Archiv der Kategorie: Wirtschaft

Offshore-Leaks: Dokumente veröffentlicht

Das amerikanische Journalistenkonsortium ICIJ veröffentlicht häppchenweise Dokumente der Offshore-Leaks-Harddisk. Einsehbar sind Originaldokumente zu bereits publizierten Recherchen.

Auch Dokumente zu Schweizer Fällen sind bereits publiziert worden. So eine Mailkorrespondenz zwischen der Clariden Bank und dem Trust-Anbieter Portcullis Trustnet in Singapur. Auch zu den Briefkastenfirmen der spanisch-schweizerischen Kunsthändlerin Carmen Thyssen-Bornemisza sind Dokumente einsehbar.

Die Originaldokumente sind über die Internetseite documentcloud.org zugänglich. Einfach den Begriff «ICIJ» in der Suchmaske eingegeben.

http://beobachter.ch/offshoreleaks

Die Trickser

Für Pleitiers und Abzocker 
ist die Schweiz ein Eldorado. Von der Justiz haben sie 
wenig zu befürchten. 
Das soll sich ändern.

Der Unternehmer aus der Westschweiz neigt eigentlich nicht zu Verschwörungs­theorien. Doch was in diesem Fall passiert, kann sich Christoph Schütz nur so erklären: «Da wird jemand geschützt. Zuerst vom Berner Establishment und jetzt von der Berner Justiz.»

Mit «jemand» meint er den prominenten Berner Medienrechtler Franz A. Zölch. Eine ganze Reihe Geschädigter hatte diesen angezeigt, wegen Betrugs. Seit Jahren geht der prominente Jurist ehemalige Kunden, Geschäftspartner und Bekannte um Darlehen an, die er in wenigen Tagen zurückzahlen will. Meist gaukelt er ihnen vor, eine grosse Summe für endlich abgeschlos­sene Geschäfte zu erhalten. Einmal sollte es ein 9/11-Fall sein, dann ging es um Überweisungen aus dem Nahen Osten. Um das Geld aber «auslösen» zu können, müsse er kurzfristig nach Genf reisen und dort Konten eröffnen. Gegenüber dem ­Beobachter sprach Zölch von «First in, ­second out»-Geschäften – erst muss man Geld ­einzahlen, danach wird der Einsatz mit ­Gewinn zurückgezahlt.

© Thomas Ott

© Thomas Ott

Auf ihr «Out» warten die Gläubiger bis heute. Zölch räumt ein, die Darlehen noch nicht zurückgezahlt zu haben. Er werde sich melden, sobald es so weit sei.

Letzten Herbst hatte der Beobachter Zölchs Masche publik gemacht. Mehrere Betroffene reichten eine Strafanzeige wegen Betrugs ein. Nicht in der Hoffnung, an ihr Geld zu kommen – der Inhaber einer Berner Kanzlei für Medienrecht ist gemäss Betreibungsregister massiv verschuldet. Zölch sollte nach Meinung der Kläger aber wenigstens eine Strafe dafür erhalten, dass er hilfsbereite Menschen systematisch über den Tisch zieht. Vielleicht würde ihn das von der Aufnahme weiterer «Dar­lehen» abhalten.

Doch nun ist klar: Zölch ist kein Betrüger. Sämtliche Strafanzeigen, von denen der Beobachter Kenntnis hat, wurden von verschiedenen Berner Staatsanwaltschaften nicht weiterverfolgt, oder das Verfahren wurde eingestellt. Der Grund: Zölch soll nicht arglistig vorgegangen sein. Anders gesagt: Die Opfer sind selber schuld, sie hätten Zölchs Geschichten nicht glauben sollen und seine Kreditwürdigkeit ­hinterfragen müssen.

Genau das aber hatte einer der Gläubiger getan. Er hatte sogar eine Inkassofirma damit beauftragt, Zölchs Bonität zu überprüfen – und einen positiven Bericht erhalten. «Wir legten Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens ein und beantragten bei der Staatsanwaltschaft sowie beim Obergericht, Abklärungen bei anderen Gläubigern vorzunehmen. Mit geringem Aufwand hätte sich gezeigt, dass der Beschuldigte nach dem immer gleichen Muster vorgeht», sagt der Anwalt des Opfers, Peter Obrecht. Die Anträge wurden ab­gelehnt. Sie seien nicht geeignet, etwas über die Arglist des Täters auszusagen, ­befand das Berner Obergericht.

WEITERHIN AUF DER SUCHE NACH DARLEHEN

«Für einen Geschädigten ist das absolut unverständlich», so der Anwalt. Zölch war Brigadier im Militär, Dozent an mehreren Hochschulen, Gatte einer Regierungsrätin, Präsident des Eishockeyverbands und ein gut vernetzter Firmenberater. Ihm hatten die Darlehensgeber solche Machenschaften nicht zugetraut. «Im Nachhinein ge­sehen, waren wir wohl etwas blau­äugig», sagt ein Geschädigter. Aber warum soll der Täter von der Justiz profitieren? Laut der Pendlerzeitung «20 Minuten» sucht Zölch weiterhin Darlehen und erzählt seine Geschichten von grossen Summen, die bald einträfen.

Die Geschädigten haben mittlerweile das Vertrauen in die Justiz verloren. Sie bezweifeln, dass diese gegen solche Machenschaften überhaupt etwas unternehmen will. Den finanziellen Schaden müssen sie ohnehin selber tragen. «Auf den Spott der Gerichte verzichten wir aber gern», sagt einer, der mehrere zehntausend Franken verloren hat.

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Wolkige Versprechen

Alle wollen unsere Daten. Cloud-Computing soll das Geschäft des Jahrzehnts werden. Durch ständiges Rauf- und Runterladen sollen wir synchron bleiben. Das kostet noch wenig Geld, aber immer mehr Energie.

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oder hier:

Der Computer der Zukunft

Der Fall des Franz A. Zölch

Der Berner Medienrechtler Franz A. Zölch schuldet ehemaligen Kunden und Geschäftspartnern rund zwei Millionen Franken. Mit kuriosen Versprechen versucht er wieder an Geld zu kommen: Auf einem Bankkonto sollen Millionen für ihn einbezahlt worden sein. Um die Summe „auszulösen“, bittet  er um kurzfristige Darlehen.

Wieso braucht einer Darlehen, wenn er Millionen auf einem Konto hat? Erinnert irgendwie an den berüchtigten Nigerianer-Trick…

Der Fall des Franz A. Zölch

Von Feinden fordern

Kaum hat die Occupy-Bewegung in der Schweiz Fuss gefasst, wird sie auch schon wegen ihrer diffusen vielfältigen Forderungen kritisiert.

Bild: Occupy Paradeplatz

Bild: „Occupy Paradeplatz“

Basiscamp Lindenhof

Die Bewegung kann gar nicht anders. Und trotzdem könnte sie erfolgreicher sein, als die Antiglobalisierungsbewegung. Immerhin hat sie ein klares Feindbild.

Was lange gärt

Interview mit dem Soziologen Kurt Imhof (diesmal garantiert ohne Medienschelte…)

«Wir sind alle mit den Banken verbandelt»

Grundeinkommen statt Sozialhilfe

Nicht in jeder Bank denkt man an den nächsten Bonus. Der Basler Daniel Häni versteigert gerade den Tresorraum und arbeitet an einer neuen Wirtschaftsordnung: das Grundeinkommen, bedingungslos und für alle.

Peter Johannes Meier

Es ist die erste Gesellschaftsvision des 21. Jahrhunderts – und sie ist voller Sprengkraft: Statt Arbeitslose in einen Arbeitsmarkt zu drängen, der sie nicht braucht, sollen sie ein Grundeinkommen erhalten, von dem es sich leben lässt. Finden sie dennoch Arbeit, verdienen sie einfach etwas dazu, kein Problem. Sozialhilfeempfänger gibt es nicht, denn auch sie erhalten das Grundeinkommen. Und damit niemand neidisch wird: Auch alle Arbeitstätigen bekommen es. Die Sozialwerke werden dafür weitgehend abgeschafft.

Was sich nach einem Schlaraffenland für alle anhört, ist durchaus ernst gemeint. Unterstützung findet sich von links bis rechts, vom Unternehmer bis zum Sozialarbeiter. Auch die Bedenken kommen aus allen Lagern. Kommunismus light oder Liberalismus pur? Werden sich die Menschen auf die faule Haut legen? Oder geht es darum, Hilfsbedürftige einfach mit etwas Geld abzuspeisen? Allein die Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen könnte vieles verändern. Damit sie breit geführt wird, bereiten Aktivisten eine Volksinitiative vor.

"Bild: Dan Cermak"

«Dieser Safe wird zum Sprungbrett für das Volkseinkommen»: Daniel Straub (links) und Daniel Häni. Bild: Dan Cermak

2012, wenn die Köpfe wieder frei von Wahlversprechen sind, sollen die Unterschriften gesammelt werden. Bis dahin wird die Vision in Büchern und Filmen thematisiert, im Internet und an Kongressen debattiert. An prominenten Fürsprechern mangelt es nicht. Klaus Wellershoff, der frühere Chefökonom der UBS, ist einer, der langjährige Bundesratssprecher Oswald Sigg (siehe Artikel zum Thema) ein anderer. Beide werden am 19. März am Grundeinkommenskongress in Zürich auftreten.

WAS TUN MENSCHEN, WENN SIE NICHT MÜSSEN?

Ein mehrheitsfähiges Projekt also? «Wer dagegen ist, sucht Gründe. Wer dafür ist, findet Wege», sagt Daniel Häni. Der 44-Jährige sitzt an einem Kaffeehaustisch in der Schalterhalle einer ehemaligen Bank. Das bedingungslose Grundeinkommen sei ein Kulturimpuls. «Niemand muss Angst haben, dass es morgen gleich eingeführt wird. Sobald die Idee aber eine Mehrheit gefunden hat, wird sie so selbstverständlich sein wie das Frauenstimmrecht», sagt Häni. Wir trinken Espresso, wie 100 andere auch. Die Halle ist ein beliebter Treffpunkt mitten in Basel, ein Kaffeehaus ohne Konsumzwang. Die ehemalige Filiale der Volksbank haben Häni und seine Mitstreiter 1998 mit Hilfe einer Stiftung öffentlich zugänglich gemacht. Der Kaufpreis war fair, rund zehn Millionen Franken. Heute floriert das Geschäft: 1000 Gäste pro Tag, 3,5 Millionen Umsatz pro Jahr. Erstaunlich, was Menschen konsumieren, wenn sie nicht müssen.

Die Frage treibt Häni seit 20 Jahren um. Was tun Menschen, wenn sie nicht müssen? Die Bank ohne Banker ist ein Ergebnis, entstanden mit Hilfe eines Grundeinkommens, das Häni ein Jahr lang von einer Stiftung erhalten hat – bedingungslos. «Ich weiss also aus eigener Erfahrung, was ein Grundeinkommen bewirken kann», sagt der ehemalige Hausbesetzer und -vermittler. «Es gab mir die Zeit, um den Grundstein für das Unternehmen zu legen.»

Über dem Café haben sich Künstler, Wissenschaftler, Nichtregierungsorganisationen, Designer und Architekten eingemietet. Das Biotop für «Kultur-Kreative» ist eine gemeinnützige GmbH und nennt sich «unternehmen mitte». Daniel Häni ist für Finanzen und Organisation zuständig.

