«Mir war klar, dass Arafat das Land nicht lebend verlassen würde»

© Beobachter 2012

Pierre Woog* war Nachrichtendienstler. Jetzt hat er einen Thriller veröffentlicht, in dem Jassir Arafat in Zürich getötet werden soll. Die Realität scheint die Fiktion einzuholen.

Peter Johannes Meier; Otto Hostettler

Jassir Arafat darf exhumiert werden. Die Witwe des Palästinenserführers gab seine sterblichen Überreste zur Untersuchung frei, nachdem Schweizer Wissenschaftler dessen Kleider und andere persönliche Dinge untersucht und darin hochgiftiges radioaktives Polonium gefunden hatten. Arafat war 2004 in einem Militärkrankenhaus bei Paris behandelt worden und im Alter von 75 Jahren gestorben. Französische Polizeiexperten sollen dem Leichnam Proben entnehmen, um festzustellen, ob Arafat vergiftet wurde.

Beobachter: Pierre Woog, in Ihrem Roman „Die geheime Liste“ soll ein Palästinenserführer – gemeint ist zweifellos Arafat – in einem Zürcher Privatspital behandelt werden und die Schweiz nicht mehr lebend verlassen. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Arafat 2004 für eine Behandlung nach Frankreich reiste?

Pierre Woog: Mir war sofort klar, dass er das Land nicht mehr lebend verlassen würde.

Warum?

Ich weiss, wie Geheimdienste arbeiten. Eine solche Gelegenheit würde sich der Mossad nie entgehen lassen. Der israelische Regierungschef Ariel Scharon hatte wiederholt Arafats Kopf gefordert.

Dass Arafat eventuell vergiftet wurde, ist erst nach Erscheinen Ihres Romans bekanntgeworden. Ist in Frankreich das geschehen, was Sie im Buch in der Schweiz angesiedelt haben?

Wenn man von den fiktionalen Teilen des Romans absieht, ist das sehr gut möglich. Frankreich hat mittlerweile eine Strafuntersuchung wegen Mordes eröffnet.

Im Buch hecken Mossad und CIA das Mordkomplott aus. Zur Umsetzung arbeiten sie mit einer Gruppe von Ärzten zusammen und spannen den Schweizer Geheimdienst und die Bundespolizei ein. Zudem erpressen sie den Leiter eines Zürcher Privatspitals, die tödliche Behandlung durchzuführen. Ein starkes Stück.

Aber nicht weltfremd. Ich habe in meinem Roman die Realität nur überzeichnet. Dass Geheimdienste Menschen gefügig machen, ist weit verbreitet. Sie erhalten zum Beispiel die Wahl, in ein vernichtendes Strafverfahren verwickelt zu werden oder zu kooperieren.

Hat man auch Sie unter Druck gesetzt?

Nein. Ich habe zwar Angebote erhalten, Geheimdiensten beizutreten oder Aufträge auszuführen. Ich konnte aber problemlos ablehnen. Allerdings bin auch ich missbraucht worden. Ende der sechziger Jahre bat mich eine bekannte französische TV Gesellschaft, als Experte an einer Reportage über Neonazis in Deutschland mitzuwirken. Wir filmten die Leute, deren Häuser und Aufenthaltsorte. Der Bericht wurde nie ausgestrahlt. Das war auch nie geplant. Das Ganze entpuppte sich als Aktion, um via französischen Geheimdienst Bildmaterial für den Mossad zu beschaffen.

1969 kehrten Sie der Geheimdienstszene den Rücken. Weshalb?

Anfänglich ging es darum, unbestrafte Nazis ausfindig zu machen und sie allenfalls zu exponieren. Doch mit der Zeit wurden die Ziele der Geheimdienste immer undurchschaubarer. Sie folgten „verborgenen Agenden“. Man fühlte sich benutzt, Unbehagen wurde zum ständigen Begleiter.

Statt vor den Nazis mussten Sie sich vor den Geheimdiensten selber in Acht nehmen?

Ja, denn man wusste nicht mehr, in welchen Kreisen man eigentlich verkehrte. Die Nachrichtendienste Frankreichs setzten sich damals weitgehend aus Leuten aus der Résistance zusammen, Überlebenden des Krieges, die nicht zimperlich waren. Anders die vom Krieg verschonten Schweizer Schreibtischbeamten. Über die Union Internationale de la Résistance et de la Déportation – eine Vereinigung, die Nazis im Krieg mit Waffen bekämpfte und später weiter verfolgte – wurde ich in einen Nachtklub in Paris eingeladen, ins „Don Quichotte“. Tagsüber trafen sich dort Geheimdienstler, nachts betuchte Gäste.

Das Problem entstand tagsüber?

