Archiv der Kategorie: Glaubensfrage

Die Göttinnen und das Geld

© Beobachter 2010

In Thun wird für ein undurchsichtiges Projekt in Pakistan gesammelt – selbst der Stadtpräsident und eine Nationalrätin helfen mit. Nun wird Kritik aus den eigenen Reihen laut.

Peter Johannes Meier

Sterne heissen in Pakistan Sitaaras. Zwei gibt es auch im Berner Oberland, sie irrlichtern in Thun. Förderverein Sitaara heisst der eine, er sammelt Geld, um jungen Frauen in Pakistan eine Ausbildung als Näherinnen zu finanzieren.

Sitaara nennt sich auch ein esoterischer Treffpunkt und Laden in der Thuner Altstadt, in dem Therapeutin Verena Anliker «Heilketten» verkauft und eine Gruppe von Frauen betreut, der sie die «radikale Vergebung» lehrt, wozu die Halsketten hilfreich sein sollen. Vergeben müssen sich die Frauen vor allem selber. Nur so könnten sie den Graben zwischen Menschsein und Göttlichkeit etwas verkleinern. Das gelingt immerhin insoweit, als sich die Frauen gern als «Göttinnen» bezeichnen.

Einige arbeiten gegen einen Naturallohn im Sitaara-Laden. Damit können sie sich die zum Teil mehrere hundert Franken teuren «Heilketten» kaufen. Oder Frauenkleider aus Pakistan, sogenannte Punjabis, die der Laden ebenfalls im Angebot hat, die sogenannte Sitaara-Fashion. Die Kleider werden allerdings «aus Qualitätsgründen» nicht von den unterstützten Näherinnen gefertigt, sondern von Männern in Pakistan, von professionellen Schneidern.

Ein halbes Dutzend «Göttinnen» wandelt so in Punjabis durch Thun und ist in corpore im Vorstand des Fördervereins Sitaara vertreten. Anliker nimmt dort als Beirätin an den Sitzungen teil. Der Verein wird von rund 100 Mitgliedern alimentiert, darunter Prominente wie der abtretende Thuner Stadtpräsident Hans-Ueli von Allmen (SP) oder die National- und Gemeinderätin Ursula Haller (BDP), die sich im November um das Stadtpräsidium bewirbt.

Die Stadt Thun hat den Verein bisher einmal mit 5000 Franken unterstützt, die reformierte Kirchgemeinde hat für die «Hilfe zur Selbsthilfe» schon mehrmals ihre Kasse geöffnet. Rund 10000 Franken nimmt der Verein jährlich aus Mitgliederbeiträgen und Spenden ein, 2005 konnte der Bau der Näherei in Pakistan gar mit 63000 Franken finanziert werden.

Hilfe für Pakistan, modisches Multikulti und etwas Erleuchtung im Berner Oberland – gegen diese Mischung wäre kaum etwas einzuwenden. Doch seit einigen Monaten rumort es in den Thuner Sitaaras. «Da war zuerst dieses ungute Gefühl, als schon wieder Geld für das Gebäude der Näherei in Pakistan gesprochen werden sollte, dieses Mal für eine Fassadensanierung», sagt ein langjähriges Vorstandsmitglied.

WAS IN PAKISTAN LÄUFT, IST UNKLAR

Zusammen mit weiteren Kritikern und einer aussenstehenden Person begann man, Organisation und Geldflüsse der Sitaaras zu analysieren. So kam eine Reihe von Ungereimtheiten zutage, die bis heute weder von der Vereinspräsidentin – eine der wenigen Nicht-«Göttinnen» im Vorstand – noch von Beirätin Anliker geklärt worden sind. Ein letztes Ultimatum, die Fragen zu beantworten, verstrich im September. Die Kritiker seien nie zu einer Aussprache am runden Tisch bereit gewesen, entgegnet Präsidentin Christine Vogel. «Wir wollen klare Antworten auf klare Fragen, keine Gruppentherapie», sagt ein Vereinsmitglied.

