Monatsarchiv: April 2010

Nach den Rauchern die Dicken

Der Ruf nach Prävention wird in immer neuen Bereichen laut. Gesundheitsexperte Martin Hafen befürchtet, dass schon bald Eltern zahlen sollen, die Ungeborene mit Down-Syndrom nicht abtreiben

Peter Johannes Meier und Nicole Krättli

Beobachter: Ab dem 1. Mai gilt das Rauchverbot in Gaststätten praktisch schweizweit. Kommen nach den Rauchern die Dicken an die Kasse?
Martin Hafen: Tatsächlich ist es typisch für Prävention, dass man zuerst ein Problem thematisiert – zum Beispiel das Übergewicht –, dann vor negativen Folgen warnt, um letztlich auch Schuldzuweisungen an diejenigen zu machen, die das Problem nicht in den Griff bekommen.

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Martin Hafen (Bild Matthias Wäckerlin)

Beobachter: Kürzlich behauptete das Bundesamt für Gesundheit sogar, Übergewichtige würden unser Gesundheitssystem immer mehr belasten.
Hafen: Das mag sachlich richtig sein, doch solche unterschwelligen Schuldzuweisungen sind ethisch heikel. Es gibt ja auch Faktoren für das Übergewicht, die vom Betroffenen kaum beeinflusst werden können.

Beobachter: Ist das Kostenargument nicht falsch? Über­gewichtige und Raucher haben ja eine kürzere Lebenserwartung. Eine Studie aus Holland zeigt, dass sie das Gesundheitswesen deutlich weniger belasten. Am teuersten sind normal gewichtige Nichtraucher, die im Alter an zahlreichen Krankheiten leiden.
Hafen: Das zeigt, wie einseitig eine auf Kosten fixierte Argumentation ist. Man könnte daraus ja ableiten, ein möglichst kurzes Leben wäre besonders gesellschaftsverträglich. Das kann aber kaum der Sinn des Lebens sein. Jede Gesundheitspolitik muss darum zum Ziel haben, die Dauer chronischer Krankheiten möglichst zu reduzieren, unabhängig von der Länge eines Lebens.

Beobachter: Wem wird nach den Übergewichtigen die ­Kostenfalle gestellt?
Hafen: Denkbar ist, dass schwangere Frauen unter Druck kommen. Die pränatale Diagnostik ermöglicht es, Behinderungen wie das Down-Syndrom früh zu erkennen. Es würde mich nicht erstaunen, wenn die Forderung aufkommt, solche Kinder abzutreiben oder die medizinischen Folgekosten selber zu bezahlen. In Amerika wird diese Diskussion bereits geführt. Ich finde Debatten, die auf eine Diskreditierung ganzer Bevölkerungsgruppen hinauslaufen, sehr bedenklich. Sie schliessen die Betroffenen aus, bewirken aber kaum Verhaltensänderungen.

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Ringier will per Handy Kasse machen

Der Medienkonzern Ringier und das Kreditinstitut GE Money Bank wollen die Schweizer Einkaufswelt aufmischen. Kunden sollen auf Schritt und Tritt mit Werbung auf dem Handy geködert werden.

Peter Johannes Meier

Unter dem Codenamen Konsumania arbeitet Ringier an einem neuen Bezahlsystem per Handy. Das Ziel ist nicht bloss, neue «Blick»-Abonnenten zu gewinnen, sondern Produkte und Dienstleistungen verschiedenster Anbieter an den Kunden zu bringen. Konsumania setzt auf moderne Handys, mit denen künftig an der Kasse bezahlt werden soll.

Die Ortungsfunktion der Geräte erlaubte es zudem, Kunden auf Schritt und Tritt mit Sonder angeboten zu ködern. So kann künftig das Schuhgeschäft um die Ecke ein Schnäppchen anpreisen, wenn man gerade an der Filiale vorbeigeht. Bezahlt wird, indem die Verkäuferin einen Barcode auf dem Handy des Kunden einscannt.