Sein Blick wandert unruhig durch die Schalterhalle. Er könnte sich auf seinem Erfolg ausruhen, durchs Café schlendern und Gäste begrüssen. Wäre da nicht wieder diese Frage: Was würden all diese Menschen tun, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre? Das «unternehmen mitte» soll ein Kraftwerk werden, das dem bedingungslosen Grundeinkommen zum Durchbruch verhilft.

Was Menschen tun, wenn sie bedingungslos ein bescheidenes Grundeinkommen erhalten, wollte auch das deutsche Wirtschaftsmagazin «brand eins» wissen: 90 Prozent der Befragten versicherten, sie würden weiterhin arbeiten. 80 Prozent glaubten aber auch, andere würden mit dem Arbeiten sofort aufhören.

«WIR DENKEN IN ZWEI MENSCHENBILDERN»

Irgendwie geht diese Rechnung nicht auf. Waren die Befragten einfach unehrlich mit sich selber? Oder ungerecht zu den anderen? «Letzteres ist richtig», sagt Häni. «Wir denken immer in zwei Menschenbildern: Das eine ist für mich und meine Freunde, das zweite gilt für alle anderen.» Und wieso schneiden die anderen immer schlechter ab? «Viele Menschen fühlen sich ständig bedroht, obwohl wir im materiellen Überfluss leben. Sie glauben, ihr Vertrauen werde missbraucht, obwohl das – seien wir ehrlich – sehr selten passiert. Unser ganzes Leben baut auf Vertrauen auf.»

Medien und Politiker würden diese Ängste bewirtschaften, was die Menschen blockiere. «Das bedingungslose Grundeinkommen könnte ihnen diese Grundangst nehmen und einen Schub an Kreativität freisetzen», ist Häni überzeugt. Bereits die Auseinandersetzung mit der Idee helfe.

Neben Daniel Häni sitzt Daniel Straub. Er hat vor einem Jahr mit einem Freund die Agentur[mit]Grundeinkommen gegründet, die an der Erforschung und Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens in der Schweiz arbeitet. Die beiden Zürcher sind Verbündete von Häni auf dem Weg zur Volksinitiative. Warum das Engagement? «Was heute mit jenen passiert, die keine Erwerbsarbeit finden, richtet nicht nur menschlichen, sondern auch hohen volkswirtschaftlichen Schaden an», sagt Straub.

Er spricht von der wachsenden Bürokratie, die sich mit der Kontrolle und dem Herumschieben von Erwerbslosen zwischen Sozialwerken befasst. Betroffene müssen sich dabei immer wieder neu für ihre Situation rechtfertigen. «Das ist erniedrigend und stigmatisiert. Eine denkbar schlechte Voraussetzung, um mit einer sinnstiftenden Arbeit wieder Tritt zu fassen», sagt Straub.

Tatsächlich sind zum Beispiel die Kosten für reine Abklärungsarbeiten bei der Invalidenversicherung zwischen 2005 und 2008 von 123 auf 152 Millionen Franken hochgeschnellt. Die Anzahl der Renten hat in der gleichen Zeit aber abgenommen. Ein beträchtlicher Teil der Betroffenen dürfte heute Sozialhilfe beziehen. Ein wachsender Apparat von gutbezahlten Sozialarbeitern, Ärzten und Juristen beschäftigt sich vorwiegend mit der Frage, welcher Erwerbslose aus welchem Grund aus einer anderen Kasse unterstützt werden sollte.

DIE HÖHE DES EINKOMMENS IST UMSTRITTEN

Es überrascht deshalb kaum, dass die Idee des Grundeinkommens auch bei liberalen Geistern Zustimmung findet. So verlangt Thomas Straubhaar, Schweizer Ökonom und Präsident des Welt-Wirtschafts-Instituts in Hamburg, ein bedingungsloses Grundeinkommen für Deutschland. Die bürokratische Einzelfallbetreuung von Erwerbslosen sei nicht mehr finanzierbar, argumentierte er in einem Gastkommentar für den «Spiegel».

Die Motive der Befürworter des Grundeinkommens mögen unterschiedlich sein, die Lösung aber ist dieselbe. Vor allem über Höhe und Finanzierung eines Grundeinkommens wird gestritten. Straubhaar möchte es tief ansetzen, damit die Motivation für eine Erwerbsarbeit hoch bleibt. Häni und Straub wollen es höher, damit sich die Menschen auch gesellschaftlich wichtigen, aber noch nicht bezahlten Arbeiten zuwenden können.

Wie hoch könnte also ein Grundeinkommen sein? Häni und ein Dutzend weitere Autoren aus der ganzen Welt haben gerechnet. BIEN-Schweiz, die Schweizer Sektion des globalen Netzwerks für Grundeinkommen (Basic Income Earth Network), hat die Beiträge im Buch «Die Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens» veröffentlicht. Das Erstaunliche: Der Schweizer Bevölkerung könnten heute 1500 Franken pro Kopf (inklusive Kinder) ausbezahlt werden, ohne dass die Sozialleistungsquote – etwa ein Viertel des Bruttoinlandprodukts – erhöht werden müsste. Zu diesem Schluss kommt Peter Ulrich, ehemaliger Leiter des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. 1500 Franken sind zwar 1000 Franken weniger als das heutige Existenzminimum, wie es die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) definiert. Zusammen mit ihrem Erwerbseinkommen würden die meisten aber deutlich mehr verdienen. Das Grundeinkommen könnte also über die Besteuerung von höheren Einkommen und Vermögen auf ein existenzsicherndes Mass angehoben werden.

Für Daniel Häni wäre das eine schlechte Lösung. «Alle Steuern und Abgaben, die heute während des Produktionsprozesses erhoben werden, sollten erst beim Verkauf des Produkts als Mehrwertsteuer eingezogen werden. Volkswirtschaftliche Leistung zu besteuern ist im Grunde Sozialromantik und baut auf einem Mythos auf, der nichts mit der wirtschaftlichen Realität zu tun hat.» Ein solcher Mythos ist für Häni der soziale Ausgleich durch progressive Einkommenssteuern. Oder die Annahme, dass Unternehmen überhaupt Steuern oder Arbeitgeberbeiträge zahlen. «Jedes Unternehmen überwälzt Steuern und Abgaben auf die Preise seiner Produkte, anderenfalls wäre es schnell pleite.» Das Gleiche gelte für die Steuern und Abgaben der Angestellten, die ja über Löhne finanziert werden, die ebenfalls in den Preisen enthalten sind. Anders ausgedrückt: Am Schluss bezahlt alles der Konsument. Häni ist darum für einen kontinuierlichen Ausbau der transparenteren Mehrwertsteuer, die ehrlicher sei, den Vorgang der Wertschöpfung nicht behindere, nicht flüchten könne und auch global die gerechtere Steuer sei.

Mit seinem Vorschlag steht er nicht allein da. Götz Werner, Besitzer der deutschen DM-Drogeriemarktkette (33’000 Mitarbeiter, 5,2 Milliarden Euro Umsatz), plädiert seit Jahren für das bedingungslose Grundeinkommen, finanziert durch einen radikalen Wechsel zur Mehrwertsteuer. Solche Ideen rühren an ein Tabu der Linken: den sozialen Ausgleich über progressive Einkommensbesteuerung. Die Mehrwertsteuer ist ja für alle gleich. «Die progressive Besteuerung bewirkt nachweislich nicht, was mit ihr versprochen wird. Die Einkommens- und Vermögensschere geht auseinander», wendet Häni ein. Zudem habe auch die Mehrwertsteuer eine ausgleichende Wirkung: Wer mehr konsumiert, zahlt mehr Steuern.

Wirtschaftsethiker Ulrich sieht langfristig keine Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen. «In fast allen Ländern sind die Lohnquoten am Sozialprodukt in den letzten 30 Jahren deutlich gesunken und diejenigen der Nettoeinkommen aus Unternehmen und Vermögen gestiegen», bilanziert er. Die Vorstellung von Vollbeschäftigung sei darum veraltet.

Doch genau daran orientiert sich die Sozial- und Beschäftigungspolitik noch heute. Die aktuelle Debatte über die Wiedereingliederung von IV-Bezügern in den Arbeitsmarkt zeugt davon. Weil Unternehmen diese kaum freiwillig beschäftigen werden, soll eine Quotenregelung das Problem lösen. Für Unternehmer wie Götz Werner hat die Wirtschaft gerade nicht die Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen. Im Gegenteil. Ihr Ziel müsse es sein, Menschen durch Rationalisierungen und Produktivitätssteigerung von der Arbeit zu befreien.

PUTZEN, UM PORSCHE FAHREN ZU KÖNNEN

Daniel Häni sieht die Zeit gekommen, Abschied vom traditionellen Arbeitskampf zu nehmen. «Es geht doch darum, die Errungenschaften der Rationalisierung so zu verteilen, dass sich möglichst viele Menschen sinnstiftenden Arbeiten zuwenden können. Die Lohnarbeit taugt als Verteilschlüssel nicht mehr. Dem Kampf der Arbeitnehmerorganisationen für den Erhalt von Arbeitsplätzen entschwindet darum der Sinn.» Eingesehen hätten das erst wenige, zum Beispiel die Gewerkschaft Syna.

Eine Frage bleibt: Wer wird die unattraktiven und schlechtbezahlten Arbeiten verrichten, wenn es sich auch von einem Grundeinkommen leben lässt? «Die Unternehmen müssen sich dann mit konkurrenzfähigen Angeboten um Angestellte bewerben. Vielleicht wird die Putzfrau in Zukunft Porsche fahren.» Häni korrigiert sich: «Die Männer werden putzen, damit sie weiterhin Porsche fahren können.»

Bis dahin schafft das «unternehmen mitte» einen weiteren alten Zopf ab: Der Tresor im Kellergeschoss der Bank wird dem Meistbietenden verkauft. Die ganze Anlage soll demontiert und am gewünschten Ort wieder aufgebaut werden. Das Mindestgebot liegt derzeit bei zwei Millionen Franken. Der Erlös soll für die Volksinitiative eingesetzt werden. Häni: «Der alte Volksbank-Safe wird so zum Sprungbrett für das neue Volkseinkommen.»

www.kultkino.ch/kultkino/besonderes/grundeinkommen

www.grundeinkommen.ch

www.facebook.com/bedingungsloses.grundeinkommen

Sozialabgaben weggeputzt

Die Nummer eins im Schweizer Putzgeschäft bezahlt seit Jahren kaum Sozialabgaben. Sie ist kein Einzelfall: Ausstände bei AHV und IV wachsen.

Peter Johannes Meier

«Illegal ist nicht egal», heisst es auf der Website von putfrauenvermittlung.ch. Die laut eigenen Angaben grösste Firma der Branche zitiert die Kampagne «Gegen Schwarzarbeit» des Staatssekretariats für Wirtschaft und behauptet, «sämtliche Sozialleistungen» der Angestellten «zu bezahlen».

Interessant für alle, die eine Putzfrau legal beschäftigen wollen, aber den Papierkram scheuen. Doch ausgerechnet wegen nicht bezahlter Sozialleistungen wird die Firma mit 850 Angestellten auf über 600000 Franken betrieben. Hinzu kommen über 400000 Franken ausstehende Mehrwertsteuern (Stand November 2010).

Thinkstock

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Gläubiger sind hauptsächlich die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich (SVA), die vor allem auf AHV-Beiträge wartet, sowie der Bund, bei dem die Mehrwertsteuern ausstehen. Marco Gloor, Geschäftsleiter der Putzfrauenvermittlung.ch, «bedauert», dass aufgrund der Dokumente «der Eindruck entstehen kann», es würden «mehr Schulden angehäuft als abbezahlt». Dies liege daran, dass aktuelle Zahlungen auch für die Tilgung von Schulden aus vergangenen Jahren eingesetzt würden. Dadurch komme es immer wieder zu neuen Betreibungen. Dieser eigenwilligen Erklärung fügt Gloor an, er habe mit der Sozialversicherungsanstalt einen Abzahlungsdeal abgeschlossen, den er auch einhalte.