Organisation und Geldflüsse der Sitaaras sind schwer zu erfassen. Und über das Projekt in Pakistan sind kaum verlässliche Informationen erhältlich. Wie viele Frauen von den Zuwendungen des Fördervereins profitiert haben, ist nirgends erfasst. Wer sie genau sind, ist unbekannt, es werden keine Diplome für die Ausbildung ausgestellt.

Für das Projekt «vor Ort» verantwortlich ist der mit seiner Familie in Deutschland lebende Partner von Anliker, Jamil Khan. Ihm gehört auch die mit Vereinsgeldern gebaute Näherei. Gemäss Khan sollen bereits rund 200 Frauen eine mehrmonatige Ausbildung genossen haben. Er selber war allerdings seit anderthalb Jahren nicht mehr dort. Für die Ordnung im Haus sorgt seine Schwester, die auch Lohn aus der Schweiz bezieht. «Sie wird von einem Vereinsmitglied persönlich gesponsert», erklärt Präsidentin Vogel.

Weitere Verwandte der Familie Khan wohnen im Umfeld der Näherei. «Solange nicht Klarheit darüber herrscht, wer hier wofür Geld erhält und wer genau die Schule besucht, bleibt der Verdacht, dass hier Dritte zu Unrecht profitieren», warnt ein ehemaliges Vereinsmitglied.

Die Kritik an Sitaara zielt auch nach Thun: In den Sitaara-Laden fliesst ebenfalls Geld aus dem Förderverein. Keine grossen Beträge, 2000 Franken waren es 2009. Doch eigentlich sollte der Laden aus dem Erlös des Kleiderverkaufs das Hilfsprojekt mitunterstützen. «Der Laden rentiert zurzeit aber nicht», so Anliker.

Ursula Haller und Hans-Ueli von Allmen stehen nach wie vor hinter dem Förderverein. «Die bei der Gründung des Vereins verantwortlichen Vorstände konnten meine Fragen damals überzeugend beantworten», sagt von Allmen, der darauf ein persönliches Empfehlungsschreiben für den Verein verfasste. Und Ursula Haller, die den Verein auch mit Gönnerbeiträgen unterstützt, betont, dass der Förderverein alle Geldflüsse nach Pakistan protokolliere und die Buchhaltung auch revidiert werde. Zum konkreten Projekt in Pakistan konnten beide keine Auskunft geben.

PRO PROBLEM EINE HALSKETTE

Verena Anliker wittert ein anderes Motiv hinter dem Angriff auf Sitaara: «Ich werde seit Jahren von einem Exgatten eines Vorstandsmitglieds verleumdet. Er hat fälschlicherweise den Eindruck, ich würde Frauen in ihren Entscheiden beeinflussen.» Kritik an Anlikers Arbeit kommt aber auch von einem ehemaligen Mitglied der Frauengruppe: «Die Mitgliedschaft für die monatlichen Treffen kostet 250 Franken – pro Monat! Hinzu kommen Ausgaben für Therapien, Kurse und die überteuerten Halsketten. Für jedes neue Problem sollte dann eine neue Kette gekauft werden. Selbstverständlich kann das eine Beziehung belasten.»

Mehr Selbstkritik und weniger Selbstvergebung ist offenbar nicht der Weg, den Sitaara gehen will. Vielmehr will man jetzt Strafanzeigen prüfen.

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Tausendmal berührt

Amma umarmt alle, die zu ihr kommen. Von ihren Anhängern wird die Inderin wie eine Göttin verehrt. 
Kürzlich war sie in der Schweiz. Was lockte 20'000 Menschen zu ihr?

Peter Johannes Meier

Der Stadtpolizist betritt die Halle. Er spricht kurz mit zwei hellgekleideten Damen, dann geht er an der Menschenschlange vorbei, zwängt sich durch das Gedränge zu Amma vor. Wird sie jetzt verhaftet? Oder soll sie bloss die Nummer eines Falschparkers durchgeben? Tausende sind gekommen, haben ihre Fahrzeuge vor der Winterthurer Eulachhalle und im nahen Wohnquartier abgestellt. Für Stunden oder gleich für mehrere Tage. Es rauscht und knackt aus dem Funkgerät des Polizisten. Er legt es auf den Boden – und sinkt gleich selber dahin, direkt vor Amma. Dann legt er seinen Kopf auf ihre Schulter, lässt sich umarmen. Amma flüstert ihm ins Ohr.

