Archiv der Kategorie: Gesundheit

Dies ist ein Heilmittel

Eine Kreditkarte für Cannabis? Für den Schweizer Pharmakologen Rudolf Brenneisen eine Lösung, um Hanf allen zugänglich zu machen, denen er hilft: Tausenden von Patienten.

Grafik: Luxwerk

Auch Kranke müssen heute Marihuana auf dem Schwarzmarkt besorgen, weil das Kraut in der Schweiz ab einem THC-Gehalt von mehr als einem Prozent  verboten ist. Doch die heilsame Wirkung ist wissenschaftlich längst belegt: THC und andere Cannabinoide wirken im Zusammenspiel entkrampfend, entzündungshemmend und Appetit anregend. Und die Medizin ist sehr günstig, denn die natürliche Pflanze lässt sich nicht patentieren. Doch jahrzehntelang wurde das Kraut als Schlappmacher und Hirntöter dämonisiert. Gesundheitsbürokraten und manche Politiker befürchten zudem, dass sich Freizeitkiffer künftig einfach zu Patienten erklären lassen könnten. Mehr über heilsames Cannabis im Beobachter.

 

 

 

 

 

Schwarze Schafe im weissen Kittel

Ein in Deutschland mehrfach verurteilter Arzt praktiziert in der Schweiz. Mit verheerenden Folgen für einen Patienten. Der Kanton Aargau will den Fall untersuchen.

Die Auseinandersetzung um den fragwürdigen parkt. med. Ingo Malm ist um ein Kapitel reicher. Im vergangenen Herbst hatte der «Kassensturz» publik gemacht, dass Malm in Deutschland wegen Finanzdelikten im Zusammenhang mit seiner ärztlichen Tätigkeit mehrfach verurteilt worden war. Der Kanton Bern verweigerte ihm darauf eine Berufsbewilligung – mangels Vertrauenswürdigkeit. Anders der Aargau, der ihm 2006 innert kürzester Zeit die Bewilligung erteilte.

Jetzt berichtet der «Beobachter» über die tragische Geschichte eines jungen Familienvaters, der von Malm wegen eines Knotens am Rücken behandelt wurde. Der Arzt verkannte wiederholt den tödlichen Krebs, unter dem der Patient litt. Malm hatte es schlicht unterlassen, das entfernte Gewebe untersuchen zu lassen.

Arzt verkennt tödlichen Krebs

Hinter den Dampfern her

Wer elektronisch dampft, muss künftig keine Tabaksteuer mehr zahlen. Bis es so weit ist, langt der Staat noch mal zu.

Wo eine Sucht ist, ist auch ein Geschäft. Und dort beginnt die Heuchelei. Das zeigt die Auseinandersetzung um die Tabaksteuer für tabakfreies Dampfen. Auch auf elektronische Zigaretten, die keinen Rauch erzeugen, sondern Aromastoffe verdampfen und weder Tabak noch Nikotin enthalten, muss die Tabaksteuer erhoben werden. Das hat das Bundesverwaltungsgericht am 17. Januar entschieden. Ein Urteil, das schon bald bedeutungslos sein wird. Das Gericht stützt sich auf eine kuriose Bestimmung, die demnächst verschwinden soll.

Denn drei Wochen vor dem Gerichtsentscheid dampfte es im Parlament. Die Politiker beauftragten den Bundesrat, die Tabaksteuer auf elektronische Zigaretten – selbst solche, die Nikotin enthalten – grundsätzlich abzuschaffen. SP-Ständerat und Raucher Roberto Zanetti konnte eine deutliche Mehrheit hinter sich scharen. Vergeblich argumentierte Finanzvorsteherin Eveline Widmer-Schlumpf, es fehle der wissenschaftliche Nachweis, dass die Produkte zur «Entwöhnung» auch taugten. Doch darum geht es gar nicht. Die Tabaksteuer hatte nie Gesundheit zum Ziel. Es geht um Geld. Widmer-Schlumpf ist ja auch Finanzministerin.

350 TABAKBAUERN WERDEN SUBVENTIONIERT

Raucher liefern dem Bund zuweilen merkwürdige Steuern ab. 2,6 Rappen pro Päckchen fliessen in Präventionskampagnen, die vom Rauchen abhalten sollen. Exakt gleich viel geht in die Förderung des heimischen Tabakanbaus, 350 Bauern werden so subventioniert. Die Prävention als Feigenblatt für das Tabakkraut. Immerhin wurde entschieden, diese Steuern auf das Dampfen nicht mehr zu erheben.

Um mehr Geld geht es bei der Mehrwertsteuer (7,4 Prozent), um richtig viel bei der Tabaksteuer: Pro Päckchen sind es Fr. 4.20 (55,2 Prozent), die so in die AHV fliessen. Wer eine Packung pro Tag raucht, unterstützt die Altersvorsorge jährlich mit über 1500 Franken. Ein Sozialwerk ausgerechnet, von dem der Raucher aufgrund seiner geringeren Lebenserwartung weniger profitieren wird. Die Tabaksteuer finanziert heute rund fünf Prozent der AHV.