Die SVA will sich aus Datenschutzgründen nicht zum konkreten Fall äussern. «Firmen werden aber nicht weiter betrieben, wenn sie Ratenpläne einhalten und die neu anfallenden Abgaben bezahlen», versichert Sprecherin Daniela Aloisi. Doch genau dies geschieht seit Februar.

Weil die Putzfrauenvermittlung.ch ihre Angestellten schweizweit an eigenständige Franchise-Unternehmen verleiht, müsste sie eine Bewilligung für Personalverleihfirmen haben. Diese hat sie nicht, wie Can Arikan vom Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit bestätigt. Die Firma habe inzwischen aber ein entsprechendes Gesuch eingereicht, das nun geprüft werde. Gegenüber dem Beobachter bestritt Gloor, dass die Firma eine derartige Bewilligung benötige.

Die Putzfrauenvermittlung.ch nimmt es seit Jahren locker mit dem Bezahlen von Sozialabgaben und Mehrwertsteuern. Das Total der ausstehenden Forderungen ist in den letzten Jahren ständig angewachsen, auf mittlerweile über eine Million Franken.

WOHIN SIND DIE KUNDENGELDER GEFLOSSEN?

Abzahlungsvereinbarungen können den drohenden Konkurs oder die Pfändung einer Firma verhindern. So die Idee hinter Deals zwischen Sozialversicherungen und Unternehmen. Sie können sinnvoll sein, wenn eine Firma überraschend in Zahlungsschwierigkeiten gerät. Bei der Putzfrauenvermittlung.ch trifft das kaum zu. Die Putzfrauen werden nämlich nur bezahlt, wenn ihre Leistung auch einem Kunden verrechnet werden kann. Und nur dann werden Sozialabgaben fällig. Es stellt sich darum die Frage, wohin die von den Kunden bereits abgelieferten Sozialabgaben geflossen sind. Marco Gloor weist jeden Verdacht zurück, solche Gelder könnten anderweitig eingesetzt worden sein.

Einer der Verwaltungsräte der Putzfrauenvermittlung.ch ist der St. Galler SVP-Kantonsrat Roland Hartmann. Vor gut einem Jahr hatte er in der «Südostschweiz» erklärt, die Firma laufe «ausserordentlich gut», alle Schulden seien bezahlt worden. Er wollte zu den neuen Schulden nicht Stellung nehmen und verwies auf Geschäftsleiter Gloor. Hartmann sass bereits dreimal in Verwaltungsräten von Gloor-Firmen; zwei Werbeagenturen sind in Konkurs gegangen, ein Reisebüro musste mangels Aktiven von Amts wegen liquidiert werden.

Immerhin müssen sich die Angestellten der Putzfrauenvermittlung.ch bei einem allfälligen Konkurs keine Sorgen um AHV- und IV-Beiträge machen, sofern ihnen diese in den Lohnabrechnungen abgezogen worden sind. Dann trägt die Sozialversicherung den Schaden – also all jene Beitragszahler, die sich korrekt verhalten.

Um möglichen «Sozialmissbrauch» durch Firmen zu beenden, könnten die Sozialversicherungen auch ohne weitere Betreibungen gerichtlich einen Konkurs fordern. In der Praxis geschieht das aber selten – obwohl die Summe der schweizweit nicht einbezahlten AHV- und IV-Beiträge stark angewachsen ist: von 832 Millionen 2008 auf 984 Millionen Franken 2009. Etwa zehn Prozent davon muss sich der Staat jährlich ans Bein streichen – meist weil Firmen in Konkurs gegangen sind.

Schmutzige Geschäfte mit Putzfrauen

Kämpfer im Spiel – Gewinner im Job?

Computerspiele machen einsam und aggressiv, so ein verbreitetes Vorurteil. Namhafte Wissenschaftler sehen das anders: Erfolgreiche Gamer stellen mit ihren Fähigkeiten die künftige Wirtschaftselite.

Balz Ruchti und Peter Johannes Meier

Wer wissen will, wie Unternehmen in zehn Jahren geführt werden, muss sich Online-Spiele anschauen. Das ist kein Werbespruch aus der Game-Industrie, sondern die Erkenntnis von Kommunikationsforschern der Stanford-Universität in Kalifornien. Byron Reeves und sein Team analysierten, wie sich weltweit tätige Unternehmen entwickeln, und haben für sie die künftigen Führungskräfte entdeckt: erfolgreiche Online-Gamer. Das Spielen im Netz macht keineswegs dumm, einsam oder gar aggressiv – im Gegenteil: Es ist karriere- und wirtschaftsfördernd, so das Fazit der Studie «Virtuelle Welten – echte Führer».

Laut den Forschern werden sich Unternehmen künftig noch mehr aufgliedern und über alle Kontinente hinweg vernetzen. Dadurch müssten immer mehr Aufgaben virtuell koordiniert und ausgeführt werden – ohne dass darunter Zwischenmenschliches leiden darf. Der Manager, der mit Powerpoint-Präsentationen im Köfferchen Flugzeuge besteigt und seinen Mailverkehr an die Sekretärin delegiert, wird hier zweifellos an Grenzen stossen.

Was Führungskräften künftig abverlangt wird, lernen junge Gamer heute in ihrer Freizeit. Den Teilnehmern grosser Online-Rollenspiele, sogenannter Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPGs), stellen sich Aufgaben, die sie – wie Manager – alleine nicht mehr lösen können. «World of Warcraft» ist ein solches Spiel, das derzeit zwölf Millionen Nutzer weltweit vereint. Führer dirigieren Gruppen von Spielern, sogenannte Gilden, auf gemeinsamen Missionen. Wer sich hier als Leader halten oder aufsteigen kann, beweist Führungstalent. Bei einer Umfrage unter IBM-Managern mit Game-Erfahrung gab fast die Hälfte an, dass das Spielen ihre Führungsqualitäten verbessert habe, schreibt die «Harvard Business Review» 2008. Was macht Online-Gildenleader zu besseren Managern?

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Enterprise im Sturzflug

© Beobachter 2010

Die Schweizer Talis Enterprise will in Deutschland Touristen in den Weltraum schiessen. Die Firma entpuppt sich als Fassade für undurchsichtige Geldbeschaffer.

Peter Johannes Meier

Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2008. Die Talis Enterprise kündigt Flüge für Touristen in 120 Kilometer Höhe an, ein paar Minuten Schwerelosigkeit. 2012 sollten erste Passagiere für 150000 Euro abheben.

August 2010: Die Talis, eine Briefkastenfirma in Morschach SZ, hat ein Problem. Verwaltungsratspräsident Hans Ulrich Ammann ist abgesprungen. «Das nötige Geld ist nicht zusammengekommen.» Wie viel Geld in der Kasse liege, wisse er nicht, das Ganze sei «etwas intransparent».

Ammann war von deutschen Geschäftsleuten als einziger Schweizer in den Verwaltungsrat geholt worden. Sein Langenthaler Unternehmen Swiss Propulsion Laboratory soll den Raketenantrieb für das Raumschiff bauen. «Wir würden unseren Beitrag gern leisten, falls sich das Projekt finanzieren lässt.» Ganz aufgegeben hat er es noch nicht. Ebenso die beiden deutschen Initiatoren des Projekts. Sie arbeiten seit Jahren an der Verwirklichung ihres Traums: das Raumschiff Enterprise, das fünf Passagiere in den suborbitalen Raum befördert.

FIASKO FÜR INVESTOREN

Ob es je dazu kommen wird, ist fraglich. Um an Kapital zu gelangen rund 100 Millionen Euro werden angeblich gebraucht –, haben sich die Unternehmer auf einen umstrittenen Geldbeschaffer und Mitaktionär eingelassen: Jan Richard Emmert. Der Deutsche arbeitete bisher in einem losen Netzwerk von Geschäftsleuten aus dem Raum Frankfurt, die seit Jahren Investoren für neue Geschäftsideen suchen.

Die Projekte endeten für die Anleger regelmässig in einem Fiasko. Deren Geld floss nämlich weniger in die Geschäftsidee, sondern versickerte im Umfeld der Geldbeschaffer. So geschehen bei der Firma Nicstic, die eine rauchlose Zigarette auf den Markt bringen wollte, bei Swiss Chillmi, die ein Entspannungsgetränk versprach, bei Seabed, die versunkene Schiffe bergen wollte, oder bei der Jackpot System Tipp AG, die um Aktionäre für Lotto-Spielgemeinschaften warb. Mehrere dieser Firmen hatten ihr Domizil in Zug – an derselben Adresse wie Emmerts eigene Firma, die Peers Consulting AG.

Die Projekte der «Frankfurter Schule» haben noch etwas gemeinsam: Rhetorisch geschickte Verkäufer telefonieren jeweils potentielle Investoren ab, auch in der Schweiz. Ein baldiger Börsengang soll den Aktienwert angeblich in die Höhe treiben. Auch für die Talis wurde ein Börsengang angekündigt – auf Ende 2009.

EIN LUFTIGES PROJEKT

Emmert versucht zu beruhigen: «Noch im September wird die Talis mit neuem Verwaltungsrat und neuem Domizil die rechtlichen Erfordernisse wieder erfüllen.» Zum Thema Finanzen sagt er nur so viel: «Die Wirtschaftskrise hat das Projekt um einige Jahre zurückgeworfen.» Man stehe aber in Verhandlungen mit Investoren, auch die malaysische Regierung zeige Interesse.

Derweil bricht das Kartenhaus Talis zusammen. So will der ostdeutsche Flugzeugbauer Xtremeair nichts mit dem Talis-Projekt zu tun haben. «Es gab eine unverbindliche Anfrage. Eine Zusammenarbeit ist aber nie entstanden. Dennoch benutzt uns die Talis als Aushängeschild», beschwert sich Geschäftsleiter Harro Möwes.

Ein weiterer angeblicher Talis-Partner ist der deutsche Gastronom Gerd Käfer. Auf Talis-Webseiten präsentiert sich das Unternehmen mit dem Gourmetpapst, der die Fluggäste künftig im schwerelosen Raum verköstigen soll. «Gerd Käfer wurde vor einiger Zeit von Herrn Emmert angefragt, ob er die Menüs für Reisende zusammenstellen könnte. Seither haben wir von der Talisnichts mehr gehört», sagt eine Mitarbeiterin. Eine Kooperation gebe es nicht.

Für Weltraumflüge scheint das Talis-Projekt etwas gar luftig zu sein. Sollte es irgendwann doch zum Countdown kommen, sollen die Flüge über das Unternehmen Space Travellers verkauft werden. Dieses vermittelt bereits heute Astronautentrainings und Jetflüge. Die sind zumindest echt – auch wenn dafür mit der Schweizer Möchtegern-Astronautin Barbara Burtscher geworben wurde.

Wohnen tut not

© Beobachter 2010

Bald wohnen nur noch Reiche in den Zentren: Die Immobilienpreise steigen und drängen Normalverdiener aus der Stadt. Das Rezept dagegen: mehr Genossenschaftsbauten.

Andrea Haefely, Peter Johannes Meier, Martin Vetterli

Es gebe kein Menschenrecht aufs Wohnen im Seefeld. Mit diesem Spruch brachte der Direktor des Schweizer Hauseigentümerverbands die Wohnungsnotdebatte im Zürcher Trendquartier auf einen Punkt, der rundum provoziert. Nur: «Seefeldisiert» – von Besserverdienenden verdrängt – fühlen sich mittlerweile auch Bewohner anderer Quartiere – und in anderen Städten.

