlegen musste, wie sie ihr Geld am sinnvollsten anlegt, statt es nur zu versteuern: Sanierung, Teilsanierung oder Abbruch und Neubau ihrer Bauten in Wipkingen? Die Genossenschaftler entschieden für den Abbruch und einen Ersatzneubau der ganzen Siedlung von derzeit 147 Wohnungen, drei Läden und einem Kindergarten.

«Es kann absolut sinnvoll sein, gesunde Bausubstanz abzubrechen», findet BDZ-Präsident Beat Schwarz. Die Wohnungen seien nach heutigen Massstäben zu klein, und Installationen hätten früher oder später ohnehin saniert werden müssen. Und last, not least werde zusätzlicher, zeitgemässer Wohnraum geschaffen. Für die Genossenschaftler bedeutet der Neubau ein- bis zweimal umziehen. Und höhere Mieten. Dennoch haben sie dem Projekt mit 70 Prozent zugestimmt: Eine 4½-Zimmer-Wohnung wird mit rund 2000 Franken im Monat nicht billig sein, aber immer noch ein gutes Stück unter gängigen Preisen.

MUTIGE KONZEPTE – ZAHLBARE MIETEN

Genossenschaftswohnungen hängt immer noch der Ruch des Biederen, Kleinlichen, Ärmlichen an. Dabei sind gerade Baugenossenschaften oft besonders mutig beim Entwickeln und Umsetzen neuer Konzepte. Die kleine Winterthurer Genossenschaft Gesewo etwa plant für über 83 Millionen Franken ein «Mehrgenerationenhaus» auf dem ehemaligen Sulzer-Gelände – mit 154 Wohnungen, Gewerbeflächen, Büros und Ateliers. Ziel sind nicht in erster Linie billige Mieten, sondern das gemeinsame Wohnen über die Generationen hinweg. «Theoretisch könnte man das ganze Leben in dieser Siedlung verbringen», sagt Yvonne Rudolf vom Architekturbüro Galli & Rudolf, das den Wettbewerb um das Projekt gewonnen hat. Es sei spannend, mit der Gesewo zusammenzuarbeiten. «Sie funktioniert zwar praktisch basisdemokratisch, aber auch sehr professionell.» Wer hier einzieht, mietet ein ganzes Umfeld mit Infrastruktur. Etwa einen Gemeinschaftsraum, eine Bar, eine Krippe, ein Restaurant. Die Wohneinheiten können modular an die Bedürfnisse angepasst werden: Vom Hotelzimmer für Gäste bis zu Zwölfzimmerwohnungen für Alters- oder sonstige WGs ist alles möglich.

Genossenschaften sind per Definition nicht gewinnorientiert, sie bauen für künftige Bewohner. Für das Winterthurer Mehrgenerationenhaus ist aber auch Nachhaltigkeit Programm. Das Haus wird im Minergie-P-Eco-Standard gebaut werden. Und es wird der grösste mehrstöckige Holzbau der Schweiz. «Wir denken sogar über Lehmwände nach», sagt Rudolfs Partner Andreas Galli. Die Nachfrage sei riesig, «obwohl die Wohnungen günstig, aber nicht wirklich billig sind», sagt Rudolf.

Den Gedanken, familienübergreifend und ressourcenschonend zu wohnen, verfolgen Genossenschaften schon lange: 1916 plante die Handwerkergenossenschaft an der Idastrasse in Zürich eine Arbeiterunterkunft mit nur einer Küche für alle. Die Wohnungen sollten klein sein, dafür war mehr Platz für gemeinschaftliche Aktivitäten vorgesehen. Was damals bereits in Wien und Berlin umgesetzt wurde, stiess in Zürich auf Widerstand. Die Wohnungen wurden mit Küchen gebaut.

Die Erkenntnis, dass der Einzelne weniger Platz braucht, wenn genügend Umgebungsraum vorhanden ist, nimmt das Projekt Kalkbreite in Zürich auf. Mitten in der Stadt wird eine ökologische Siedlung entstehen, die laut Projektbeschrieb ein «hohes Mass an Austausch zwischen den Bewohnern voraussetzt». Bei Preisen von weniger als 2000 Franken für eine 100 Quadratmeter grosse Wohnung würden auch gutverdienende Singles sofort zugreifen. Das will die Genossenschaft verhindern. Dem einzelnen Bewohner gesteht sie nur 35 Quadratmeter Wohnungsfläche zu. Dafür gibt es mehr gemeinschaftlich genutzte Fläche. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Flächenverbrauch in Zürich beträgt heute 52 Quadratmeter pro Person.

Utopisch mutet das Projekt «Mehr als Wohnen» an, ein Gemeinschaftswerk von 55 Genossenschaften und der Stadt Zürich. Auf dem Hunziker-Areal, einer Industriebrache zwischen Kehrichtverbrennungsanlage und Autobahn, soll ein ganzes Quartier entstehen: 450 Wohnungen für 1000 Leute sowie 100 Arbeitsplätze. Kostenrahmen: 170 Millionen. Auch hier werden vielfältige Wohnformen geschaffen für verschiedene Generationen und auch für unterschiedlichste Schichten. «Wir wollen eine Infrastruktur für Freiwilligenarbeit, Selbstorganisation und Selbstbestimmung schaffen», sagt Projektleiter Andreas Hofer.

«Der Mensch der Zukunft wohnt nicht nur, er ist auch an Dienstleistungen interessiert», sagt Peter Schmid, Präsident der Genossenschaft. Es wird zwar kaum Parkplätze, dafür aber einen Stützpunkt mit Mietautos geben. Und Schrebergärten, einen Velomech, ein Restaurant. Einen Concierge- und einen Kinderhütedienst, einen Spitex-Stützpunkt und eine Gemeinschaftsärztepraxis. Und die Lebensmittel sollen Bauern aus der Umgebung liefern. Auch hier ist die 2000-Watt-Gesellschaft Programm. «Wir wollen nicht nur so bauen, sondern auch so leben», sagt Schmid. Man wolle bezahlbares Wohnen schaffen, das nachhaltig, ökologisch und sozial ist und 100 Jahre hält: «Wir wollen beweisen, dass öko nicht gleichzusetzen ist mit teuer.» Utopisch? Nein: Baubeginn ist Ende 2011.

INVESTOREN RECHNEN MIT MAXIMALMIETE

Innovativ und trotzdem günstig bauen: Was Genossenschaften leisten, scheint private und institutionelle Anleger heute nicht zu interessieren. Vera Reese, Vizepräsidentin bei Sal. Oppenheim Real Estate, hat kürzlich die Gründe dafür in der NZZ analysiert. Demnach berechnen «Projektentwickler» jeweils die maximal erreichbare Miete an einem Standort und kalkulieren dann die dazu minimal notwendigen Baukosten. Bei den heute tiefen Leerwohnungsbeständen fehle es darum an einem Anreiz, überhaupt in ein tieferes Mietpreissegment zu investieren, kritisiert Reese.

Auf diese Weise wird an den Bedürfnissen einer grossen Mehrheit vorbeigeplant. Bei einem durchschnittlich verfügbaren Einkommen von 6300 Franken sollten sich Schweizer Haushalte nämlich Wohnungen bis maximal 1600 Franken brutto leisten. Das bringen kommerzielle Unternehmen nicht auf den Markt. Sie bauen vielmehr – auch mit dem Geld unserer Pensionskassen – für den oberen Mittelstand und für gutverdienende Zuwanderer. Nicht nur in Zürich: Für Millionäre hat die Karl Steiner AG an der Luzerner «Goldküste» die Residenz Tivoli gebaut. Vier Millionen Franken kostet dort eine Attikawohnung, 550’000 eine 2½-Zimmer-Wohnung ohne Seesicht. Zu teuer? Alle 59 Appartements sind verkauft.

Michael Landolt, Volkswirtschaftsexperte beim Schweizer Hauseigentümerverband (HEV Schweiz), relativiert den Einfluss institutioneller Anleger auf den Markt: «Fast 60 Prozent der Vermieter sind immer noch Privatpersonen, Herr Müller und Frau Meier, keine Versicherungen, keine Aktiengesellschaften – und auch keine Genossenschaften.» Dass Letztere einen positiven Effekt in urbanen Gebieten haben, anerkennt aber auch der HEV. «Wir haben auch nichts dagegen, wenn der Staat dafür eigenes Bauland günstig abgibt. Wenn er aber selber Wohnungen zu Dumpingpreisen auf den Markt bringt, wie etwa in Zürich, verzerrt das den Wettbewerb. Dann haben wir die langen Warteschlangen vor Wohnungen, die schlicht zu billig sind.»

Für die Zürcher Wohnbaupolitikerin Jacqueline Badran (SP) gibt es keine Alternative zur Erhöhung des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Die horrenden Mietzinsen seien Gift für die Wirtschaft, denn das Geld fehle dem Konsum und dem Gewerbe. «Wenn wir zudem in Zukunft keine Armen- und Reichenghettos in den Städten wollen, dann müssen die Gemeinden jetzt verbindlich festschreiben, dass sie ihr Bauland nur noch an nicht gewinnorientierte Bauträger abgeben, vorzugsweise an private Genossenschaften.»

DIE POLITIK MUSS DIE WEICHEN STELLEN

Einen eigenen Weg in diese Richtung schlägt die Stadt Zug ein. Seit 2009 schafft sie spezielle Zonen, in denen mindestens die Hälfte aller Wohnungen nach Grundsätzen des gemeinnützigen Wohnungsbaus gebaut werden müssen. Dass solche Anteile besonders wirksam günstigen Wohnraum schaffen, ist auch die Erkenntnis einer Studie der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung. Das Zuger Modell haben weitere Gemeinden aufgegriffen, es ist aber umstritten. Liberale Politiker kritisieren einen zu starken Eingriff des Staats.

Es muss politisch entschieden werden, wer künftig bauen darf. Noch brisanter ist aber die Frage, wo überhaupt zusätzlicher Wohnraum entstehen soll. Denn viele aus den Städten gedrängte Bewohner weichen nicht auf günstigere Mietwohnungen in den Agglomerationen aus. Manche kaufen sich etwas Eigenes. Das hat Auswirkungen: Auf dem Land boomt der Bau von Einfamilienhäusern. Drei Viertel der neuen Wohnbauten im Espace Mittelland waren in den vergangenen Jahren Eigenheime.

Für die eigenen vier Wände nehmen die Bewohner meist lange Pendlerwege in Kauf. «In der Schweiz wird oft am falschen Ort gebaut», sagt Immobilienfachmann Marco Salvi. Statt die Städte zu verdichten, weil dort immer mehr Leute Arbeit finden und leben wollen, weiche man auf grüne Wiesen aus. Mit ein Grund: In vielen Städten ist es heute gar nicht erlaubt, verdichteter zu bauen. Damit tragen die Städte dazu bei, dass Wohnraum dort entsteht, wo er eigentlich gar nicht gebraucht wird.

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„Ein Eigenheim macht kaum noch Sinn“

„Ein Eigenheim macht kaum noch Sinn“

© Beobachter 2010

Mit utopischen Romanen und Sachbüchern hat P.M. Schweizer Wohngenossenschaften inspiriert. Jetzt arbeitet er am Neustart für die Schweiz.

