Monatsarchiv: März 2010

Die Welt in der Tasche

Voll vernetzt, voll verletzt: Ein Tag Generation iPhone.

Peter Johannes Meier und Balz Ruchti

Loser schläft mit seinem iPhone. Eine Woche schon, seit seine Freundin in die Ferien gefahren ist. Heute Abend kommt sie zurück. Dann will er es ihr sagen, das mit den getrennten Betten. Das wird sie nicht mögen. Er hätte auf seinen Kumpel Freddy hören sollen. Der hatte immer gesagt: von Anfang an getrennte Betten.

Seit ein paar Monaten lebt Loser in einer Dreierbeziehung: er, sie und das «Scheissding», wie Losers Freundin sein iPhone nennt. Für sie ist es Konkurrenz. Das iPhone kann alles, hat alles. Immer und überall. Und es ist in der Überzahl: Heerscharen einzelner Applikationen, kurz Apps, buhlen um Losers Aufmerksamkeit. 150’000 davon gibts allein im App Store von Apple. Über 3,5 Milliarden sind in den letzten 18 Monaten heruntergeladen worden. Loser hat knapp 100. Ein bunter Teppich von kleinen, viereckigen Symbolen, hinter denen sich digitale Hilfen für alle Lebensberei che verstecken – auch fürs Schlafzimmer.

Jeden Abend schiebt Loser das iPhone unters Leintuch, direkt neben sein Gesicht. Im Flugmodus, dann strahlt es nicht. Ein Sensor registriert Bewegungen und errechnet den idealen Weckzeitpunkt, wenn sich Loser ohnehin in einer Leichtschlafphase be findet. Das erleichtert das Aufstehen, ver hindert das Gefühl, aus dem Keller gezogen zu werden. SleepCycle nennt sich die App.

Wissenschaftler sind skeptisch: Schlafphasen liessen sich nicht allein über die Be wegung bestimmen. Mag sein. Aber 100’000 iPhone-Schläfer können nicht irren. Das Problem ist Losers Freundin, die sich auf derselben Ma tratze wälzt. So kann das iPhone seinen Schlafzyklus nicht richtig interpretieren. Er braucht sein eigenes Bett. Hätte er bloss auf Freddy gehört.

Francesco Muzzi

«Dein iPhone müsste man sein», sagt seine Freundin, wenn er am Frühstückstisch jeweils seine Mails checkt. Dank Sleep­Cycle werden sie kaum mehr zusammen früh stücken. Sie steht immer um 6.30 Uhr auf, er wird seinem natürlichen Schlafrhyth mus folgen. Mit einem Lappen wischt Loser die Konfitüre vom iPhone. Gut, hat es keine Tasten, dazwischen hätte sich längst Leben entwickelt.

457 FREUNDE, DOCH KEINEN INTERESSIERTS

Im Zug surft Loser die Zeitungen auf dem iPhone ab; «Newsnetz», «20 Minuten» und «Spiegel Online». Hinter einer Gratiszeitung versteckt er sich nur noch, wenn er schlecht aufgestanden ist. Aber das soll ja nicht mehr vorkommen.

Am Bahnhof steigt Loser ins Tram. Er ruft sein Facebook-Profil auf. Tschudi hat eben seinen Status aktualisiert: «Es ist saukalt an der Tramstelle», schreibt er. Kurz zuvor bereits «hasse aufstehen» um 6.39 Uhr und «mache Kaffee» um 7.02 Uhr.

Bürokollegin Elke lästert über das andere Geschlecht: «Männer sind alle gleich!», schreibt sie. Auch ihr Neuer hat sie also betrogen. Obwohl Elke auf Facebook 457 Freunde hat, verhallt ihr Hilferuf ungehört im Cyberspace: Geteiltes Leid ist hal bes Leid – ausser wenn alle teilen wollen.

Im Büro wirft Loser den Computer an. Die Harddisk ruckelt, das Betriebssystem fährt hoch. Loser hasst lange Vorspiele.

Seit einigen Monaten nimmt er seinen eigenen Laptop mit ins Geschäft. Er hat gemerkt, dass er den Firmen-PC eigentlich nur für das Abrufen einiger Daten braucht. Arbeiten kann er auch auf seinem eigenen Gerät. Das ist ständig mit seiner Daten wolke, seiner Cloud, verbunden. Sie erlaubt ihm, von jedem Gerät auf seine Fotos, seine Musik und seine Dokumente zuzugreifen. Alle seine Daten liegen auf einem Server, irgendwo in Nevada. So sind alle Dokumente auf allen Geräten immer ak tuell – ausser auf dem PC am Arbeitsplatz.

Loser sucht im Adressbuch eine Telefon nummer. Kürzlich hat er gelesen, dass sich jüngere Leute kein Adressbuch mehr an­legen: Alle interessanten Menschen sind auf Facebook.