Nach einer halben Minute steht er auf, richtet seinen Gurt, schultert das Funkgerät und macht sich aus dem Saal. «Ich bin im Dienst. Darum konnte ich mich nicht hinten anstellen», entschuldigt er sich. Er habe von diesen Umarmungen gehört – und er habe einfach wissen wollen, wie das ist.

Mata Amritanandamayi Devi, kurz Amma (Mutter) genannt, besucht seit 20 Jahren die Schweiz. Genauer: Tausende besuchen die 56-jährige Inderin, wenn sie und ihre 160 Mitreisenden für drei Tage haltmachen. 20’000 Menschen pilgerten laut Veranstalter Mitte Oktober in die Halle in Winterthur. Es werden immer mehr. Vor zehn Jahren waren es noch wenige tausend. Die genaue Zahl kennt niemand, denn wer Amma umarmen will, muss keinen Eintritt zahlen – aber stundenlang warten.

Sie riecht leicht süsslich

Wie ist es, von Amma umarmt zu werden? Die kleine, rundliche Frau sitzt auf einem Holzstuhl. Sie lächelt, schaut einem in die Augen. Von Fremden umarmt zu werden kann ja unangenehm sein. Sekunden sind dann eine Ewigkeit. Bei Amma ist das anders: Man fühlt sich sofort geborgen, versinkt im weissen Tuch, das den weichen Körper verhüllt. Die Wangen berühren sich. Man drückt sich innig, kuschelt sich an ihre linke Brust. Amma riecht leicht süsslich, aber angenehm unparfümiert. Zu denken gibt es in diesem Moment nichts, zu sagen auch nicht. Sie murmelt mantraartige Sätze: «Amma Mamma, Mamma, Amma», glaube ich zu verstehen.

Nach einer halben Minute lösen wir uns, es warten noch Tausende. Wer Amma in die Augen schaut, dem zwinkert auch kurz jenes verschmitzte Mädchen zu, das bereits Anfang der sechziger Jahre seine Eltern zur Verzweiflung trieb, als es wildfremde Menschen zu umarmen begann. Zum Abschied drückt sie mir einen Apfel in die Hand. Ich fühle mich gut, finde locker einen Weg durch Hunderte von Menschen, die dicht gedrängt um Amma sitzen, meditieren, lächeln. Wir fühlen uns gut.

Das wird andauern, versichert der 46-jährige Reto, der Amma bereits zum dritten Mal besucht. «Dieser Energieschub hilft über Monate durchs Leben. Ich brauche mich bloss kurz an die Begegnung zu erinnern, dann ist er wieder da», sagt er. Was für eine Energie? «Die bedingungslose Liebe. Wer sie erfahren hat, kann sie auch weitergeben.» In ihrem Wohnzimmer haben Reto und seine Frau ein Foto von Amma aufgestellt. «So begleitet sie uns täglich. Und wir leben seither besser», sagt er. Viele schildern ihre Amma-Erfahrung so. Einzelne ganz anders. Nach langem Anstehen und kurzer Umarmung fragt ein Mittvierziger seine Frau: «Spürst du was?» Sie: «Nein.» Er: «Gut. Gehen wir.»

Ein buntes Volk füllt die Halle. Kinder spielen zwischen Eltern, die sich auf Matten ein Lager in Ammas Nähe errichtet haben. Der unauffällige Bürolist, die goaerfahrene Hippiefrau und die tamilische Familie, sie alle sind gekommen, um Ammas Darshan zu empfangen, wie Eingeweihte die Umarmung nennen.

Ich sitze neben Amma, die in Indien als Reinkarnation der göttlichen Mutter verehrt wird. Ich darf sie interviewen – während sie weiter umarmt. Was bloss fragt man eine Göttin?