Mit P.M. sprach Peter Johannes Meier (ausführliche Version)

P.M. Bild: Oliver Lang

Der 1946 geborene P. M. (häufigste Initialen im Telefonbuch) arbeitet am Neustart für die Schweiz. Der Philologe hat mit utopischen Romanen und Sachbüchern, darunter die ökosoziale Utopie «bolo’bolo», in den Achtzigern erst Hausbesetzer, dann genossenschaftliche Hausbesitzer inspiriert. Das bolo ist die Grundeinheit, in der 500 bis 700 Leute in überschaubaren Gemein schaften leben, vernetzt mit anderen bolos. 1995 war P. M. Mitgründer der Zürcher Genossenschaft Kraftwerk1. Weitere Kraftwerke mit mehreren hundert Bewohnern sind in Planung.

Beobachter: In der Stadt zu wohnen wird für viele unerschwinglich. Manche ziehen in die Agglo, und wer Geld hat, kauft sich etwas auf dem Land. Was ist der Traum von den eigenen vier Wänden wert?
P. M.: Wenig. Ich rate davon ab. Ein eigenes Haus ist kaum noch sinnvoll, weil wir immer mobiler werden. Plötzlich steht das Haus dann am falschen Ort, weil wir zum Beispiel woanders arbeiten. Viele Leute kaufen bloss Eigentum, weil sie ihr Geld sicher parkieren wollen. Nach der Erfahrung mit der jüngsten Bankenkrise ist das ja verständlich – rein ökonomisch. Sozial und ökologisch ist es dagegen Unsinn. Wohneigentümer schla fen oft nur 50 Zentimeter entfernt von anderen Eigentümern, mit denen sie eigentlich nie etwas zu tun haben wollen. Oder sie landen auf einer Einfamilienhaushalde und generieren jeden Tag Pend­lerverkehr, weil sie woanders arbeiten und die Freizeit verbringen.

Beobachter: Es können ja nicht alle in der Stadt wohnen…
P. M.: Das Land ist grundsätzlich gut für Landwirtschaft und etwas Tourismus. Aber ausser den Bauern schlafen die meisten Leute dort bloss. Die Schweiz hat sich eine 2000-Watt-Gesellschaft zum Ziel gesetzt. Hausbesitzer auf dem Land werden das nie erreichen. Die Genossenschaft, in der ich lebe – das Zürcher Kraftwerk1 –, ist zumindest schon auf dem Weg dorthin. Die Städte könnten so verdichtet werden, dass es Platz für alle hat.

Beobachter: Was ist zu tun?
P. M.: Gewisse Einfamilienhaushalden müssen früher oder später aufgegeben werden. Da gegen haben Städte ab 15000 Einwohnern eine Chance, reanimiert zu werden. Auch die zu Unrecht geschmähten Blocksiedlungen in den Agglos haben gros ses Potential. Sie können verdichtet und mit Dienstleistungszentren versehen wer den. Das ist auch der Ausweg für viele Klein städte und Dörfer, in denen das Leben von der S-Bahn und den immer gleichen Shoppingcentern getötet worden ist.

Beobachter: Was raten Sie den Eigenheimbesitzern?
P. M.: Verkaufen, solange man noch einen guten Preis dafür erhält. Das Geld würde ich dann in einer Genossenschaft sicher investieren. Damit können innovative Siedlungen in den Agglomerationen und Städten gebaut werden, die den neuen Lebensanforderungen gerecht werden.

Beobachter: Und wie überzeugen Sie die Hauseigentümer?
P. M.: Die meisten merken es selber. Viele glauben noch an eine Art Immobilien-Monogamie. Sie meinen, man könne ein Leben lang mit dem Partner oder der Familie an einem Ort leben und wirtschaften. Sie be rechnen nächtelang, wie gross das Haus oder die Wohnung mit dem gemein samen Einkommen sein darf. Dabei werden sie von der Realität überrumpelt. Paare trennen sich, die Kinder ziehen aus, plötz­lich hat man einen tollen Job im Ausland. Das Wohneigentum wird zum Klumpfuss.

Beobachter: Mieter haben diese Flexibilität.
P. M.: Ja, aber man bezahlt oft einen viel zu hohen Preis. Es werden zu viele Luxuswohnungen gebaut. Ich frage mich: für wen? Da bei kann man noch heute in Zürich 100 Quadratmeter grosse Wohnun gen für weni ger als 2000 Franken pro Monat bauen. Als Mieter hat man allerdings keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Bewohnerschaft. Viel interessanter sind darum Siedlungen oder selbstkonzipierte Nachbarschaften, die einerseits auf die Rendite maximierung verzichten und anderseits eine Auswahl von Wohnun gen anbieten, in ner halb derer die Bewohner wechseln können. Genossenschaften, die über Liegenschaften in verschiedenen Quartieren und Orten verfügen, machen das möglich.

Beobachter: Unser auf Flexibilität ausgerichtetes Leben ­widerspricht doch der Genossenschaftsidee. Die baut ja darauf, dass sich Mitglieder über längere Zeit mit einem Projekt identifizieren.
P. M.: Mit dem Projekt schon, aber nicht un bedingt mit den eigenen vier Wänden. Viel wich tiger als das Eigentum sind heute doch verbindliche soziale Beziehungen. Das gibt uns Orientierung und Unterstützung in Kri sensituationen. In Genossenschaften können solche Netzwerke aufgebaut werden. Meine Genossenschaft ist Mitglied einer Gemüsekooperative, die biologische Produkte liefert. Diese bieten wir in einem eigenen Laden den Bewohnern an. Es entsteht dadurch ein direkter Bezug zur Produktion unserer Lebensmittel. Wir sind übrigens günstiger als die Grossverteiler.

Beobachter: Das tönt nach Ämtliwirtschaft. Jeder muss in seiner Freizeit noch etwas beitragen, auf das er eigentlich keine Lust hat. Gemüse einkaufen, putzen.
P.M.: Putzen funktionierte tatsächlich nicht. Die Ansprüche waren zu unterschiedlich, darum haben wir dafür bezahlte Arbeitsplätze geschaffen. Aber in den meisten Genossenschaften kann man ja auch ohne Ämtli günstig wohnen. Wir wollten dagegen schon immer einen Schritt weiter gehen. Es geht uns darum, Lebens- und Wirtschaftszusammenhänge selber zu gestalten. Ja, wir setzten auf freiwillige Mitarbeit, haben dadurch aber auch eine eigene Bar, einen Laden, eine Gemeinschaftsküche auf dem Dach und ein Gästezimmer. Und wir nehmen eine soziale Verantwortung wahr, die sonst der Staat allein tragen müsste. Ein Teil unserer Wohnungen ist für Leute reserviert, die sonst Mühe hätten, die Miete zu bezahlen.

Beobachter: Wer ist für eine solche Genossenschaft ungeeignet?
P.M.: Niemand. Auch Einzelgänger nicht. Wir brauchen sogar einige, die möglichst wenig mit dem Projekt zu tun haben wollen. Leute, die immer kommunizieren wollen, gehen einem ja auf die Nerven. Auf 500 Leute verträgt es ohne weiteres 50 Einzelgänger.

Beobachter: Was braucht es, damit eine neue Siedlung funktioniert?
P.M.:Man sollte nichts machen, an dem weniger als 500 Leute beteiligt sind. Siedlungen sollten immer mindestens 200 Wohnungen haben, damit die erwähnte Flexibilität entsteht und man sich nicht gegenseitig auf den Wecker geht. Kleinere Gemeinschaften sind immer etwas empfindlich oder werden gar sektiererisch. Bis 150 Menschen können untereinander informell kommunizieren, was zu klebrigen und gefährlichen Entscheidungsprozessen führen kann. Es werden informelle Allianzen geschmiedet, um andere zu überrumpeln. Diese kritische Grösse muss darum überwunden, Entscheidungsfindungen müssen formalisiert werden. Wenn jemand eine gute Idee hat, muss er sie halt an einer Versammlung vorbringen. Formalisierte Abläufe sind wichtig, um das Individuum zu entlasten. Das schützt vor Filz und erlaubt Kontroversen, ohne dass man einen Andersdenkenden deswegen nicht mehr mögen darf. Wenn ich zum Beispiel etwas gegen den Lärm auf dem Kinderspielplatz habe, muss ich nicht im Alltag den Buhmann spielen. Ich kann mein Anliegen an einer Versammlung vorbringen. Informelle Kommunikation ist zwar etwas wichtiges, es sollten aber keine gewichtigen Entscheide auf diesem Weg gefällt werden.

Beobachter: In Ihrem Buch «Neustart Schweiz» gehen Sie einen Schritt weiter. Sie postulieren neue Formen des Wirtschaftens. So sollen die Bürger etwa entscheiden, was in ihrem Quartier an geboten wird. Das tönt nach Planwirtschaft.
P. M.: Planung gibt es immer, die Frage ist nur für wen. Es geht nicht bloss um Quartiere, sondern um unser ganzes Wirtschafts system. Wir taumeln von Crash zu Crash – bei uns merken wir noch nicht viel davon, aber für 80 Prozent der Weltbevölkerung ist das eine Dauerkatastrophe. Warum bauen wir nicht die bestehenden öffentlichen Diens te so aus, dass die Grundbedürfnisse für alle gesichert sind? Zudem sollten wir uns wirtschaftlich absichern, indem wir eine Direktbelieferung zwischen Bauernbetrieben und Nachbarschaften einrichten. Das ist für alle ideal: Die Bauern haben sicher Abnehmer, die Konsumenten bekommen günstigere Produkte von Produzenten, die sie kennen. Wir brauchen einen Umbau der verschwenderischen und unsicheren Marktwirtschaft zu einem demokratisch regulierten Haushalt, lokal und global.

Beobachter: Welche Rolle soll der Staat dabei spielen?
P. M.: Eine wichtige, er hat es nur noch nicht gemerkt. Der Staat muss eine Coaching-Rolle wahrnehmen. Es braucht jetzt so etwas wie einen neuen Landigeist, einen Aufbruch zu neuen Ufern. In der Organisation «Neustart Schweiz» arbeiten wir daran.

Beobachter: Der Leidensdruck dafür ist doch viel zu gering.
P. M.: Nicht das Leiden, sondern die Wahrnehmungsfähigkeit für das Leiden ist zu gering. Wir sind so eingespurt in unserem Alltag, dass wir nicht mehr merken, wie schlecht es uns eigentlich geht. Ein Viertel der Schweizer soll ja an Depressionen leiden. Wir können uns leider gar nicht mehr vorstellen, wie gut es uns gehen könnte.

www.neustartschweiz.ch

www.kraftwerk1.ch


Surfend telefonieren

© Beobachter 2010

Wer auf Reisen ist und seinem Telefonanbieter ein Schnippchen schlagen will, telefoniert mit dem Handy über das Internet.

Peter Johannes Meier

Nach den schönsten Tagen liegt die freche Rechnung im Briefkasten. Mehrere hundert Franken werden fällig. Und das für ein bisschen Internetsurfen und die paar Gespräche mit Mutter, die hören wollte, dass wirklich alles schön und völlig ungefährlich ist. Wer es sich leisten kann, prahlt mit der Rechnung vor Kollegen. Andere wettern über die Telefonfirma oder melden sich beim Beobachter.

