Archiv der Kategorie: Waffenhandel

Sowjetknarren für Afghanistan

© SonntagsZeitung
Ein Berner gilt als Vermittler in einem gigantischen Waffenhandel
Von Peter Johannes Meier

Bern Der umtriebige Berner Waffenhändler Heinrich Thomet ist in eine Geheimoperation des amerikanischen Verteidigungsministeriums verwickelt. In einem 2007 aufgezeichneten Telefongespräch zwischen dem Geschäftsleiter der Pentagon-Tarnfirma AEY und einem albanischen Geschäftsmann wird der Geschäftsleiter der Berner BT International als Vermittler in einem gigantischen Waf- fengeschäft erwähnt.

Es geht um Lieferung von Munition und Kleinwaffen an die afghanische Regierung. Das veraltete sowjetische und chinesische Material ist in Albanien gelagert. Die AEY hatte vom Pentagon Auftragszusicherungen im Betrag von rund 300 Millionen Dollar erhalten. Ende März wurde das Geschäft gestoppt, nachdem die «New York Times» die amerikanische Armee mit Erkenntnissen über die Tarnfirma konfrontiert hatte. Zudem häuften sich Beschwerden aus Afghanistan über die desolate Qualität des Materials. Gegen die AEY – sie wurde von einem 22-Jährigen geleitet – ist in den USA eine Untersuchung eingeleitet worden, unter anderem wegen Korruption.

Pikant: Offiziell werden die immensen Waffenbestände in Albanien vernichtet – mit Unterstützung der USA. Verdeckt gelangt ein Teil auf neue Kriegsschauplätze. Dabei soll Heinrich «Henry» Thomet eine wichtige Rolle spielen. Er verfüge über die erforderlichen Beziehungen zu albanischen Regierungsvertretern und Mafia-Leuten, heisst es im aufgezeichneten Telefongespräch, das der «SonntagsZeitung» vorliegt. «Ich bin anders als Henry. Ich kann mich nicht mit der Mafia und diesen verdammten Albanern herumschlagen. Ich bin eine US-Firma, die für die Regierung arbeitet», sagt der Geschäftsleiter der AEY. Dann bestätigt er, deswegen mit Thomet zusammenzuarbeiten.

Thomet sieht sich als Opfer von Verleumdungen

Gegenüber der «SonntagsZeitung» dementiert Thomet jegliches Engagement in dem Geschäft. «Es trifft lediglich zu, dass ich die Firma AEY in Albanien vorgestellt habe.» Thomet sieht sich als Opfer von Verleumdungen konkurrierender Geschäftleute.

Der Name Thomet taucht regelmässig auf, wenn Waffen in neue Krisengebiete verschoben werden. Er kontrolliert die israelische Talon Ltd., die er 2004 mit Shmuel Avivi, dem früheren israelischen Militärattaché in der Schweiz, gegründet hatte. Talon soll unter anderem Waffen aus Serbien in den Irak geschafft haben. Gemäss israelischen Medienberichten soll Avivi auch Terrorgruppen im Irak versorgt haben. In Israel läuft gegen ihn ein Strafverfahren.

Thomet dagegen kann ungestört weiterarbeiten. Zwar informierte das Schweizer Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die Bundesanwaltschaft über Tho- mets Geschäfte. «Die Bundesanwaltschaft hat Vorabklärungen wegen möglicher Widerhandlung gegen das Kriegsmaterialgesetz getätigt. Mangels hinreichenden Tatverdachts sind diese im vergangenen Sommer abgeschlossen worden», sagt Jeannette Balmer, Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

Gemäss Schweizerischem Recht ist die Waffenvermittlung auch im Ausland bewilligungspflichtig, sofern diese für einen Vertragsabschluss in der Schweiz wesentlich ist. Entsprechend einfach kann die Pflicht umgangen werden: Die Verträge werden im Ausland abgeschlossen. Die OSZE fordert seit 2003 dazu auf, die Bewilligungspflicht auf Drittländer zu erweitern.

An dieser Empfehlung hatte die Schweiz sogar massgeblich mitgearbeitet. Als «stossend» bezeichnet Peter Hug, Sekretär der SP Schweiz, die immer noch bestehende Gesetzeslücke. Die Partei werde darum deren Schliessung verlangen.