Kein Wunder, will man Raucher nicht ziehen lassen, wenn sie plötzlich dampfen. Dass es nicht um deren Gesundheit geht, zeigt der Blick zurück ins Jahr 1971. Der Bundesrat warnte: «Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass in den nächsten Jahren [!] Zigaretten, die keinen Tabak enthalten, auf dem Markt erscheinen. […] dadurch könnten die zur Finanzierung der eidgenössischen Versicherung [AHV] bestimmten Einnahmen eine empfindliche Einbusse erleiden.» Das Ergebnis war die kuriose Bestimmung über «tabakähnliche» Erzeugnisse. Es ging immer um Geld.

Raucher ohne Luft, Dicke unter Druck

Kommentare

Wir denken uns krank

Die Angst, krank zu sein, macht krank. Unnötige Röntgenbilder, nutzlose Gentests und unpräzise Beipackzettel helfen uns dabei.  

Die Magie der Voodoo-Religion hat den Neurologen Magnus Heier nicht losgelassen, seit er aus Afrika zurückkehrte: Dort und in Teilen Amerikas hat der Kult bis heute einen starken Einfluss. Voodoo-Priester können Menschen mit einem Zauber verhexen oder gar sterben lassen. «Für uns Europäer ist das eine absurde Nummer, weil wir nicht daran glauben. Ich habe mich aber gefragt, ob wir Ärzte nicht Ähn­liches bewirken, in einem anderen Kontext und mit anderen Mitteln. Ich brauche ­keine Trommel und kein Rauchwerk, aber ich habe einen Kernspintomographen und einen weissen Kittel.»

Heier, der im Ruhrgebiet eine neurologische Praxis führt, hat die wissenschaft­liche Literatur zur Beeinflussung von Pa­tienten durch Ärzte, Medien und Pharma durchforstet. Seine Erkenntnisse hat er im Buch «Nocebo: Wers glaubt, wird krank» versammelt. Fazit: «Wir betreiben Voo­doo – aus Versehen oder aus Unwissenheit. Und das macht viele erst richtig krank.»

weiterlesen

Pflegefälle im Knast

Verwahrte Gefangene werden immer älter. Und auch mal krank oder pflegebedürftig. Darauf sind die Schweizer Gefängnisse nicht vorbereitet. Das zeigt der Fall eines kürzlich verstorbenen Verwahrten in der Strafvollzugsanstalt Pöschwies.

weiterlesen

Gefängnisdirektor Ueli Graf will jetzt einen 24-Stunden-Betrieb für Pflegefälle. Und mehr Freiheiten für Verwahrte.

weiterlesen

Raucher ohne Luft, Dicke unter Druck

Was dem Patienten nicht hilft, soll er selber bezahlen.

Peter Johannes Meier

Wieso sollen Krankenkassen für Medikamente und Therapien aufkommen, die dem Kranken nichts gebracht haben? Die Frage ist gut, die Antwort der der Gesundheitspolitikerinnen Ruth Humbel (CVP) und Yvonne Gilli (Grüne) gefährlich.

Sie wollen Krankheiten, die „eng mit dem Lebensstil“ zusammenhängen, auf ihre Kassenpflicht überprüfen lassen. Konkret soll nur noch bezahlt werden, wenn ein Medikamente oder eine Therapie auch geholfen hat. Im anderen Fall wird der Patient zur Kasse gebeten. Gemeint sind Raucher, Fettleibige und alle Arten von Süchtigen. Die Selbstverantwortung der Patienten soll so gestärkt, grosszügiges Verschreiben durch Ärzte unterbunden werden.

Der richtige Weg, um das Gesundheitswesen zu sanieren? Wohl kaum, denn treffen würde es vor allem Kranke mit kleinem Geldbeutel. Unter Suchterkrankungen leiden sie nachweislich häufiger als Gutverdienende. Und sozial Schwächere würden schon aus „finanzprohylaktischen“ Gründen auf so manche Therapie verzichten, die ihnen helfen könnte. Das Risiko, mehrere hundert oder tausend Franken aus der eigenen Tasche zu bezahlen, wäre schlicht zu gross. Aber das war ja zu erwarten: Nach den Rauchern die Dicken.

Wieso nicht anders herum: Hilft ein Medikament nicht, muss es der Hersteller bezahlen. Darauf ist noch kein Politiker gekommen.

Der ganze Artikel

Tabaksteuer für Zigaretten ohne Tabak

Auch dort, wo bloss Aromastoffe verdampfen, will der Bund mitverdienen. Jetzt wehren sich Dampfer und Händler gegen die Tabaksteuer für rauchfreie Zigaretten.

Peter Johannes Meier

Rauchfreie Zigaretten werden seit einigen Wochen an Kiosken der Valora und an manchen Tankstellen verkauft. Bisher mussten solche Produkte über Internetshops aus dem Ausland importiert werden. Die elektrischen Zigaretten der Valora verdampfen eine Flüssigkeit, die weder Tabak noch Nikotin enthält. Manche Raucher entdecken sie darum als Alternative zum schädlichen Tabakrauch, für andere sind sie eine Möglichkeit, in Rauchverbotszonen wenigstens Dampf abzulassen.