Wer beides nicht will, muss sein Handy trotzdem nicht zu Hause lassen. Neuere Programme für Mobiltelefone ermöglichen es, auch im Ausland billig nach Hause zu telefonieren. Bedingung: Man klinkt sich im Internetcafé oder im Hotel in ein drahtloses Netzwerk (WLAN) ein. Die sind mittlerweile weit verbreitet, gratis oder zumindest sehr günstig. So kann man über das Web statt über das teure Telefonnetz telefonieren. Natürlich geht das auch in der Schweiz. Und auch hier lassen sich Kosten sparen.

UND PLÖTZLICH KOSTETS NUR NOCH DREI RAPPEN

Voraussetzung ist ein neueres Handy, auf dem sich Programme installieren lassen, die das sogenannte Voice over IP (VoIP) erst möglich machen. Lange war das nur von Computer zu Computer oder über speziell eingerichtete Festnetzstationen möglich, mittlerweile funktioniert es auch ganz ordentlich mit dem Handy.

Das geht so: Zuerst muss man sich für einen VoIP-Anbieter entscheiden. Der bekannteste ist Skype, der Programme für Handys von Nokia, Apple und das Android-Betriebssystem (etwa Google und HTC) anbietet. Das richtige Programm lässt sich von der Skype-Homepage oder für iPhone-Besitzer im iTunes-Store herunterladen. Zuvor sollte man auf der Skype-Seite ein Konto eröffnen. Über die Kreditkarte wird dieses dann mit einem Betrag geladen, der vertelefoniert werden kann. Anrufe auf das Festnetz kosten für rund 30 Länder auch für die Schweiz etwa drei Rappen pro Minute. Hinzu kommt eine Verbindungsgebühr von sieben Rappen pro Anruf. Für Anrufe auf ein Schweizer Handy werden rund 50 Rappen pro Minute verrechnet.

Eine interessante Alternative haben iPhone-Benutzer mit dem Programm des Schweizer Anbieters Sipcall, das sich im iTunes-Store herunterladen lässt. Sipcall erlaubt direkten Zugriff auf das Handy-Adressbuch. Anrufe vom Ausland in die Schweiz kosten auf Festnetzanschlüsse 1,9 oder 2,9 Rappen (Nieder- und Hochtarif), auf Mobiltelefone 25,9 bis 42,9 Rappen (je nach Anbieter).

OHNE DRAHTLOSES NETZ: MÖGLICH, ABER TEUER

Wer will, kann sich von Skype oder Sipcall eine Schweizer Nummer zuteilen lassen, um Anrufe auch günstiger entgegenzunehmen. Bei Sipcall ist das gratis, Skype-Benutzer bezahlen monatlich eine Gebühr. Das Einrichten des Telefons ist jedoch komplizierter, und das Programm muss ständig geöffnet sein, um erreichbar zu sein. Auf dem Handy lassen sich auch Programme installieren, die zugleich Konten von mehreren Anbietern unterstützen, zum Beispiel Fring. Auch hier erfordert das Einrichten Erfahrung und Geduld. Fring gibt es für Nokia-Telefone, Android und das iPhone.

Mit Skype und Sipcall kann man mittlerweile auch ohne WLAN über VoIP telefonieren. Die dafür verbrauchten Daten werden wie beim Internetsurfen von der im Monatsabo enthaltenen Datenmenge abgezogen. In der Schweiz ist das preislich interessant, je nach Verbindung leidet aber die Sprachqualität. Im Ausland müssen dagegen die exorbitanten Gebühren für das Datenroaming berücksichtigt werden. Wer eine Stunde über VoIP telefoniert, braucht etwa acht Megabyte, was Roamingkosten von rund 80 Franken bedeutet. Wer sich vor bösen Überraschungen schützen will, sollte darum die Funktion Datenroaming an seinem Handy ausschalten. Auch so kann man surfen, mailen und VoIP nutzen, sobald man sich in ein WLAN einklinkt.

Wer dagegen überall auf Daten zugreifen will, sollte zumindest die Push-Funktion des Mailkontos ausschalten. Denn jede empfangene Mail kostet. In diesem Fall lohnt es sich zudem, das Handyabo für die Ferienzeit um eine World-Datenoption zu erweitern. Die Roaminggebühren sinken dadurch markant, von rund zehn auf je nach Land zwei Franken pro Megabyte.

IV-Leiter nach Beobachter-Anfrage freigestellt

© Beobachter 2010
Peter Johannes Meier

Klara Feusi (Name geändert) leidet seit Jahrzehnten unter Rückenschmerzen, eine Operation blieb erfolglos: Weil sie nur noch einige Stunden pro Tag arbeiten kann, meldete sie sich bei der IV-Stelle Aarau an. Das war vor vier Jahren. Es folgten ärztliche Abklärungen und Gutachten. Dann passierte zwei Jahre lang überhaupt nichts mehr. Auch mehrere Nachfragen der Behindertenorganisation Procap brachten den Fall nicht voran.

Am 9. Juni 2010 wollte der Beobachter von der IV-Stelle wissen, warum noch immer nicht entschieden worden sei, denn Ende Juni liefen die Taggeldleistungen für Klara Feusi aus. Einen Tag später kündigte der IV-Leiter Antworten auf die Fragen des Beobachters an. Doch diese trafen nie ein.

«INAKZEPTABLE VERZÖGERUNG»

Wie sich jetzt herausstellt, wurde der Leiter noch am Tag der Anfrage freigestellt. «Unterschiedliche Auffassungen über die Umsetzung der von der Verwaltungskommission vorgegebenen Strategie» hätten zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses «im gegenseitigen Einvernehmen» geführt, teilte die Kommission später mit. «Es ist auch zu inakzeptablen Verzögerungen bei der Bearbeitung von IV-Fällen gekommen», bestätigt der Präsident der Verwaltungskommission, Fredy Böni.

Am 23. Juni erhält die Procap Post. Die Aarauer IV-Stelle gewährt Klara Feusi eine Teilrente – wenige Tage nach der Freistellung des Chefs. Weitere Abklärungen waren offenbar nicht nötig. Warum es so lange gedauert hat, bleibt nach wie vor unklar. Der neu zuständige IV-Bereichsleiter wollte Fragen zum Fall nicht beantworten, obwohl er offiziell vom Amtsgeheimnis entbunden worden war.

Update von meinem Kollegen Christoph Schilling:

Mit Nachdruck gegen Renten

Die IV bedrängt Gutachter, die potentielle IV-Fälle prüfen. Wer für Renten plädiert, muss damit rechnen, keine staatlichen Aufträge mehr zu bekommen.

Christoph Schilling

Wer eine IV-Rente beansprucht, ist von Gutachtern abhängig. Ohne das Okay dieser externen Fachärzte gibts meist keine Rente. Umso wichtiger ist, dass sie – Richtern in Weiss vergleichbar – unabhängig sind.

Nun belegt ein Fall, dass sie offenbar genau das nicht immer sind. Weil die IV Gutachter unter Druck setzt, wenn sie Patienten krankschreiben und für eine Rente plädieren.

Im Januar 2008 sandte das Zentrum für Medizinische Begutachtung (ZMB) in Basel der Aargauer IV-Stelle ein Gutachten zu. Der Versicherte, ehemals Arbeiter im Metallbau, wurde als völlig arbeitsunfähig beurteilt. Die ZMB-Ärzte empfahlen, den Versicherten in einer geschützten Werkstatt unterzubringen.

Mit diesem Befund war Roman B., damals Chefarzt bei der Aargauer IV-Stelle, nicht zufrieden. In einer E-Mail an einen ZMB-Arzt schrieb er, das Gutachten sei «nicht zu unserer Zufriedenheit abgefasst» und müsse nachbearbeitet werden. Er verlangte, den Patienten nochmals begutachten zu lassen, entweder von anderen Ärzten des ZMB oder in einem anderen Institut.

«MEHRFACH ZU BEEINFLUSSEN VERSUCHT»

Der ZMB-Leiter, der Arzt Christoph Ettlin, wehrte sich in einem Brief an die IV-Stelle energisch gegen diesen «nachträglichen Beeinflussungsversuch». Immerhin war der Patient eine Woche lang in seinem Institut untersucht worden. Ettlin wäre gern bereit gewesen, Unklarheiten auszuräumen, und er hätte nichts gegen Zusatzfragen einzuwenden gehabt. Doch in diesem Fall handelte es sich seiner Meinung nach um rein suggestive Fragen. Es sei der IV-Stelle einzig darum gegangen, das Gutachten in Frage zu stellen – weil sie damit nicht einverstanden war.

Laut dem ZMB-Jahresbericht aus dem Jahr 2009 wurde schon «mehrfach versucht, auf Begutachtungsabläufe und Beurteilungen Einfluss zu nehmen».

Gutachter Ettlin blieb standhaft. Er änderte das Gutachten nicht. Nun drohte der IV-Chefarzt mündlich damit, dem Basler Institut keine Aufträge mehr zu erteilen – was seit Sommer 2008 laut Ettlin tatsächlich eintraf. Im Jahr zuvor hatte man noch für rund 720’000 Franken IV-Gutachten erstellt. ZMB-Leiter Ettlin schrieb in seiner Not dem Chef der Invalidenversicherung in Bern persönlich. Es könne doch nicht sein, dass man für unabhängige Gutachtertätigkeit mit einem Boykott bestraft werde. Antwort erhielt er sechs Wochen später mit einem nichtssagenden Schreiben. Auf den Auftragsboykott ging das Amt gar nicht ein.

Josée Staff-Theis von der IV-Stelle Aargau teilt dem Beobachter mit, es gebe «keinen Boykott», räumt jedoch ein, dem ZMB seien tatsächlich weniger Aufträge erteilt worden. Das habe mit dem «Prinzip von Angebot und Nachfrage» zu tun. Sowohl der damalige Leiter der IV-Stelle als auch der IV-Chefarzt arbeiten nicht mehr dort.

Der Verein «Rechtsberatungsstelle UP für Unfallopfer und Patienten», ein Netz spezialisierter Anwälte, hat nun beim Departement des Innern Aufsichtsbeschwerde eingereicht und verlangt, dass die Sache generell untersucht wird. «Die Annahme ist berechtigt, dass Hunderte, wenn nicht sogar Tausende solcher Gutachten in ungesetzlicher Weise zu Ungunsten der Versicherten abgeändert wurden», sagt der Vereinspräsident und Anwalt Felix Rüegg. Er und seine Anwaltskollegen vermuten, dass, gestützt auf diese Gutachten, «sehr vielen Versicherten» eine IV-Rente verweigert oder eine bereits bestehende entzogen oder reduziert wurde.

Schweizer Zeitungen verscherbelt

© Beobachter 2010

Verlage wollen online Geld verdienen. Aber Amerikaner verkaufen Schweizer Produkte längst zu Billigstpreisen.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen «Codex» testen Schweizer Verlage zurzeit, ob ihre Leser überhaupt bereit wären, Zeitungen auf einem elektroni schen Gerät zu lesen. Nicht das vielzitierte iPad, sondern ein nur in Fachkreisen bekanntes Schwarz-Weiss-Gerät steht im Test (Das Ende der Gratiskultur).

