Amtlich nicht bewilligt

© Beobachter; 20.03.2009

100 000 Menschen leben illegal in der Schweiz. Die meisten haben nie ein Asylgesuch gestellt. Der Schweizer Mittelstand lässt sie billig für sich arbeiten.

Peter Johannes Meier und Balz Ruchti

Maria wischt sich die Tränen weg. «Eigentlich bin ich eine starke Frau. Das muss ich sein.» Nur wenn die 37-jährige Südamerikanerin ihr Leben Revue passieren lässt, dann schmerzt das. Dass sie zum Beispiel die Einladung ihrer Eltern zur goldenen Hochzeit nicht annehmen konnte. Das Risiko war zu gross, dass sie danach nicht mehr in die Schweiz hätte einreisen können. Es wäre die letzte Gelegenheit gewesen, ihren Vater noch einmal zu sehen. Inzwischen ist er tot.

Maria Gomez (Name geändert) bezahlt einen hohen Preis für ein Leben in der Schweiz. Ein Leben, von dem niemand erfahren darf. «Da ist die ständige Angst, in eine Kontrolle zu geraten, von jemandem angezeigt zu werden. Jede Person, die ich neu kennenlerne, ist eine potentielle Gefahr.»

Maria Gomez hat den Kontakt zu anderen Menschen weitgehend abgebrochen, sie trifft sich nur mit einer Handvoll Bekannter. Das war nicht immer so. Sie hat studiert, in ihrem Heimatland und in der Schweiz. Während des Studiums arbeitete sie hier mehrere Jahre legal mit einer B-Bewilligung. «Es war anstrengend, aber ich hatte Freunde.»

«Ich bin hier gefangen»

Sie verliebte sich in einen Schweizer, doch die Beziehung scheiterte. «Ich wollte mich trennen, aber er liess nicht los. Das wurde so beengend, dass ich keinen anderen Weg mehr sah, als in mein Heimatland zurückzukehren.» Maria Gomez wusste, dass sie danach keine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz mehr erhalten würde. «Doch in meiner Heimat fühlte ich mich seelisch tot. Das Land, die Leute, die ganze Kultur waren mir fremd geworden. Nach all den Jahren wartete niemand auf mich.» Sie entschied sich, wieder in die Schweiz zu reisen. «Ich sah keine andere Perspektive, als mich hier durchzuschlagen.» Das macht sie mittlerweile seit fünf Jahren. Wohnen kann sie bei einer Kollegin, doch bereits ihre Nachbarn wissen nicht um ihre Situation. «Mein Leben ist darauf ausgerichtet, unsichtbar zu sein.»

1500 Franken verdient Maria Gomez monatlich als Haushaltshilfe. Ein karger Lohn für eine karge Existenz: kaum Ausgang, keine Krankenkasse, keine Unfallversicherung. Kein Leben, wie man es sich in der Schweiz vorstellt. «Alles hängt von einem Papier ab, das ich nicht habe. Sogar die Freunde. Ich bin hier gefangen. Und trotzdem fühle ich mich genau hier zu Hause.»

Verwechslung mit Asylsuchenden

Maria Gomez ist eine von rund 100000 Sans-Papiers, die sich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser halten. Allein im Kanton Zürich leben 20000. Das sagt eine 2005 im Auftrag des Bundesamts für Migration (BFM) veröffentlichte Studie. Andere kamen gar auf bis zu dreimal höhere Zahlen. Letztlich basieren sie alle auf Schätzungen und Hochrechnungen. Denn Sans-Papiers sind nirgends registriert. Die Mehrheit der Fachleute war sich einig, dass die Zahlen ansteigen werden. Was seither genau geschehen ist, weiss niemand. Die BFM-Studie wurde nicht fortgesetzt.

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