Ringier-Sprecher Stefan Hackh bestätigt, mit dem Projekt diesen Sommer oder Herbst auf den Markt zu gehen. Ringier hat dafür ein eigenes Tochterunternehmen gegründet. Als strategischer Partner ist unter anderem die auf Konsumkredite spe­zialisierte GE Money Bank mit an Bord. Hackh: «Sie übernimmt die Funktion einer Kreditkartenorganisation, wickelt also die Zahlungen der Einkäufe ab.» Als Zahlungsvarianten sollen die Abrechnung über das Handy, per Kreditkarte mit Monatsabrechnung oder über eine Debitkarte mit Vorauszahlung angeboten werden.

Mario Roncoroni, Geschäfts leiter des Berner Vereins Schuldensanierung, warnt davor, dass Kunden ihre Rechnungen künftig wohl auch abstottern dürfen. Dafür werde dann ein hoher Kreditzins verlangt. «Alles andere würde mich bei der Beteiligung der GE Money Bank sehr überraschen.» Bis zu einer Limite von 500 Franken müsste Konsumania nicht mal die Kreditwürdigkeit der Kunden abklären. Erst höhere Beträ­ge fallen unter das Konsumkreditgesetz, das dies vorschreibt.

Auf einer Testseite im Internet kündigt Ringier-CEO Marc Walder an, «die ganze Medienpower in Zeitungen und Zeitschriften, im Internet, Radio und Fernsehen dafür einzusetzen, den Gedanken der virtuellen, digitalen Shopping-Mall möglichst schnell ins Land zu tragen»

Schuldenberater Mario Roncoroni sieht in Konsumania weit mehr als eine Alternative zur etablierten Kreditkarte. «Wer ständig Sonderangebote auf seinem Handy erhält, wird dazu verleitet, über seinen Verhältnissen zu konsumieren.» Vor allem jüngere Leute seien hier gefährdet.

© Beobachter

«Privatsphäre wird verletzt»

Ein mutmasslich pädophiler Priester wird im «Blick» voreilig geoutet, und der Verdacht gegen Jörg Kachelmann ist ein Medienereignis. Medienrechtler Peter Studer fordert Zurückhaltung.

Mit Peter Studer sprach Peter Johannes Meier

Beobachter: Der in Deutschland verhaftete TV-Wettermann Jörg Kachelmann wurde täglich in den Medien vorgeführt – wegen des blossen Verdachts, er habe seine Exfreundin vergewaltigt. Erwarten Sie mehr Zurückhaltung von uns Journalisten?
Peter Studer: In diesem Fall musste ja fast zwingend über die Verhaftung und auch den Vergewaltigungsvorwurf geschrieben werden. Es fällt halt sofort auf, wenn eine prominente Person wie Jörg Kachelmann plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Das ist der Preis der Prominenz. Die Medien sind aber ethisch verpflichtet, zurückhaltend darüber zu berichten. Und sie müssen dem Angeschuldigten die Möglichkeit einräumen, die Vorwürfe zurückzuweisen.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Peter Studer anlässlich der Preisverleihung Vermittlung visueller Kunst am 10. Januar 2010 in der La Perla in Zürich.

Beobachter: Der Vorwurf hat ja weder mit der beruflichen Tätigkeit von Kachelmann noch mit einem anderen Aspekt seiner Prominenz zu tun. Wäre das nicht nötig für eine Berichterstattung mit Name und Bild?
Studer: Die Schweizer Gerichte haben das nie schlüssig beurteilt. Eine Berichterstattung ist vor allem aufgrund der Bekanntheit einer Person erlaubt. Das Delikt muss nicht zwingend etwas mit deren Tätigkeit zu tun haben. Wichtiger ist es, dass die Unschuldsvermutung zum Ausdruck kommt. Es wäre also zum Beispiel unzulässig, in einem Bericht auf weitere, bereits verurteilte Sexualtäter hinzuweisen. Dadurch entstünde der Eindruck, Kachelmann stehe in einer Reihe mit diesen Tätern.

