Tausendmal berührt

Amma umarmt alle, die zu ihr kommen. Von ihren Anhängern wird die Inderin wie eine Göttin verehrt. 
Kürzlich war sie in der Schweiz. Was lockte 20'000 Menschen zu ihr?

Peter Johannes Meier

Der Stadtpolizist betritt die Halle. Er spricht kurz mit zwei hellgekleideten Damen, dann geht er an der Menschenschlange vorbei, zwängt sich durch das Gedränge zu Amma vor. Wird sie jetzt verhaftet? Oder soll sie bloss die Nummer eines Falschparkers durchgeben? Tausende sind gekommen, haben ihre Fahrzeuge vor der Winterthurer Eulachhalle und im nahen Wohnquartier abgestellt. Für Stunden oder gleich für mehrere Tage. Es rauscht und knackt aus dem Funkgerät des Polizisten. Er legt es auf den Boden – und sinkt gleich selber dahin, direkt vor Amma. Dann legt er seinen Kopf auf ihre Schulter, lässt sich umarmen. Amma flüstert ihm ins Ohr.

Nach einer halben Minute steht er auf, richtet seinen Gurt, schultert das Funkgerät und macht sich aus dem Saal. «Ich bin im Dienst. Darum konnte ich mich nicht hinten anstellen», entschuldigt er sich. Er habe von diesen Umarmungen gehört – und er habe einfach wissen wollen, wie das ist.

Mata Amritanandamayi Devi, kurz Amma (Mutter) genannt, besucht seit 20 Jahren die Schweiz. Genauer: Tausende besuchen die 56-jährige Inderin, wenn sie und ihre 160 Mitreisenden für drei Tage haltmachen. 20’000 Menschen pilgerten laut Veranstalter Mitte Oktober in die Halle in Winterthur. Es werden immer mehr. Vor zehn Jahren waren es noch wenige tausend. Die genaue Zahl kennt niemand, denn wer Amma umarmen will, muss keinen Eintritt zahlen – aber stundenlang warten.

Sie riecht leicht süsslich

Wie ist es, von Amma umarmt zu werden? Die kleine, rundliche Frau sitzt auf einem Holzstuhl. Sie lächelt, schaut einem in die Augen. Von Fremden umarmt zu werden kann ja unangenehm sein. Sekunden sind dann eine Ewigkeit. Bei Amma ist das anders: Man fühlt sich sofort geborgen, versinkt im weissen Tuch, das den weichen Körper verhüllt. Die Wangen berühren sich. Man drückt sich innig, kuschelt sich an ihre linke Brust. Amma riecht leicht süsslich, aber angenehm unparfümiert. Zu denken gibt es in diesem Moment nichts, zu sagen auch nicht. Sie murmelt mantraartige Sätze: «Amma Mamma, Mamma, Amma», glaube ich zu verstehen.

Nach einer halben Minute lösen wir uns, es warten noch Tausende. Wer Amma in die Augen schaut, dem zwinkert auch kurz jenes verschmitzte Mädchen zu, das bereits Anfang der sechziger Jahre seine Eltern zur Verzweiflung trieb, als es wildfremde Menschen zu umarmen begann. Zum Abschied drückt sie mir einen Apfel in die Hand. Ich fühle mich gut, finde locker einen Weg durch Hunderte von Menschen, die dicht gedrängt um Amma sitzen, meditieren, lächeln. Wir fühlen uns gut.

Das wird andauern, versichert der 46-jährige Reto, der Amma bereits zum dritten Mal besucht. «Dieser Energieschub hilft über Monate durchs Leben. Ich brauche mich bloss kurz an die Begegnung zu erinnern, dann ist er wieder da», sagt er. Was für eine Energie? «Die bedingungslose Liebe. Wer sie erfahren hat, kann sie auch weitergeben.» In ihrem Wohnzimmer haben Reto und seine Frau ein Foto von Amma aufgestellt. «So begleitet sie uns täglich. Und wir leben seither besser», sagt er. Viele schildern ihre Amma-Erfahrung so. Einzelne ganz anders. Nach langem Anstehen und kurzer Umarmung fragt ein Mittvierziger seine Frau: «Spürst du was?» Sie: «Nein.» Er: «Gut. Gehen wir.»

Ein buntes Volk füllt die Halle. Kinder spielen zwischen Eltern, die sich auf Matten ein Lager in Ammas Nähe errichtet haben. Der unauffällige Bürolist, die goaerfahrene Hippiefrau und die tamilische Familie, sie alle sind gekommen, um Ammas Darshan zu empfangen, wie Eingeweihte die Umarmung nennen.

Ich sitze neben Amma, die in Indien als Reinkarnation der göttlichen Mutter verehrt wird. Ich darf sie interviewen – während sie weiter umarmt. Was bloss fragt man eine Göttin?

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