Einen Kilometer westlich vom Seefeld, im Escherpark, kommt der Spruch besonders schlecht an. Dort will die Credit Suisse 13 Mehrfamilienhäuser mit Baujahr 1941 abbrechen und Luxuswohnungen hochziehen. «Die Häuser entsprechen nicht mehr den zeitgemässen Bedürfnissen von Mietobjekten an dieser Lage», begründete die CS den 75 Mietern die Kündigung.

«DAS SCHLIMMSTE IST DER ZYNISMUS»

Ausziehen muss auch die Familie Obi. Dreieinhalb Jahre hatten sie im Quartier eine grössere Wohnung gesucht, nachdem ihr erstes Kind zur Welt gekommen war. In der CS-Siedlung waren sie endlich fündig geworden, auch wenn ihnen die Vierzimmerwohnung für 2700 Franken eigentlich zu teuer war. «Endlich hatte diese nervenaufreibende Sucherei ein Ende», erzählt Regula Obi. Doch neun Monate später kam die Kündigung: «Niemand hat uns gewarnt, niemand hat je etwas von Abbruch gesagt.» Es habe stets nur geheissen, die Küchen und Bäder würden irgendwann saniert. Das Schlimmste aber sei der Zynismus: «Man redet immer von Häusern, die Sanierungsbedarf haben. Als würden wir Menschen, die hier ihr Zuhause haben, die hier verwurzelt sind, nicht existieren.»

«Seefeldisierung»: Im Zürcher Trendquartier am See weichen günstige Altbauten teuren Luxuswohnungen. Bild: Oliver Lang

Dass die Credit Suisse ausgerechnet in Zürich die Bagger auffahren lässt, ist kein Zufall. Denn immer mehr Leute wollen hier leben, viele kommen direkt aus dem Ausland an die Limmat. Es herrscht Wohnungsnot. Der Anteil leerer Wohnungen ist in Zürich auf 0,05 Prozent gefallen – nur eine von 2000 Wohnungen steht leer. In Genf ist es immerhin eine von 500, in Basel eine von 110. «Zürich hat an Attraktivität gewonnen. Die Kehrseite davon sind steigende Mieten», bestätigt Marco Salvi, Immobilienökonom bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB). Trotz reger Bautätigkeit übersteige die Nachfrage das Angebot bei weitem. Die Folge: Die Mieten steigen und steigen. Viele Hausbesitzer nutzen dies aus und erhöhen den Mietzins. Manche tun dies auch ohne Investitionen bei Mieterwechseln – gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts darf der Mietzins um nicht mehr als 10 Prozent der bisherigen Miete erhöht werden. Doch wer wehrt sich schon bei höheren Aufschlägen, viele wollen vor allem eines: endlich eine Wohnung.

Die rasant wachsenden Mietzinse spiegeln sich im Stadtzürcher Mietpreisindex. Von 1993 bis 2000 verteuerten sich die Mieten gerade mal um 1,3 Prozent, in den letzten zehn Jahren schnellten sie um 17,6 Prozent in die Höhe. Dasselbe passierte am Genfersee: In Lausanne erhöhten sich die Mietpreise in den letzten fünf Jahren um 14,5, in Genf gar um 18,3 Prozent. In Lugano und Basel hingegen stiegen sie nur um sechs Prozent, in Bern um 5,3 Prozent, in St. Gallen gar nur um 3,5 Prozent.

JE MEHR ZUZÜGER, DESTO TEURER

Wichtigster Treiber dieser Entwicklung ist die Zuwanderung. Das Millionen-Zürich wirkt wie ein Magnet auf Migranten – insbesondere auf junge, gutausgebildete, kinderlose Fachleute aus dem Norden und dem Westen. Das führe auf dem Wohnungsmarkt zu einem eigentlichen Verdrängungswettbewerb, schreibt das Staatssekretariat für Wirtschaft in einer Studie.

Die Nationalbank-Ökonomen Kathrin Degen und Andreas M. Fischer haben am Beispiel von Einfamilienhäusern errechnet, dass ein Prozent Immigration das Wohneigentum im Schnitt um 2,7 Prozent verteuert. Ein Effekt, mit dem auch die Mieten steigen. Für Zürich heisst das: Wächst die Stadtbevölkerung um 3650 Personen, steigt der Durchschnittszins einer 2000-Franken-Wohnung um über 50 Franken. In den letzten Jahren sind nur schon aus dem Ausland 20’000 Personen in die Limmatstadt gezogen. Kommt dazu: «Die Bestandsmieten zeichnen ein geschöntes Bild», warnt ZKB-Immobilienexperte Marco Salvi. Wo es keine Mieterwechsel gibt und nicht gross saniert wird, seien die Preise ziemlich konstant. «Bei Neuvermietungen dagegen beobachten wir etwas ganz anderes: Diese Mieten sind in den letzten zehn Jahren deutlich mehr als die Inflation gestiegen.»

Die Folge: Die Yuppisierung greift um sich. «Die Nachfrage nach Wohnraum in den Zentren nimmt beständig zu. Manche Alteingesessenen sind nicht in der Lage oder nicht bereit, so viel fürs Wohnen auszugeben», so Salvi. Deshalb suchten so viele eine Wohnung in der Agglomeration oder kauften sich ein Häuschen auf dem Land, was wegen der rekordtiefen Hypothekarzinsen verlockend scheint. Steigen sie aber, wird die Luft für viele Häuslebauer dünn. Die Nationalbank warnt bereits vor einer Überhitzung des Wohnungsmarkts.

Wie der Umbau der Stadt Zürich abläuft, sieht man im Langstrassenquartier, das sich vom Ausländer- zum Trendviertel wandelt. Kinderlose Gutverdiener drängten so stark ins Quartier, dass sich sogar der Altersmix geändert hat. Der Anteil von 21- bis 45-Jährigen ist rasant gestiegen, auf Kosten von Älteren und Familien mit Kindern. Von einer breiten Yuppisierung des «Chreis Cheib» könne dennoch nicht die Rede sein, findet Brigit Wehrli, Direktorin der Stadtentwicklung Zürich. Dass Zuzüger die Wohnungen in frisch gebauten oder sanierten Häusern übernehmen würden und dafür deutlich mehr Miete zahlten, sei grundsätzlich eine positive Entwicklung: «Die Gefahr der Verslumung des von der Sex- und Drogenszene beherrschten Quartiers konnte gebannt werden.» Es sei zu einer «generellen Hebung des Levels von Wohnraum» gekommen, wie man sich das vor zehn Jahren erhofft habe.

Nicht nur sozial Schwächere oder Alte finden nur noch mit Glück Wohnraum in der Innenstadt, auch Mittelstandsfamilien bekunden grosse Mühe. Wie etwa Daniela und Daniel Röttele, die bis Juli in einer 3½-Zimmer-Wohnung im Seefeld wohnten. Als vor vier Jahren ihr zweites Kind zur Welt kam, begannen sie sich nach etwas Grösserem umzuschauen. Akut wurde die Situation vor anderthalb Jahren, als das dritte Kind unterwegs war. Rötteles schrieben Genossenschaften an, durchforsteten Zeitungen und das Internet, standen x-mal Schlange bei Besichtigungen. Ohne Erfolg. «Es war zum Verzweifeln», sagt Daniel Röttele. Fündig wurden sie in letzter Minute in einer städtischen Siedlung, bei der sie sich zuvor schon dreimal beworben hatten. Jetzt zieht die Familie in eine 2200 Franken teure Fünfzimmerwohnung im selben Quartier. «So etwas findet man auf dem freien Wohnungsmarkt nicht mehr. Wir hätten die Stadt verlassen und von unseren Freunden wegziehen müssen.»

GEMEINNÜTZIGE SIEDLUNGEN ALS AUSWEG

Stadtpräsidentin Corine Mauch kennt das Problem: «Zürich will ein Wohnort für alle Bevölkerungsschichten bleiben.» Und wenn es seine Eigenart als Stadt mit einer kleinräumigen Verteilung verschiedener Einkommensschichten und Lebensformen behalten will, müsse Zürich den Anteil genossenschaftlicher und kommunaler Wohnungen bei mindestens 25 Prozent halten. Weil die Stadt weiterwächst, geht das nur, wenn neue gemeinnützige Siedlungen gebaut werden.

Der Zürcher Wohnungsmarkt ist angespannt, ohne gemeinnützigen Wohnungsbau wäre er desolat. Rund 25 Prozent aller Zürcher Wohnungen gehören Bauträgern, die nicht renditeorientiert sind, vier Fünftel davon, also 20 Prozent aller Wohnungen der Stadt, gehören Genossenschaften. Mit diesem hohen Anteil steht Zürich aber allein da. Schweizweit ist der Anteil der Wohnbaugenossenschaften seit den Fünfzigern von rund zehn auf gut fünf Prozent gesunken. Fast ein Viertel aller Genossenschaftswohnungen steht heute in Zürich.

Land ist knapp in der Schweiz, erst recht im urbanen Raum. Die Antwort heisst verdichtetes Bauen. Die Rechnung ist einfach: Höhere Bauten auf gleicher Fläche bieten mehr Wohnraum. Diesen Weg hat die Baugenossenschaft BDZ in Zürich eingeschlagen. Die 1922 gegründete Genossenschaft war in der komfortablen Lage, dass sie sich überlegen musste, wie sie ihr Geld am sinnvollsten anlegt, statt es nur zu versteuern: Sanierung, Teilsanierung oder Abbruch und Neubau ihrer Bauten in Wipkingen? Die Genossenschaftler entschieden für den Abbruch und einen Ersatzneubau der ganzen Siedlung von derzeit 147 Wohnungen, drei Läden und einem Kindergarten.

«Es kann absolut sinnvoll sein, gesunde Bausubstanz abzubrechen», findet BDZ-Präsident Beat Schwarz. Die Wohnungen seien nach heutigen Massstäben zu klein, und Installationen hätten früher oder später ohnehin saniert werden müssen. Und last, not least werde zusätzlicher, zeitgemässer Wohnraum geschaffen. Für die Genossenschaftler bedeutet der Neubau ein- bis zweimal umziehen. Und höhere Mieten. Dennoch haben sie dem Projekt mit 70 Prozent zugestimmt: Eine 4½-Zimmer-Wohnung wird mit rund 2000 Franken im Monat nicht billig sein, aber immer noch ein gutes Stück unter gängigen Preisen.

MUTIGE KONZEPTE – ZAHLBARE MIETEN

Genossenschaftswohnungen hängt immer noch der Ruch des Biederen, Kleinlichen, Ärmlichen an. Dabei sind gerade Baugenossenschaften oft besonders mutig beim Entwickeln und Umsetzen neuer Konzepte. Die kleine Winterthurer Genossenschaft Gesewo etwa plant für über 83 Millionen Franken ein «Mehrgenerationenhaus» auf dem ehemaligen Sulzer-Gelände – mit 154 Wohnungen, Gewerbeflächen, Büros und Ateliers. Ziel sind nicht in erster Linie billige Mieten, sondern das gemeinsame Wohnen über die Generationen hinweg. «Theoretisch könnte man das ganze Leben in dieser Siedlung verbringen», sagt Yvonne Rudolf vom Architekturbüro Galli & Rudolf, das den Wettbewerb um das Projekt gewonnen hat. Es sei spannend, mit der Gesewo zusammenzuarbeiten. «Sie funktioniert zwar praktisch basisdemokratisch, aber auch sehr professionell.» Wer hier einzieht, mietet ein ganzes Umfeld mit Infrastruktur. Etwa einen Gemeinschaftsraum, eine Bar, eine Krippe, ein Restaurant. Die Wohneinheiten können modular an die Bedürfnisse angepasst werden: Vom Hotelzimmer für Gäste bis zu Zwölfzimmerwohnungen für Alters- oder sonstige WGs ist alles möglich.