DIE GEFÄLSCHTE FREUNDIN

Am Nachmittag steht eine Teambildungssitzung auf dem Programm. Loser program miert die Fakecaller-App auf den Namen seiner Freundin. Kurz nach Konferenz beginn wird ihn ein fingierter Anruf erlösen. Virtuelle Freunde haben auch Vorteile. Seine Freundin würde kaum für ihn lügen. Ein bisschen quält Loser sein schlechtes Gewissen. Er beschliesst, ihr das Abend essen zu kochen – und das nächste Mal seine Mutter als Fakecaller zu verwenden.

Während Loser die Häuschen auf seinem Schreibblock schraffiert, werkelt sein Gegenüber am Blackberry rum. Das Gerät hat Tasten. Es ist das Statussymbol für mittlere Kader – es kann wenig und kostet viel, wird aber von der Firma bezahlt.

Exakt sieben Minuten nach Sitzungs beginn gellt der Schrei des Mäusebussards durchs Sitzungszimmer. Bii-lüüüüü. Erst leise, dann lauter. Loser steht auf, verdreht vielsagend die Augen – «meine Freundin» – und verlässt unter den neidischen Blicken der Blackberry-Nutzer den Raum.

WAS GESUND IST

Loser erklärt den Rest des Nachmittags zur Freizeit. Er schlendert durch einen Supermarkt. Mit dem iPhone scannt er den Barcode auf der Müeslipackung. Die Applika tion Codecheck offenbart ihm die Gesundheitsbilanz. Konsumentenorganisationen fordern solche Produktangaben schon seit langem, aber Lebensmittelkonzerne lobbyieren da­gegen.

Die Anzeige leuchtet rot. Kein Müesli für Loser. Er stellt die Packung zurück ins Regal. Zwischen den Neonröhren rieselt ein Song aus der Decke. «Come away with me», lockt eine Frauenstimme. Loser scrollt auf dem iPhone durch seine App-Sammlung. Er sucht Soundhound, einen akustischen Bluthund. Er soll der Tonfährte folgen und die schöne Stimme stellen. Soundhound wittert Norah Jones. Song und Album sind im iTunes Store erhältlich. «Jetzt kaufen?», will Apple wissen. Loser kauft.

GPS und Kompass im iPhone verraten, wer wann wo was gekauft hat, sagt sein Kumpel Freddy. Auf dem Weg zur Kasse greift Loser einen Rotwein, ohne ihn mit Codecheck zu prüfen. Der Wein soll seine Freundin in der Bettsache gefügig machen.

ZWEI BIER

Heute spielt Federer. Zwei Bier gehören dazu. Könnte reichen, bevor sie nach Hau se kommt. Loser macht sich auf den Weg zur Sportbar. Von Layar lässt er sich zu einem am Weg liegenden Bancomaten lotsen.

Der Handybrowser legt auch in Echtzeit digitale Informationen über die Video aufnahme der Handykamera. Augmented Reali­ty heisst das: erweiterte Realität. Loser würde sich brennend für Informationen über die Frau interessieren, die gerade durchs Sichtfeld seiner Kamera schreitet. Programme, die Gesichter auf digitalen Bildern wiedererkennen, gibts längst. Und Name, Wohnort, Jahrgang, Zivilstand finden sich irgendwo im Netz. Man müsste die Informationen nur verbinden, denkt sich Loser. Dann wüsste er, wo die Schöne wohnt. Sie einfach anzusprechen wäre ihm peinlich. Loser überlegt, ob er ein Bild von ihr machen soll. Nur so.

Mitten am Nachmittag ist die Sportbar leer – bis auf einen Langweiler. Der versucht die Bedienung mit der Bier-App zu beeindrucken: Das iBeer simuliert ein Glas Bier, das sich leert, wenn man das iPhone neigt. Die App war vor zwei Jahren in den Top Ten. Ein Update von iBeer lehnte Apple ab, weil am Ende ein Rülpser zu hören ist. Auch die App des Magazins «Stern» wurde vorübergehend aus dem App Store gekippt; wegen zu freizügi ger Bilder. Zugleich hatte Apple die spani­sche Version von Hitlers «Mein Kampf» aufgeschaltet.

Auch der Langweiler kämpft. Um Anerkennung. Heute die Bier-App vorzuzeigen entlarvt ihn zweifelsfrei als Anfänger unter den iPhone-Nutzern.

FACEBOOK GEGEN STERBEHILFE

Während Federer zum zweiten Satzsieg serviert, geht Losers iPhone der Saft aus. Er blickt auf die Uhr an der Wand: 18 Uhr. Verdammt. Zeit vergessen. Eigentlich wollte er das Abendessen bereithaben. Dann werden sie halt gemeinsam kochen.

