Monatsarchiv: Dezember 2009

„Hat Ihr Laden immer offen?“

© Beobachter 2009


Wie rede ich mit dem Chef über seinen offenen Hosenlatz? Worüber spricht man im Fahrstuhl? Was tun, wenn man den Namen des Kollegen nicht mehr weiss? Nützliche Tipps zu Peinlichkeiten im Arbeitsalltag.

Peter Johannes Meier

DIE BEKLEMMENDE LIFTFAHRT

Das Elend beginnt für viele im Lift. Eine peinliche Stille begleitet sie vom Erdgeschoss in den Sechsten. Da greifen manche zum Wettersatz: «Ist ja doch noch schön geworden.» Oder: «Könnte auch mal aufhören.» Andere signalisieren, dass es am Vorabend wieder spät geworden ist. Alle bleiben sie als nicht besonders geistreich in Erinnerung. Der perfide Kollege betritt den Lift und sagt: «Sooooo?!» Oder: «Da wären wir wieder!» Nullsätze, die meinen: «Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Sagen Sie doch was.» Dafür wird man ihn hassen.

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Der Kabarettist Joachim Rittmeyer hat solche Bemerkungen als «Primsätze» identifiziert. Sätze, die wie Primzahlen nur durch sich selber teilbar sind: Es bleibt kein Rest und nichts zu entgegnen – ausser noch einem Primsatz.

Wer aber nichts zu sagen hat, schweigt besser. Ein «Guten Morgen» genügt – um dann auf dem Handy etwas zu tippen. Eine anerkannte Beschäftigung. Das Handy sollte dabei eingeschaltet sein.

Vielfahrern rät Rittmeyer, ein Kind oder einen Hund mit in den Lift zu nehmen. Beide verfügen über ein besonders hohes Ansprechbarkeitspotential. Das Gespräch darf dann dümmlich sein: «Was für ein Schnüggel! Wie heissen wir denn?» Das geht aber wirklich nur mit Kindern und Kleintieren. Weder beim Chef noch bei der Sekretärin aus dem Dritten kommen Sie damit an.

Jede Zeit hat ihre Waffe. Psychoanalytiker und Satiriker Peter Schneider rät aktuell zu einem nicht enden wollenden Hustenanfall: «Dabei muss vorschriftsmässig in die Armbeuge gehustet werden.» Das Signal ist klar: Schweinegrippe im Anzug! Wer so auf den Lift wartet, kann mit einer Einzelfahrt rechnen. Zumindest unterbindet er so peinliche Gespräche, denn allfällige Mitfahrer werden die Luft anhalten.

Fettnapf: Nicht lifttaugliche Gesprächsthemen wie detaillierte medizinische Schilderungen oder Lästern über andere. Dafür sollte man sich mehr Zeit nehmen.

Tipp: Für die kurzzeitige Schicksalsgemeinschaft im Lift gilt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold.


DER OFFENE HOSENSCHLITZ

Der Klassiker unter den Peinlichkeiten ist der Chef mit offenem Hosenladen. Brisant wird die Situation, wenn er dabei, begleitet von wichtigen Kunden, durch die Gänge eilt. Als loyaler Mitarbeiter amüsiert man sich selbstverständlich nicht, sondern hilft dem Chef aus der Patsche. Das scheitert allerdings oft. Insbesondere Frauen fragen sich, was er wohl denkt, weshalb sie ausgerechnet dorthin geschaut haben.

Für Benimm-Expertin und Prominenten-Trainerin Nandine Meyden steht aber ausser Frage: Ein solches Malheur muss umgehend angesprochen werden. Bloss wie? Psychoanalytiker Schneider rät zum Einsatz von Technologie. «Man schickt dem Chef eine E-Mail oder eine SMS auf das Blackberry.» Wobei die Mail den Nachteil – oder auch den Vorteil – hat, dass sie auch von der Chefsekretärin gelesen werden kann. Zudem birgt sie ein Risiko: die Funktion «Mail an alle».

Fettnapf: Mit dem Finger auf die pikante Stelle zeigen. Per SMS Kollegen zum Schauspiel aufbieten.

