Schweizer Zeitungen verscherbelt

© Beobachter 2010

Verlage wollen online Geld verdienen. Aber Amerikaner verkaufen Schweizer Produkte längst zu Billigstpreisen.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen «Codex» testen Schweizer Verlage zurzeit, ob ihre Leser überhaupt bereit wären, Zeitungen auf einem elektroni schen Gerät zu lesen. Nicht das vielzitierte iPad, sondern ein nur in Fachkreisen bekanntes Schwarz-Weiss-Gerät steht im Test (Das Ende der Gratiskultur).

Während sich die Verlage noch Gedanken über die richtige Maketingstrategie machen, verkauft das US-amerikanische Unternehmen Newspaper Direct die Titel der Schweizer Medienhäuser Tamedia und NZZ bereits zu Dumpingpreisen in der ganzen Welt. Über Apps für iPad, iPhone, Blackberry und Windows-Mobile-Geräte sowie über http://www.pressdisplay.com. Zehn Dollar monatlich kosten zum Beispiel die NZZ und die «NZZ am Sonntag» zusammen. Für 30 Dollar im Monat kann man beliebig viele Titel aus einem Angebot von über 1000 Zeitungen abonnieren. Zum Vergleich: Die gedruckte NZZ kostet 512 Franken im Jahr, der «Tages-Anzeiger» 374 Franken.

NZZ und Tamedia, die erst vom Beobachter von diesen Angeboten erfahren haben, zeigen sich überrascht, wie billig ihre Produkte von Dritten ver kauft werden. «Wir haben mit der amerikani schen Firma zwar einen Vertrag abgeschlossen. Der sieht aber den Ausdruck von Zeitungen in internationalen Hotels oder Kiosken vor», sagt Tamedia-Sprecher Christoph Zimmer. Der Vertrag sei unlängst erneuert worden.

VERLAGE GEHEN ÜBER DIE BÜCHER

Doch Newspaper Direct hat die Möglichkeiten der digitalen Ver­marktung der Produkte konsequenter umgesetzt als die Schweizer Verlage. Auch der neue Leiter Digitale Medien bei der NZZ, Peter Hogenkamp, bezeichnet das Angebot als «in der Tat zu günstig». Kein Wunder: Allein für die Online-Ausgabe der NZZ müssen Leser heute 368 Franken im Jahr bezahlen, wenn sie das Abo bei der NZZ kaufen. Bei News­paper Direct erhalten sie für 120 Dollar noch eine Sonntagszeitung nach Wahl dazu.

NZZ und Tamedia wollen darum nun den Ausstieg aus dem Vertrag oder eine Kooperation zu anderen Konditionen prüfen.

Update August 2010: Der Tages-Anzeiger und die SonntagsZeitung sind aus dem Angebot von PressDisplay verschwunden.

Debatte auf medienspiegel.ch

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2 Antworten zu “Schweizer Zeitungen verscherbelt

  1. Zu günstig?

    Schweizer Zeitungen sind mit ihren eigenen Online-Angeboten viel zu teuer.

    Bei PressDisplay.com kann ich beispielsweise den Tages-Anzeiger bei Bedarf für USD 0.99 pro Ausgabe lesen, das heisst CHF 1.05 zum aktuellen Wechselkurs. Das erscheint mir für eine digitale Ausgabe durchaus ein angemessener Preis zu sein – keine Zustellung in Briefkasten oder Verkauf via Kiosk, kein Papier, keine Druckerfarbe, aber auch kein Zugriff auf das Tages-Anzeiger-Archiv und keine Nutzung von Leserdienstleistungen wie Carte Blanche.

    Ähnlich bei der Flatrate für knapp USD 30.00 pro Monat: Das Tages-Anzeiger-Abonnement kostet zum Vollpreis in etwa gleich viel pro Monat. Mit Betonung auf «Vollpreis» – wer abonniert schon Zeitungen zum Vollpreis, wo man doch fast ständig von Rabatten aller Art profitieren kann … und wenn die gedruckte Tages-Anzeiger-Ausgabe USD 30.00 pro Monat kostet, dann erscheint mir der digitale Flatrate-Preis für Tages-Anzeiger und andere Zeitungen durchaus angemessen zu sein, Begründung siehe oben.

    Und ja, in der Flatrate sind theoretisch sehr viele Publikationen inbegriffen – theoretisch, denn so viel liest ja wohl kaum jemand …

  2. Ach ja, gedruckte Ausgaben können alle Familienmitglieder lesen, Teilen ist problemlos möglich. Bei digitalen Ausgaben ist dies leider nicht der Fall – soll man etwa den Tages-Anzeiger oder andere Publikationen in digitaler Form zum Print-Preis gleich mehrfach erwerben? Absurd!

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