Beobachter: Die «Tagesschau» in Deutschland berichtete anfänglich gar nicht über den Fall und musste darum ebenfalls Kritik einstecken.
Studer: Es ist sicher vornehm und auch wünschenswert, nicht über den Fall zu berichten. Es wäre aber weltfremd, dies von allen Medien fordern zu wollen.

Beobachter: Der «Blick» berichtete vergangene Woche über einen angeblichen «Pädo-Pfarrer» mit Namen und Bild, nachdem dieser in Untersuchungshaft genommen worden war. Ist ein Pfarrer ebenfalls eine Person, die wegen solcher Vorwürfe an die Öffentlichkeit gezerrt werden darf?
Studer: Nein. Eine solche Berichterstattung ist total daneben. Der Angeschuldigte hatte nicht einmal die Möglichkeit, die Vorwürfe allenfalls zu bestreiten. Auf diese Weise wird die Privatsphäre unnötig verletzt. Anders als Kachelmann ist ein Pfarrer einer kleinen Gemeinde eben primär eine Privatperson, die nur für einen kleinen Kreis von Bürgern eine öffentliche Ausstrahlung hat. Die Berichterstattung ist umso erstaunlicher, als «Blick»-Chefredaktor Ralph Grosse-Bley gleichentags in der NZZ zuzusichern schien, medienethisch korrekt zu berichten. Dabei zog er Konsequenzen aus einem vom Presserat gerügten «Blick»-Artikel. Darin outete das Blatt eine Gemeindeangestellte, die sich privat für ein erotisches Online-Portal hatte ablichten lassen.

Beobachter: Zurück zum Pfarrer: Sexualdelikte mit Kindern könnten ja etwas mit der beruflichen Tätigkeit eines Pfarrers zu tun haben, falls dieser zum Beispiel regelmässig Kontakt mit Kindern hat. Ist es hier nicht legitim, die Öffentlichkeit vor allfälligen weiteren Taten zu warnen?
Studer: In diesem Fall nicht. Der Pfarrer ist ja in Untersuchungshaft genommen worden. Etwas anders sieht es zum Beispiel bei einem notorischen Wirtschaftskriminellen aus, gegen den ein Verfahren eröffnet wird, ohne dass er deswegen in Haft sitzen muss.

Beobachter: Sinkt die Hemmschwelle in den Medien, Tatverdächtige zu outen?
Studer: In den Boulevardmedien ist das sicher so. Manche Journalisten glauben, wenn eine Person Informationen über sich ins Internet gestellt hat und mit Google mühelos auffindbar ist, habe sie sich damit auch dem Medienboulevard geöffnet. So ist es natürlich nicht. Für Betroffene ist es nach einem Freispruch oder einer Einstellung des Verfahrens auch immer schwieriger geworden, angemessen rehabilitiert zu werden. Kein Medium berichtet einigermassen breit über einen Freispruch, auch wenn die betroffenen Personen zuvor über Wochen massiv verdächtigt worden sind.

Beobachter: Artikel werden auch grosszügig im Internet freigegeben. Müssen sie nach einer gewissen Zeit gelöscht werden?
Studer: Selbstverständlich, sofern sie öffentlich zugänglich bleiben. Bei geschützten Datenbanken kann auch eine Sperrung genügen, damit man nur noch gegen Interessennachweis auf den Artikel zugreifen kann.

Beobachter: Sind sich die Medien dieser Pflicht bewusst?
Studer: Leider kaum. Und es kommt eine gewaltige Aufgabe auf die Medien zu. Aber auch auf Suchdienste wie Google. Ich habe das Unternehmen kürzlich besucht. Das Verständnis für Löschungen ist leider noch nicht sehr gross. Es wird argumentiert, ein Betroffener müsse seine Negativmeldungen im Internet halt mit Positivmeldungen kompensieren. Aus rechtlicher Sicht ist das keine Lösung. Darum reagieren Unternehmen wie Google oft erst, wenn Rechtsanwälte mit Konsequenzen drohen.

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Der verlorene Sohn

Die Geschichte eines Schweizers, der in Chile auf tragische Weise ums Leben kommt – und der verzweifelte Kampf seiner Eltern um Wahrheit und Gerechtigkeit.