Doch Dampfer und Valora haben die Rechnung ohne den Bund gemacht. Der will die lukrativen Tabakraucher nämlich nicht einfach ziehen lassen. Auch als Dampfer sollen sie Tabaksteuer zahlen. Und so fliessen heute rund 30 Prozent des Verkaufspreises für sogenannte Liquids, mit denen die elektrischen Zigaretten nachgeladen werden, in die Staatskasse.

Elektrische Zigarette

Jetzt formiert sich Widerstand gegen das Steuergeschäft mit den Dampfern. Der Generalimporteur der Kioskzigarette, die Zirel GmbH, hat ein Anwaltsbüro beauftragt, gegen die «illegale Besteuerung» vorzugehen. Zirel-Geschäftsleiterin Barbara Schnackig: «Wir verkaufen keine Tabakzigaretten, sondern ein Inhalationsgerät, das eine Flüssigkeit mit Aromastoffen verdampft.» Sie verweist auf die Zulassung des Produkts durch den Kanton Bern, die in Absprache mit dem Bundesamt für Gesundheit erfolgt sei. Demnach wurde das Produkt im Juli 2010 als gesundheitlich unbedenklich freigegeben und als Gebrauchsgegenstand gemäss dem schweizerischen Lebensmittelgesetz eingestuft.

Die Zirel geht nicht als Einzige gegen die Tabaksteuer ohne Tabak vor. Bei den Zollkreisdirektionen sind zurzeit mehrere Beschwerden hängig, wie die Eidgenössische Zollverwaltung bestätigt. Einige stammen von Konsumenten, die Dampfzigaretten und Nachfüllflüssigkeiten aus dem Ausland importiert hatten. Liquids sind dort auch mit Nikotinzusatz erhältlich. Doch selbst für diese sei eine Tabakbesteuerung nicht zulässig, argumentieren Anwälte der Dampfer.

Einer der Konsumenten hätte anfänglich sogar Tabaksteuer für die Hardware – die elektrische Zigarette und das Ladegerät – zahlen sollen. Diesen Entscheid hat der Zoll wieder aufgehoben. In anderen Fällen ist der Import gleich ganz verweigert worden, weil das Produkt in der Schweiz verboten sei. Auch dies trifft nicht zu, die Ware musste vom Zoll freigegeben werden. Im November reichte der Anwalt eines Konsumenten Beschwerde gegen die Besteuerung der Liquids für die Dampfzigarette ein. Der Entscheid der Eidgenössischen Zollverwaltung steht noch aus.

NIKOTINKAUGUMMIS SIND STEUERFREI

«Es spielt keine Rolle, ob eine solche Flüssigkeit Nikotin oder Tabak enthält», begründet Stefan Schmidt, Leiter der Sektion Tabak- und Bierbesteuerung bei der Oberzolldirektion, die Steuerpraxis. Er verweist auf eine Verordnung zum Tabaksteuergesetz, die eine Steuer auch für Produkte vorsieht, die «wie Tabak oder Tabakfabrikate verwendet werden, auch wenn sie für den Verbrauch nicht angezündet werden müssen». Für den Zoll trifft die Bestimmung auch auf die Liquids der elektrischen Zigaretten zu. Nicht besteuert werden dagegen nikotinhaltige Produkte zur Raucherentwöhnung, wenn sie von Swissmedic zugelassen worden sind, also Kaugummis, Pflaster oder spezielle Inhalationsgeräte.

SCHWEIZER SONDERWEG

Wie der Bund Gesetz und Verordnung auslegt, stösst bei Dampfern und Händlern auf Unverständnis. Es sei nie die Idee des Gesetzgebers gewesen, die Bestimmung auf Produkte wie eine E-Zigarette auszuweiten, argumentiert der Anwalt eines Konsumenten und verweist auf die Botschaft des Bundesrats und auf Sitzungsprotokolle aus dem Parlament von Mitte der neunziger Jahre, als das Gesetz revidiert wurde.

Ein wichtiger Grund für die Revision war die Harmonisierung der Tabakbesteuerung mit dem EU-Recht. Insbesondere sollten Zusatzstoffe in Zigaretten nicht mehr von einer Steuer befreit sein. Mit ihrer Politik schlägt die Schweiz jetzt wieder einen Sonderweg ein. Weder Deutschland noch Österreich erheben Tabaksteuern auf das Dampfen.

Dampf ablassen statt rauchen

Psycholand Schweiz

© Beobachter 2010

Jeder Zweite wird irgendwann im Leben psychisch krank. Die Kliniken sind voll, die Kosten steigen stetig. Die Lösung: Patienten zu Hause betreuen.