Während sich die Verlage noch Gedanken über die richtige Maketingstrategie machen, verkauft das US-amerikanische Unternehmen Newspaper Direct die Titel der Schweizer Medienhäuser Tamedia und NZZ bereits zu Dumpingpreisen in der ganzen Welt. Über Apps für iPad, iPhone, Blackberry und Windows-Mobile-Geräte sowie über http://www.pressdisplay.com. Zehn Dollar monatlich kosten zum Beispiel die NZZ und die «NZZ am Sonntag» zusammen. Für 30 Dollar im Monat kann man beliebig viele Titel aus einem Angebot von über 1000 Zeitungen abonnieren. Zum Vergleich: Die gedruckte NZZ kostet 512 Franken im Jahr, der «Tages-Anzeiger» 374 Franken.

NZZ und Tamedia, die erst vom Beobachter von diesen Angeboten erfahren haben, zeigen sich überrascht, wie billig ihre Produkte von Dritten ver kauft werden. «Wir haben mit der amerikani schen Firma zwar einen Vertrag abgeschlossen. Der sieht aber den Ausdruck von Zeitungen in internationalen Hotels oder Kiosken vor», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Der Vertrag sei unlängst erneuert worden.

VERLAGE GEHEN ÜBER DIE BÜCHER

Doch Newspaper Direct hat die Möglichkeiten der digitalen Ver­marktung der Produkte konsequenter umgesetzt als die Schweizer Verlage. Auch der neue Leiter Digitale Medien bei der NZZ, Peter Hogenkamp, bezeichnet das Angebot als «in der Tat zu günstig». Kein Wunder: Allein für die Online-Ausgabe der NZZ müssen Leser heute 368 Franken im Jahr bezahlen, wenn sie das Abo bei der NZZ kaufen. Bei News­paper Direct erhalten sie für 120 Dollar noch eine Sonntagszeitung nach Wahl dazu.

NZZ und Tamedia wollen darum nun den Ausstieg aus dem Vertrag oder eine Kooperation zu anderen Konditionen prüfen.

Update August 2010: Der Tages-Anzeiger und die SonntagsZeitung sind aus dem Angebot von PressDisplay verschwunden.

Debatte auf medienspiegel.ch

Hells Angels: Ein höllisches Geschäft

© Beobachter 2010

In der Auseinandersetzung zwischen Hells Angels und Outlaws geht es um mehr als Ehre. Der Schweiz droht ein Krieg um Einfluss im Milieu.

Peter Johannes Meier

Kriege beginnen heute am Computer. Auch jener zwischen Rockergangs in der Schweiz. Bevor am 12. Juni im aargauischen Ehrendingen Dutzende Schüsse auf das Clubhaus und Fahrzeuge der Rockergruppe Outlaws abgefeuert wurden, kämpften die Schweizer Hells Angels bereits mit der Tastatur um territoriale Vorherrschaft – im Internet. Ihre Feinde: die ebenfalls aus den USA stammenden Outlaws und Bandidos sowie Gremium, ein in Deutschland gegründeter «Motorradclub».

Damit die Schweiz rot-weiss bleibt – der Farbcode der Hells Angels in der Szene -, haben die Höllenengel alle denkbaren Schweizer Internetadressen ihrer Feinde registriert. So führen www.outlawsmc.ch oder www.bandidosmc.ch zu einer Adresse in Zürich-Affoltern – zum Clubhaus der Zürcher Hells Angels. Auf den Internetseiten verteidigen sie mit Wilhelm Tell im Bild das «Schweizer System», das nur einen internationalen Club kennt: die Hells Angels.

«FREUNDSCHAFTSBESUCH» MIT BÖSEN FOLGEN

Vor diesem rot-weissen Haus warteten die Zürcher Hells Angels vor zwei Wochen auf ihre «Brüder» und Verbündeten. Im Tross wollte man nach Ehrendingen in der Nähe von Baden fahren. «Ein Ausflug, wie ihn die Hells Angels und andere Motorradclubs regelmässig unternehmen», verharmloste Hells-Angels-Anwalt Valentin Landmann. Ein «freundschaftlicher Besuch» zur Gründungsfeier der Outlaws sei geplant gewesen. Kaum dort angekommen, sei die Hundertschaft aus Zürich aber angegriffen, ja beschossen worden, so Landmann. Darauf sei die Situation eskaliert. Fahrzeuge auf dem Gelände wurden demoliert, der Schaden beläuft sich auf rund 1’000’000 Franken. Ein gutes Dutzend Outlaws stand zirka 100 Hells Angels und anderen Rockern gegenüber. Drei Tessiner Rocker wurden verhaftet.

Über Landmanns Sicht wird in der Szene geschmunzelt. Und die Aargauer Polizei stellte sofort klar: Geschossen wurde auf die Scheune der Outlaws und deren Fahrzeuge. Sind sie derart schlechte Schützen?

Dass dies kein harmloser Ausritt werden würde, ahnte ein Zeuge vor dem Zürcher Clubhaus. «Die Hells Angels waren auffallend nervös, als sie auf Kollegen warteten, die dann auch zu Dutzenden anbrausten», sagt der Szenekenner, der anonym bleiben will. «Mit der Zeit spürt man, ob sie gut drauf sind. An jenem Samstag waren sie es nicht.»

Doch worum geht es in diesem Krieg? Bloss um gekränktes Ehrgefühl, weil die Outlaws ihren Club nicht von den Hells Angels bewilligen liessen? Ein ungeschriebenes Gesetz besagt, dass neue Clubs sich bewerben und bewähren müssen, um von grösseren Clubs, sprich: den Hells Angels, die Absolution zu erhalten. Nur dann dürfen sie die Bezeichnung MC (für Motorradclub) und ein Clublogo auf der Lederkutte tragen. Die Anerkennung ist an Auflagen gebunden, so dürfen die Motorradclubs keine Frauen aufnehmen. «Man kann das mit dem Zunftwesen vergleichen. Am Sechseläuten darf ja auch nicht jeder mitlaufen», sagt Landmann. Klar ist aber: Die Outlaws würden von den Hells Angels und anderen Motorradclubs nie akzeptiert.

Denn anders als in den Nachbarländern ist die Schweizer Szene fest in den Händen eines einzigen internationalen Motorradclubs. Ihre Gegner waren in den vergangenen Jahren nicht etwa andere Rocker, sondern die Bundesanwaltschaft und das Eidgenössische Untersuchungsrichteramt. Seit 2003 ermittelten sie gegen die Hells Angels wegen organisierter Kriminalität. Ohne Erfolg, wie die Bundesanwaltschaft vor einigen Wochen bekanntgab.

Die rot-weisse Vorherrschaft ist in Motorradclubs kaum bestritten, wie Einträge in Schweizer Internetforen zeigen. Milieu-Anwalt Landmann selbst warnt vor «deutschen Verhältnissen in der Schweiz». In Deutschland und in skandinavischen Ländern liefern sich die Rocker seit Jahren gewalttätige Auseinandersetzungen, vor allem um die Vorherrschaft im Rotlicht-milieu. Die Kämpfe forderten bereits Dutzende Tote und Hunderte Verletzte. Im Mai wurden in Deutschland zwei Hell Angels wegen der Ermordung eines Outlaw-Präsidenten zu langen Haftstrafen verurteilt.

EIN POSITIVES IMAGE IST DEN ROCKERN WICHTIG

Und die Schweizer Hells Angels? Öffentlich stellen sie sich als sympathische Gesellen dar, deren Welt sich um Töfffahren, gemeinsames Grillieren, Bier und Frauen dreht. Und einmal pro Jahr zeigen sie ihr Herz für Benachteiligte, fahren Behinderte aus. Sind die Schweizer Engel anders als ihre höllischen Brüder in Deutschland?

«Es wäre naiv, zwischen guten Schweizern und bösen Deutschen zu unterscheiden», sagt Jürgen Roth, ein deutscher Autor, der über die Hells Angels recherchierte. «Das ist ein internationales Netzwerk, für das der Profit im Vordergrund steht. Und der ist im Menschen-, Drogen- und Waffenhandel nun mal besonders hoch.»

Von einer «kriminellen Organisation» spricht Ex-Hells-Angel Uli. Er war Gründer und acht Jahre lang Vizepräsident eines deutschen Chapters, bevor er als Kronzeuge gegen seine ehemaligen Brüder aussagte. «In Deutschland beziehen sich die geschäftlichen Interessen grösstenteils auf das Rotlichtmilieu. Dazu gehören so gut wie alle damit einhergehenden Geschäfte wie Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel», schreibt er in seinem kürzlich veröffentlichten Buch «Höllenritt».

Von Ehrenhaftigkeit bleibt wenig übrig. Die Hells Angels erinnern eher an eine Sekte, der es darum geht, möglichst viel Geld zu scheffeln. Mit Motorradfahren hätten manche Mitglieder nichts mehr zu tun, schreibt Uli. Sie besässen nicht mal mehr einen Fahrausweis. Zu Anlässen liessen sie ihre Bikes mit Lastwagen herankarren.

Gibt es einen Sonderfall Schweiz? «Im Milieu haben die Hells Angels in den letzten Jahren an Bedeutung verloren», sagt der Besitzer eines Grossbordells in der Nähe von Zürich. Vor sieben Jahren noch musste er sich im damaligen Clubhaus an der Langstrasse auf einen Stuhl setzen, um einen Film zu schauen: Köpfungsvideos aus dem Tschetschenienkrieg. Ein Einschüchterungsversuch im Machtkampf zwischen verfeindeten Bordellbetreibern. Die Bundesanwaltschaft fand bei ihren Ermittlungen 2003 und 2004 zwar auch Hinweise auf Schutzgelderpressung, doch Betroffene relativierten ihre Aussagen plötzlich wieder. Dennoch blieb es nicht bei geschmacklosen Videoabenden. Für Geld verübten Zürcher Hells Angels etwa Buttersäure-Anschläge auf Bordelle oder verprügelten den Ex einer Prostituierten, die sich schlecht behandelt fühlte. Der Milieukrieg war nicht die einzige Betätigung der Engel. Ein Überfall auf einen Geldtransport in Pfäffikon SZ wurde mit Hilfe eines französischen Hells Angels ge-plant, aber nie durchgeführt. Und dann gibt es noch 250 Kilo Cannabis, die nie verkauft werden konnten, weil sie wegen schlechter Lagerung vergammelten.

HELLS ANGELS GRÜNDEN NEUE ABLEGER

Manche Delikte sind bereits verjährt, und wo Anklagen denkbar sind, wird es immer nur um die Taten einzelner Personen gehen, nicht um die einer kriminellen Organisation. Buttersäure-Anschläge sind im Milieu weiterhin verübt worden. Doch auch hier wird der Krieg vermehrt am Computer geführt: Mit Anfrageattacken werden Webseiten konkurrierender Sexunternehmer lahmgelegt. Wer sie in welchem Auftrag ausführt, ist unklar.

Die Überwachungen und Verfahren waren für die Hells Angels eine Zäsur. Der Zürcher Präsident und andere gefallene Engel mussten den Club verlassen, der kaum noch zu führen war. Nun scheinen sich die Hells Angels aber erholt zu haben. Sie gründen neue Chapter wie kürzlich in Basel. Manche Mitglieder sind auch heute im Milieu tätig – was noch keine Straftat ist. Und manche Bordellbetreiber wünschen sich gar einen stärkeren Einfluss der Hells Angels zurück. «In Zürich wird das Gewerbe von Türken und der Strassenstrich von Ungarn kontrolliert. Die Polizei hat diese Szene nicht im Griff. Dazu braucht es andere – warum nicht die Hells Angels?», so die Besitzerin eines Etablissements.

