Plötzlich brechen die Zahlen ein

 

Die Schweiz sei eine Hochburg für Einbrecher, behauptet eine deutsche Studie. Stimmt nicht: Die Zahlen schrumpfen dramatisch, wenn man genau hinschaut.

Peter Johannes Meier

Jede 27. Wohnung in Zürich und Genf werde von Einbrechern heimgesucht, die Schweiz sei Europameister in dieser Disziplin. Das vermeldete im Januar das deutsche Versicherungsportal Geld.de, das 93 Städte in Deutschland, Österreich und der Schweiz verglichen hat. Die Zahlen für das Jahr 2009 lassen erschaudern: In Zürich sind Einbrecher siebenmal öfter unterwegs als in Berlin. Und selbst das berüchtigte Los Angeles, wo jede 171. Wohnung aufgebrochen wurde, scheint ein sicherer Hafen verglichen mit den Einbrecher-Hochburgen Zürich, Genf, Lugano und Basel.

Dutzende Nachrichtenportale kopierten die Studie auf ihre Seiten. Recherchieren schien angesichts der eindeutigen Ergebnisse nicht nötig. Und die Unister Holding – sie ist Besitzerin von Geld.de und hat die Studie selber verfasst – lieferte die Täter gleich mit: osteuropäische Banden und Ex-Jugoslawen in Zürich, Georgier und «Zigeuner» in Genf. Auch für die rekordhohen Werte hat Studienleiter Konstantin Korosides eine Erklärung bereit: «Der hohe Lebensstandard macht die Schweiz für Einbrecherbanden besonders attraktiv.»

JEDES KELLERABTEIL EINZELN GEZÄHLT

So plausibel das scheint, vieles an der Studie ist falsch, insbesondere was die Schweiz betrifft. «Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen», sagt Judith Hödl, Sprecherin der Zürcher Stadtpolizei. Anders als in der Schweiz werden in Deutschland Einbrüche in Wohnungen von Einbrüchen in Gewerbeliegenschaften unterschieden, bestätigt Christiane Leven, Sprecherin der Hamburger Stadtpolizei. Laut Hödl gelten in Zürich etwa die Hälfte der Einbrüche Gewerbeliegenschaften.

Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Zürich müsste für die Studie demnach halbiert werden. Damit nicht genug: «Wenn ein Einbrecher in der Schweiz mehrere Kellerabteile in einem Wohnhaus durchsucht, zählen wir jedes Abteil als eigenständigen Fall», sagt Hödl. In Hamburg dagegen wäre das ein einziger Fall, so Leven. Kurz: Die Zahlen aus der Schweiz und Deutschland lassen sich kaum vergleichen, sie dürften dazu in der Schweiz um ein Mehrfaches zu hoch sein.

Studienleiter Korosides hält dennoch an seinen Ergebnissen fest. «Die enormen Unterschiede lassen sich kaum durch etwas andere Erhebungsmethoden relativieren.» Und er schiebt gleich noch eine weitere Vermutung nach: «Vielleicht betrügen Schweizer ihre Versicherungen ja besonders oft» – täuschen also Einbruchdiebstähle vor. So wären manche der Einbrüche eigentlich gar keine. Mit Letzterem hat der Forscher bestimmt recht. Nur braucht es dazu keinen, der betrügt – es genügt auch eine Studie, die lügt.

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