Genossenschaften sind per Definition nicht gewinnorientiert, sie bauen für künftige Bewohner. Für das Winterthurer Mehrgenerationenhaus ist aber auch Nachhaltigkeit Programm. Das Haus wird im Minergie-P-Eco-Standard gebaut werden. Und es wird der grösste mehrstöckige Holzbau der Schweiz. «Wir denken sogar über Lehmwände nach», sagt Rudolfs Partner Andreas Galli. Die Nachfrage sei riesig, «obwohl die Wohnungen günstig, aber nicht wirklich billig sind», sagt Rudolf.

Den Gedanken, familienübergreifend und ressourcenschonend zu wohnen, verfolgen Genossenschaften schon lange: 1916 plante die Handwerkergenossenschaft an der Idastrasse in Zürich eine Arbeiterunterkunft mit nur einer Küche für alle. Die Wohnungen sollten klein sein, dafür war mehr Platz für gemeinschaftliche Aktivitäten vorgesehen. Was damals bereits in Wien und Berlin umgesetzt wurde, stiess in Zürich auf Widerstand. Die Wohnungen wurden mit Küchen gebaut.

Die Erkenntnis, dass der Einzelne weniger Platz braucht, wenn genügend Umgebungsraum vorhanden ist, nimmt das Projekt Kalkbreite in Zürich auf. Mitten in der Stadt wird eine ökologische Siedlung entstehen, die laut Projektbeschrieb ein «hohes Mass an Austausch zwischen den Bewohnern voraussetzt». Bei Preisen von weniger als 2000 Franken für eine 100 Quadratmeter grosse Wohnung würden auch gutverdienende Singles sofort zugreifen. Das will die Genossenschaft verhindern. Dem einzelnen Bewohner gesteht sie nur 35 Quadratmeter Wohnungsfläche zu. Dafür gibt es mehr gemeinschaftlich genutzte Fläche. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Flächenverbrauch in Zürich beträgt heute 52 Quadratmeter pro Person.

Utopisch mutet das Projekt «Mehr als Wohnen» an, ein Gemeinschaftswerk von 55 Genossenschaften und der Stadt Zürich. Auf dem Hunziker-Areal, einer Industriebrache zwischen Kehrichtverbrennungsanlage und Autobahn, soll ein ganzes Quartier entstehen: 450 Wohnungen für 1000 Leute sowie 100 Arbeitsplätze. Kostenrahmen: 170 Millionen. Auch hier werden vielfältige Wohnformen geschaffen für verschiedene Generationen und auch für unterschiedlichste Schichten. «Wir wollen eine Infrastruktur für Freiwilligenarbeit, Selbstorganisation und Selbstbestimmung schaffen», sagt Projektleiter Andreas Hofer.

«Der Mensch der Zukunft wohnt nicht nur, er ist auch an Dienstleistungen interessiert», sagt Peter Schmid, Präsident der Genossenschaft. Es wird zwar kaum Parkplätze, dafür aber einen Stützpunkt mit Mietautos geben. Und Schrebergärten, einen Velomech, ein Restaurant. Einen Concierge- und einen Kinderhütedienst, einen Spitex-Stützpunkt und eine Gemeinschaftsärztepraxis. Und die Lebensmittel sollen Bauern aus der Umgebung liefern. Auch hier ist die 2000-Watt-Gesellschaft Programm. «Wir wollen nicht nur so bauen, sondern auch so leben», sagt Schmid. Man wolle bezahlbares Wohnen schaffen, das nachhaltig, ökologisch und sozial ist und 100 Jahre hält: «Wir wollen beweisen, dass öko nicht gleichzusetzen ist mit teuer.» Utopisch? Nein: Baubeginn ist Ende 2011.

INVESTOREN RECHNEN MIT MAXIMALMIETE

Innovativ und trotzdem günstig bauen: Was Genossenschaften leisten, scheint private und institutionelle Anleger heute nicht zu interessieren. Vera Reese, Vizepräsidentin bei Sal. Oppenheim Real Estate, hat kürzlich die Gründe dafür in der NZZ analysiert. Demnach berechnen «Projektentwickler» jeweils die maximal erreichbare Miete an einem Standort und kalkulieren dann die dazu minimal notwendigen Baukosten. Bei den heute tiefen Leerwohnungsbeständen fehle es darum an einem Anreiz, überhaupt in ein tieferes Mietpreissegment zu investieren, kritisiert Reese.

Auf diese Weise wird an den Bedürfnissen einer grossen Mehrheit vorbeigeplant. Bei einem durchschnittlich verfügbaren Einkommen von 6300 Franken sollten sich Schweizer Haushalte nämlich Wohnungen bis maximal 1600 Franken brutto leisten. Das bringen kommerzielle Unternehmen nicht auf den Markt. Sie bauen vielmehr – auch mit dem Geld unserer Pensionskassen – für den oberen Mittelstand und für gutverdienende Zuwanderer. Nicht nur in Zürich: Für Millionäre hat die Karl Steiner AG an der Luzerner «Goldküste» die Residenz Tivoli gebaut. Vier Millionen Franken kostet dort eine Attikawohnung, 550’000 eine 2½-Zimmer-Wohnung ohne Seesicht. Zu teuer? Alle 59 Appartements sind verkauft.

Michael Landolt, Volkswirtschaftsexperte beim Schweizer Hauseigentümerverband (HEV Schweiz), relativiert den Einfluss institutioneller Anleger auf den Markt: «Fast 60 Prozent der Vermieter sind immer noch Privatpersonen, Herr Müller und Frau Meier, keine Versicherungen, keine Aktiengesellschaften – und auch keine Genossenschaften.» Dass Letztere einen positiven Effekt in urbanen Gebieten haben, anerkennt aber auch der HEV. «Wir haben auch nichts dagegen, wenn der Staat dafür eigenes Bauland günstig abgibt. Wenn er aber selber Wohnungen zu Dumpingpreisen auf den Markt bringt, wie etwa in Zürich, verzerrt das den Wettbewerb. Dann haben wir die langen Warteschlangen vor Wohnungen, die schlicht zu billig sind.»

Für die Zürcher Wohnbaupolitikerin Jacqueline Badran (SP) gibt es keine Alternative zur Erhöhung des gemeinnützigen Wohnungsbaus. Die horrenden Mietzinsen seien Gift für die Wirtschaft, denn das Geld fehle dem Konsum und dem Gewerbe. «Wenn wir zudem in Zukunft keine Armen- und Reichenghettos in den Städten wollen, dann müssen die Gemeinden jetzt verbindlich festschreiben, dass sie ihr Bauland nur noch an nicht gewinnorientierte Bauträger abgeben, vorzugsweise an private Genossenschaften.»

DIE POLITIK MUSS DIE WEICHEN STELLEN

Einen eigenen Weg in diese Richtung schlägt die Stadt Zug ein. Seit 2009 schafft sie spezielle Zonen, in denen mindestens die Hälfte aller Wohnungen nach Grundsätzen des gemeinnützigen Wohnungsbaus gebaut werden müssen. Dass solche Anteile besonders wirksam günstigen Wohnraum schaffen, ist auch die Erkenntnis einer Studie der Schweizerischen Vereinigung für Landesplanung. Das Zuger Modell haben weitere Gemeinden aufgegriffen, es ist aber umstritten. Liberale Politiker kritisieren einen zu starken Eingriff des Staats.

Es muss politisch entschieden werden, wer künftig bauen darf. Noch brisanter ist aber die Frage, wo überhaupt zusätzlicher Wohnraum entstehen soll. Denn viele aus den Städten gedrängte Bewohner weichen nicht auf günstigere Mietwohnungen in den Agglomerationen aus. Manche kaufen sich etwas Eigenes. Das hat Auswirkungen: Auf dem Land boomt der Bau von Einfamilienhäusern. Drei Viertel der neuen Wohnbauten im Espace Mittelland waren in den vergangenen Jahren Eigenheime.

Für die eigenen vier Wände nehmen die Bewohner meist lange Pendlerwege in Kauf. «In der Schweiz wird oft am falschen Ort gebaut», sagt Immobilienfachmann Marco Salvi. Statt die Städte zu verdichten, weil dort immer mehr Leute Arbeit finden und leben wollen, weiche man auf grüne Wiesen aus. Mit ein Grund: In vielen Städten ist es heute gar nicht erlaubt, verdichteter zu bauen. Damit tragen die Städte dazu bei, dass Wohnraum dort entsteht, wo er eigentlich gar nicht gebraucht wird.

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„Ein Eigenheim macht kaum noch Sinn“

„Ein Eigenheim macht kaum noch Sinn“

© Beobachter 2010

Mit utopischen Romanen und Sachbüchern hat P.M. Schweizer Wohngenossenschaften inspiriert. Jetzt arbeitet er am Neustart für die Schweiz.

Mit P.M. sprach Peter Johannes Meier (ausführliche Version)

P.M. Bild: Oliver Lang

Der 1946 geborene P. M. (häufigste Initialen im Telefonbuch) arbeitet am Neustart für die Schweiz. Der Philologe hat mit utopischen Romanen und Sachbüchern, darunter die ökosoziale Utopie «bolo’bolo», in den Achtzigern erst Hausbesetzer, dann genossenschaftliche Hausbesitzer inspiriert. Das bolo ist die Grundeinheit, in der 500 bis 700 Leute in überschaubaren Gemein schaften leben, vernetzt mit anderen bolos. 1995 war P. M. Mitgründer der Zürcher Genossenschaft Kraftwerk1. Weitere Kraftwerke mit mehreren hundert Bewohnern sind in Planung.

Beobachter: In der Stadt zu wohnen wird für viele unerschwinglich. Manche ziehen in die Agglo, und wer Geld hat, kauft sich etwas auf dem Land. Was ist der Traum von den eigenen vier Wänden wert?
P. M.: Wenig. Ich rate davon ab. Ein eigenes Haus ist kaum noch sinnvoll, weil wir immer mobiler werden. Plötzlich steht das Haus dann am falschen Ort, weil wir zum Beispiel woanders arbeiten. Viele Leute kaufen bloss Eigentum, weil sie ihr Geld sicher parkieren wollen. Nach der Erfahrung mit der jüngsten Bankenkrise ist das ja verständlich – rein ökonomisch. Sozial und ökologisch ist es dagegen Unsinn. Wohneigentümer schla fen oft nur 50 Zentimeter entfernt von anderen Eigentümern, mit denen sie eigentlich nie etwas zu tun haben wollen. Oder sie landen auf einer Einfamilienhaushalde und generieren jeden Tag Pend­lerverkehr, weil sie woanders arbeiten und die Freizeit verbringen.

Beobachter: Es können ja nicht alle in der Stadt wohnen…
P. M.: Das Land ist grundsätzlich gut für Landwirtschaft und etwas Tourismus. Aber ausser den Bauern schlafen die meisten Leute dort bloss. Die Schweiz hat sich eine 2000-Watt-Gesellschaft zum Ziel gesetzt. Hausbesitzer auf dem Land werden das nie erreichen. Die Genossenschaft, in der ich lebe – das Zürcher Kraftwerk1 –, ist zumindest schon auf dem Weg dorthin. Die Städte könnten so verdichtet werden, dass es Platz für alle hat.

