Jetzt wird abgewrackt

© Beobachter; 01.05.2009

Andy Fischli

Andy Fischli

Auch die Mehrheit der Schweizer will Geld vom Staat für neue Autos. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben. Gönnen wir uns also, was unsere Nachbarn schon glücklich macht. Auch unsere Autoindustrie darbt. Oder wann haben Sie zum letzten Mal einen Schweizer Wagen gekauft?

Doch der Neuwagen ist nur das Vorglühen einer gloriosen Zukunft. Die Abwrackprämie kann mehr. Deutsche Psychologen haben erkannt, wie sie im Hirn wirkt: Das Beutemodul wird aktiviert (die Angst, jemand könnte uns etwas wegschnappen), das Kontrollzentrum ausgeschaltet (die Frage des ökologischen Nutzens), das Belohnungssystem direkt angesprochen (Motoren und Moneten). Kurz: Wir fühlen uns gut. Und dass die Prämie vom Staat kommt, wird laut den Psychologen als besonders legitim empfunden. Anders gesagt: Wer für das Abrackern im Beruf nie eine anständige Abfindung erhalten wird, will sich wenigstens so trösten.

Wo man von Deutschen lernen kann, sollte man es tun. Abwrackprämien kurbeln die Wirtschaft an und machen uns glücklich. Wracken wir richtig ab!

Unsere Partner zum Beispiel: Ist er nicht knauserig geworden? Und sie will jeden Abend zu Hause bleiben. Das ist Gift für den Aufschwung! Wracken wir unseren Partner ab. Die Anschubfinanzierung für einen neuen investieren wir sogleich ins vernachlässigte Äussere, in grosszügige Tête-à-Têtes und durchtanzte Nächte. Dann in Verwöhn-Weekends in Hotels, in Rosen, Schmuck. Eine Abwrackprämie, von der gleich mehrere Branchen profitieren. Und eine nachhaltige: Zusätzliche Kinder werden gezeugt, die die staatliche Mehrverschuldung einmal abarbeiten werden.

Vorausgesetzt, die Bälger werden nicht jugendkriminell. Eine ganze Bewegung von Sozialarbeitern und Lehrern hat solches zu korrigieren versucht. Das war teuer und ist gescheitert. Zeit, sich der Alternative nicht mehr zu verschliessen: Wracken wir diese Jugendlichen ab. Live hard, die young! Mit einer kleinen Prämie werden sie vom eingeschlagenen Weg nicht abkommen. Sie muss ihnen bloss direkt ausbezahlt werden. Sonst investieren die Eltern die Prämie in Neuwagen, statt die Jugendlichen in Alkohol und Drogen.

Wo es Kinder hat, da gehören Hunde hin. Was die nur schon fressen! Das freut die Futtermittelindustrie. Es gäbe mehr Familienhunde, wäre da nicht diese elterliche Beissangst. Dummerweise schreibt das kürzlich erneuerte Hunderecht Benimmkurse nur den Neuhunden vor. Doch welcher Hund sagt einem schon ehrlich, wie alt er ist? Muss er auch nicht: Die Abwrackprämie für den Althund sorgt für wohlerzogene Fresser in der Familie.

Bereits haben einige Privatwirtschaftler den Reize der Abwrackprämie entdeckt. So bezahlte die Thurgauer Unterhosenfirma ISA Bodywear versuchsweise jedem Träger eine Abwrackprämie von drei Franken für das alte Teil. Es soll sich gelohnt haben.

Doch mit Unterhosen und Hundefutter ist noch kein neuer Staat zu machen. Und der alte kostet zu viel. Konsummüde Grosseltern kassieren Renten und verstopfen den öffentlichen Verkehr. Doch wer Neues schaffen will, muss sich vom Alten trennen können. Abwrackprämien kassieren oder Heimkosten bezahlen? Der Fall ist klar.

Manche werden die Schweiz 2.0 als wenig lebenswert empfinden. Kein Problem: Wir sind – Grützi! – ein Zuwandererland. Das erlaubt uns das wirtschaftlich unbedenkliche Selbstabwracken. Warum Vereinen wie Exit und Dignitas Geld geben, wenn man für die gleiche Leistung eine Prämie erhalten kann? Stimulieren wir das Beutemodul!

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