Der neue Präsident, Patrik «Hemi» Hemenschwyler, wollte mit dem Beobachter vorerst nicht über die Zukunft der Hells Angels sprechen. Bis 1993 hatte er einer anderen Bruderschaft gedient: als Schweizergardist beschützte er den Papst. Künftig dürfte er sich vermehrt um die Sicherheit der Hells Angels sorgen müssen. Der Krieg um Marktanteile im höllischen Geschäft wird die Schweiz kaum verschonen. Vergangenes Wochenende äusserte sich Hemi dann kurz in der Sonntagspresse und wiederholte seinen Anwalt: «Wir wollen hier keine deutschen Verhältnisse.» Bloss: In Deutschland sind die Hells Angels für diese Verhältnisse wesentlich mitverantwortlich.

Kommentare

Psycholand Schweiz

© Beobachter 2010

Jeder Zweite wird irgendwann im Leben psychisch krank. Die Kliniken sind voll, die Kosten steigen stetig. Die Lösung: Patienten zu Hause betreuen.

Peter Johannes Meier und Jvo Cukas

Uns geht es gut. Mehr noch: Wir sind glücklich. In Europa fühlen sich nur die Dänen noch besser. Das zeigen internationale Vergleiche zum Glücksempfinden. «Demokratische Mitbestimmung und bürgernahe Entscheide geben uns das Gefühl, dem Weltengang nicht einfach ausgeliefert zu sein. Und der Wohlstand erlaubt uns, über das tägliche Überleben hinaus Perspektiven zu entwickeln», so die Erkenntnis des Schweizer Ökonomen und Glücksforschers Bruno S. Frey. Kurz: Die Schweiz macht glücklich.

Wirklich? Die Hälfte der Bevölkerung erkrankt während ihres Lebens an einem psychischen Leiden, das über eine normale Befindlichkeitsstörung hinausgeht. 2008 gab es 9,3 Millionen Arztbesuche wegen psychischer Beschwerden, im Jahr zuvor waren es noch 8,4 Millionen, wie das Schweizer Gesundheitsobservatorium Obsan hochgerechnet hat. Das kostet: Allein die kassenpflichtigen Leistungen steigen für solche Krankheiten jährlich um rund 70 Millionen Franken. 1,35 Milliarden Franken waren es im vergangenen Jahr, wie der Krankenkassenverband Santésuisse für den Beobachter berechnet hat.

Berufstätige Psychiater und Psychotherapeuten in der Schweiz. 1999 waren im Kanton Zürich 460 Psychiater berufstätig. Im Jahr 2009 waren es 763 (inklusive Kinder und Jugendpsychiater). Gesamte Schweiz: 1937 Psychiater im Jahr 1999; 2009 waren 3295 Psychiater tätig.

Doch psychische Erkrankungen sind noch viel teurer. Die Uni Zürich hat in einer Studie auch indirekte Kosten psychiatrisch-neurologischer Erkrankungen berechnet, etwa für Arbeitsausfälle und Frühpensionierungen. Sie kommt auf jährlich über 15 Milliarden Franken. Das sind mehr als 2000 Franken pro Einwohner. Besonders häufig behandelt werden Angsterkrankungen, besonders teurer sind Depressionen und bipolare Psychosen. «Die Kosten sind nicht etwa angestiegen, weil die einzelnen Behandlungen teurer geworden wären, sondern weil insgesamt mehr behandelt wird», sagt Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn.

70 PROZENT MEHR PSYCHIATER

Dazu passt, dass die Anzahl berufstätiger Psychiater in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent angestiegen ist, jene der Kinder- und Jugendpsychiater hat sich mehr als verdoppelt. Und nichtärztliche Psychotherapeuten gibt es heute 60 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Die Zahl der Ärzte insgesamt hat dagegen «nur» um 25 Prozent zugenommen.

«Ein Neurotiker ist ein Mensch, der ein Luftschloss baut. Ein Psychotiker ist der Mensch, der darin lebt. Und ein Psychiater ist der, der die Miete kassiert», schrieb der US-Schriftsteller Jerome Lawrence. Machen uns die steigenden «Mietkosten» wenigstens glücklicher? Eine wachsende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung fühlt sich tatsächlich besser. Gleichzeitig werden aber immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme invalid. Das Gesundheitsobservatorium Obsan hat dafür zwei Erklärungen: Entweder sinkt die Hemmschwelle, einen Psychiater aufzusuchen, oder es findet eine Polarisierung zwischen gesunden und psychisch angeschlagenen Menschen statt. Klar ist: Psychische Erkrankungen belasten die Gesellschaft mittlerweile stärker als Herz-Kreislauf-Gebrechen, Krebs oder Atemwegsleiden.

«KRANKE KONNTE MAN SICH NICHT LEISTEN»

Für Glücksökonom Bruno S. Frey sind steigende psychiatrische Behandlungskosten kein Widerspruch zum steigenden Glücksempfinden. «Psychisch krank zu sein ist auch eine Wohlstandserscheinung. Bereits nach den fürchterlichen Kriegen Anfang des 20. Jahrhunderts waren viele Überlebende schwer traumatisiert. Sie psychologisch zu betreuen, konnte sich aber niemand leisten, also galten sie auch nicht als krank.» Seit dem Vietnamkrieg habe das radikal geändert. Ähnlich seien mit dem Wohlstand weitere Krankheitsbilder entstanden. «Vorher mussten Betroffene selber mit ihrem Schicksal fertig werden. Heute geht es uns materiell so gut, dass wir uns um sie kümmern können», so Frey.

Eine Erklärung hat er auch für die auffallend hohe Suizidrate in der Schweiz. «Hier sind wir eine Ausnahme unter den Wohlstandsländern. Normalerweise nimmt die Suizidrate mit dem Wohlstand ab. Die vielen Suizide in der Schweiz haben aber wenig damit zu tun, dass besonders viele Menschen unglücklich wären. Sie sind vielmehr der Ausdruck einer liberalen, fortschrittlichen Gesellschaft, in der Suizid bei schweren Leiden kein Tabu mehr ist.»

ZÜRICH IST MIT ABSTAND AM TEUERSTEN

In der Schweiz werden nicht nur besonders oft psychische Leiden behandelt, die Kosten dafür sind auch besonders hoch. Eine internationale Forschergruppe um den Zürcher Psychiatrieprofessor Wulf Rössler hat die jährlichen Kosten für die Behandlung von Schizophreniepatienten in sechs europäischen Städten verglichen. Das Ergebnis: Zürich ist mit Abstand am teuersten. Ein Patient kostet hier mehr als doppelt so viel wie im deutschen Mannheim und 13-mal mehr als im spanischen Granada. Interessant sind die Gründe. Die Medikamentenkosten spielen eine unbedeutende Rolle, sie sind in Zürich sogar tiefer als in Deutschland. Dagegen werden die Patienten ganz unterschiedlich untergebracht. Stationäre Klinikplätze und betreute Wohneinrichtungen, in denen Patienten und Betreuer gemeinsam alt werden, sind in der Schweiz besonders verbreitet und teuer. Im Ausland werden Patienten dagegen viel öfter ambulant betreut. Das wäre auch in der Schweiz möglich.

Claudia Müller (Name geändert) aus Luzern konnte kaum noch schlafen, und das seit Monaten. «Ich hatte zwei Jobs und musste bereits um vier Uhr aufstehen», erzählt die 55-Jährige. «Dann begann es. Dieses Gefühl, beobachtet, ja bespitzelt zu werden. Ich war mir sicher, dass andere alles über mich wissen.» Menschen nahm sie nur noch verzerrt wahr. «Wenn mich jemand anlächelte, sah ich eine hässliche Fratze.» Claudia Müller litt nicht zum ersten Mal unter einer Psychose. Sie nimmt seither Medikamente und war vor vielen Jahren schon einmal in einer Klinik. Für sie war klar, dass es jetzt wieder so weit war. «Ich musste unbedingt ein paar Nächte schlafen, ich wollte wieder in die Klinik.» Dort sagte man ihr, sie könne auch zu Hause bleiben. Man werde sich dort um sie kümmern. «Ein schlechter Scherz, dachte ich.» Doch nach einem klärenden Gespräch willigte sie ein.

Ein Psychiatriepfleger kam zu ihr nach Hause, half ihr bei Alltäglichkeiten. Beim Gang zur Bank, beim Gespräch mit dem Arbeitgeber, beim Einkaufen. «Wenn ich etwas erledigen wollte, fragte ich einfach jemanden vom Team, und man unterstützte mich sofort, falls nötig mehrmals täglich.»

OFT SIND ANGEHÖRIGE AM ANSCHLAG

Die Gemeindeintegrierte Akutbehandlung (GiA) in Luzern hat auf diese Weise im vergangenen Jahr über 180 Patienten betreut. Die GiA ist eines von gut einem Dutzend Pilotprojekten in der Schweiz, die das Ziel haben, Patienten vermehrt ambulant oder gar zu Hause zu betreuen. Jetzt wird das Luzerner Projekt definitiv weitergeführt – ab 2011 voraussichtlich im ganzen Kanton.

«Wir machten die Erfahrung, dass die Behandlung zu Hause weniger von der Art und der Schwere der akuten Erkrankung abhängig ist», sagt Harald Franz, leitender Arzt der GiA. Bedingung seien das Einverständnis und die Kooperation des Patienten. «Oft sind es ja auch Angehörige, die am Anschlag sind und froh wären, wenn die Person in eine Klinik könnte. Weil wir aber gezielt diejenigen Betreuungsaufgaben übernehmen, die Angehörige überlasten, können diese Probleme meist gelöst werden», sagt Franz. Die Beziehung zwischen Patient und Angehörigen verbessere sich sogar zusehends, da sie unbelasteter Zeit miteinander verbringen könnten.

Und die Therapie? Werden Patienten einfach mit Medikamenten ruhiggestellt? «Nein. Die Therapien in der GiA entsprechen denen in einer Klinik. Sie werden von uns aber bei den Patienten zu Hause angewandt», sagt Harald Franz.

«PATIENTEN MÖCHTEN ZU HAUSE BLEIBEN»

Auch Claudia Müller ist glücklich, dass sie zu Hause bleiben konnte. «Hier möchte ich ja eigentlich sein. Hier bin ich für andere erreichbar, kann nach meinen Möglichkeiten alltägliche Aufgaben erledigen.»

Laut Wulf Rössler, Direktor der Zürcher Klinik für Soziale Psychiatrie, trifft dieser Wunsch auf die meisten Patienten zu: «Sie möchten lieber zu Hause bleiben, das zeigen mehrere Untersuchungen. Denn egal, wie gut eine Klinik ist, sie werden immer ein wenig entmündigt. Man muss sich ein Zimmer teilen, mit fremden Menschen essen.» In akuten Tageskliniken, wo Patienten zu Hause übernachten, sei die Zufriedenheit von Patienten und Angestellten dagegen grösser und der Heilerfolg mindestens so gut.

Mittlerweile herrscht in Fachkreisen ein breiter Konsens darüber, dass zu viele Patienten in Kliniken betreut werden. Ambulante Behandlungen sind besser für die Patienten. Und sie kosten bis zu 20 Prozent weniger.