Peter Johannes Meier und Jvo Cukas

Uns geht es gut. Mehr noch: Wir sind glücklich. In Europa fühlen sich nur die Dänen noch besser. Das zeigen internationale Vergleiche zum Glücksempfinden. «Demokratische Mitbestimmung und bürgernahe Entscheide geben uns das Gefühl, dem Weltengang nicht einfach ausgeliefert zu sein. Und der Wohlstand erlaubt uns, über das tägliche Überleben hinaus Perspektiven zu entwickeln», so die Erkenntnis des Schweizer Ökonomen und Glücksforschers Bruno S. Frey. Kurz: Die Schweiz macht glücklich.

Wirklich? Die Hälfte der Bevölkerung erkrankt während ihres Lebens an einem psychischen Leiden, das über eine normale Befindlichkeitsstörung hinausgeht. 2008 gab es 9,3 Millionen Arztbesuche wegen psychischer Beschwerden, im Jahr zuvor waren es noch 8,4 Millionen, wie das Schweizer Gesundheitsobservatorium Obsan hochgerechnet hat. Das kostet: Allein die kassenpflichtigen Leistungen steigen für solche Krankheiten jährlich um rund 70 Millionen Franken. 1,35 Milliarden Franken waren es im vergangenen Jahr, wie der Krankenkassenverband Santésuisse für den Beobachter berechnet hat.

Berufstätige Psychiater und Psychotherapeuten in der Schweiz. 1999 waren im Kanton Zürich 460 Psychiater berufstätig. Im Jahr 2009 waren es 763 (inklusive Kinder und Jugendpsychiater). Gesamte Schweiz: 1937 Psychiater im Jahr 1999; 2009 waren 3295 Psychiater tätig.

Doch psychische Erkrankungen sind noch viel teurer. Die Uni Zürich hat in einer Studie auch indirekte Kosten psychiatrisch-neurologischer Erkrankungen berechnet, etwa für Arbeitsausfälle und Frühpensionierungen. Sie kommt auf jährlich über 15 Milliarden Franken. Das sind mehr als 2000 Franken pro Einwohner. Besonders häufig behandelt werden Angsterkrankungen, besonders teurer sind Depressionen und bipolare Psychosen. «Die Kosten sind nicht etwa angestiegen, weil die einzelnen Behandlungen teurer geworden wären, sondern weil insgesamt mehr behandelt wird», sagt Santésuisse-Sprecher Paul Rhyn.

70 PROZENT MEHR PSYCHIATER

Dazu passt, dass die Anzahl berufstätiger Psychiater in den vergangenen zehn Jahren um 70 Prozent angestiegen ist, jene der Kinder- und Jugendpsychiater hat sich mehr als verdoppelt. Und nichtärztliche Psychotherapeuten gibt es heute 60 Prozent mehr als vor zehn Jahren. Die Zahl der Ärzte insgesamt hat dagegen «nur» um 25 Prozent zugenommen.

«Ein Neurotiker ist ein Mensch, der ein Luftschloss baut. Ein Psychotiker ist der Mensch, der darin lebt. Und ein Psychiater ist der, der die Miete kassiert», schrieb der US-Schriftsteller Jerome Lawrence. Machen uns die steigenden «Mietkosten» wenigstens glücklicher? Eine wachsende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung fühlt sich tatsächlich besser. Gleichzeitig werden aber immer mehr Menschen wegen psychischer Probleme invalid. Das Gesundheitsobservatorium Obsan hat dafür zwei Erklärungen: Entweder sinkt die Hemmschwelle, einen Psychiater aufzusuchen, oder es findet eine Polarisierung zwischen gesunden und psychisch angeschlagenen Menschen statt. Klar ist: Psychische Erkrankungen belasten die Gesellschaft mittlerweile stärker als Herz-Kreislauf-Gebrechen, Krebs oder Atemwegsleiden.

«KRANKE KONNTE MAN SICH NICHT LEISTEN»

Für Glücksökonom Bruno S. Frey sind steigende psychiatrische Behandlungskosten kein Widerspruch zum steigenden Glücksempfinden. «Psychisch krank zu sein ist auch eine Wohlstandserscheinung. Bereits nach den fürchterlichen Kriegen Anfang des 20. Jahrhunderts waren viele Überlebende schwer traumatisiert. Sie psychologisch zu betreuen, konnte sich aber niemand leisten, also galten sie auch nicht als krank.» Seit dem Vietnamkrieg habe das radikal geändert. Ähnlich seien mit dem Wohlstand weitere Krankheitsbilder entstanden. «Vorher mussten Betroffene selber mit ihrem Schicksal fertig werden. Heute geht es uns materiell so gut, dass wir uns um sie kümmern können», so Frey.

Eine Erklärung hat er auch für die auffallend hohe Suizidrate in der Schweiz. «Hier sind wir eine Ausnahme unter den Wohlstandsländern. Normalerweise nimmt die Suizidrate mit dem Wohlstand ab. Die vielen Suizide in der Schweiz haben aber wenig damit zu tun, dass besonders viele Menschen unglücklich wären. Sie sind vielmehr der Ausdruck einer liberalen, fortschrittlichen Gesellschaft, in der Suizid bei schweren Leiden kein Tabu mehr ist.»