Tipp: Den Chef kurz beiseitenehmen und ihm mit einem Lächeln die Peinlichkeit ins Ohr flüstern.


DIE NEUERWORBENE IDENTITÄT

Wenn der aufgeregte Chef den wichtigen Mitarbeiter gegenüber Gästen mit falschem Namen vorstellte: Soll man den Boss öffentlich korrigieren, oder ist es besser, die neue Identität unwidersprochen zu akzeptieren? Die Antwort ist hart, aber eindeutig: Ein flexibler Umgang mit der eigenen Identität muss das Outing eines Chefs verhindern, der seine eigenen Mitarbeiter nicht kennt. Meist ist das kein Problem, weil sich die Gäste auch keine Namen merken können. Bei einem späteren Kontakt kann man also getrost wieder auf den richtigen Namen wechseln. Entscheidend ist nur, dass die Buchhaltung weiss, wer man wirklich ist – wegen der Lohnüberweisung.

Fettnapf: Einen Gast mit falschem Namen ansprechen, um ihm dann zu erklären, dass man vom Chef eben falsch vorgestellt worden ist.

Tipp: Unter falschem Namen den Chef retten. Die Gelegenheit kommt, bei der man sich korrekt vorstellen kann.


DER NICHT VORSTELLBARE BEKANNTE

Neben den falsch Benannten gibts die Namenlosen: Auf jedem Bummel mit Begleitung trifft man auf jemanden, dessen Namen man vergessen hat. Die Bestie Anstand verlangt, dass man diesen der Begleitung vorstellt. Was tun?

Zuerst die Theorie: Laut Benimm-Expertin Nandine Meyden hat im Geschäftsleben immer der Ranghöhere das Recht, zuerst zu erfahren, wer der andere ist. Im Privatleben geniessen Frauen einen etwas höheren Rang. Ihnen wird darum zuerst das Gegenüber vorgestellt. Das löst das Problem mit dem Namen nicht. Zur Flucht nach vorn rät Peter Schneider: «Man sagt: ‹Mein Name ist Alzheimer. Wie war Ihrer noch mal?›»

Fettnapf: Sich auf ein langes Gespräch mit dem unbenannten Bekannten einlassen, während die Begleitung zum Schweigen verdammt ist. Das zieht Beziehungsarbeit nach sich. Erst recht, wenn man auch nach dem Gespräch nicht sagen kann, wer das eben war.

Tipp: Stellen Sie Ihre Begleitung dem Namenlosen vor und legen Sie eine kleine Pause ein. Die Begleiterin wird dem Gegenüber die Hand reichen. In aller Regel stellt sich dieses dann gleich selber vor.

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Gratis arbeiten für die ABB

© Beobachter 2009


Entlassene ABB-Angestellte* Ehemalige Temporärangestellte der ABB sind gezwungen, weiterhin für die ABB zu arbeiten – ohne Lohn. Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose machen das möglich.

Peter Johannes Meier

Die Schaffhauser Arbeiterinnen waren der ABB einfach zu teuer geworden. Doch flinke Hände braucht das Unternehmen weiterhin, um seine weltweit gefragten Stromschalter herzustellen. ABB hat sie in Bulgarien gefunden, für rund fünf Franken die Stunde. Seit über zwei Jahren wird dort produziert.

Aber auch in Schaffhausen werden nach wie vor Schalter zusammengesetzt. Vorwiegend von Frauen, in Handarbeit und zu bulgarischen Bedingungen. Mehr als 100 Arbeitsplätze hat die ABB für die Stiftung «Impuls – Fit for Jobs!» eingerichtet. Impuls führt im Auftrag der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) und der Sozialämter sogenannte Beschäftigungsprogramme durch.