KANTONE WOLLEN IHRE BETTEN BEHALTEN

Die kantonalen Gesundheitsdirektoren hatten sich die Verlagerung hin zur ambulanten Behandlung 2008 zum Ziel gesetzt. Eine Expertengruppe hatte gar gefordert, den Kantonen Quoten für die Klinikplätze vorzuschreiben, die dem Angebot in Nachbarländern entsprechen. Doch der Vorschlag fiel bei den Gesundheitsdirektoren durch. Einzelne Kantone, zum Beispiel die Klinikhochburg Basel-Stadt, hätten massiv Betten abbauen müssen. Einige Landkantone dagegen hätten zu wenig stationäre Angebote ausgewiesen. Im Hintergrund schwelt aber der 100 Jahre alte Konflikt, wie Patienten zu therapieren sind. Soll man sie aus ihrem sozialen Umfeld entfernen und in einer Klinik heilen? Oder sollen sie in ihrer gewohnten Umgebung therapiert werden? Bis vor wenigen Jahren noch war die Ansicht unter Klinikdirektoren verbreitet, dass immer kürzere Aufenthaltszeiten erfolgreiche Therapien verunmöglichten.

Heute ist die Verlagerungspolitik auch unter Klinikvertretern mehrheitsfähig. Trotzdem sind die Ergebnisse mager. Schweizweit ist die Anzahl stationärer Plätze in Kliniken in den vergangenen zehn Jahren nur wenig gesunken. Die Anzahl Ärzte in Kliniken hat sich während dieser Zeit sogar verdoppelt, die der Pfleger ist um 30 Prozent angestiegen. Die kassenpflichtigen Kosten für stationäre Behandlungen haben entsprechend weiter zugenommen, um 30 Millionen Franken im vergangenen Jahr. Parallel dazu werden ambulante Angebote aufgebaut. Unter dem Strich werden Klinikplätze also kaum reduziert, sondern durch neue Einrichtungen ergänzt.

Nach wie vor gibt es aber Stimmen, die vor einem zu radikalen Bettenabbau warnen. Für den Berner Klinikdirektor Werner Strik könnte das zu einer Zweiklassenpsychiatrie führen. «Nur in einem beschränkten Ausmass können noch mehr Patienten ambulant behandelt werden.» Die Anzahl Patienten, die wegen schwerer Erkrankung und sozial zerrütteter Verhältnisse nicht zu Hause betreut werden können, dürfe nicht unterschätzt werden. «Was sonst passiert, sehen wir in den USA. Dort sind in den achtziger Jahren 300 000 Betten in Kliniken abgebaut worden. Viele der entlassenen Patienten sind danach straffällig geworden und sitzen heute in Gefängnissen. Andere sind obdachlos geworden.»

Die sinnvollere Alternative zum Bettenabbau sieht Strik in «individuell angepassten stationären Angeboten», wozu auch Heim- und Wohnplätze gehörten. «Falls der Staat zu viele stationäre Plätze abbaut, werden private Kliniken die Marktlücke nutzen, um stationäre Angebote aufzubauen, die dann nicht mehr von allen bezahlt werden könnten. Solche Entwicklungen sehen wir bereits im Ausland.»

KRANKENKASSEN WOLLEN DAS TEURERE MODELL

Aber auch in der Schweiz preisen sich einzelne Kliniken nicht mehr nur über ihre medizinischen Qualitäten an. «Intensive stationäre Psychotherapie mit hochstehender Hotellerie» verspricht zum Beispiel die Privatklinik Schützen in Rheinfelden. Eine Wellnessoase mit Badelandschaft und «exklusive Verwöhnprogramme, Massagen und Schönheitsbehandlungen» stehen auf dem Programm.

Wer sich das nicht leisten kann, sollte es sich wenigstens zu Hause angenehm einrichten können. Der Zürcher Sozialpsychiater Wulf Rössler ist überzeugt, dass ein Drittel der stationären Klinikplätze abgebaut werden kann, ohne dass Patienten darunter leiden. Er sieht allerdings ein Geldproblem: «Eine Tagesklinik für Akutpatienten ist zwar billiger als eine Klinik mit stationären Plätzen, aber wegen der intensiven Betreuung teurer als eine gewöhnliche Tagesklinik. Doch die Krankenkassen wollen nicht mehr bezahlen als für eine übliche Tagesklinik.»

Um eine Leistung aber überhaupt bewerten zu können, muss diese messbar sein. Doch anders als in der somatischen Medizin fehlen solche Instrumente für die Psychiatrie. Die Folge: Ein langer Aufenthalt eines Patienten wird für eine Klinik wirtschaftlich interessant, wenn es dem Patienten immer besser geht. Denn je tiefer der Betreuungsaufwand wird, desto mehr verdient eine Klinik an diesem Patienten. Dieser Effekt könnte durch intelligente Fallpauschalen gemindert werden. In Zürich wird darum ein Rechnungsmodell erprobt, bei dem die Entschädigung der Krankenkasse mit der Dauer einer Therapie abnimmt.

VOR ALLEM JUNGE WERDEN PSYCHIATRISIERT

Auch eine Mehrheit der Kantone stört sich mittlerweile an hinderlichen Finanzierungsregeln, wie Franz Wyss, scheidender Generalsekretär der Konferenz der Gesundheitsdirektoren, bestätigt. Vereinzelt würden darum ambulante Projekte mitfinanziert, obwohl die Kantone gesetzlich nicht dazu verpflichtet wären.

Diese Vorleistung braucht es wohl, damit günstigere und bessere Angebote nicht an einem mangelhaften Bundesgesetz scheitern.

Und die Zeit drängt, denn die Prognosen für das Psycholand Schweiz sind düster. 40 Prozent der IV-Renten werden hierzulande wegen psychischer Beschwerden ausgerichtet, weit mehr als in benachbarten Ländern. Noch erschreckender ist, in welcher Altersgruppe die Renten am stärksten zunehmen – bei den Jungen zwischen 18 und 24 Jahren. Ein Leben zwischen Klinik und Wohnheim, eine Hospitalisierung auf Lebzeiten – das darf nicht ihre Zukunft sein.

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Nach den Rauchern die Dicken

Der Ruf nach Prävention wird in immer neuen Bereichen laut. Gesundheitsexperte Martin Hafen befürchtet, dass schon bald Eltern zahlen sollen, die Ungeborene mit Down-Syndrom nicht abtreiben

Peter Johannes Meier und Nicole Krättli

Beobachter: Ab dem 1. Mai gilt das Rauchverbot in Gaststätten praktisch schweizweit. Kommen nach den Rauchern die Dicken an die Kasse?
Martin Hafen: Tatsächlich ist es typisch für Prävention, dass man zuerst ein Problem thematisiert – zum Beispiel das Übergewicht –, dann vor negativen Folgen warnt, um letztlich auch Schuldzuweisungen an diejenigen zu machen, die das Problem nicht in den Griff bekommen.

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Beobachter: Kürzlich behauptete das Bundesamt für Gesundheit sogar, Übergewichtige würden unser Gesundheitssystem immer mehr belasten.
Hafen: Das mag sachlich richtig sein, doch solche unterschwelligen Schuldzuweisungen sind ethisch heikel. Es gibt ja auch Faktoren für das Übergewicht, die vom Betroffenen kaum beeinflusst werden können.

Beobachter: Ist das Kostenargument nicht falsch? Über­gewichtige und Raucher haben ja eine kürzere Lebenserwartung. Eine Studie aus Holland zeigt, dass sie das Gesundheitswesen deutlich weniger belasten. Am teuersten sind normal gewichtige Nichtraucher, die im Alter an zahlreichen Krankheiten leiden.
Hafen: Das zeigt, wie einseitig eine auf Kosten fixierte Argumentation ist. Man könnte daraus ja ableiten, ein möglichst kurzes Leben wäre besonders gesellschaftsverträglich. Das kann aber kaum der Sinn des Lebens sein. Jede Gesundheitspolitik muss darum zum Ziel haben, die Dauer chronischer Krankheiten möglichst zu reduzieren, unabhängig von der Länge eines Lebens.

Beobachter: Wem wird nach den Übergewichtigen die ­Kostenfalle gestellt?
Hafen: Denkbar ist, dass schwangere Frauen unter Druck kommen. Die pränatale Diagnostik ermöglicht es, Behinderungen wie das Down-Syndrom früh zu erkennen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Forderung aufkommt, solche Kinder abzutreiben oder die medizinischen Folgekosten selber zu bezahlen. In Amerika wird diese Diskussion bereits geführt. Ich finde Debatten, die auf eine Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen hinauslaufen, sehr bedenklich. Sie schliessen die Betroffenen aus, bewirken aber kaum Verhaltensänderungen.

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Ringier will per Handy Kasse machen

Der Medienkonzern Ringier und das Kreditinstitut GE Money Bank wollen die Schweizer Einkaufswelt aufmischen. Kunden sollen auf Schritt und Tritt mit Werbung auf dem Handy geködert werden.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen Konsumania arbeitet Ringier an einem neuen Bezahlsystem per Handy. Das Ziel ist nicht bloss, neue «Blick»-Abonnenten zu gewinnen, sondern Produkte und Dienstleistungen verschiedenster Anbieter an den Kunden zu bringen. Konsumania setzt auf moderne Handys, mit denen künftig an der Kasse bezahlt werden soll.

Die Ortungsfunktion der Geräte erlaubte es zudem, Kunden auf Schritt und Tritt mit Sonder angeboten zu ködern. So kann künftig das Schuhgeschäft um die Ecke ein Schnäppchen anpreisen, wenn man gerade an der Filiale vorbeigeht. Bezahlt wird, indem die Verkäuferin einen Barcode auf dem Handy des Kunden einscannt.

Ringier-Sprecher Stefan Hackh bestätigt, mit dem Projekt diesen Sommer oder Herbst auf den Markt zu gehen. Ringier hat dafür ein eigenes Tochterunternehmen gegründet. Als strategischer Partner ist unter anderem die auf Konsumkredite spe­zialisierte GE Money Bank mit an Bord. Hackh: «Sie übernimmt die Funktion einer Kreditkartenorganisation, wickelt also die Zahlungen der Einkäufe ab.» Als Zahlungsvarianten sollen die Abrechnung über das Handy, per Kreditkarte mit Monatsabrechnung oder über eine Debitkarte mit Vorauszahlung angeboten werden.

Mario Roncoroni, Geschäfts leiter des Berner Vereins Schuldensanierung, warnt davor, dass Kunden ihre Rechnungen künftig wohl auch abstottern dürfen. Dafür werde dann ein hoher Kreditzins verlangt. «Alles andere würde mich bei der Beteiligung der GE Money Bank sehr überraschen.» Bis zu einer Limite von 500 Franken müsste Konsumania nicht mal die Kreditwürdigkeit der Kunden abklären. Erst höhere Beträ­ge fallen unter das Konsumkreditgesetz, das dies vorschreibt.

Auf einer Testseite im Internet kündigt Ringier-CEO Marc Walder an, «die ganze Medienpower in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, Radio und Fernsehen dafür einzusetzen, den Gedanken der virtuellen, digitalen Shopping-Mall möglichst schnell ins Land zu tragen»

Schuldenberater Mario Roncoroni sieht in Konsumania weit mehr als eine Alternative zur etablierten Kreditkarte. «Wer ständig Sonderangebote auf seinem Handy erhält, wird dazu verleitet, über seinen Verhältnissen zu konsumieren.» Vor allem jüngere Leute seien hier gefährdet.