ZÜRICH IST MIT ABSTAND AM TEUERSTEN

In der Schweiz werden nicht nur besonders oft psychische Leiden behandelt, die Kosten dafür sind auch besonders hoch. Eine internationale Forschergruppe um den Zürcher Psychiatrieprofessor Wulf Rössler hat die jährlichen Kosten für die Behandlung von Schizophreniepatienten in sechs europäischen Städten verglichen. Das Ergebnis: Zürich ist mit Abstand am teuersten. Ein Patient kostet hier mehr als doppelt so viel wie im deutschen Mannheim und 13-mal mehr als im spanischen Granada. Interessant sind die Gründe. Die Medikamentenkosten spielen eine unbedeutende Rolle, sie sind in Zürich sogar tiefer als in Deutschland. Dagegen werden die Patienten ganz unterschiedlich untergebracht. Stationäre Klinikplätze und betreute Wohneinrichtungen, in denen Patienten und Betreuer gemeinsam alt werden, sind in der Schweiz besonders verbreitet und teuer. Im Ausland werden Patienten dagegen viel öfter ambulant betreut. Das wäre auch in der Schweiz möglich.

Claudia Müller (Name geändert) aus Luzern konnte kaum noch schlafen, und das seit Monaten. «Ich hatte zwei Jobs und musste bereits um vier Uhr aufstehen», erzählt die 55-Jährige. «Dann begann es. Dieses Gefühl, beobachtet, ja bespitzelt zu werden. Ich war mir sicher, dass andere alles über mich wissen.» Menschen nahm sie nur noch verzerrt wahr. «Wenn mich jemand anlächelte, sah ich eine hässliche Fratze.» Claudia Müller litt nicht zum ersten Mal unter einer Psychose. Sie nimmt seither Medikamente und war vor vielen Jahren schon einmal in einer Klinik. Für sie war klar, dass es jetzt wieder so weit war. «Ich musste unbedingt ein paar Nächte schlafen, ich wollte wieder in die Klinik.» Dort sagte man ihr, sie könne auch zu Hause bleiben. Man werde sich dort um sie kümmern. «Ein schlechter Scherz, dachte ich.» Doch nach einem klärenden Gespräch willigte sie ein.

Ein Psychiatriepfleger kam zu ihr nach Hause, half ihr bei Alltäglichkeiten. Beim Gang zur Bank, beim Gespräch mit dem Arbeitgeber, beim Einkaufen. «Wenn ich etwas erledigen wollte, fragte ich einfach jemanden vom Team, und man unterstützte mich sofort, falls nötig mehrmals täglich.»

OFT SIND ANGEHÖRIGE AM ANSCHLAG

Die Gemeindeintegrierte Akutbehandlung (GiA) in Luzern hat auf diese Weise im vergangenen Jahr über 180 Patienten betreut. Die GiA ist eines von gut einem Dutzend Pilotprojekten in der Schweiz, die das Ziel haben, Patienten vermehrt ambulant oder gar zu Hause zu betreuen. Jetzt wird das Luzerner Projekt definitiv weitergeführt – ab 2011 voraussichtlich im ganzen Kanton.

«Wir machten die Erfahrung, dass die Behandlung zu Hause weniger von der Art und der Schwere der akuten Erkrankung abhängig ist», sagt Harald Franz, leitender Arzt der GiA. Bedingung seien das Einverständnis und die Kooperation des Patienten. «Oft sind es ja auch Angehörige, die am Anschlag sind und froh wären, wenn die Person in eine Klinik könnte. Weil wir aber gezielt diejenigen Betreuungsaufgaben übernehmen, die Angehörige überlasten, können diese Probleme meist gelöst werden», sagt Franz. Die Beziehung zwischen Patient und Angehörigen verbessere sich sogar zusehends, da sie unbelasteter Zeit miteinander verbringen könnten.

Und die Therapie? Werden Patienten einfach mit Medikamenten ruhiggestellt? «Nein. Die Therapien in der GiA entsprechen denen in einer Klinik. Sie werden von uns aber bei den Patienten zu Hause angewandt», sagt Harald Franz.

«PATIENTEN MÖCHTEN ZU HAUSE BLEIBEN»

Auch Claudia Müller ist glücklich, dass sie zu Hause bleiben konnte. «Hier möchte ich ja eigentlich sein. Hier bin ich für andere erreichbar, kann nach meinen Möglichkeiten alltägliche Aufgaben erledigen.»

Laut Wulf Rössler, Direktor der Zürcher Klinik für Soziale Psychiatrie, trifft dieser Wunsch auf die meisten Patienten zu: «Sie möchten lieber zu Hause bleiben, das zeigen mehrere Untersuchungen. Denn egal, wie gut eine Klinik ist, sie werden immer ein wenig entmündigt. Man muss sich ein Zimmer teilen, mit fremden Menschen essen.» In akuten Tageskliniken, wo Patienten zu Hause übernachten, sei die Zufriedenheit von Patienten und Angestellten dagegen grösser und der Heilerfolg mindestens so gut.