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Verdacht auf Waffenschieberei

© SonntagsZeitung
Die Bundesanwaltschaft lässt gegen einen Schweizer Geschäftsmann ermitteln
Peter Johannes Meier und Alexander Bühler

Zürich Der Schweizer Waffenhändler Marius Joray steht im Verdacht, Tausende Kleinwaffen und grosse Mengen Munition illegal von Bosnien in den Irak verschoben zu haben. Die Bundesanwaltschaft ist in dem Fall aktiv geworden. «Wir haben die Bundeskriminalpolizei mit Vorermittlungen beauftragt», sagt Peter Lehmann, Mediensprecher der Bundesanwaltschaft.

Recherchen der SonntagsZeitung zeigen, dass vom Schweizer Händler vermittelte Ware mit Hilfe des serbischen Waffenschiebers Tomislav Damnjanovic in den Irak transportiert wurde. So am 11. Mai 2005, als ein Transportflugzeug, tonnenschwer mit Munition beladen, von Tuzla in Bosnien nach Bagdad unterwegs war. Die russische Frachtmaschine gehörte der Kosmas Air, die Damnjanovic bis 2006 leitete.

Marius Joray führt im Kanton Baselland ein unscheinbares Waffengeschäft. Der Verdacht: Mit Hilfe von Bewilligungen für Waffenimporte in die Schweiz, die er vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erhalten hatte, lieferte er 2004 und 2005 Kleinwaffen und Muniton direkt an die irakische Regierung. Joray weist den Vorwurf zurück: «Ich habe nie etwas an den Irak verkauft.» Dagegen bestätigt er, Munition und Waffen legal aus Bosnien in die Schweiz importiert zu haben. Über Art und Mengen wollte er keine Angaben machen.

Dokumente, die der SonntagsZeitung vorliegen, erwähnen explizit das irakische Verteidigungsministerium als Empfänger von Munition und Waffen. So könnte sich das Geschäft abgespielt haben: Joray benutzte die Importbewilligungen vom Seco, um in Bosnien eine Exportbewilligung zu erhalten. Nachdem Waffen und Munition einmal in seinem Besitz waren, gelangten sie mit Hilfe von Damnjanovic nach Bagdad.

Bosnien fordert die Schweiz zur Zusammenarbeit auf

Nachdem Amnesty International 2006 erstmals undurchsichtige Geschäfte von Joray erwähnt hatte, behauptete dieser, nicht alle Seco-Bewilligungen gebraucht zu haben. Darum sei die entsprechende Ware auch nicht in die Schweiz gelangt. Nicht eingelöste Bewilligungen auf seinen Namen könnten laut Joray von Drittfirmen missbraucht worden sein.

Beobachter der Waffengeschäfte sehen darin eine Schutzbehauptung und fordern die Schweiz auf, die Geschäfte unter die Lupe zu nehmen. «Solange die Vorgänge nicht seriös untersucht werden, sind illegale Waffengeschäfte, wie die von Joray, weiterhin möglich», warnt Hugh Griffiths von der Seesac, die im Auftrag der Uno illegale Waffengeschäfte auf dem Balkan bekämpft.

Und Peter Korneck, Internationaler Staatsanwalt in Bosnien, fordert die Schweizer Behörden zu einer Zusammenarbeit auf.

Von den Vorwürfen gegen Joray weiss das Seco seit über einem Jahr. «Über den Sachverhalt haben wir die Bundesanwaltschaft in Kenntnis gesetzt», sagt Seco-Sprecherin Antje Baertschi. Ob das Seco Joray weitere Importbewilligungen erteilt hat, sagt sie nicht.

BA-Sprecher Peter Lehmann verweist auf die Schwierigkeiten bei internationalen Fällen. «Wir sind auf Informationen aus Drittstaaten angewiesen.» Erschwerend dürfte ein weiterer Umstand sein: Waffenverkäufe an die irakische Regierung sind vom amerikanischen US Special Operations Command (Socom) unterstützt und gedeckt worden. Das Socom ist unter anderem für verdeckte Aktionen im «Krieg gegen den Terror» zuständig. Ein Geschäft, in dem sich laut Seesac besonders skrupellose Waffenhändler bereichern konnten: Damnjanovic soll nach seinem Engagement für die irakische Regierung Waffentransporte für Islamisten in Somalia organisiert haben.