Monatsarchiv: Mai 2009

Jetzt wird abgewrackt

© Beobachter; 01.05.2009

Andy Fischli

Andy Fischli

Auch die Mehrheit der Schweizer will Geld vom Staat für neue Autos. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben. Gönnen wir uns also, was unsere Nachbarn schon glücklich macht. Auch unsere Autoindustrie darbt. Oder wann haben Sie zum letzten Mal einen Schweizer Wagen gekauft?

Doch der Neuwagen ist nur das Vorglühen einer gloriosen Zukunft. Die Abwrackprämie kann mehr. Deutsche Psychologen haben erkannt, wie sie im Hirn wirkt: Das Beutemodul wird aktiviert (die Angst, jemand könnte uns etwas wegschnappen), das Kontrollzentrum ausgeschaltet (die Frage des ökologischen Nutzens), das Belohnungssystem direkt angesprochen (Motoren und Moneten). Kurz: Wir fühlen uns gut. Und dass die Prämie vom Staat kommt, wird laut den Psychologen als besonders legitim empfunden. Anders gesagt: Wer für das Abrackern im Beruf nie eine anständige Abfindung erhalten wird, will sich wenigstens so trösten.

Wo man von Deutschen lernen kann, sollte man es tun. Abwrackprämien kurbeln die Wirtschaft an und machen uns glücklich. Wracken wir richtig ab!

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Die Buben sind die Dummen

© Beobachter; 01.05.2009

Die Idee war gut: Mädchen sollten in der Schule nicht mehr benachteiligt sein. Jetzt sind es die Knaben.

Balz Ruchti und Peter Johannes Meier

Der 15-jährige Gymnasiast sitzt ratlos vor Ölkreide und Papier. Bald sind die Quartalsarbeiten fällig, auch im Fach Gestalten: «Träum dich in dein Wolkenschloss! Bewohnst du es?» Das Papier bleibt leer. «So ein Scheiss», findet der blockierte Künstler. Weiterlesen

Amtlich nicht bewilligt

© Beobachter; 20.03.2009

100 000 Menschen leben illegal in der Schweiz. Die meisten haben nie ein Asylgesuch gestellt. Der Schweizer Mittelstand lässt sie billig für sich arbeiten.

Peter Johannes Meier und Balz Ruchti

Maria wischt sich die Tränen weg. «Eigentlich bin ich eine starke Frau. Das muss ich sein.» Nur wenn die 37-jährige Südamerikanerin ihr Leben Revue passieren lässt, dann schmerzt das. Dass sie zum Beispiel die Einladung ihrer Eltern zur goldenen Hochzeit nicht annehmen konnte. Das Risiko war zu gross, dass sie danach nicht mehr in die Schweiz hätte einreisen können. Es wäre die letzte Gelegenheit gewesen, ihren Vater noch einmal zu sehen. Inzwischen ist er tot.

Maria Gomez (Name geändert) bezahlt einen hohen Preis für ein Leben in der Schweiz. Ein Leben, von dem niemand erfahren darf. «Da ist die ständige Angst, in eine Kontrolle zu geraten, von jemandem angezeigt zu werden. Jede Person, die ich neu kennenlerne, ist eine potentielle Gefahr.»

Maria Gomez hat den Kontakt zu anderen Menschen weitgehend abgebrochen, sie trifft sich nur mit einer Handvoll Bekannter. Das war nicht immer so. Sie hat studiert, in ihrem Heimatland und in der Schweiz. Während des Studiums arbeitete sie hier mehrere Jahre legal mit einer B-Bewilligung. «Es war anstrengend, aber ich hatte Freunde.»

«Ich bin hier gefangen»

Sie verliebte sich in einen Schweizer, doch die Beziehung scheiterte. «Ich wollte mich trennen, aber er liess nicht los. Das wurde so beengend, dass ich keinen anderen Weg mehr sah, als in mein Heimatland zurückzukehren.» Maria Gomez wusste, dass sie danach keine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz mehr erhalten würde. «Doch in meiner Heimat fühlte ich mich seelisch tot. Das Land, die Leute, die ganze Kultur waren mir fremd geworden. Nach all den Jahren wartete niemand auf mich.» Sie entschied sich, wieder in die Schweiz zu reisen. «Ich sah keine andere Perspektive, als mich hier durchzuschlagen.» Das macht sie mittlerweile seit fünf Jahren. Wohnen kann sie bei einer Kollegin, doch bereits ihre Nachbarn wissen nicht um ihre Situation. «Mein Leben ist darauf ausgerichtet, unsichtbar zu sein.»

1500 Franken verdient Maria Gomez monatlich als Haushaltshilfe. Ein karger Lohn für eine karge Existenz: kaum Ausgang, keine Krankenkasse, keine Unfallversicherung. Kein Leben, wie man es sich in der Schweiz vorstellt. «Alles hängt von einem Papier ab, das ich nicht habe. Sogar die Freunde. Ich bin hier gefangen. Und trotzdem fühle ich mich genau hier zu Hause.»

Verwechslung mit Asylsuchenden

Maria Gomez ist eine von rund 100000 Sans-Papiers, die sich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser halten. Allein im Kanton Zürich leben 20000. Das sagt eine 2005 im Auftrag des Bundesamts für Migration (BFM) veröffentlichte Studie. Andere kamen gar auf bis zu dreimal höhere Zahlen. Letztlich basieren sie alle auf Schätzungen und Hochrechnungen. Denn Sans-Papiers sind nirgends registriert. Die Mehrheit der Fachleute war sich einig, dass die Zahlen ansteigen werden. Was seither genau geschehen ist, weiss niemand. Die BFM-Studie wurde nicht fortgesetzt.

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