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Mit der Mütze in Richtung Gott

© Beobachter 2009

Bringt einen das 8-Coil-Shakti näher zu Gott? Ein Selbstversuch.

Peter Johannes Meier

Auf der Suche nach Gott habe ich mir Magnetspulen auf den Kopf gesetzt. Die Gott-Mütze heisst 8-Coil-Shakti und wurde von einem Mitarbeiter des Neurologen Michael Persinger konstruiert. Sie kostet rund 400 Franken. Die acht auf die Mütze gekletteten Spulen sind mit dem Audioausgang des Computers verbunden. Eine Software erzeugt Signale, die in Magnetfelder umgewandelt werden und bestimmte Areale des Hirns stimulieren. Shakti ist eine Hindugöttin, die Urkraft des Universums. Das verspricht einiges.

Ich habe mich für den Schläfenlappen entschieden. Tausende wollen auf diese Weise Spirituelles oder gar Gott erfahren haben. Bei mir passiert zunächst nichts. Dritter Versuch, das Signal etwas satter als empfohlen: Mein Bewusstsein schwappt wie Wein in einem Glas, will den Körper verlassen – tut es aber nicht. Es ist wie eine Out-of-body-Erfahrung in zu engen Jeans. Noch Tage später fühlt sich mein Gehirn etwas grösser an, was nicht heissen soll, dass auch mehr drin ist. Es ist wie nach einer intensiven Massage, die einem bewusst werden lässt, was man alles so hat.

Eine Schnellstrasse zu Gott ist die Mütze kaum. Ihm werden wohl nur jene begegnen, die auch magnetlos regen Kontakt mit ihm pflegen. Vielleicht ist es wie mit den Nahtoderfahrungen: Religiöse Westdeutsche schweben laut einer Studie schnell mal gen Himmel, während atheistische Ostdeutsche in einem eher tristen Raum sterben. Auch ein Grund, nach Gott zu suchen.

Der Mann mit dem Filzstift

© Beobachter 2008

Wissenschaftler suchen eine mysteriöse Person, die seit 15 Jahren anonym Zürcher Plakatwände mit Bibelsprüchen versieht. Der Beobachter hat den Ex-Banker getroffen. Was will er uns sagen?

Peter Johannes Meier

Mehr als 300 Fotos haben die beiden Psychologen in sechs Jahren gesammelt. Bilder von Bibelsprüchen auf Baustellenabschrankungen und Werbeplakaten, stets die gleiche Schnürchenschrift, Davidsterne und Herzchen als i-Punkte. Akribisch haben die Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der Uni Zürich die Botschaften analysiert. Für einen eindeutigen Befund reiche es indes nicht, resümierte die NZZ die Forschungsergebnisse. Immerhin erkennen die Wisssenschaftler ein zwanghaft wirkendes Schreiben, das eine Funktion für das psychische Gleichgewicht des Verfassers haben könnte. Neben Bibelzitaten werden oft Stellungnahmen von Staatsmännern und rechts stehenden Politikern erwähnt, etwa Christoph Blocher.

Bibelfester Botschafter: Leo Elsener sieht das Ende kommen.

Der Beobachter hat den bisher unbekannten Mann im Zürcher Unterland gefunden. Der 62-Jährige Leo Elsener empfängt in einem Bahnhof-Restaurant, in Anzug und Krawatte. Er freut sich über die Aufmerksamkeit, die seine Sätze erweckt haben. «Mein Auftrag ist damit erfüllt.» Welcher Auftrag? «Ich bin ein Botschafter der Endzeit. Und die ist jetzt angebrochen.» Die Börse schloss tiefrot an diesem Tag.