Ja. Erinnern Sie sich an die Affäre Ben Barka? Er war Anfang der sechziger Jahre marokkanischer Oppositionsführer und lebte unter anderem in der Schweiz. Auch der Innen- und Verteidigungsminister Marokkos und Präsident des marokkanischen Fussballverbands, General Mohammed Oufkir, war oft in der Schweiz, er hatte eine Wohnung in Gstaad. Er liess – angeblich unter aktiver Mitwirkung des Schweizer Geheimdienstes – Mehdi Ben Barka 1965 nach Paris locken. Dort angekommen, wurde Ben Barka von zwei Personen in ein Auto gestossen und Oufkirs Leuten übergeben. Er wurde nie wieder lebend gesehen. Wenige Tage später sitze ich also im „Don Quichotte“ mit Geheimdienstleuten, denen von Kollegen auf die Schultern geklopft und zur Entführung Ben Barkas gratuliert wird! Mit solchen Leuten wollte ich nichts zu tun haben. Es war ein Schlüsselerlebnis für meinen Ausstieg.

Sie waren ja nicht naiv, befassten sich mit dem Schweizer Nazi-Financier François Genoud. Sie wussten, mit welchen Mitteln gearbeitet wird.

Das ist keine Frage der Naivität. Vor den Nazis konnte man sich zwar fürchten – auch ich wurde bedroht -, aber sie blieben fassbare Personen oder Gruppen. Doch dann wurde die Welt der Nachrichtendienste zum unbegehbaren Terrain. Nazis und Kommunisten aus der DDR oder Ungarn boten sich als Helfer an. Man traf sich nachts in deutschen Hotelbars mit Leuten, die Freund oder Feind sein konnten. Ich musste geheim halten, wo ich übernachtete, und beim Weggehen falsche Wege einschlagen. Die beklemmende Unsicherheit konnte ich auf die Dauer nicht ertragen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Arbeit der Geheimdienste habe sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 stark verändert. Wie?

Der Handlungsspielraum wurde grösser und die Vorgehensweise härter.

Wird weniger abgewägt, wenn es um realen oder angeblichen Terrorismus geht?

Ja. Wenn die Schweizer Dienste heute eine Anfrage erhalten, etwa zu einer Person, die aus Deutschland einreist und vermutlich in einem Ausbildungslager in Afghanistan war, dann geht es ruckzuck. Kurze Zeit später sind die Schweizer Beamten alarmiert und agieren. Früher wurden solche Anfragen nach Gutdünken als dringend oder weniger dringend behandelt oder verschwanden gar unter dem Aktenberg. Es war zeitweise verdammt schwierig, die Bundespolizei zum Handeln zu bewegen.

In Ihrem Buch tarnen sich Geheimdienstler als Ärzte und liquidieren Leute für den Mossad oder die CIA. Gehen Geheimdienste so vor?

Ja. Im Buch stelle ich die Abläufe zwar etwas überhöht dar, aber neutrale Organisationen werden für konspirative Treffen missbraucht, politisch unterwandert oder erhalten einen kriminellen Kern, der zugleich die Organisation führt. Die CIA zum Beispiel tat dies über die Loge P2 in der italienischen Freimaurerbewegung.

Welcher Bund wäre heute geeignet? Die Fifa?

(Lacht) Wie kommen Sie darauf? Die Fifa besteht doch nur aus strenggläubigen Kultanhängern, Hohepriestern und einem fehlerlosen Oberhaupt.

Nun, Sie waren Verwaltungsrat der ISL, jener Sportvermarktungsfirma, die der Fifa Bestechungsgelder zahlte, um Aufträge zu erhalten. Sind Sie vom Regen in die Traufe geraten?

Ein schwieriges Thema. Ich kann Ihnen aber versichern, dass ich und meine Mitstreiter alles versucht haben, vom „Spezialverhältnis Fifa/ISL“ wegzukommen. Es war schlicht unmöglich. Die Geschichte der Fifa ist aber noch lange nicht geschrieben.

*Pierre Woog, 74, arbeitete in den sechziger Jahren als Journalist, unter anderem für den Beobachter und die „Weltwoche“. Sein Engagement für die jüdische Nachrichtenagentur Juna öffnete ihm die Türen zu Nachrichtendiensten und zur Bundespolizei. Nach dem Ausstieg arbeitete er als Wirtschaftsanwalt. Heute lebt er in Ascona und auf Ibiza. Sein Thriller „Die geheime Liste“ ist im Zürcher Europa-Verlag erschienen.

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Eine Antwort zu “«Mir war klar, dass Arafat das Land nicht lebend verlassen würde»

  1. Dieses Buch ist literarisch gesehen nicht besonders lobenswert, aber es geht um die Geschichte die dahintersteckt. Ähnliches selbst erlebt. Wie in einem falschen Film. Max Jäger existiert, ob er wohl diesen Roman kennt ? Was würde er dazu sagen. Zu dieser Realität ? Da ist nichts überzeichnet.

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