Mittlerweile herrscht in Fachkreisen ein breiter Konsens darüber, dass zu viele Patienten in Kliniken betreut werden. Ambulante Behandlungen sind besser für die Patienten. Und sie kosten bis zu 20 Prozent weniger.

KANTONE WOLLEN IHRE BETTEN BEHALTEN

Die kantonalen Gesundheitsdirektoren hatten sich die Verlagerung hin zur ambulanten Behandlung 2008 zum Ziel gesetzt. Eine Expertengruppe hatte gar gefordert, den Kantonen Quoten für die Klinikplätze vorzuschreiben, die dem Angebot in Nachbarländern entsprechen. Doch der Vorschlag fiel bei den Gesundheitsdirektoren durch. Einzelne Kantone, zum Beispiel die Klinikhochburg Basel-Stadt, hätten massiv Betten abbauen müssen. Einige Landkantone dagegen hätten zu wenig stationäre Angebote ausgewiesen. Im Hintergrund schwelt aber der 100 Jahre alte Konflikt, wie Patienten zu therapieren sind. Soll man sie aus ihrem sozialen Umfeld entfernen und in einer Klinik heilen? Oder sollen sie in ihrer gewohnten Umgebung therapiert werden? Bis vor wenigen Jahren noch war die Ansicht unter Klinikdirektoren verbreitet, dass immer kürzere Aufenthaltszeiten erfolgreiche Therapien verunmöglichten.

Heute ist die Verlagerungspolitik auch unter Klinikvertretern mehrheitsfähig. Trotzdem sind die Ergebnisse mager. Schweizweit ist die Anzahl stationärer Plätze in Kliniken in den vergangenen zehn Jahren nur wenig gesunken. Die Anzahl Ärzte in Kliniken hat sich während dieser Zeit sogar verdoppelt, die der Pfleger ist um 30 Prozent angestiegen. Die kassenpflichtigen Kosten für stationäre Behandlungen haben entsprechend weiter zugenommen, um 30 Millionen Franken im vergangenen Jahr. Parallel dazu werden ambulante Angebote aufgebaut. Unter dem Strich werden Klinikplätze also kaum reduziert, sondern durch neue Einrichtungen ergänzt.

Nach wie vor gibt es aber Stimmen, die vor einem zu radikalen Bettenabbau warnen. Für den Berner Klinikdirektor Werner Strik könnte das zu einer Zweiklassenpsychiatrie führen. «Nur in einem beschränkten Ausmass können noch mehr Patienten ambulant behandelt werden.» Die Anzahl Patienten, die wegen schwerer Erkrankung und sozial zerrütteter Verhältnisse nicht zu Hause betreut werden können, dürfe nicht unterschätzt werden. «Was sonst passiert, sehen wir in den USA. Dort sind in den achtziger Jahren 300 000 Betten in Kliniken abgebaut worden. Viele der entlassenen Patienten sind danach straffällig geworden und sitzen heute in Gefängnissen. Andere sind obdachlos geworden.»

Die sinnvollere Alternative zum Bettenabbau sieht Strik in «individuell angepassten stationären Angeboten», wozu auch Heim- und Wohnplätze gehörten. «Falls der Staat zu viele stationäre Plätze abbaut, werden private Kliniken die Marktlücke nutzen, um stationäre Angebote aufzubauen, die dann nicht mehr von allen bezahlt werden könnten. Solche Entwicklungen sehen wir bereits im Ausland.»

KRANKENKASSEN WOLLEN DAS TEURERE MODELL

Aber auch in der Schweiz preisen sich einzelne Kliniken nicht mehr nur über ihre medizinischen Qualitäten an. «Intensive stationäre Psychotherapie mit hochstehender Hotellerie» verspricht zum Beispiel die Privatklinik Schützen in Rheinfelden. Eine Wellnessoase mit Badelandschaft und «exklusive Verwöhnprogramme, Massagen und Schönheitsbehandlungen» stehen auf dem Programm.

Wer sich das nicht leisten kann, sollte es sich wenigstens zu Hause angenehm einrichten können. Der Zürcher Sozialpsychiater Wulf Rössler ist überzeugt, dass ein Drittel der stationären Klinikplätze abgebaut werden kann, ohne dass Patienten darunter leiden. Er sieht allerdings ein Geldproblem: «Eine Tagesklinik für Akutpatienten ist zwar billiger als eine Klinik mit stationären Plätzen, aber wegen der intensiven Betreuung teurer als eine gewöhnliche Tagesklinik. Doch die Krankenkassen wollen nicht mehr bezahlen als für eine übliche Tagesklinik.»

