«Privatsphäre wird verletzt»

Ein mutmasslich pädophiler Priester wird im «Blick» voreilig geoutet, und der Verdacht gegen Jörg Kachelmann ist ein Medienereignis. Medienrechtler Peter Studer fordert Zurückhaltung.

Mit Peter Studer sprach Peter Johannes Meier

Beobachter: Der in Deutschland verhaftete TV-Wettermann Jörg Kachelmann wurde täglich in den Medien vorgeführt – wegen des blossen Verdachts, er habe seine Exfreundin vergewaltigt. Erwarten Sie mehr Zurückhaltung von uns Journalisten?
Peter Studer: In diesem Fall musste ja fast zwingend über die Verhaftung und auch den Vergewaltigungsvorwurf geschrieben werden. Es fällt halt sofort auf, wenn eine prominente Person wie Jörg Kachelmann plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Das ist der Preis der Prominenz. Die Medien sind aber ethisch verpflichtet, zurückhaltend darüber zu berichten. Und sie müssen dem Angeschuldigten die Möglichkeit einräumen, die Vorwürfe zurückzuweisen.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Beobachter: Der Vorwurf hat ja weder mit der beruflichen Tätigkeit von Kachelmann noch mit einem anderen Aspekt seiner Prominenz zu tun. Wäre das nicht nötig für eine Berichterstattung mit Name und Bild?
Studer: Die Schweizer Gerichte haben das nie schlüssig beurteilt. Eine Berichterstattung ist vor allem aufgrund der Bekanntheit einer Person erlaubt. Das Delikt muss nicht zwingend etwas mit deren Tätigkeit zu tun haben. Wichtiger ist es, dass die Unschuldsvermutung zum Ausdruck kommt. Es wäre also zum Beispiel unzulässig, in einem Bericht auf weitere, bereits verurteilte Sexualtäter hinzuweisen. Dadurch entstünde der Eindruck, Kachelmann stehe in einer Reihe mit diesen Tätern.

Beobachter: Die «Tagesschau» in Deutschland berichtete anfänglich gar nicht über den Fall und musste darum ebenfalls Kritik einstecken.
Studer: Es ist sicher vornehm und auch wünschenswert, nicht über den Fall zu berichten. Es wäre aber weltfremd, dies von allen Medien fordern zu wollen.

Beobachter: Der «Blick» berichtete vergangene Woche über einen angeblichen «Pädo-Pfarrer» mit Namen und Bild, nachdem dieser in Untersuchungshaft genommen worden war. Ist ein Pfarrer ebenfalls eine Person, die wegen solcher Vorwürfe an die Öffentlichkeit gezerrt werden darf?
Studer: Nein. Eine solche Berichterstattung ist total daneben. Der Angeschuldigte hatte nicht einmal die Möglichkeit, die Vorwürfe allenfalls zu bestreiten. Auf diese Weise wird die Privatsphäre unnötig verletzt. Anders als Kachelmann ist ein Pfarrer einer kleinen Gemeinde eben primär eine Privatperson, die nur für einen kleinen Kreis von Bürgern eine öffentliche Ausstrahlung hat. Die Berichterstattung ist umso erstaunlicher, als «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley gleichentags in der NZZ zuzusichern schien, medienethisch korrekt zu berichten. Dabei zog er Konsequenzen aus einem vom Presserat gerügten «Blick»-Artikel. Darin outete das Blatt eine Gemeindeangestellte, die sich privat für ein erotisches Online-Portal hatte ablichten lassen.

Beobachter: Zurück zum Pfarrer: Sexualdelikte mit Kindern könnten ja etwas mit der beruflichen Tätigkeit eines Pfarrers zu tun haben, falls dieser zum Beispiel regelmässig Kontakt mit Kindern hat. Ist es hier nicht legitim, die Öffentlichkeit vor allfälligen weiteren Taten zu warnen?
Studer: In diesem Fall nicht. Der Pfarrer ist ja in Untersuchungshaft genommen worden. Etwas anders sieht es zum Beispiel bei einem notorischen Wirtschaftskriminellen aus, gegen den ein Verfahren eröffnet wird, ohne dass er deswegen in Haft sitzen muss.

Beobachter: Sinkt die Hemmschwelle in den Medien, Tatverdächtige zu outen?
Studer: In den Boulevardmedien ist das sicher so. Manche Journalisten glauben, wenn eine Person Informationen über sich ins Internet gestellt hat und mit Google mühelos auffindbar ist, habe sie sich damit auch dem Medienboulevard geöffnet. So ist es natürlich nicht. Für Betroffene ist es nach einem Freispruch oder einer Einstellung des Verfahrens auch immer schwieriger geworden, angemessen rehabilitiert zu werden. Kein Medium berichtet einigermassen breit über einen Freispruch, auch wenn die betroffenen Personen zuvor über Wochen massiv verdächtigt worden sind.

Beobachter: Artikel werden auch grosszügig im Internet freigegeben. Müssen sie nach einer gewissen Zeit gelöscht werden?
Studer: Selbstverständlich, sofern sie öffentlich zugänglich bleiben. Bei geschützten Datenbanken kann auch eine Sperrung genügen, damit man nur noch gegen Interessennachweis auf den Artikel zugreifen kann.

Beobachter: Sind sich die Medien dieser Pflicht bewusst?
Studer: Leider kaum. Und es kommt eine gewaltige Aufgabe auf die Medien zu. Aber auch auf Suchdienste wie Google. Ich habe das Unternehmen kürzlich besucht. Das Verständnis für Löschungen ist leider noch nicht sehr gross. Es wird argumentiert, ein Betroffener müsse seine Negativmeldungen im Internet halt mit Positivmeldungen kompensieren. Aus rechtlicher Sicht ist das keine Lösung. Darum reagieren Unternehmen wie Google oft erst, wenn Rechtsanwälte mit Konsequenzen drohen.

Kommentare

Werbeanzeigen

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.