© Beobachter

«Privatsphäre wird verletzt»

Ein mutmasslich pädophiler Priester wird im «Blick» voreilig geoutet, und der Verdacht gegen Jörg Kachelmann ist ein Medienereignis. Medienrechtler Peter Studer fordert Zurückhaltung.

Mit Peter Studer sprach Peter Johannes Meier

Beobachter: Der in Deutschland verhaftete TV-Wettermann Jörg Kachelmann wurde täglich in den Medien vorgeführt – wegen des blossen Verdachts, er habe seine Exfreundin vergewaltigt. Erwarten Sie mehr Zurückhaltung von uns Journalisten?
Peter Studer: In diesem Fall musste ja fast zwingend über die Verhaftung und auch den Vergewaltigungsvorwurf geschrieben werden. Es fällt halt sofort auf, wenn eine prominente Person wie Jörg Kachelmann plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Das ist der Preis der Prominenz. Die Medien sind aber ethisch verpflichtet, zurückhaltend darüber zu berichten. Und sie müssen dem Angeschuldigten die Möglichkeit einräumen, die Vorwürfe zurückzuweisen.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Beobachter: Der Vorwurf hat ja weder mit der beruflichen Tätigkeit von Kachelmann noch mit einem anderen Aspekt seiner Prominenz zu tun. Wäre das nicht nötig für eine Berichterstattung mit Name und Bild?
Studer: Die Schweizer Gerichte haben das nie schlüssig beurteilt. Eine Berichterstattung ist vor allem aufgrund der Bekanntheit einer Person erlaubt. Das Delikt muss nicht zwingend etwas mit deren Tätigkeit zu tun haben. Wichtiger ist es, dass die Unschuldsvermutung zum Ausdruck kommt. Es wäre also zum Beispiel unzulässig, in einem Bericht auf weitere, bereits verurteilte Sexualtäter hinzuweisen. Dadurch entstünde der Eindruck, Kachelmann stehe in einer Reihe mit diesen Tätern.

Beobachter: Die «Tagesschau» in Deutschland berichtete anfänglich gar nicht über den Fall und musste darum ebenfalls Kritik einstecken.
Studer: Es ist sicher vornehm und auch wünschenswert, nicht über den Fall zu berichten. Es wäre aber weltfremd, dies von allen Medien fordern zu wollen.

Beobachter: Der «Blick» berichtete vergangene Woche über einen angeblichen «Pädo-Pfarrer» mit Namen und Bild, nachdem dieser in Untersuchungshaft genommen worden war. Ist ein Pfarrer ebenfalls eine Person, die wegen solcher Vorwürfe an die Öffentlichkeit gezerrt werden darf?
Studer: Nein. Eine solche Berichterstattung ist total daneben. Der Angeschuldigte hatte nicht einmal die Möglichkeit, die Vorwürfe allenfalls zu bestreiten. Auf diese Weise wird die Privatsphäre unnötig verletzt. Anders als Kachelmann ist ein Pfarrer einer kleinen Gemeinde eben primär eine Privatperson, die nur für einen kleinen Kreis von Bürgern eine öffentliche Ausstrahlung hat. Die Berichterstattung ist umso erstaunlicher, als «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley gleichentags in der NZZ zuzusichern schien, medienethisch korrekt zu berichten. Dabei zog er Konsequenzen aus einem vom Presserat gerügten «Blick»-Artikel. Darin outete das Blatt eine Gemeindeangestellte, die sich privat für ein erotisches Online-Portal hatte ablichten lassen.

Beobachter: Zurück zum Pfarrer: Sexualdelikte mit Kindern könnten ja etwas mit der beruflichen Tätigkeit eines Pfarrers zu tun haben, falls dieser zum Beispiel regelmässig Kontakt mit Kindern hat. Ist es hier nicht legitim, die Öffentlichkeit vor allfälligen weiteren Taten zu warnen?
Studer: In diesem Fall nicht. Der Pfarrer ist ja in Untersuchungshaft genommen worden. Etwas anders sieht es zum Beispiel bei einem notorischen Wirtschaftskriminellen aus, gegen den ein Verfahren eröffnet wird, ohne dass er deswegen in Haft sitzen muss.

Beobachter: Sinkt die Hemmschwelle in den Medien, Tatverdächtige zu outen?
Studer: In den Boulevardmedien ist das sicher so. Manche Journalisten glauben, wenn eine Person Informationen über sich ins Internet gestellt hat und mit Google mühelos auffindbar ist, habe sie sich damit auch dem Medienboulevard geöffnet. So ist es natürlich nicht. Für Betroffene ist es nach einem Freispruch oder einer Einstellung des Verfahrens auch immer schwieriger geworden, angemessen rehabilitiert zu werden. Kein Medium berichtet einigermassen breit über einen Freispruch, auch wenn die betroffenen Personen zuvor über Wochen massiv verdächtigt worden sind.

Beobachter: Artikel werden auch grosszügig im Internet freigegeben. Müssen sie nach einer gewissen Zeit gelöscht werden?
Studer: Selbstverständlich, sofern sie öffentlich zugänglich bleiben. Bei geschützten Datenbanken kann auch eine Sperrung genügen, damit man nur noch gegen Interessennachweis auf den Artikel zugreifen kann.

Beobachter: Sind sich die Medien dieser Pflicht bewusst?
Studer: Leider kaum. Und es kommt eine gewaltige Aufgabe auf die Medien zu. Aber auch auf Suchdienste wie Google. Ich habe das Unternehmen kürzlich besucht. Das Verständnis für Löschungen ist leider noch nicht sehr gross. Es wird argumentiert, ein Betroffener müsse seine Negativmeldungen im Internet halt mit Positivmeldungen kompensieren. Aus rechtlicher Sicht ist das keine Lösung. Darum reagieren Unternehmen wie Google oft erst, wenn Rechtsanwälte mit Konsequenzen drohen.

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Der verlorene Sohn

Die Geschichte eines Schweizers, der in Chile auf tragische Weise ums Leben kommt – und der verzweifelte Kampf seiner Eltern um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Sven Broder und Peter Johannes Meier

Die Angst sitzt Patrick Zwimpfer im Nacken, als er im Licht seiner Stirnlampe folgende Nach­richt auf einen Zettel kritzelt: «Don Juan. Bitte nehmen Sie mein Gepäck mit. […] Ich gehe nur voraus, damit Sie mit dem Pferd gehen können. Grüsse, Patrick». Die Notiz ist für seinen Führer bestimmt, einen 62-jährigen, kauzigen chilenischen Gaucho. Was der nicht weiss: Der Gringo hat zwischen den spanischen Zeilen einen deutschen Satz versteckt. Einen Hilferuf zwischen Klammern: «um nicht umgebracht zu werden!».
Es ist kalt an jenem 7. Mai 2005, als Patrick beschliesst, das Lager zu verlassen und den Zweitagesmarsch zurück nach Lago Verde allein anzutreten. Der Winter ist früh dran in Patagonien, im Süden Chiles.

Einen Seesack auf dem Rücken, der viel Papier, aber kaum Proviant enthält, kämpft sich Patrick in jener Nacht vier Kilometer am Rio Turbio entlang, durchwatet drei eisige Zuflüsse – bis er auf halbem Weg Männer hört und das Gekläff ihrer Hunde. Er ist sich sicher, an den Stimmen seine Verfolger zu erkennen – und flüchtet in die Wälder. Dort verliert sich seine Spur.

Zwei Tage später, am 9. Mai, 10.30 Uhr, meldet Don Juan den 41-jährigen Schweizer bei der Polizei von Lago Verde als verschollen. Und er übergibt den Beamten Patricks Gepäck und die hinterlegte Nachricht. Den deutschen Satz «um nicht umgebracht zu werden» verstehen sie nicht.

Wegen des einbrechenden Winters leiten Polizei und Zivilschutz aber sofort eine Such­aktion ein. Am 13. Mai informiert die lokale Staatsanwaltschaft die Schweizer Botschaft in Santiago de Chile. Man mutmasst, Zwimpfer könnte über die Berge nach Argentinien verschwunden sein. Ein zweiter Anruf am selben Tag, diesmal vom Zivilschutz, erreicht Jean-Didier Javet, den zuständigen Konsul in der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt. Die Such aktion drohe zu scheitern. Weil auf dem Meer ein Sturm tobt und Fischer bedroht, stehen die Polizeikräfte in Alarmbereitschaft. Der einzige flugfähige Helikopter ist dort im Einsatz und ebenfalls nicht verfügbar.

Chilenische Polizisten und Militärs suchen nach Patrick Zwimpfer.

Das Militär beschliesst, anstelle des Helikopters Soldaten von der Provinzhauptstadt Coyhaique ins acht Stunden entfernte Lago Verde zu entsenden. An Pfingsten, 16. Mai, ziehen 34 Mann zu Fuss los, um Patrick zu suchen; Militärs, Grenzpolizisten und Freiwillige aus dem Dorf. Sie müssen aber bald einsehen, dass ihr Unterfangen in diesem unwegsamen Tal, bei Kälte und Schnee, aussichtslos ist. Zudem suchten sie am falschen Ort – sie vermuteten, Patrick sei nach seinem Aufbruch zu Don Juans Hütte zurückgegangen.

DIE HIOBSBOTSCHAFT ERREICHT DIE ELTERN

Nach vier Tagen – Patrick ist nun seit fast zwei Wochen verschollen – sucht der Zivilschutz erneut das Gespräch mit Konsul Javet. Die Chilenen beharren auf Unterstützung aus der Luft. Sie wollen einen privaten Suchhelikopter mieten, verlangen dafür von der Schweiz aber die Übernahme der Treibstoffkosten. Es geht um 700’000 Pesos, rund 1600 Franken. Der Konsul lehnt ab. «Mangels Geldmitteln und auch einer entsprechenden Kompetenz», wird die offizielle Begründung später lauten.

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Die Welt in der Tasche

Voll vernetzt, voll verletzt: Ein Tag Generation iPhone.

Peter Johannes Meier und Balz Ruchti

Loser schläft mit seinem iPhone. Eine Woche schon, seit seine Freundin in die Ferien gefahren ist. Heute Abend kommt sie zurück. Dann will er es ihr sagen, das mit den getrennten Betten. Das wird sie nicht mögen. Er hätte auf seinen Kumpel Freddy hören sollen. Der hatte immer gesagt: von Anfang an getrennte Betten.

Seit ein paar Monaten lebt Loser in einer Dreierbeziehung: er, sie und das «Scheissding», wie Losers Freundin sein iPhone nennt. Für sie ist es Konkurrenz. Das iPhone kann alles, hat alles. Immer und überall. Und es ist in der Überzahl: Heerscharen einzelner Applikationen, kurz Apps, buhlen um Losers Aufmerksamkeit. 150’000 davon gibts allein im App Store von Apple. Über 3,5 Milliarden sind in den letzten 18 Monaten heruntergeladen worden. Loser hat knapp 100. Ein bunter Teppich von kleinen, viereckigen Symbolen, hinter denen sich digitale Hilfen für alle Lebensberei che verstecken – auch fürs Schlafzimmer.