«DIE ZEICHEN SIND KLAR»

Doch Elsener, selber ehemaliger Banker, denkt nicht nur ans Ende der Gier. «Es geht um mehr. Es geht um die Apokalypse und die Wiederkehr des Erlösers.» Dass die Bank der falsche Ort für einen wie ihn war, erkannte er bereits Ende der sechziger Jahre. «Ich war da einfach reingerutscht.» Elsener engagierte sich für die global operierende, aber wenig erfolgreiche Gruppierung «Geschäftsmann und Christ». Später verbrachte er Jahrzehnte in der Freien Volksmission, die den amerikanischen Prediger und Heiler William Branham verehrt. Der hatte das «Ende aller weltlichen Systeme» und den «Beginn des Tausendjährigen Reiches» für 1977 prophezeit – und starb an Heiligabend 1965 bei einem Autounfall.

Jetzt soll es also wieder so weit sein. «Die Zeichen sind klar», diagnostiziert Zahlenmystiker Elsener und berechnet die Quersummen von wichtigen Daten. Auf Putin sei zu achten, der werde noch eine entscheidende Rolle spielen. Und warum die Davidsterne auf den i-Pünktchen? «Die Juden sind unsere älteren Brüder – mit ihnen teilen wir immerhin die halbe Bibel – aber auch unsere Hoffnung.» In Briefen an Staatsmänner auf der ganzen Welt setzt sich Elsener für das Wohl der Juden ein. Ein nicht ganz selbstloses Anliegen: Denn erst wenn sich «die älteren Brüder» zu Christus bekennen, soll laut Bibel der Erlöser wieder auf Erden erscheinen. Bis dahin können wohl noch einige Plakate beschrieben werden.

Gott erscheint im Kopf

© Beobachter 2009

Kann man als vernünftiger Mensch noch an Gott glauben? Wissenschaftler meinen: ja. In ihren Forschungen vereinen sie Geist und Materie und suchen den Gotteskanal im Kopf.

Peter Johannes Meier und Ursula Eichenberger

Japanische Wissenschaftler haben kürzlich in einem Experiment die Vorläufersubstanzen allen Lebens erschaffen. Sie stellten nach, was vor Milliarden Jahren auf der noch jungen Erde geschah: Damals stürzten Meteoriten aus Kohlenstoff, Nickel und Eisen in den Ozean aus Wasser und Ammoniak. Im Labor mischten die Japaner eine Ursuppe und beschossen sie mit einer Minikanone. Das Ergebnis: Nach dem Aufprall konnten chemische Verbindungen wie Fettsäuren und Glycin nachgewiesen werden, Grundbausteine des heutigen Lebens.

Die Japaner gehen davon aus, dass bei den viel komplexeren Einschlägen in die Ursuppe auch Biomoleküle entstehen konnten – ein Schritt näher zum Leben. Für die meisten Naturwissenschaftler eine durchwegs plausible Vorstellung.

Doch was machte in diesem Fall Gott? Hat er den Lauf der Dinge in Gang gesetzt, um ihn dann der Evolution zu überlassen? Ist er selber Teil von allem, was existiert? Oder existiert alles ohne Gott?

ATHEISTEN SIND DIE MINDEHEIT

«Gott ist, evolutionsbiologisch betrachtet, ein imaginäres Alphamännchen, eine Primatenhirn-Konstruktion, die einigen Mitgliedern unserer Spezies deutliche Vorteile im Kampf um Ressourcen verschafft hat», findet der Religionskritiker und Atheist Michael Schmidt-Salomon. Allerdings glauben nach wie vor die meisten Menschen an einen Gott – oder gleich an mehrere: 2007 bezeichneten sich in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 80 Prozent der Schweizer als religiös. Friedrich Nietzsches «Gott ist tot» hat sich also nicht bewahrheitet. Heute machen sich sogar mehr Menschen denn je Gedanken über eine höhere Macht. Die Gottesbilder sind dadurch individueller, aber auch widersprüchlicher geworden, gerade in den monotheistischen Religionen Christentum, Judentum und Islam.

