Die Göttinnen und das Geld

© Beobachter 2010

In Thun wird für ein undurchsichtiges Projekt in Pakistan gesammelt – selbst der Stadtpräsident und eine Nationalrätin helfen mit. Nun wird Kritik aus den eigenen Reihen laut.

Peter Johannes Meier

Sterne heissen in Pakistan Sitaaras. Zwei gibt es auch im Berner Oberland, sie irrlichtern in Thun. Förderverein Sitaara heisst der eine, er sammelt Geld, um jungen Frauen in Pakistan eine Ausbildung als Näherinnen zu finanzieren.

Sitaara nennt sich auch ein esoterischer Treffpunkt und Laden in der Thuner Altstadt, in dem Therapeutin Verena Anliker «Heilketten» verkauft und eine Gruppe von Frauen betreut, der sie die «radikale Vergebung» lehrt, wozu die Halsketten hilfreich sein sollen. Vergeben müssen sich die Frauen vor allem selber. Nur so könnten sie den Graben zwischen Menschsein und Göttlichkeit etwas verkleinern. Das gelingt immerhin insoweit, als sich die Frauen gern als «Göttinnen» bezeichnen.

Einige arbeiten gegen einen Naturallohn im Sitaara-Laden. Damit können sie sich die zum Teil mehrere hundert Franken teuren «Heilketten» kaufen. Oder Frauenkleider aus Pakistan, sogenannte Punjabis, die der Laden ebenfalls im Angebot hat, die sogenannte Sitaara-Fashion. Die Kleider werden allerdings «aus Qualitätsgründen» nicht von den unterstützten Näherinnen gefertigt, sondern von Männern in Pakistan, von professionellen Schneidern.

Ein halbes Dutzend «Göttinnen» wandelt so in Punjabis durch Thun und ist in corpore im Vorstand des Fördervereins Sitaara vertreten. Anliker nimmt dort als Beirätin an den Sitzungen teil. Der Verein wird von rund 100 Mitgliedern alimentiert, darunter Prominente wie der abtretende Thuner Stadtpräsident Hans-Ueli von Allmen (SP) oder die National- und Gemeinderätin Ursula Haller (BDP), die sich im November um das Stadtpräsidium bewirbt.

Die Stadt Thun hat den Verein bisher einmal mit 5000 Franken unterstützt, die reformierte Kirchgemeinde hat für die «Hilfe zur Selbsthilfe» schon mehrmals ihre Kasse geöffnet. Rund 10000 Franken nimmt der Verein jährlich aus Mitgliederbeiträgen und Spenden ein, 2005 konnte der Bau der Näherei in Pakistan gar mit 63000 Franken finanziert werden.

Hilfe für Pakistan, modisches Multikulti und etwas Erleuchtung im Berner Oberland – gegen diese Mischung wäre kaum etwas einzuwenden. Doch seit einigen Monaten rumort es in den Thuner Sitaaras. «Da war zuerst dieses ungute Gefühl, als schon wieder Geld für das Gebäude der Näherei in Pakistan gesprochen werden sollte, dieses Mal für eine Fassadensanierung», sagt ein langjähriges Vorstandsmitglied.

WAS IN PAKISTAN LÄUFT, IST UNKLAR

Zusammen mit weiteren Kritikern und einer aussenstehenden Person begann man, Organisation und Geldflüsse der Sitaaras zu analysieren. So kam eine Reihe von Ungereimtheiten zutage, die bis heute weder von der Vereinspräsidentin – eine der wenigen Nicht-«Göttinnen» im Vorstand – noch von Beirätin Anliker geklärt worden sind. Ein letztes Ultimatum, die Fragen zu beantworten, verstrich im September. Die Kritiker seien nie zu einer Aussprache am runden Tisch bereit gewesen, entgegnet Präsidentin Christine Vogel. «Wir wollen klare Antworten auf klare Fragen, keine Gruppentherapie», sagt ein Vereinsmitglied.

Organisation und Geldflüsse der Sitaaras sind schwer zu erfassen. Und über das Projekt in Pakistan sind kaum verlässliche Informationen erhältlich. Wie viele Frauen von den Zuwendungen des Fördervereins profitiert haben, ist nirgends erfasst. Wer sie genau sind, ist unbekannt, es werden keine Diplome für die Ausbildung ausgestellt.

Für das Projekt «vor Ort» verantwortlich ist der mit seiner Familie in Deutschland lebende Partner von Anliker, Jamil Khan. Ihm gehört auch die mit Vereinsgeldern gebaute Näherei. Gemäss Khan sollen bereits rund 200 Frauen eine mehrmonatige Ausbildung genossen haben. Er selber war allerdings seit anderthalb Jahren nicht mehr dort. Für die Ordnung im Haus sorgt seine Schwester, die auch Lohn aus der Schweiz bezieht. «Sie wird von einem Vereinsmitglied persönlich gesponsert», erklärt Präsidentin Vogel.

Weitere Verwandte der Familie Khan wohnen im Umfeld der Näherei. «Solange nicht Klarheit darüber herrscht, wer hier wofür Geld erhält und wer genau die Schule besucht, bleibt der Verdacht, dass hier Dritte zu Unrecht profitieren», warnt ein ehemaliges Vereinsmitglied.

Die Kritik an Sitaara zielt auch nach Thun: In den Sitaara-Laden fliesst ebenfalls Geld aus dem Förderverein. Keine grossen Beträge, 2000 Franken waren es 2009. Doch eigentlich sollte der Laden aus dem Erlös des Kleiderverkaufs das Hilfsprojekt mitunterstützen. «Der Laden rentiert zurzeit aber nicht», so Anliker.

Ursula Haller und Hans-Ueli von Allmen stehen nach wie vor hinter dem Förderverein. «Die bei der Gründung des Vereins verantwortlichen Vorstände konnten meine Fragen damals überzeugend beantworten», sagt von Allmen, der darauf ein persönliches Empfehlungsschreiben für den Verein verfasste. Und Ursula Haller, die den Verein auch mit Gönnerbeiträgen unterstützt, betont, dass der Förderverein alle Geldflüsse nach Pakistan protokolliere und die Buchhaltung auch revidiert werde. Zum konkreten Projekt in Pakistan konnten beide keine Auskunft geben.

PRO PROBLEM EINE HALSKETTE

Verena Anliker wittert ein anderes Motiv hinter dem Angriff auf Sitaara: «Ich werde seit Jahren von einem Exgatten eines Vorstandsmitglieds verleumdet. Er hat fälschlicherweise den Eindruck, ich würde Frauen in ihren Entscheiden beeinflussen.» Kritik an Anlikers Arbeit kommt aber auch von einem ehemaligen Mitglied der Frauengruppe: «Die Mitgliedschaft für die monatlichen Treffen kostet 250 Franken – pro Monat! Hinzu kommen Ausgaben für Therapien, Kurse und die überteuerten Halsketten. Für jedes neue Problem sollte dann eine neue Kette gekauft werden. Selbstverständlich kann das eine Beziehung belasten.»

Mehr Selbstkritik und weniger Selbstvergebung ist offenbar nicht der Weg, den Sitaara gehen will. Vielmehr will man jetzt Strafanzeigen prüfen.

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