Um eine Leistung aber überhaupt bewerten zu können, muss diese messbar sein. Doch anders als in der somatischen Medizin fehlen solche Instrumente für die Psychiatrie. Die Folge: Ein langer Aufenthalt eines Patienten wird für eine Klinik wirtschaftlich interessant, wenn es dem Patienten immer besser geht. Denn je tiefer der Betreuungsaufwand wird, desto mehr verdient eine Klinik an diesem Patienten. Dieser Effekt könnte durch intelligente Fallpauschalen gemindert werden. In Zürich wird darum ein Rechnungsmodell erprobt, bei dem die Entschädigung der Krankenkasse mit der Dauer einer Therapie abnimmt.

VOR ALLEM JUNGE WERDEN PSYCHIATRISIERT

Auch eine Mehrheit der Kantone stört sich mittlerweile an hinderlichen Finanzierungsregeln, wie Franz Wyss, scheidender Generalsekretär der Konferenz der Gesundheitsdirektoren, bestätigt. Vereinzelt würden darum ambulante Projekte mitfinanziert, obwohl die Kantone gesetzlich nicht dazu verpflichtet wären.

Diese Vorleistung braucht es wohl, damit günstigere und bessere Angebote nicht an einem mangelhaften Bundesgesetz scheitern.

Und die Zeit drängt, denn die Prognosen für das Psycholand Schweiz sind düster. 40 Prozent der IV-Renten werden hierzulande wegen psychischer Beschwerden ausgerichtet, weit mehr als in benachbarten Ländern. Noch erschreckender ist, in welcher Altersgruppe die Renten am stärksten zunehmen – bei den Jungen zwischen 18 und 24 Jahren. Ein Leben zwischen Klinik und Wohnheim, eine Hospitalisierung auf Lebzeiten – das darf nicht ihre Zukunft sein.

weiterlesen

Nach den Rauchern die Dicken

Der Ruf nach Prävention wird in immer neuen Bereichen laut. Gesundheitsexperte Martin Hafen befürchtet, dass schon bald Eltern zahlen sollen, die Ungeborene mit Down-Syndrom nicht abtreiben

Peter Johannes Meier und Nicole Krättli

Beobachter: Ab dem 1. Mai gilt das Rauchverbot in Gaststätten praktisch schweizweit. Kommen nach den Rauchern die Dicken an die Kasse?
Martin Hafen: Tatsächlich ist es typisch für Prävention, dass man zuerst ein Problem thematisiert – zum Beispiel das Übergewicht –, dann vor negativen Folgen warnt, um letztlich auch Schuldzuweisungen an diejenigen zu machen, die das Problem nicht in den Griff bekommen.

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Beobachter: Kürzlich behauptete das Bundesamt für Gesundheit sogar, Übergewichtige würden unser Gesundheitssystem immer mehr belasten.
Hafen: Das mag sachlich richtig sein, doch solche unterschwelligen Schuldzuweisungen sind ethisch heikel. Es gibt ja auch Faktoren für das Übergewicht, die vom Betroffenen kaum beeinflusst werden können.

Beobachter: Ist das Kostenargument nicht falsch? Über­gewichtige und Raucher haben ja eine kürzere Lebenserwartung. Eine Studie aus Holland zeigt, dass sie das Gesundheitswesen deutlich weniger belasten. Am teuersten sind normal gewichtige Nichtraucher, die im Alter an zahlreichen Krankheiten leiden.
Hafen: Das zeigt, wie einseitig eine auf Kosten fixierte Argumentation ist. Man könnte daraus ja ableiten, ein möglichst kurzes Leben wäre besonders gesellschaftsverträglich. Das kann aber kaum der Sinn des Lebens sein. Jede Gesundheitspolitik muss darum zum Ziel haben, die Dauer chronischer Krankheiten möglichst zu reduzieren, unabhängig von der Länge eines Lebens.

Beobachter: Wem wird nach den Übergewichtigen die ­Kostenfalle gestellt?
Hafen: Denkbar ist, dass schwangere Frauen unter Druck kommen. Die pränatale Diagnostik ermöglicht es, Behinderungen wie das Down-Syndrom früh zu erkennen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Forderung aufkommt, solche Kinder abzutreiben oder die medizinischen Folgekosten selber zu bezahlen. In Amerika wird diese Diskussion bereits geführt. Ich finde Debatten, die auf eine Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen hinauslaufen, sehr bedenklich. Sie schliessen die Betroffenen aus, bewirken aber kaum Verhaltensänderungen.

weiterlesen

Dampf ablassen statt rauchen

© Beobachter 2010

Wie kommt man zum Nikotin trotz Rauchverbot? Mit elektrischen Verdampfern statt glimmenden Zigaretten. Ein Erfahrungsbericht.

Peter Johannes Meier

Der Mann umklammert die Stange Bier mit beiden Händen. Er starrt in den gelben Saft, in seinem Inneren bebt es. Gleich wird er explodieren: «Wir haben abgestimmt! Und jetzt kommt ihr mit diesem Scheisstrick!», schreit es aus ihm heraus. Dann springt er von seinem Barhocker, mustert mich – ich erkenne Hass – und verlässt das Lokal. Vor der Tür raucht er eine Zigarette.