Beobachter: Was ist zu tun?
P. M.: Gewisse Einfamilienhaushalden müssen früher oder später aufgegeben werden. Da gegen haben Städte ab 15000 Einwohnern eine Chance, reanimiert zu werden. Auch die zu Unrecht geschmähten Blocksiedlungen in den Agglos haben gros ses Potential. Sie können verdichtet und mit Dienstleistungszentren versehen wer den. Das ist auch der Ausweg für viele Klein städte und Dörfer, in denen das Leben von der S-Bahn und den immer gleichen Shoppingcentern getötet worden ist.

Beobachter: Was raten Sie den Eigenheimbesitzern?
P. M.: Verkaufen, solange man noch einen guten Preis dafür erhält. Das Geld würde ich dann in einer Genossenschaft sicher investieren. Damit können innovative Siedlungen in den Agglomerationen und Städten gebaut werden, die den neuen Lebensanforderungen gerecht werden.

Beobachter: Und wie überzeugen Sie die Hauseigentümer?
P. M.: Die meisten merken es selber. Viele glauben noch an eine Art Immobilien-Monogamie. Sie meinen, man könne ein Leben lang mit dem Partner oder der Familie an einem Ort leben und wirtschaften. Sie be rechnen nächtelang, wie gross das Haus oder die Wohnung mit dem gemein samen Einkommen sein darf. Dabei werden sie von der Realität überrumpelt. Paare trennen sich, die Kinder ziehen aus, plötz­lich hat man einen tollen Job im Ausland. Das Wohneigentum wird zum Klumpfuss.

Beobachter: Mieter haben diese Flexibilität.
P. M.: Ja, aber man bezahlt oft einen viel zu hohen Preis. Es werden zu viele Luxuswohnungen gebaut. Ich frage mich: für wen? Da bei kann man noch heute in Zürich 100 Quadratmeter grosse Wohnun gen für weni ger als 2000 Franken pro Monat bauen. Als Mieter hat man allerdings keinen Einfluss auf die Zusammensetzung der Bewohnerschaft. Viel interessanter sind darum Siedlungen oder selbstkonzipierte Nachbarschaften, die einerseits auf die Rendite maximierung verzichten und anderseits eine Auswahl von Wohnun gen anbieten, in ner halb derer die Bewohner wechseln können. Genossenschaften, die über Liegenschaften in verschiedenen Quartieren und Orten verfügen, machen das möglich.

Beobachter: Unser auf Flexibilität ausgerichtetes Leben ­widerspricht doch der Genossenschaftsidee. Die baut ja darauf, dass sich Mitglieder über längere Zeit mit einem Projekt identifizieren.
P. M.: Mit dem Projekt schon, aber nicht un bedingt mit den eigenen vier Wänden. Viel wich tiger als das Eigentum sind heute doch verbindliche soziale Beziehungen. Das gibt uns Orientierung und Unterstützung in Kri sensituationen. In Genossenschaften können solche Netzwerke aufgebaut werden. Meine Genossenschaft ist Mitglied einer Gemüsekooperative, die biologische Produkte liefert. Diese bieten wir in einem eigenen Laden den Bewohnern an. Es entsteht dadurch ein direkter Bezug zur Produktion unserer Lebensmittel. Wir sind übrigens günstiger als die Grossverteiler.

Beobachter: Das tönt nach Ämtliwirtschaft. Jeder muss in seiner Freizeit noch etwas beitragen, auf das er eigentlich keine Lust hat. Gemüse einkaufen, putzen.
P.M.: Putzen funktionierte tatsächlich nicht. Die Ansprüche waren zu unterschiedlich, darum haben wir dafür bezahlte Arbeitsplätze geschaffen. Aber in den meisten Genossenschaften kann man ja auch ohne Ämtli günstig wohnen. Wir wollten dagegen schon immer einen Schritt weiter gehen. Es geht uns darum, Lebens- und Wirtschaftszusammenhänge selber zu gestalten. Ja, wir setzten auf freiwillige Mitarbeit, haben dadurch aber auch eine eigene Bar, einen Laden, eine Gemeinschaftsküche auf dem Dach und ein Gästezimmer. Und wir nehmen eine soziale Verantwortung wahr, die sonst der Staat allein tragen müsste. Ein Teil unserer Wohnungen ist für Leute reserviert, die sonst Mühe hätten, die Miete zu bezahlen.

Beobachter: Wer ist für eine solche Genossenschaft ungeeignet?
P.M.: Niemand. Auch Einzelgänger nicht. Wir brauchen sogar einige, die möglichst wenig mit dem Projekt zu tun haben wollen. Leute, die immer kommunizieren wollen, gehen einem ja auf die Nerven. Auf 500 Leute verträgt es ohne weiteres 50 Einzelgänger.

Beobachter: Was braucht es, damit eine neue Siedlung funktioniert?
P.M.:Man sollte nichts machen, an dem weniger als 500 Leute beteiligt sind. Siedlungen sollten immer mindestens 200 Wohnungen haben, damit die erwähnte Flexibilität entsteht und man sich nicht gegenseitig auf den Wecker geht. Kleinere Gemeinschaften sind immer etwas empfindlich oder werden gar sektiererisch. Bis 150 Menschen können untereinander informell kommunizieren, was zu klebrigen und gefährlichen Entscheidungsprozessen führen kann. Es werden informelle Allianzen geschmiedet, um andere zu überrumpeln. Diese kritische Grösse muss darum überwunden, Entscheidungsfindungen müssen formalisiert werden. Wenn jemand eine gute Idee hat, muss er sie halt an einer Versammlung vorbringen. Formalisierte Abläufe sind wichtig, um das Individuum zu entlasten. Das schützt vor Filz und erlaubt Kontroversen, ohne dass man einen Andersdenkenden deswegen nicht mehr mögen darf. Wenn ich zum Beispiel etwas gegen den Lärm auf dem Kinderspielplatz habe, muss ich nicht im Alltag den Buhmann spielen. Ich kann mein Anliegen an einer Versammlung vorbringen. Informelle Kommunikation ist zwar etwas wichtiges, es sollten aber keine gewichtigen Entscheide auf diesem Weg gefällt werden.

Beobachter: In Ihrem Buch «Neustart Schweiz» gehen Sie einen Schritt weiter. Sie postulieren neue Formen des Wirtschaftens. So sollen die Bürger etwa entscheiden, was in ihrem Quartier an geboten wird. Das tönt nach Planwirtschaft.
P. M.: Planung gibt es immer, die Frage ist nur für wen. Es geht nicht bloss um Quartiere, sondern um unser ganzes Wirtschafts system. Wir taumeln von Crash zu Crash – bei uns merken wir noch nicht viel davon, aber für 80 Prozent der Weltbevölkerung ist das eine Dauerkatastrophe. Warum bauen wir nicht die bestehenden öffentlichen Diens te so aus, dass die Grundbedürfnisse für alle gesichert sind? Zudem sollten wir uns wirtschaftlich absichern, indem wir eine Direktbelieferung zwischen Bauernbetrieben und Nachbarschaften einrichten. Das ist für alle ideal: Die Bauern haben sicher Abnehmer, die Konsumenten bekommen günstigere Produkte von Produzenten, die sie kennen. Wir brauchen einen Umbau der verschwenderischen und unsicheren Marktwirtschaft zu einem demokratisch regulierten Haushalt, lokal und global.

Beobachter: Welche Rolle soll der Staat dabei spielen?
P. M.: Eine wichtige, er hat es nur noch nicht gemerkt. Der Staat muss eine Coaching-Rolle wahrnehmen. Es braucht jetzt so etwas wie einen neuen Landigeist, einen Aufbruch zu neuen Ufern. In der Organisation «Neustart Schweiz» arbeiten wir daran.

Beobachter: Der Leidensdruck dafür ist doch viel zu gering.
P. M.: Nicht das Leiden, sondern die Wahrnehmungsfähigkeit für das Leiden ist zu gering. Wir sind so eingespurt in unserem Alltag, dass wir nicht mehr merken, wie schlecht es uns eigentlich geht. Ein Viertel der Schweizer soll ja an Depressionen leiden. Wir können uns leider gar nicht mehr vorstellen, wie gut es uns gehen könnte.

www.neustartschweiz.ch

www.kraftwerk1.ch


Surfend telefonieren

© Beobachter 2010

Wer auf Reisen ist und seinem Telefonanbieter ein Schnippchen schlagen will, telefoniert mit dem Handy über das Internet.

Peter Johannes Meier

Nach den schönsten Tagen liegt die freche Rechnung im Briefkasten. Mehrere hundert Franken werden fällig. Und das für ein bisschen Internetsurfen und die paar Gespräche mit Mutter, die hören wollte, dass wirklich alles schön und völlig ungefährlich ist. Wer es sich leisten kann, prahlt mit der Rechnung vor Kollegen. Andere wettern über die Telefonfirma oder melden sich beim Beobachter.

Wer beides nicht will, muss sein Handy trotzdem nicht zu Hause lassen. Neuere Programme für Mobiltelefone ermöglichen es, auch im Ausland billig nach Hause zu telefonieren. Bedingung: Man klinkt sich im Internetcafé oder im Hotel in ein drahtloses Netzwerk (WLAN) ein. Die sind mittlerweile weit verbreitet, gratis oder zumindest sehr günstig. So kann man über das Web statt über das teure Telefonnetz telefonieren. Natürlich geht das auch in der Schweiz. Und auch hier lassen sich Kosten sparen.

UND PLÖTZLICH KOSTETS NUR NOCH DREI RAPPEN

Voraussetzung ist ein neueres Handy, auf dem sich Programme installieren lassen, die das sogenannte Voice over IP (VoIP) erst möglich machen. Lange war das nur von Computer zu Computer oder über speziell eingerichtete Festnetzstationen möglich, mittlerweile funktioniert es auch ganz ordentlich mit dem Handy.

Das geht so: Zuerst muss man sich für einen VoIP-Anbieter entscheiden. Der bekannteste ist Skype, der Programme für Handys von Nokia, Apple und das Android-Betriebssystem (etwa Google und HTC) anbietet. Das richtige Programm lässt sich von der Skype-Homepage oder für iPhone-Besitzer im iTunes-Store herunterladen. Zuvor sollte man auf der Skype-Seite ein Konto eröffnen. Über die Kreditkarte wird dieses dann mit einem Betrag geladen, der vertelefoniert werden kann. Anrufe auf das Festnetz kosten für rund 30 Länder auch für die Schweiz etwa drei Rappen pro Minute. Hinzu kommt eine Verbindungsgebühr von sieben Rappen pro Anruf. Für Anrufe auf ein Schweizer Handy werden rund 50 Rappen pro Minute verrechnet.

Eine interessante Alternative haben iPhone-Benutzer mit dem Programm des Schweizer Anbieters Sipcall, das sich im iTunes-Store herunterladen lässt. Sipcall erlaubt direkten Zugriff auf das Handy-Adressbuch. Anrufe vom Ausland in die Schweiz kosten auf Festnetzanschlüsse 1,9 oder 2,9 Rappen (Nieder- und Hochtarif), auf Mobiltelefone 25,9 bis 42,9 Rappen (je nach Anbieter).