ANTIKE VORSTELLUNGEN IN DER MODERNE

«Wie und warum richtiges Leben entstanden ist, kann die Evolutionsbiologie nicht erklären. Und es ist auch noch nie gelungen, im Labor eine lebende Zelle herzustellen», sagt Gian Luca Carigiet. Fürs Suppenexperiment der Japaner hat er deshalb nur ein Achselzucken übrig. «Nicht mehr als eine Hypothese.» Carigiet präsidiert den Verein ProGenesis, in dem sich Anhänger der Schöpfungslehre und Kritiker der Evolutionsbiologie gefunden haben. Sie misstrauen der «gottlosen Evolution», wonach aus Bakterien Arten und durch Mutation und Selektion neue Lebensformen bis hin zum Menschen entstanden sein sollen. Vielmehr soll Gott die Arten selber erschaffen haben. Es ist ein biblischer Gott, ein persönlicher Gott, oder ein «intelligenter Designer». Mit diesem Begriff operieren die sogenannten Kreationisten seit einigen Jahren. Sie vermeiden bewusst den Gottesbegriff und suchen den wissenschaftlichen Diskurs. Mit einigem Erfolg, vor allem in den USA. Politiker wie George W. Bush oder Sarah Palin setzen sich für die Gleichbehandlung von Evolutions- und Schöpfungslehre ein. Das wollen die Kreationisten auch in Europa erreichen. In der Schweiz kämpfen sie für entsprechende Schulbücher im Biologieunterricht.

Mit dem Anliegen stehen sie keineswegs verloren da: Gemäss einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2007 wollen vier von fünf Schweizern, dass Evolution und Schöpfung in der Schule gleich behandelt werden. Und 2002 glaubten gut 43 Prozent der Schweizer, dass das Leben durch Gottes Schöpfung und durch eine von Gott gesteuerte Evolution entstanden sei. Eine wachsende Anzahl Christen praktiziert den bibeltreuen Schöpferglauben, vor allem in evangelikalen Gruppierungen. Derweil kämpfen die Landeskirchen relativ erfolglos gegen Besucherschwund.

Scheitern Aufklärung und Evolutionslehre an einem 2000 Jahre alten Buch? Für den Berner Physiker und Theologen Hans-Rudolf Stadelmann ist «Intelligent Design» eine Mogelpackung. «Die Kreationisten versuchen, mit einer pseudowissenschaftlichen Argumentation ein 2000-jähriges antikes Gottesbild aufrechtzuerhalten, das im Widerspruch zu unserer heutigen von den Naturwissenschaften geprägten Weltsicht steht und so nicht mehr geglaubt werden kann». Er bedauert dies, denn Gott und wissenschaftliche Erkenntnis schliessen sich für ihn nicht aus. «Im Gegenteil: Im wissenschaftlichen Weltbild drängt sich eine Gottesvorstellung geradezu auf.» Nur könne dies nicht mehr der traditionelle, personifizierte Gott sein. Stadelmann verweist unter anderem auf Erkenntnisse der Elementarteilchen- und Quantenphysik, wonach vor der Entstehung von Energie und Materie eine «geistige Grösse» stand, die die Evolution der Welt bestimmt und die man als Gott bezeichnen kann. Gott kann demnach Ursprung und Teil von allem sein.

DER RADIOAKTIVITÄTS-TEST

Doch kann Gott auch erfahren werden? Der amerikanische Radiologe Andrew Newberg spritzte einem tibetischen Buddhisten eine schwach radioaktive Flüssigkeit ins Blut, während sich dieser in tiefer Meditation befand. Das Verfahren zeigte an, welche Hirnregionen stark durchblutet und somit aktiv waren. Newberg stellte eine drastisch reduzierte Funktion jener Hirnregion fest, die für den Orientierungssinn zuständig ist. Der Buddhist erlebte die Meditation als ein zeitloses Verbundensein mit der gesamten Schöpfung. Den gleichen Effekt diagnostizierte Newberg bei intensiv betenden Franziskanerinnen. Manifestiert sich eine «Verbindung zu Gott» also in spezifischen Hirnaktivitäten?