Bild: Stefan Jäggi

So kommt es, dass heute Arbeitslose und Ausgesteuerte an den Arbeitstischen der ABB sitzen. Unter ihnen auch ehemalige ABB-Angestellte Temporärangestellte der ABB. Sie waren entlassen worden, als der Grossteil der Produktion nach Bulgarien wanderte. «Diese Leute machen heute den genau gleichen Job, für den sie zuvor einen Lohn von der ABB erhalten haben. Und obwohl wir alle arbeiten, gelten wir weiterhin als arbeitslos. Das ist unheimlich deprimierend», sagt ein Teilnehmer des Impuls-Programms. Das RAV hatte ihn nach einigen Monaten Arbeitslosigkeit zu einem halbjährigen ABB-Einsatz verknurrt.

DIE ABB IM STIFTUNGSRAT

Für seine Arbeit bezahlt das Unternehmen exakt den bulgarischen Stundenlohn. Nicht ihm, sondern der Stiftung. Er selber gilt weiterhin als stellenlos und erhält Arbeitslosengeld. Und obwohl er fast zu 100 Prozent für die ABB arbeiten muss, wird ihm jeder Tag von der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes abgezogen. Ausserdem muss er sich um einen «echten» Job bemühen.

«Wir werden hier zu einer Arbeit gezwungen, die uns in keiner Weise für einen echten Job qualifiziert. Und wir haben keine Zeit, uns sinnvoll weiterzubilden», sagt der 38-Jährige. Aus dem Programm aussteigen darf er nur, wenn er einen anderen Job findet. Selbst eine Mitarbeiterin der Stiftung übt Kritik an diesem Konzept: «Es fällt mir ausgesprochen schwer, Arbeitslose für einen solchen Einsatz zu motivieren, der sie nicht weiterbringt.»

Die Idee der «bulgarisierten» Arbeitsplätze hatte die ABB selber in die Stiftung eingebracht – wenige Monate nachdem ihr Schaffhauser Geschäftsführer, Frank Wentzler, in den Impuls-Stiftungsrat gewählt worden war. «Unsere Idee war es, einen Teil der einfachen, aber lohnintensiven Montagearbeit der Impuls-Stiftung zu übergeben, statt alles nach Bulgarien auszulagern», sagt ABB-Sprecher Lukas Inderfurth. Aus Sicht der ABB sei dies ein sinnvolles Projekt, um vorwiegend Ausgesteuerte zu beschäftigen. «Wer letztlich dort genau arbeitet, entscheiden aber nicht wir.»

Tatsächlich sind es mehrheitlich Arbeitslose. Und keiner von ihnen konnte sich bisher für eine ordentliche Anstellung bei der ABB qualifizieren. «Die Bestückungsarbeit ist eine sehr einfache Tätigkeit, für die wir in Schaffhausen gar keine regulären Arbeitsplätze mehr haben», sagt Inderfurth.

Roland Gasser, Geschäftsführer der Impuls-Stiftung, kann der Arbeit dennoch etwas Positives abgewinnen: «Die Schaltermontage ist eine konstruktive Tätigkeit. Es wird ein Produkt für ein renommiertes Unternehmen hergestellt, das auf dem Weltmarkt gefragt ist. Die Arbeitenden sind dadurch motivierter als zum Beispiel beim Elektrorecycling, wo ein Produkt ja zerstört werden muss.»

„ICH WÜRDE NIE SAGEN, DASS ICH HIER WAR“

Die Arbeitslosen werden vom RAV in das Beschäftigungsprogramm geschickt. «Ich habe ein gewisses Verständnis, wenn ehemalige ABB-Angestellte, die jetzt hier arbeiten, den Hintergrund dafür nur schwer begreifen», sagt Vivian Biner, Leiter des Schaffhauser Arbeitsamts. Es sei eben schwierig, eine vergleichbare andere Arbeit zu finden. «Und nach jeder Wirtschafts-krise gibt es weniger niederschwellige Arbeitsplätze.»

Arbeitslose, die sich beim Beobachter gemeldet haben, sind überzeugt, dass sie Impuls nicht fit für einen neuen Job macht. «Bei einer Stellenbewerbung würde ich nie angeben, dass ich ein halbes Jahr hier war. Wir arbeiten zusammen mit Drogenabhängigen und anderen Sozialfällen. Entsprechend ist auch der Ruf der Impuls-Stiftung», sagt einer, der – wie die meisten – nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit in das Programm geschickt wurde. Zuvor hatte er eine leitende Stellung in einem Gewerbebetrieb. Einzelne wurden bereits nach zwei Monaten Arbeitslosigkeit in das Programm beordert.

