Hilfsbereit und eingebuchtet

Im Seefelder Mordfall wird der Staatsanwalt selber zum Fall für die Justiz. Er hat einen Unschuldigen vier Wochen lang in U-Haft gesetzt.

Peter Johannes Meier

Vasilios Demadis brachte am 16. Dezember 2010 ein Messer auf den Polizeiposten. Es könnte die Tatwaffe bei einem Mord im Zürcher Seefeld sein, dachte sich der 41-jährige griechisch-schweizerische Doppelbürger. Daraufhin wurde er fast einen Monat lang in Untersuchungshaft behalten, bis endlich klar war, dass er nicht der Täter sein kann.

Jetzt hat der Jurist Aufsichtsbeschwerde und Klage wegen Amtsmissbrauchs eingereicht: Die Arbeit des Staatsanwalts soll unter die Lupe genommen werden. Sein Alibi für die Tatzeit sei nämlich nur schleppend überprüft worden, sagt Demadis. «Und ich kann mir nicht vorstellen, dass es Wochen dauert, um herauszufinden, ob ein Messer in einem Mordfall benutzt worden ist.»

WEIHNACHTEN HINTER GITTERN

Das Messer hätte Demadis am Abend des 15. Dezember wohl kaum beachtet, hätte er nicht kurz zuvor von einem Spurenexperten der Polizei erfahren, dass in einem Nachbarhaus eine Psychiaterin erstochen wurde. Jetzt, wenige Stunden später, lag dieses Messer in einer Gemeinschaftsküche am Wohnort von Demadis. Die Klinge war lose, und es klebte etwas Eingetrocknetes daran. Blut? War das etwa die Tatwaffe?

Demadis eilte zur Polizei, um das verdächtige Messer abzugeben und wurde gleich verhaftet. Nicht für Stunden oder Tage; fast einen Monat muss er als Tatverdächtiger in Haft ausharren, über Weihnachten und Neujahr. Obwohl er ein Alibi hat: einen Arzttermin und dann ein Treffen mit Bekannten in einem Café. «Ich habe sogar eine Quittung für die Konsumation in dem Lokal», sagt er. Der zuständige Staatsanwalt Matthias Stammbach habe ihm aber bei der Einvernahme nicht zuhören wollen.

„UNGEREIMTHEITEN“

Ulrich Weder, Leiter der Zürcher Staatsanwaltschaft für Gewaltdelikte, weist die Vorwürfe zurück. «Die Untersuchung des Messers wurde umgehend nach der Verhaftung in Auftrag gegeben, ebenso die Überprüfung des Alibis, wobei sich dabei noch Ungereimtheiten ergaben.» Allerdings habe der zuständige Staatsanwalt erst am 30. Dezember vom erwähnten Arzttermin erfahren. Demadis habe den Arzt dann zuerst vom Arztgeheimnis entbinden müssen. Erst am 11. Januar hätten genügend klare Ergebnisse vorgelegen, um ihn aus der Haft zu entlassen.

Müssen Zeugen also damit rechnen, gleich selber für längere Zeit verhaftet zu werden? Demadis ist zumindest kein Einzelfall: Im Tötungsdelikt an einer Frau unweit des Katzensees bei Zürich steckte 2010 der Finder des Opfers für drei Wochen unschuldig in Untersuchungshaft.

Demadis: «Selbst mit einem hieb- und stichfesten Alibi ist das Risiko offenbar immens, selber als Angeschuldigter in Untersuchungshaft zu landen. Da darf man sich nicht wundern, wenn wichtige Zeugen künftig einen Bogen um Polizei und Staatsanwaltschaft machen.»

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