OHNE DRAHTLOSES NETZ: MÖGLICH, ABER TEUER

Wer will, kann sich von Skype oder Sipcall eine Schweizer Nummer zuteilen lassen, um Anrufe auch günstiger entgegenzunehmen. Bei Sipcall ist das gratis, Skype-Benutzer bezahlen monatlich eine Gebühr. Das Einrichten des Telefons ist jedoch komplizierter, und das Programm muss ständig geöffnet sein, um erreichbar zu sein. Auf dem Handy lassen sich auch Programme installieren, die zugleich Konten von mehreren Anbietern unterstützen, zum Beispiel Fring. Auch hier erfordert das Einrichten Erfahrung und Geduld. Fring gibt es für Nokia-Telefone, Android und das iPhone.

Mit Skype und Sipcall kann man mittlerweile auch ohne WLAN über VoIP telefonieren. Die dafür verbrauchten Daten werden wie beim Internetsurfen von der im Monatsabo enthaltenen Datenmenge abgezogen. In der Schweiz ist das preislich interessant, je nach Verbindung leidet aber die Sprachqualität. Im Ausland müssen dagegen die exorbitanten Gebühren für das Datenroaming berücksichtigt werden. Wer eine Stunde über VoIP telefoniert, braucht etwa acht Megabyte, was Roamingkosten von rund 80 Franken bedeutet. Wer sich vor bösen Überraschungen schützen will, sollte darum die Funktion Datenroaming an seinem Handy ausschalten. Auch so kann man surfen, mailen und VoIP nutzen, sobald man sich in ein WLAN einklinkt.

Wer dagegen überall auf Daten zugreifen will, sollte zumindest die Push-Funktion des Mailkontos ausschalten. Denn jede empfangene Mail kostet. In diesem Fall lohnt es sich zudem, das Handyabo für die Ferienzeit um eine World-Datenoption zu erweitern. Die Roaminggebühren sinken dadurch markant, von rund zehn auf je nach Land zwei Franken pro Megabyte.

Schweizer Zeitungen verscherbelt

© Beobachter 2010

Verlage wollen online Geld verdienen. Aber Amerikaner verkaufen Schweizer Produkte längst zu Billigstpreisen.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen «Codex» testen Schweizer Verlage zurzeit, ob ihre Leser überhaupt bereit wären, Zeitungen auf einem elektroni schen Gerät zu lesen. Nicht das vielzitierte iPad, sondern ein nur in Fachkreisen bekanntes Schwarz-Weiss-Gerät steht im Test (Das Ende der Gratiskultur).

Während sich die Verlage noch Gedanken über die richtige Maketingstrategie machen, verkauft das US-amerikanische Unternehmen Newspaper Direct die Titel der Schweizer Medienhäuser Tamedia und NZZ bereits zu Dumpingpreisen in der ganzen Welt. Über Apps für iPad, iPhone, Blackberry und Windows-Mobile-Geräte sowie über http://www.pressdisplay.com. Zehn Dollar monatlich kosten zum Beispiel die NZZ und die «NZZ am Sonntag» zusammen. Für 30 Dollar im Monat kann man beliebig viele Titel aus einem Angebot von über 1000 Zeitungen abonnieren. Zum Vergleich: Die gedruckte NZZ kostet 512 Franken im Jahr, der «Tages-Anzeiger» 374 Franken.

NZZ und Tamedia, die erst vom Beobachter von diesen Angeboten erfahren haben, zeigen sich überrascht, wie billig ihre Produkte von Dritten ver kauft werden. «Wir haben mit der amerikani schen Firma zwar einen Vertrag abgeschlossen. Der sieht aber den Ausdruck von Zeitungen in internationalen Hotels oder Kiosken vor», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Der Vertrag sei unlängst erneuert worden.

VERLAGE GEHEN ÜBER DIE BÜCHER

Doch Newspaper Direct hat die Möglichkeiten der digitalen Ver­marktung der Produkte konsequenter umgesetzt als die Schweizer Verlage. Auch der neue Leiter Digitale Medien bei der NZZ, Peter Hogenkamp, bezeichnet das Angebot als «in der Tat zu günstig». Kein Wunder: Allein für die Online-Ausgabe der NZZ müssen Leser heute 368 Franken im Jahr bezahlen, wenn sie das Abo bei der NZZ kaufen. Bei News­paper Direct erhalten sie für 120 Dollar noch eine Sonntagszeitung nach Wahl dazu.

NZZ und Tamedia wollen darum nun den Ausstieg aus dem Vertrag oder eine Kooperation zu anderen Konditionen prüfen.

Update August 2010: Der Tages-Anzeiger und die SonntagsZeitung sind aus dem Angebot von PressDisplay verschwunden.

Debatte auf medienspiegel.ch

Gratis arbeiten für die ABB

© Beobachter 2009


Entlassene ABB-Angestellte* Ehemalige Temporärangestellte der ABB sind gezwungen, weiterhin für die ABB zu arbeiten – ohne Lohn. Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose machen das möglich.

Peter Johannes Meier

Die Schaffhauser Arbeiterinnen waren der ABB einfach zu teuer geworden. Doch flinke Hände braucht das Unternehmen weiterhin, um seine weltweit gefragten Stromschalter herzustellen. ABB hat sie in Bulgarien gefunden, für rund fünf Franken die Stunde. Seit über zwei Jahren wird dort produziert.

Aber auch in Schaffhausen werden nach wie vor Schalter zusammengesetzt. Vorwiegend von Frauen, in Handarbeit und zu bulgarischen Bedingungen. Mehr als 100 Arbeitsplätze hat die ABB für die Stiftung «Impuls – Fit for Jobs!» eingerichtet. Impuls führt im Auftrag der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) und der Sozialämter sogenannte Beschäftigungsprogramme durch.

Bild: Stefan Jäggi

So kommt es, dass heute Arbeitslose und Ausgesteuerte an den Arbeitstischen der ABB sitzen. Unter ihnen auch ehemalige ABB-Angestellte Temporärangestellte der ABB. Sie waren entlassen worden, als der Grossteil der Produktion nach Bulgarien wanderte. «Diese Leute machen heute den genau gleichen Job, für den sie zuvor einen Lohn von der ABB erhalten haben. Und obwohl wir alle arbeiten, gelten wir weiterhin als arbeitslos. Das ist unheimlich deprimierend», sagt ein Teilnehmer des Impuls-Programms. Das RAV hatte ihn nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit zu einem halbjährigen ABB-Einsatz verknurrt.

DIE ABB IM STIFTUNGSRAT

Für seine Arbeit bezahlt das Unternehmen exakt den bulgarischen Stundenlohn. Nicht ihm, sondern der Stiftung. Er selber gilt weiterhin als stellenlos und erhält Arbeitslosengeld. Und obwohl er fast zu 100 Prozent für die ABB arbeiten muss, wird ihm jeder Tag von der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes abgezogen. Ausserdem muss er sich um einen «echten» Job bemühen.

«Wir werden hier zu einer Arbeit gezwungen, die uns in keiner Weise für einen echten Job qualifiziert. Und wir haben keine Zeit, uns sinnvoll weiterzubilden», sagt der 38-Jährige. Aus dem Programm aussteigen darf er nur, wenn er einen anderen Job findet. Selbst eine Mitarbeiterin der Stiftung übt Kritik an diesem Konzept: «Es fällt mir ausgesprochen schwer, Arbeitslose für einen solchen Einsatz zu motivieren, der sie nicht weiterbringt.»

Die Idee der «bulgarisierten» Arbeitsplätze hatte die ABB selber in die Stiftung eingebracht – wenige Monate nachdem ihr Schaffhauser Geschäftsführer, Frank Wentzler, in den Impuls-Stiftungsrat gewählt worden war. «Unsere Idee war es, einen Teil der einfachen, aber lohnintensiven Montagearbeit der Impuls-Stiftung zu übergeben, statt alles nach Bulgarien auszulagern», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Aus Sicht der ABB sei dies ein sinnvolles Projekt, um vorwiegend Ausgesteuerte zu beschäftigen. «Wer letztlich dort genau arbeitet, entscheiden aber nicht wir.»

Tatsächlich sind es mehrheitlich Arbeitslose. Und keiner von ihnen konnte sich bisher für eine ordentliche Anstellung bei der ABB qualifizieren. «Die Bestückungsarbeit ist eine sehr einfache Tätigkeit, für die wir in Schaffhausen gar keine regulären Arbeitsplätze mehr haben», sagt Inderfurth.

Roland Gasser, Geschäftsführer der Impuls-Stiftung, kann der Arbeit dennoch etwas Positives abgewinnen: «Die Schaltermontage ist eine konstruktive Tätigkeit. Es wird ein Produkt für ein renommiertes Unternehmen hergestellt, das auf dem Weltmarkt gefragt ist. Die Arbeitenden sind dadurch motivierter als zum Beispiel beim Elektrorecycling, wo ein Produkt ja zerstört werden muss.»

„ICH WÜRDE NIE SAGEN, DASS ICH HIER WAR“

Die Arbeitslosen werden vom RAV in das Beschäftigungsprogramm geschickt. «Ich habe ein gewisses Verständnis, wenn ehemalige ABB-Angestellte, die jetzt hier arbeiten, den Hintergrund dafür nur schwer begreifen», sagt Vivian Biner, Leiter des Schaffhauser Arbeitsamts. Es sei eben schwierig, eine vergleichbare andere Arbeit zu finden. «Und nach jeder Wirtschafts-krise gibt es weniger niederschwellige Arbeitsplätze.»

Arbeitslose, die sich beim Beobachter gemeldet haben, sind überzeugt, dass sie Impuls nicht fit für einen neuen Job macht. «Bei einer Stellenbewerbung würde ich nie angeben, dass ich ein halbes Jahr hier war. Wir arbeiten zusammen mit Drogenabhängigen und anderen Sozialfällen. Entsprechend ist auch der Ruf der Impuls-Stiftung», sagt einer, der – wie die meisten – nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit in das Programm geschickt wurde. Zuvor hatte er eine leitende Stellung in einem Gewerbebetrieb. Einzelne wurden bereits nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit in das Programm beordert.

«Ein Einsatz hat mitunter auch einen anderen Hintergrund. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass jemand anderswo schwarzarbeitet. Und eine geringe Arbeitszufriedenheit kann bewirken, dass sich ein Arbeitsloser ernsthafter um eine neue Stelle bemüht», sagt dazu Vivian Biner.

Dass entlassene Angestellte als Arbeitslose wieder die gleiche Tätigkeit verrichten, ist einzigartig am Schaffhauser Beschäftigungsprogramm. Dagegen ist es kein Sonderfall, wenn Arbeitslose immer früher in solche Programme gesteckt werden, die ihnen bei der Stellensuche kaum etwas nützen. Entsprechende Beschwerden gehen vermehrt beim Beratungszentrum des Beobachters ein.

So muss zum Beispiel im Kanton Bern eine arbeitslos gewordene 62-jährige Frau neben einem 40-prozentigen Zwischenverdienst noch zu 60 Prozent Gratisarbeit in einem Pflegeheim leisten. Ausserdem wird sie regelmässig zu Bewerbungskursen und Persönlichkeitsschulungen aufgeboten. Dass sie dadurch wieder eine Stelle findet, dürfte unwahrscheinlich sein.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verteidigt solche Programme. Und das, obwohl seine eigenen Studien zeigen, dass sie für viele Betroffene die Stellensuche eher erschweren als erleichtern (Beobachter Nr. 16 und 22).

«Langzeitarbeitslose oder Ausgesteuerte bewegen sich für eine gewisse Zeit wieder in einer Tagesstruktur, die sinnstiftend sein kann. Das Ziel ist immer, Personen fit für den Arbeitsmarkt zu machen oder ihre Fitness für den Arbeitsmarkt zu erhalten», sagt Oliver Schärli, Gruppenleiter Bildung und Beschäftigung beim Seco. Doch wie das Schaffhauser Beispiel zeigt, sind es keineswegs nur Langzeitarbeitslose, die solche Programme besuchen müssen.