Sven Broder und Peter Johannes Meier

Die Angst sitzt Patrick Zwimpfer im Nacken, als er im Licht seiner Stirnlampe folgende Nach­richt auf einen Zettel kritzelt: «Don Juan. Bitte nehmen Sie mein Gepäck mit. […] Ich gehe nur voraus, damit Sie mit dem Pferd gehen können. Grüsse, Patrick». Die Notiz ist für seinen Führer bestimmt, einen 62-jährigen, kauzigen chilenischen Gaucho. Was der nicht weiss: Der Gringo hat zwischen den spanischen Zeilen einen deutschen Satz versteckt. Einen Hilferuf zwischen Klammern: «um nicht umgebracht zu werden!».
Es ist kalt an jenem 7. Mai 2005, als Patrick beschliesst, das Lager zu verlassen und den Zweitagesmarsch zurück nach Lago Verde allein anzutreten. Der Winter ist früh dran in Patagonien, im Süden Chiles.

Einen Seesack auf dem Rücken, der viel Papier, aber kaum Proviant enthält, kämpft sich Patrick in jener Nacht vier Kilometer am Rio Turbio entlang, durchwatet drei eisige Zuflüsse – bis er auf halbem Weg Männer hört und das Gekläff ihrer Hunde. Er ist sich sicher, an den Stimmen seine Verfolger zu erkennen – und flüchtet in die Wälder. Dort verliert sich seine Spur.

Zwei Tage später, am 9. Mai, 10.30 Uhr, meldet Don Juan den 41-jährigen Schweizer bei der Polizei von Lago Verde als verschollen. Und er übergibt den Beamten Patricks Gepäck und die hinterlegte Nachricht. Den deutschen Satz «um nicht umgebracht zu werden» verstehen sie nicht.

Wegen des einbrechenden Winters leiten Polizei und Zivilschutz aber sofort eine Such­aktion ein. Am 13. Mai informiert die lokale Staatsanwaltschaft die Schweizer Botschaft in Santiago de Chile. Man mutmasst, Zwimpfer könnte über die Berge nach Argentinien verschwunden sein. Ein zweiter Anruf am selben Tag, diesmal vom Zivilschutz, erreicht Jean-Didier Javet, den zuständigen Konsul in der 1500 Kilometer entfernten Hauptstadt. Die Such aktion drohe zu scheitern. Weil auf dem Meer ein Sturm tobt und Fischer bedroht, stehen die Polizeikräfte in Alarmbereitschaft. Der einzige flugfähige Helikopter ist dort im Einsatz und ebenfalls nicht verfügbar.

Chilenische Polizisten und Militärs suchen nach Patrick Zwimpfer.

Das Militär beschliesst, anstelle des Helikopters Soldaten von der Provinzhauptstadt Coyhaique ins acht Stunden entfernte Lago Verde zu entsenden. An Pfingsten, 16. Mai, ziehen 34 Mann zu Fuss los, um Patrick zu suchen; Militärs, Grenzpolizisten und Freiwillige aus dem Dorf. Sie müssen aber bald einsehen, dass ihr Unterfangen in diesem unwegsamen Tal, bei Kälte und Schnee, aussichtslos ist. Zudem suchten sie am falschen Ort – sie vermuteten, Patrick sei nach seinem Aufbruch zu Don Juans Hütte zurückgegangen.

DIE HIOBSBOTSCHAFT ERREICHT DIE ELTERN

Nach vier Tagen – Patrick ist nun seit fast zwei Wochen verschollen – sucht der Zivilschutz erneut das Gespräch mit Konsul Javet. Die Chilenen beharren auf Unterstützung aus der Luft. Sie wollen einen privaten Suchhelikopter mieten, verlangen dafür von der Schweiz aber die Übernahme der Treibstoffkosten. Es geht um 700’000 Pesos, rund 1600 Franken. Der Konsul lehnt ab. «Mangels Geldmitteln und auch einer entsprechenden Kompetenz», wird die offizielle Begründung später lauten.

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