Weitere Experimente brachten zusätzliche Indizien. Dem US-Neurologen Michael Persinger fiel auf, dass manche Epileptiker nach Anfällen von mystischen Erfahrungen berichteten. Er versuchte, die elektrischen Stürme im Gehirn nachzustellen. Sein sogenannter Gotteshelm stimulierte mit schwachen Magnetfeldern die Schläfenlappen des Gehirns. 80 Prozent der Personen empfanden die Gegenwart von etwas schwer Erklärbarem und fühlten sich nicht mehr allein (siehe nachfolgend: «Mit der Mütze in Richtung Gott»).

Zürcher Forschern gelang es 2001, durch Variation der Stromstärke den Bewusstseinszustand einer Epileptikerin zu verändern. Zuerst glaubte sie, in die Tiefe zu fallen, dann über sich selbst zu schweben. Sie erlebte eine ausserkörperliche Erfahrung, wie sie von Menschen in Nahtodsituationen geschildert wird, aber auch unter Einfluss gewisser Drogen oder durch Meditation hervorgerufen werden kann.

EIN HIRNSUBSTRAT FÜRS ERLEBEN VON GOTT

Dass solche Erlebnisse nur in Extremsituationen möglich sind, wird mitunter auf ein überbetontes Ichbewusstsein in unserer Gesellschaft zurückgeführt. Manche Forscher interpretieren spirituelle Erlebnisse der Johanna von Orléans oder des Apostels Paulus rückblickend als epileptische Anfälle. Paulus selber berichtete von einem Pfahl in seinem Fleisch, an dem er litt. Ob er damit diese Anfälle umschreiben wollte, ist allerdings umstritten.

Was bedeuten die Erkenntnisse über unser Gehirn für die Frage nach Gott? «Möglicherweise ist der Mensch neuronal so verschaltet, dass er eine sehr grosse Neigung hat, an eine höhere Instanz zu glauben», sagt Alex Gamma, Neurobiologe an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. Unbestritten ist, dass Menschen unterschiedlichste religiöse Erfahrungen machen und dass sich diese irgendwo in der Aktivität des Hirns niederschlagen. «Wir Wissenschaftler glauben an den Materialismus. Dass es ein Hirnsubstrat fürs Erleben von Gott gibt, ist daher noch nichts Besonderes. Damit lässt sich auch nicht beweisen, ob Gott real ist oder nicht.»

Gamma vergleicht das Hirn mit einem Fernseher mit mehreren Kanälen, der verschiedene Sendungen empfangen kann. «Die Programme kommen aber nicht aus dem Gerät selbst, sondern aus dem Fernsehstudio. Das Hirn könnte ähnlich funktionieren. So könnten wir über einen Kanal verfügen, der uns ermöglicht, die Dimension, in der sich Gott befindet, zu empfangen. Eine Stimulation des Schläfenlappens könnte dann das Wechseln von einem auf einen anderen Kanal bewirken, den ‹Gotteskanal›.» Für Gamma, der sich selber als Agnostiker versteht – also weder an einen Gott glaubt noch dessen Vorhandensein ausschliessen will –, gibt es genügend Phänomene, die nahelegen, dass tatsächlich eine weitere Dimension existiert. Eine Dimension, in der vieles möglich ist, in der womöglich auch Gott einen Platz hat. «Sechsjährige haben in Studien zum Beispiel unaufgefordert aus ihren früheren Leben erzählt. In vielen Fällen konnten die Berichte der Kinder verifiziert werden. Strassennamen stimmten überein oder auch die Existenz von Verwandten, von denen den Kindern vorgängig niemand erzählt hatte. Da hat man Mühe, andere Erklärungen zu finden, als dass diese Kinder eine Wiedergeburt erlebt haben.»

Dagegen sieht der Theologe Stadelmann hinter der Reinkarnationsidee das Wunschdenken, über den Tod hinaus zu existieren. Aus seiner Sicht geht der menschliche Geist beim Tod «wieder im Weltgeist, also in Gott auf». Er lebe in diesem Sinne weiter, allerdings nicht mehr als individuelle Persönlichkeit. Hirnforscher können mittlerweile biologische Vorgänge für Phänomene nachweisen, die zuvor reine Glaubensfragen waren. Und mystische Erlebnisse sind auch nicht mehr zwingend Ausdruck von Neurosen oder Psychosen, sondern Teil eines «gesunden Geistes».