ES GEHT AUCH UM ABSCHRECKUNG

«Sicher ist es der Idealfall, wenn eine vorübergehende Beschäftigung den Arbeitslosen für einen neuen Job qualifiziert. Es gibt aber weitere Gründe für einen solchen Einsatz», sagt Schärli. So werde abgeklärt, ob jemand überhaupt in der Lage ist, eine Arbeitsstelle anzutreten. Oder ob die Person aus gesundheitlichen Gründen, weil sie Kinder betreuen muss oder schwarzarbeitet, gar nicht voll vermittelbar ist. «Bis zu 30 Prozent der Programmbesucher melden sich nach wenigen Tagen oder bereits vor Antritt einer solchen Massnahme bei der Arbeitslosenversicherung wieder ab», so Schärli.

Für die arbeitslosen Schaffhauser Arbeiter ist das kaum eine Alternative: «Ich gehe immer noch davon aus, dass ich in die ALV einbezahlt habe, um unterstützt zu werden, wenn ich arbeitslos bin», sagt einer aus dem Impuls-Programm.

* Gegendarstellung der ABB

„Im Beobachter 24/09 wird unter dem Titel „Bulgarisierte Jobs für die ABB“ die Behauptung aufgestellt, entlassene ABB-Mitarbeitende wären gezwungen, bei der ABB ohne Lohn dieselben Arbeiten zu erledigen wie vorher. Diese Behauptung ist unrichtig. Richtig ist allerdings, dass an den von „Impuls – Fit for Jobs“ eingerichteten und nicht in den Räumen der ABB liegenden Arbeitsplätzen unter anderem auch Aufträge der ABB erledigt werden. Allerdings arbeitet gegenwärtig bei „Impuls“ keine Person, die vorher bei der ABB angestellt war.“

Die Millionen sind weg

© Beobachter 2008

Lohnt es sich, seine Bank zu verklagen? Ismail Ertekin hat es getan – und wurde prompt selber vor Gericht gezerrt.

Peter Johannes Meier

Für das Foto zu diesem Artikel wäre Ismail Ertekin gerne zum «Tatort» zurückgekehrt, in die Zürcher Filiale der US-Investmentbank Merrill Lynch. Doch der 49-Jährige hat Hausverbot. Mehr noch: Der ehemalige Unternehmer mit Pizza-Kette, Bar und Restaurant ist wegen versuchter Nötigung verurteilt. Was hat er getan?

Drei Millionen Franken aus Familienvermögen vertraute Ertekin zwischen Ende 2000 und Mai 2003 den Investmentbankern an. Diese machten aus drei Millionen eine. Zum Vergleich: In jenem Zeitraum verlor der Aktienindex Dow Jones mit 17 Prozent deutlich weniger. «Die Bank tätigte Geschäfte ohne meine Ermächtigung», sagt Ertekin. Unter anderem investierte sie in marode Firmen, bei denen sie als deren Bank selber ein finanzielles Interesse hatte. Deswegen haben Geschädigte in den USA eine Sammelklage eingereicht. Es geht aber um mehr: Ertekin sagt, er sei von der Bank über Verluste nicht rechtzeitig informiert worden. Ebensowenig sein Bruder, der sein Stellvertreter war, als Ertekin für mehrere Monate zum Meditieren nach Indien reiste. Und eine mündlich besprochene Stop-Loss-Vereinbarung, die die Verluste begrenzen sollte, sei nicht eingehalten worden.

Als Ertekin über die massiven Verluste ins Bild gesetzt worden war, riet ihm sein Bankberater, eine halbe Million Franken Kredit aufzunehmen, um die Einbussen schnell wieder zu kompensieren. Ertekin weigerte sich anfangs, liess sich aber dann überreden. Später stellte sich heraus, dass mit der halben Million bereits vor der Vertragsunterzeichnung spekuliert worden war. Merrill Lynch bestreitet die Vorwürfe. Der Kunde habe alle Transaktionen autorisiert und jeweils Bestätigungen per Post erhalten.

2005 reichte Ertekin Klage gegen Merrill Lynch ein. Zuvor hatte er vergeblich eine Aussprache mit den verantwortlichen Managern verlangt. Ende September 2005 schaffte er es, ins Büro des Geschäftsleiters zu gelangen, um dort gegen die Methoden der Bank zu protestieren. Er überreichte ihm ein Papier, in dem er drohte, an die Presse zu gehen, eine Demonstration zu organisieren und den Fall im Internet zu publizieren, falls ihm der Schaden nicht ersetzt werde. Zudem warf er dem Banker am Telefon vor, ein schönes Leben in einem grosszügigen Haus an der Goldküste zu führen – er dagegen stehe vor dem Ruin.

Nun muss das Bundesgericht klären

Der Banker informierte die Polizei – angeblich auch aus Angst um seine Kinder – und reichte Klage wegen Nötigung ein. Das Zürcher Bezirksgericht sprach Ertekin frei und attestierte dem Kläger Überängstlichkeit. Das Obergericht aber folgte dem Banker. Es verurteilte Ertekin wegen versuchter Nötigung zu einer bedingten Geldstrafe. Jetzt muss das Bundesgericht entscheiden, wie viele Emotionen jemandem zugebilligt werden müssen, der sich als Bankenopfer sieht. «Heute gehen selbst die Medien mit den Abzockern hart ins Gericht. Ich war wohl einfach etwas zu früh», so Ertekin. Um Ängste oder Drohungen sei es gar nie gegangen. «Die Bank will mich schlicht kriminalisieren. Wenn es vor Gericht dann um das Geld geht, wird es heissen: Der Mann ist ja ein Krimineller. Dem darf man nicht glauben.» Auf diesen Gerichtstermin wartet Ertekin bis heute.

Einen Vergleich hat er abgelehnt. «Es wäre um einen Betrag gegangen, der etwa dem entspricht, was ich allein für Anwalts- und Verfahrenskosten aufwerfen muss.» Insgesamt sollen es mittlerweile über 150’000 Franken sein. Bereut Ertekin die Klage? «Ich würde es wohl nicht mehr tun. Das geht nicht ohne unendlich viel Geduld und noch mehr Geld.» Er bedauert, dass Sammelklagen in der Schweiz nicht möglich sind.

Er meditiert immer noch regelmässig. «Ab und zu habe ich mehr Lust auf Kickboxen. Das geht aber nicht – Merrill Lynch würde das sofort als Drohung auslegen.»

«Ich wusste, dass es so kommen würde»

© Beobachter 2008

Ein Investmentbanker packt aus: Die Banken brachten Controller und kritische Stimmen zu ihrer Bonipolitik zum Verstummen. Dass die Kreditblase platzen würde, war lange vor der Krise klar.

Peter Johannes Meier

Die letzten sechs Jahre habe ich meinen Kunden überhaupt nichts gebracht. Und ich wusste, dass es so kommen würde. Nicht genau wann, aber es musste so enden.» Investmentbanker Markus Peter (Name geändert) hat für Schweizer Grossbanken neue Produkte ausgetüftelt und Fonds für Privatanleger gemanagt. Jetzt überlegt er sich, der Branche den Rücken zu kehren.

Die fetten Jahre sind vorbei, die Zeche bezahlen andere. «Es sind wenige, die Millionen verdient haben, es geht aber um mehr. Viele haben intelligente Bücher und Berichte gelesen, die bereits 1999 den Zusammenbruch der US-amerikanischen Hypothekenbanken vorausgesagt haben. Und spätestens 2006, als die amerikanischen Immobilienpreise zu sinken begannen, war für mich klar, dass die Kreditblase platzen würde. Es stellt sich schon die Frage, warum man sich den Kopf zerbrochen hat, wenn das Geschäft dann doch mit Volldampf an die Wand gefahren wird.» Und die Antwort? «Wir haben keine Risikokultur mehr: Keiner traut sich, auf Gefahren hinzuweisen, weil er kurzfristige Gewinne gefährden könnte. Risiken richtig einzuschätzen ist aber das Kerngeschäft einer Bank.»

Interne Machtkämpfe

Peter erzählt ein Beispiel: «In einer Zürcher Privatbank hat ein Controller regelmässig versucht, die Händler zu bremsen, weil sie ihre Risikolimite überschritten. Sie investierten zum Beispiel 50 statt der vorgesehenen zehn Millionen in Derivatgeschäfte. Hier einzugreifen ist die vorgesehene Aufgabe eines Controllers. Doch was ist passiert? Der Händler, der drei bis sieben Prozent der Gewinne für sich einstreichen darf, beschwert sich bei seinem Chefhändler. Der wiederum massregelt den Chef-Controller. Im internen Machtkampf gewinnt der Chefhändler, weil er in der Vergangenheit ja viel Geld für die Bank verdient hat. Er kann zudem mit dem Abgang erfolgreicher Händler drohen, falls diese gezügelt werden. So wird der gesamte Controlling-Prozess ausgehebelt.»

Die Jasager sind am Ruder

Topbanker bereuen die Misere, einzelne wollen gar freiwillig Boni zurückbezahlen. Zugleich betonen sie aber, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben. «Das ist angemessene Rhetorik, wenn Klagen gegen Topkader im Raum stehen», so Peter.

Jetzt werden neue Entschädigungsmodelle gefordert und von Banken auch angekündigt. Ob sie die Risikobereitschaft eindämmen werden, ist fraglich. Peter: «Es gibt zwei weitere grosse Probleme. Erstens haben in den vergangenen Jahren ausgesprochene Jasager Karriere gemacht. Sie garantierten, dass kurzfristiges Gewinndenken nicht ernsthaft in Frage gestellt wird, dass sich die Spirale weiterdreht. Hinzu kommt, dass der Bedarf an kompetenten Mitarbeitern nicht gedeckt werden konnte. Ich bin immer wieder Angestellten begegnet, die kaum einen Dreisatz beherrschen, geschweige denn eine Statistik seriös interpretieren können – und das in Zeiten, in denen immer komplexere Produkte auf den Markt geworfen wurden. Es ist keine Polemik, wenn behauptet wird, dass diese Leute nicht wussten, was sie verkauften. Zudem herrschte ein immenser Druck, mit neuen Produkten vorgegebene Umsätze zu erreichen. Entsprechend wurden die Kunden zum Kauf überredet.»

Jede Zeit braucht ihre Sündenböcke. Und die erwähnten Versäumnisse scheinen die Schuld der Auserwählten zu bestätigen. Für Peter greift das zu kurz. «Der Kollaps ist letztlich die Quittung für einen Lebensstil auf Pump. Den haben die Amerikaner in einem gesellschaftlichen und politischen Konsens ausgereizt. Es war US-Präsident Bill Clinton, der bereits 1998 die staatsnahen Hypothekarbanken angewiesen hatte, ihre Kreditstandards zu senken: Jeder sollte sich ein Haus leisten können, auch ohne eigenes Kapital. In den folgenden Jahren senkte der Staat die Zinsen, die Geldschleusen wurden aufgemacht.»

Doch nicht nur in den USA sind Kredite ohne Sicherheiten vergeben worden. «In England haben Hauskäufer mitunter mehr Kredit erhalten, als ihr Haus kostete. Man ging einfach von unendlich steigenden Immobilienpreisen aus. Hier stellt sich die Frage nach dem gesunden Menschenverstand der Kunden. Der sollte nie an die Banken delegiert werden.»