Es war das bisher irritierendste Erlebnis mit meiner elektrischen Zigarette. Ausgerechnet ein Raucher fühlte sich vom Wasserdampf gestört. Intensiv muss er sich wohl auf das Rauchverbot vorbereitet, sich in Selbstbeherrschung geübt haben. Und jetzt kommt tatsächlich einer und dampft einfach drauflos.

Seit dem Rauchverbot ist die «Elektro» meine Begleiterin. Anders als die «Pyro» – die traditionelle Zigarette – verbrennt sie keinen Tabak, sie dampft.

Eine elektrische Zigarette besteht aus einem Akku, einer Verdampfungseinheit und einem auswechselbaren Mundstück, das in einem Depot nikotinhaltige Flüssigkeit enthält. Das Ganze sieht aus wie eine klassische Zigarette mit Mundstück – formal also etwas für Dandys. Erst die Innereien machen die Elektro für alle Raucher interessant: Wer an ihr zieht, erzeugt einen Unterdruck in der Verdampfungskammer. Das Signal für den Akku, etwas Flüssigkeit zu zerstäuben und zu erhitzen. So atmet der Dampfer Wasserdampf ein, angereichert mit Nikotin und Aromastoffen. Dazu leuchtet an der Spitze des Akkus ein LED-Lämpchen – die «Glut».

Ein rotes Lämpchen an der Spitze simuliert die Glut. Die E-Zigarette gibt bloss Dampf an die Umgebung ab.

Weil die E-Zigarette nichts verbrennt, erzeugt sie auch keine toxischen Verbrennungsprodukte. Der Dampfer kommt zu seinem Nikotin und dem leichten Kratzen im Hals, ohne dass Dritte belastet würden. Selbst die Aromastoffe sind nur in unmittelbarer Nähe riechbar und verpuffen rasch. Einzig Kleinstmengen Nikotin werden mit der ausgeatmeten Luft an die Umgebung abgegeben. Ausser bei Mund-zu-Mund-Beatmung dürfte das Dritte nicht beeinträchtigen. So zumindest der Erkenntnisstand, Studien dazu gibt es erst wenige.

Die E-Zigarette ist zweifellos eine weniger schädliche Alternative zur Tabakzigarette. Und weil sie keinen Rauch produziert, verstösst sie nicht gegen das Rauchverbot. Wer aber meint, er könne nun in jedem Lokal zu seinem Espresso dampfen und die Zeitung lesen, unterschätzt die Macht der Dampfwolke.

Tatort Sihlcity, ein Café im Zürcher Shoppingcenter. Das mit dem Espresso und der Zeitung klappt. Doch nach einigen Zügen Dampf steht der Kellner vor mir. «Hier ist Rauchen verboten.» Ich erkläre ihm das mit dem Wasserdampf. «Das interessiert mich nicht. Andere Gäste könnten meinen, Sie rauchen. Und das will ich nicht», macht der Kellner kurzen Prozess. Rauchverbot hin oder her: Der Hausherr darf auch verbieten, was erlaubt ist.

Anders läuft es in Bars ab, wo der Anteil der Raucher sowieso höher ist. Ein privates Vergnügen bleibt das Dampfen aber auch hier nicht. Kein einziges Mal bin ich nicht auf meine Elektro angesprochen worden. Der Dampf, das teuflische Rot der LED-Glut: Sofort wollen Gäste und Angestellte wissen, was das ist, wie es funktioniert, was es kostet und wo man es bestellen kann. Meist in der Reihenfolge. Raucher, die eine Elektro probieren, sind von ihr angetan. Sie muss allerdings im Ausland bestellt werden. Die nikotinhaltige Flüssigkeit ist in der Schweiz von der Heilmittelkontrolle nicht zugelassen, weil noch niemand die nötigen Untersuchungen dafür finanziert hat. In Deutschland ist alles problemlos über das Internet bestellbar, und der Import in die Schweiz ist für den Eigenkonsum auch erlaubt. Der Schweizer Zoll verzeichnet denn auch eine markante Zunahme an Bestellungen seit Einführung des Rauchverbots.

Doch was bringt das Dampfen ausser neuen Bekanntschaften im Ausgang? Nach zwei Wochen konsequenten Verzichts auf Pyros: eine spürbar bessere Atmung, Küssen mit Nichtraucherinnen, höchstens nach Schweiss riechende Kleider, keine Brandlöcher, einen besseren Geschmacks- und Geruchssinn. Und 80 Prozent weniger Kosten, weil keine Tabaksteuer bezahlt werden muss. Worauf muss man verzichten? Auf Teer (krebserregend), Blei (giftig), Formaldehyd (krebserregend), Blausäure (giftig), Arsen (Rattengift) und einige Rauchteufel mehr.

Die schlechte Nachricht: Man bleibt vom Nikotin abhängig. Und elektrisch zu dampfen schliesst nicht aus, nebenbei richtige Zigaretten zu rauchen. So nahe Elektros auch an Pyros herankommen: Irgendwie bleibt es wie Würste braten auf einem Elektrogrill.

Weitere Infos:

www.e-rauchen-forum.de