GEEIGNET FÜR MYSTISCHE ERFAHRUNGEN

Auch für das rätselhafte Savant-Wissen haben Neurologen Erklärungen gesucht. Savants sind oft autistische Menschen, die mit spektakulären Fähigkeiten in spezifischen Bereichen verblüffen. Etwa 100 Personen mit solchen Begabungen sind heute bekannt. Einer von ihnen ist Daniel Tammet, der als Dreijähriger einen starken epileptischen Anfall erlitt. Er konnte 2004 die Kreiszahl Pi innert fünf Stunden bis auf 22514 Stellen nach dem Komma aus der Erinnerung wiedergeben. Zudem lernt er Fremdsprachen innert weniger Tage.

Ein anderer ist der 1992 geborene Jazzpianist Matt Savage, der sich im Alter von sechs Jahren über Nacht das Klavierspielen beibrachte. Mit sieben Jahren komponierte er bereits eigene Stücke und brachte seine erste CD heraus. Solche Fähigkeiten sind nicht einfach Gottesgaben, sondern hängen möglicherweise damit zusammen, dass diese Menschen ihre Hirnhälften besser unabhängig voneinander aktivieren können, wie neurobiologische Untersuchungen gezeigt haben. Auch bei der Autopsie des Physikgenies Albert Einstein fanden Forscher solche Hinweise.

Die Hirnforschung kann also einerseits immer mehr Phänomene weltlich-biologisch erklären, anderseits zeigt sie uns Hirnaktivitäten auf, die offenbar besonders dafür geeignet sind, mystische Erfahrungen zu sammeln oder gar göttliche Botschaften zu empfangen. Der US-Molekularbiologe Dean Hamer glaubte vor drei Jahren sogar, ein «Gottes-Gen» gefunden zu haben. Erst befragte er Probanden, ob sie häufig «Eingebungen beim Entspannen» hätten, dann untersuchte er deren Erbgut. Tatsächlich schien sich ein Zusammenhang zwischen einer ganz bestimmten Genvariante und der «Spiritualität» der Träger zu zeigen. Inzwischen ist klar, dass dieses Gen eine gewisse Bedeutung für Botenstoffe im Gehirn hat, dass sich aber komplexe Fähigkeiten nicht auf eine Frage der Beschaffenheit von Genen reduzieren lassen. «Einerseits hatte der Fragebogen nicht spezifisch mit dem Glauben an Gott zu tun; es ging um Spiritualität, und alles in den gleichen Topf zu werfen ist nicht zulässig. Anderseits bestimmt ein Gen allein nie etwas», sagt dazu der Zürcher Neurobiologe Alex Gamma.

EINE SOZIALE ERFINDUNG?

Einen überlebenswichtigen Zweck erfüllen Gott und Religion nach Ansicht des Biologen David Sloan Wilson. Gott ist für ihn bloss eine soziale Erfindung: «Religion ist ein symbolisches System, mit dem eine Gemeinschaft effizient organisiert werden kann.» Wilson will diese Funktion für 35 überprüfte Glaubenssysteme nachgewiesen haben. Gott und Religion seien letztlich Produkte der Evolution, die einer Gemeinschaft bessere Überlebens- und Fortpflanzungschancen einräumten. Ein solches Glaubenssystem verlangt allerdings ein eindeutiges Gottesbild und daraus abgeleitete klare Regeln, die zudem rigide eingehalten werden müssen. Fundamentalistische Bewegungen dürften darum stärker von diesem Effekt profitieren.

Demgegenüber lassen sich mit mehrdeutigen Gottesvorstellungen, die zunehmend auf individuellen Erfahrungen beruhen, schwerlich Kirchen füllen oder gar Kriege führen. Ob dies nur ein weiterer Schritt in der Evolution ist oder ein Wunsch Gottes, bleibt letztlich eine Glaubensfrage.