„Hat Ihr Laden immer offen?“

© Beobachter 2009


Wie rede ich mit dem Chef über seinen offenen Hosenlatz? Worüber spricht man im Fahrstuhl? Was tun, wenn man den Namen des Kollegen nicht mehr weiss? Nützliche Tipps zu Peinlichkeiten im Arbeitsalltag.

Peter Johannes Meier

DIE BEKLEMMENDE LIFTFAHRT

Das Elend beginnt für viele im Lift. Eine peinliche Stille begleitet sie vom Erdgeschoss in den Sechsten. Da greifen manche zum Wettersatz: «Ist ja doch noch schön geworden.» Oder: «Könnte auch mal aufhören.» Andere signalisieren, dass es am Vorabend wieder spät geworden ist. Alle bleiben sie als nicht besonders geistreich in Erinnerung. Der perfide Kollege betritt den Lift und sagt: «Sooooo?!» Oder: «Da wären wir wieder!» Nullsätze, die meinen: «Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Sagen Sie doch was.» Dafür wird man ihn hassen.

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Der Kabarettist Joachim Rittmeyer hat solche Bemerkungen als «Primsätze» identifiziert. Sätze, die wie Primzahlen nur durch sich selber teilbar sind: Es bleibt kein Rest und nichts zu entgegnen – ausser noch einem Primsatz.

Wer aber nichts zu sagen hat, schweigt besser. Ein «Guten Morgen» genügt – um dann auf dem Handy etwas zu tippen. Eine anerkannte Beschäftigung. Das Handy sollte dabei eingeschaltet sein.

Vielfahrern rät Rittmeyer, ein Kind oder einen Hund mit in den Lift zu nehmen. Beide verfügen über ein besonders hohes Ansprechbarkeitspotential. Das Gespräch darf dann dümmlich sein: «Was für ein Schnüggel! Wie heissen wir denn?» Das geht aber wirklich nur mit Kindern und Kleintieren. Weder beim Chef noch bei der Sekretärin aus dem Dritten kommen Sie damit an.

Jede Zeit hat ihre Waffe. Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider rät aktuell zu einem nicht enden wollenden Hustenanfall: «Dabei muss vorschriftsmässig in die Armbeuge gehustet werden.» Das Signal ist klar: Schweinegrippe im Anzug! Wer so auf den Lift wartet, kann mit einer Einzelfahrt rechnen. Zumindest unterbindet er so peinliche Gespräche, denn allfällige Mitfahrer werden die Luft anhalten.

Fettnapf: Nicht lifttaugliche Gesprächsthemen wie detaillierte medizinische Schilderungen oder Lästern über andere. Dafür sollte man sich mehr Zeit nehmen.

Tipp: Für die kurzzeitige Schicksalsgemeinschaft im Lift gilt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.


DER OFFENE HOSENSCHLITZ

Der Klassiker unter den Peinlichkeiten ist der Chef mit offenem Hosenladen. Brisant wird die Situation, wenn er dabei, begleitet von wichtigen Kunden, durch die Gänge eilt. Als loyaler Mitarbeiter amüsiert man sich selbstverständlich nicht, sondern hilft dem Chef aus der Patsche. Das scheitert allerdings oft. Insbesondere Frauen fragen sich, was er wohl denkt, weshalb sie ausgerechnet dorthin geschaut haben.

Für Benimm-Expertin und Prominenten-Trainerin Nandine Meyden steht aber ausser Frage: Ein solches Malheur muss umgehend angesprochen werden. Bloss wie? Psychoanalytiker Schneider rät zum Einsatz von Technologie. «Man schickt dem Chef eine E-Mail oder eine SMS auf das Blackberry.» Wobei die Mail den Nachteil – oder auch den Vorteil – hat, dass sie auch von der Chefsekretärin gelesen werden kann. Zudem birgt sie ein Risiko: die Funktion «Mail an alle».

Fettnapf: Mit dem Finger auf die pikante Stelle zeigen. Per SMS Kollegen zum Schauspiel aufbieten.

Tipp: Den Chef kurz beiseitenehmen und ihm mit einem Lächeln die Peinlichkeit ins Ohr flüstern.


DIE NEUERWORBENE IDENTITÄT

Wenn der aufgeregte Chef den wichtigen Mitarbeiter gegenüber Gästen mit falschem Namen vorstellte: Soll man den Boss öffentlich korrigieren, oder ist es besser, die neue Identität unwidersprochen zu akzeptieren? Die Antwort ist hart, aber eindeutig: Ein flexibler Umgang mit der eigenen Identität muss das Outing eines Chefs verhindern, der seine eigenen Mitarbeiter nicht kennt. Meist ist das kein Problem, weil sich die Gäste auch keine Namen merken können. Bei einem späteren Kontakt kann man also getrost wieder auf den richtigen Namen wechseln. Entscheidend ist nur, dass die Buchhaltung weiss, wer man wirklich ist – wegen der Lohnüberweisung.

Fettnapf: Einen Gast mit falschem Namen ansprechen, um ihm dann zu erklären, dass man vom Chef eben falsch vorgestellt worden ist.

Tipp: Unter falschem Namen den Chef retten. Die Gelegenheit kommt, bei der man sich korrekt vorstellen kann.


DER NICHT VORSTELLBARE BEKANNTE

Neben den falsch Benannten gibts die Namenlosen: Auf jedem Bummel mit Begleitung trifft man auf jemanden, dessen Namen man vergessen hat. Die Bestie Anstand verlangt, dass man diesen der Begleitung vorstellt. Was tun?

Zuerst die Theorie: Laut Benimm-Expertin Nandine Meyden hat im Geschäftsleben immer der Ranghöhere das Recht, zuerst zu erfahren, wer der andere ist. Im Privatleben geniessen Frauen einen etwas höheren Rang. Ihnen wird darum zuerst das Gegenüber vorgestellt. Das löst das Problem mit dem Namen nicht. Zur Flucht nach vorn rät Peter Schneider: «Man sagt: ‹Mein Name ist Alzheimer. Wie war Ihrer noch mal?›»

Fettnapf: Sich auf ein langes Gespräch mit dem unbenannten Bekannten einlassen, während die Begleitung zum Schweigen verdammt ist. Das zieht Beziehungsarbeit nach sich. Erst recht, wenn man auch nach dem Gespräch nicht sagen kann, wer das eben war.

Tipp: Stellen Sie Ihre Begleitung dem Namenlosen vor und legen Sie eine kleine Pause ein. Die Begleiterin wird dem Gegenüber die Hand reichen. In aller Regel stellt sich dieses dann gleich selber vor.

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Eine Antwort zu “„Hat Ihr Laden immer offen?“

  1. Ich habe schon lange nicht mehr so herzhaft gelacht. Einen Hund oder ein Kind immer mitzunehmen sollte für Berufstätige keine Problem sein. Das mit dem Senden an alle macht unser Chef leider immer. Sehr schlechte Angewohnheit. Man schickt ihm eine Nachricht und er antwortet mit Mail-to-all. Da muss man höllisch aufpassen. Wahrscheinlich macht er das mit Absicht.

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