«Ein Einsatz hat mitunter auch einen anderen Hintergrund. So kann zum Beispiel verhindert werden, dass jemand anderswo schwarzarbeitet. Und eine geringe Arbeitszufriedenheit kann bewirken, dass sich ein Arbeitsloser ernsthafter um eine neue Stelle bemüht», sagt dazu Vivian Biner.

Dass entlassene Angestellte als Arbeitslose wieder die gleiche Tätigkeit verrichten, ist einzigartig am Schaffhauser Beschäftigungsprogramm. Dagegen ist es kein Sonderfall, wenn Arbeitslose immer früher in solche Programme gesteckt werden, die ihnen bei der Stellensuche kaum etwas nützen. Entsprechende Beschwerden gehen vermehrt beim Beratungszentrum des Beobachters ein.

So muss zum Beispiel im Kanton Bern eine arbeitslos gewordene 62-jährige Frau neben einem 40-prozentigen Zwischenverdienst noch zu 60 Prozent Gratisarbeit in einem Pflegeheim leisten. Ausserdem wird sie regelmässig zu Bewerbungskursen und Persönlichkeitsschulungen aufgeboten. Dass sie dadurch wieder eine Stelle findet, dürfte unwahrscheinlich sein.

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) verteidigt solche Programme. Und das, obwohl seine eigenen Studien zeigen, dass sie für viele Betroffene die Stellensuche eher erschweren als erleichtern (Beobachter Nr. 16 und 22).

«Langzeitarbeitslose oder Ausgesteuerte bewegen sich für eine gewisse Zeit wieder in einer Tagesstruktur, die sinnstiftend sein kann. Das Ziel ist immer, Personen fit für den Arbeitsmarkt zu machen oder ihre Fitness für den Arbeitsmarkt zu erhalten», sagt Oliver Schärli, Gruppenleiter Bildung und Beschäftigung beim Seco. Doch wie das Schaffhauser Beispiel zeigt, sind es keineswegs nur Langzeitarbeitslose, die solche Programme besuchen müssen.

ES GEHT AUCH UM ABSCHRECKUNG

«Sicher ist es der Idealfall, wenn eine vorübergehende Beschäftigung den Arbeitslosen für einen neuen Job qualifiziert. Es gibt aber weitere Gründe für einen solchen Einsatz», sagt Schärli. So werde abgeklärt, ob jemand überhaupt in der Lage ist, eine Arbeitsstelle anzutreten. Oder ob die Person aus gesundheitlichen Gründen, weil sie Kinder betreuen muss oder schwarzarbeitet, gar nicht voll vermittelbar ist. «Bis zu 30 Prozent der Programmbesucher melden sich nach wenigen Tagen oder bereits vor Antritt einer solchen Massnahme bei der Arbeitslosenversicherung wieder ab», so Schärli.

Für die arbeitslosen Schaffhauser Arbeiter ist das kaum eine Alternative: «Ich gehe immer noch davon aus, dass ich in die ALV einbezahlt habe, um unterstützt zu werden, wenn ich arbeitslos bin», sagt einer aus dem Impuls-Programm.

* Gegendarstellung der ABB

„Im Beobachter 24/09 wird unter dem Titel „Bulgarisierte Jobs für die ABB“ die Behauptung aufgestellt, entlassene ABB-Mitarbeitende wären gezwungen, bei der ABB ohne Lohn dieselben Arbeiten zu erledigen wie vorher. Diese Behauptung ist unrichtig. Richtig ist allerdings, dass an den von „Impuls – Fit for Jobs“ eingerichteten und nicht in den Räumen der ABB liegenden Arbeitsplätzen unter anderem auch Aufträge der ABB erledigt werden. Allerdings arbeitet gegenwärtig bei „Impuls“ keine Person, die vorher bei der ABB angestellt war.“