Kein Licht in der Wohnung. Dabei sollte seine Freundin schon hier sein. Loser gibt dem iPhone Strom. Er war eine volle Stunde nicht erreichbar. Eine Mail von ihr: «Bitte warte nicht auf mich. Ich ziehe zu Freddy. Es ist viel passiert. Erkläre dir später. lg». Loser scrollt die Mail runter und rauf. Aber da steht nicht mehr. 100 Zeichen, eine SMS hätte dafür gereicht. «Freddy, du Sau!», schreit es aus ihm raus. Er fragt sich, was er falsch gemacht hat, findet keine Antwort. Loser öffnet Facebook. Freddy und seine Freundin sollen weg von der Freun des liste. Dann sieht er es: Sie hat einen neuen Beziehungsstatus. Schon seit zwei Tagen. Als sie mit Loser zusammen war, stand bei ihrem Status nichts, jetzt «single». Wie konnte ihm das ent gehen? Loser löscht Freddy von der Liste. Dabei wird ihm bewusst, dass seine Freundin ihn erst über diese Freundesliste kennengelernt hatte. Das Internet hat die beiden zusammengebracht. Ihm seine Freundin genommen. Loser wird klar, dass es Zeit für einen radikalen Schritt ist. Sein gan zes Face book muss weg. Und die Spuren, die er mit Twitter hinterlassen hat. Er ruft suicidemachine.org auf, eine Art digitale Sterbehilfeorganisation. Die Selbstmordmaschine verspricht, «alle energie saugenden Profile in sozialen Netzwerken» zu löschen und virtuelle Freun­de zu killen. Über 3000 digitalisierte Menschen haben den Dienst bereits beansprucht.

Doch die Selbstmordmaschine ist tot. Die Anwälte von Facebook haben sie angegriffen, heisst es auf der Website. Die Suizid hilfe könne nicht mehr angeboten werden.

Loser legt sich ins Bett, verkriecht sich unter der Decke. Eine Träne rinnt ihm über die Wange. Er wählt ihre Nummer auf dem iPhone. Doch bevor sie antwortet, verlässt ihn der Mut. Er schiebt das iPhone unter sein Leintuch.

Die Welt in der Tasche

Kommentare

Werbeanzeigen

Das Ende der Gratis-Kultur

Die Schweizer Medienhäuser fahren mit gedruckten Produkten immer weniger Geld ein. Deshalb suchen sie neue, kostenpflichtige Absatzkanäle. Ein eigener Online-Kiosk und ein digitales Lesegerät sollen Kunden zum Bezahlen bringen.

Peter Johannes Meier

Das Zeitalter der digita len Bezahlzeitung beginnt jetzt. Die grossen Verlagshäuser Tamedia, NZZ, Ringier, Edipresse und der Buchhändler Orell Füssli schliessen sich mit der Swisscom zusammen, um digitalisierte Zeitungen und Bücher über einen neuen Online-Kiosk zu verkaufen. Die Leser sollen ein vergünstigtes Lesegerät erwerben, auf das sie Zeitungen und Bücher runterladen können. Die unter Ertragsschwund leiden den Medienhäuser sehen die Zeit gekommen, von der Alles-Gratis-Strategie abzurücken.

weiterlesen

Uni-Kurse statt Medienvielfalt

Eigentlich sollten die Millionen einer Solothurner Stiftung die regionalen Medien fördern. Stattdessen floss Geld an die Uni Bern.

Peter Johannes Meier

Medienprofessor Roger Blum hat eine Leiche geerbt – eine reiche. Es geht um rund 20 Millionen, die in einer Stiftung stecken, die ihren ursprünglichen Zweck nicht mehr erfüllen kann: den Erhalt der «Solothurner Zeitung» und weiterer Titel der Vogt-Schild Medien Gruppe. So wollte es die Gründerfamilie Vogt, darum richtete sie in den fünfziger Jahren die Stiftung ein. Dennoch verkaufte der Stiftungsrat das Unternehmen 2009 an die AZ Medien Gruppe («Aargauer Zeitung»). Der Erlös ging an die Vogt-Stiftung.

Roger Blum, der im Januar in Pension ging, soll ihr jetzt neues Leben einhauchen, zusammen mit dem ebenfalls in den Stiftungsrat gewählten Publizisten und Edipresse-Direktor Peter Rothenbühler.

Institutsleiter war bis Ende Januar der umtriebige Netzwerker Blum, der im Dezember dann selbst in den Stiftungsrat gewählt worden war. Blum hatte sich in der Vergangenheit stets besorgt über Monopolisierungen in der Zeitungslandschaft gezeigt. Jetzt darf er über den Erlös einer solchen Monopolisierung mitverfügen.

weiterlesen