Jeden Abend schiebt Loser das iPhone unters Leintuch, direkt neben sein Gesicht. Im Flugmodus, dann strahlt es nicht. Ein Sensor registriert Bewegungen und errechnet den idealen Weckzeitpunkt, wenn sich Loser ohnehin in einer Leichtschlafphase be findet. Das erleichtert das Aufstehen, ver hindert das Gefühl, aus dem Keller gezogen zu werden. SleepCycle nennt sich die App.

Wissenschaftler sind skeptisch: Schlafphasen liessen sich nicht allein über die Be wegung bestimmen. Mag sein. Aber 100’000 iPhone-Schläfer können nicht irren. Das Problem ist Losers Freundin, die sich auf derselben Ma tratze wälzt. So kann das iPhone seinen Schlafzyklus nicht richtig interpretieren. Er braucht sein eigenes Bett. Hätte er bloss auf Freddy gehört.

Francesco Muzzi

«Dein iPhone müsste man sein», sagt seine Freundin, wenn er am Frühstückstisch jeweils seine Mails checkt. Dank Sleep­Cycle werden sie kaum mehr zusammen früh stücken. Sie steht immer um 6.30 Uhr auf, er wird seinem natürlichen Schlafrhyth mus folgen. Mit einem Lappen wischt Loser die Konfitüre vom iPhone. Gut, hat es keine Tasten, dazwischen hätte sich längst Leben entwickelt.

457 FREUNDE, DOCH KEINEN INTERESSIERTS

Im Zug surft Loser die Zeitungen auf dem iPhone ab; «Newsnetz», «20 Minuten» und «Spiegel Online». Hinter einer Gratiszeitung versteckt er sich nur noch, wenn er schlecht aufgestanden ist. Aber das soll ja nicht mehr vorkommen.

Am Bahnhof steigt Loser ins Tram. Er ruft sein Facebook-Profil auf. Tschudi hat eben seinen Status aktualisiert: «Es ist saukalt an der Tramstelle», schreibt er. Kurz zuvor bereits «hasse aufstehen» um 6.39 Uhr und «mache Kaffee» um 7.02 Uhr.

Bürokollegin Elke lästert über das andere Geschlecht: «Männer sind alle gleich!», schreibt sie. Auch ihr Neuer hat sie also betrogen. Obwohl Elke auf Facebook 457 Freunde hat, verhallt ihr Hilferuf ungehört im Cyberspace: Geteiltes Leid ist hal bes Leid – ausser wenn alle teilen wollen.

Im Büro wirft Loser den Computer an. Die Harddisk ruckelt, das Betriebssystem fährt hoch. Loser hasst lange Vorspiele.

Seit einigen Monaten nimmt er seinen eigenen Laptop mit ins Geschäft. Er hat gemerkt, dass er den Firmen-PC eigentlich nur für das Abrufen einiger Daten braucht. Arbeiten kann er auch auf seinem eigenen Gerät. Das ist ständig mit seiner Daten wolke, seiner Cloud, verbunden. Sie erlaubt ihm, von jedem Gerät auf seine Fotos, seine Musik und seine Dokumente zuzugreifen. Alle seine Daten liegen auf einem Server, irgendwo in Nevada. So sind alle Dokumente auf allen Geräten immer ak tuell – ausser auf dem PC am Arbeitsplatz.

Loser sucht im Adressbuch eine Telefon nummer. Kürzlich hat er gelesen, dass sich jüngere Leute kein Adressbuch mehr an­legen: Alle interessanten Menschen sind auf Facebook.

DIE GEFÄLSCHTE FREUNDIN

Am Nachmittag steht eine Teambildungssitzung auf dem Programm. Loser program miert die Fakecaller-App auf den Namen seiner Freundin. Kurz nach Konferenz beginn wird ihn ein fingierter Anruf erlösen. Virtuelle Freunde haben auch Vorteile. Seine Freundin würde kaum für ihn lügen. Ein bisschen quält Loser sein schlechtes Gewissen. Er beschliesst, ihr das Abend essen zu kochen – und das nächste Mal seine Mutter als Fakecaller zu verwenden.

Während Loser die Häuschen auf seinem Schreibblock schraffiert, werkelt sein Gegenüber am Blackberry rum. Das Gerät hat Tasten. Es ist das Statussymbol für mittlere Kader – es kann wenig und kostet viel, wird aber von der Firma bezahlt.

Exakt sieben Minuten nach Sitzungs beginn gellt der Schrei des Mäusebussards durchs Sitzungszimmer. Bii-lüüüüü. Erst leise, dann lauter. Loser steht auf, verdreht vielsagend die Augen – «meine Freundin» – und verlässt unter den neidischen Blicken der Blackberry-Nutzer den Raum.

WAS GESUND IST

Loser erklärt den Rest des Nachmittags zur Freizeit. Er schlendert durch einen Supermarkt. Mit dem iPhone scannt er den Barcode auf der Müeslipackung. Die Applika tion Codecheck offenbart ihm die Gesundheitsbilanz. Konsumentenorganisationen fordern solche Produktangaben schon seit langem, aber Lebensmittelkonzerne lobbyieren da­gegen.

Die Anzeige leuchtet rot. Kein Müesli für Loser. Er stellt die Packung zurück ins Regal. Zwischen den Neonröhren rieselt ein Song aus der Decke. «Come away with me», lockt eine Frauenstimme. Loser scrollt auf dem iPhone durch seine App-Sammlung. Er sucht Soundhound, einen akustischen Bluthund. Er soll der Tonfährte folgen und die schöne Stimme stellen. Soundhound wittert Norah Jones. Song und Album sind im iTunes Store erhältlich. «Jetzt kaufen?», will Apple wissen. Loser kauft.

GPS und Kompass im iPhone verraten, wer wann wo was gekauft hat, sagt sein Kumpel Freddy. Auf dem Weg zur Kasse greift Loser einen Rotwein, ohne ihn mit Codecheck zu prüfen. Der Wein soll seine Freundin in der Bettsache gefügig machen.

ZWEI BIER

Heute spielt Federer. Zwei Bier gehören dazu. Könnte reichen, bevor sie nach Hau se kommt. Loser macht sich auf den Weg zur Sportbar. Von Layar lässt er sich zu einem am Weg liegenden Bancomaten lotsen.

Der Handybrowser legt auch in Echtzeit digitale Informationen über die Video aufnahme der Handykamera. Augmented Reali­ty heisst das: erweiterte Realität. Loser würde sich brennend für Informationen über die Frau interessieren, die gerade durchs Sichtfeld seiner Kamera schreitet. Programme, die Gesichter auf digitalen Bildern wiedererkennen, gibts längst. Und Name, Wohnort, Jahrgang, Zivilstand finden sich irgendwo im Netz. Man müsste die Informationen nur verbinden, denkt sich Loser. Dann wüsste er, wo die Schöne wohnt. Sie einfach anzusprechen wäre ihm peinlich. Loser überlegt, ob er ein Bild von ihr machen soll. Nur so.

Mitten am Nachmittag ist die Sportbar leer – bis auf einen Langweiler. Der versucht die Bedienung mit der Bier-App zu beeindrucken: Das iBeer simuliert ein Glas Bier, das sich leert, wenn man das iPhone neigt. Die App war vor zwei Jahren in den Top Ten. Ein Update von iBeer lehnte Apple ab, weil am Ende ein Rülpser zu hören ist. Auch die App des Magazins «Stern» wurde vorübergehend aus dem App Store gekippt; wegen zu freizügi ger Bilder. Zugleich hatte Apple die spani­sche Version von Hitlers «Mein Kampf» aufgeschaltet.

Auch der Langweiler kämpft. Um Anerkennung. Heute die Bier-App vorzuzeigen entlarvt ihn zweifelsfrei als Anfänger unter den iPhone-Nutzern.

FACEBOOK GEGEN STERBEHILFE

Während Federer zum zweiten Satzsieg serviert, geht Losers iPhone der Saft aus. Er blickt auf die Uhr an der Wand: 18 Uhr. Verdammt. Zeit vergessen. Eigentlich wollte er das Abendessen bereithaben. Dann werden sie halt gemeinsam kochen.

Kein Licht in der Wohnung. Dabei sollte seine Freundin schon hier sein. Loser gibt dem iPhone Strom. Er war eine volle Stunde nicht erreichbar. Eine Mail von ihr: «Bitte warte nicht auf mich. Ich ziehe zu Freddy. Es ist viel passiert. Erkläre dir später. lg». Loser scrollt die Mail runter und rauf. Aber da steht nicht mehr. 100 Zeichen, eine SMS hätte dafür gereicht. «Freddy, du Sau!», schreit es aus ihm raus. Er fragt sich, was er falsch gemacht hat, findet keine Antwort. Loser öffnet Facebook. Freddy und seine Freundin sollen weg von der Freun des liste. Dann sieht er es: Sie hat einen neuen Beziehungsstatus. Schon seit zwei Tagen. Als sie mit Loser zusammen war, stand bei ihrem Status nichts, jetzt «single». Wie konnte ihm das ent gehen? Loser löscht Freddy von der Liste. Dabei wird ihm bewusst, dass seine Freundin ihn erst über diese Freundesliste kennengelernt hatte. Das Internet hat die beiden zusammengebracht. Ihm seine Freundin genommen. Loser wird klar, dass es Zeit für einen radikalen Schritt ist. Sein gan zes Face book muss weg. Und die Spuren, die er mit Twitter hinterlassen hat. Er ruft suicidemachine.org auf, eine Art digitale Sterbehilfeorganisation. Die Selbstmordmaschine verspricht, «alle energie saugenden Profile in sozialen Netzwerken» zu löschen und virtuelle Freun­de zu killen. Über 3000 digitalisierte Menschen haben den Dienst bereits beansprucht.

Doch die Selbstmordmaschine ist tot. Die Anwälte von Facebook haben sie angegriffen, heisst es auf der Website. Die Suizid hilfe könne nicht mehr angeboten werden.

Loser legt sich ins Bett, verkriecht sich unter der Decke. Eine Träne rinnt ihm über die Wange. Er wählt ihre Nummer auf dem iPhone. Doch bevor sie antwortet, verlässt ihn der Mut. Er schiebt das iPhone unter sein Leintuch.

Die Welt in der Tasche

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Das Ende der Gratis-Kultur

Die Schweizer Medienhäuser fahren mit gedruckten Produkten immer weniger Geld ein. Deshalb suchen sie neue, kostenpflichtige Absatzkanäle. Ein eigener Online-Kiosk und ein digitales Lesegerät sollen Kunden zum Bezahlen bringen.

Peter Johannes Meier

Das Zeitalter der digita len Bezahlzeitung beginnt jetzt. Die grossen Verlagshäuser Tamedia, NZZ, Ringier, Edipresse und der Buchhändler Orell Füssli schliessen sich mit der Swisscom zusammen, um digitalisierte Zeitungen und Bücher über einen neuen Online-Kiosk zu verkaufen. Die Leser sollen ein vergünstigtes Lesegerät erwerben, auf das sie Zeitungen und Bücher runterladen können. Die unter Ertragsschwund leiden den Medienhäuser sehen die Zeit gekommen, von der Alles-Gratis-Strategie abzurücken.

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