Der Mann mit dem Filzstift

© Beobachter 2008

Wissenschaftler suchen eine mysteriöse Person, die seit 15 Jahren anonym Zürcher Plakatwände mit Bibelsprüchen versieht. Der Beobachter hat den Ex-Banker getroffen. Was will er uns sagen?

Peter Johannes Meier

Mehr als 300 Fotos haben die beiden Psychologen in sechs Jahren gesammelt. Bilder von Bibelsprüchen auf Baustellenabschrankungen und Werbeplakaten, stets die gleiche Schnürchenschrift, Davidsterne und Herzchen als i-Punkte. Akribisch haben die Mitarbeiter des Psychologischen Instituts der Uni Zürich die Botschaften analysiert. Für einen eindeutigen Befund reiche es indes nicht, resümierte die NZZ die Forschungsergebnisse. Immerhin erkennen die Wisssenschaftler ein zwanghaft wirkendes Schreiben, das eine Funktion für das psychische Gleichgewicht des Verfassers haben könnte. Neben Bibelzitaten werden oft Stellungnahmen von Staatsmännern und rechts stehenden Politikern erwähnt, etwa Christoph Blocher.

Bibelfester Botschafter: Leo Elsener sieht das Ende kommen.

Der Beobachter hat den bisher unbekannten Mann im Zürcher Unterland gefunden. Der 62-Jährige Leo Elsener empfängt in einem Bahnhof-Restaurant, in Anzug und Krawatte. Er freut sich über die Aufmerksamkeit, die seine Sätze erweckt haben. «Mein Auftrag ist damit erfüllt.» Welcher Auftrag? «Ich bin ein Botschafter der Endzeit. Und die ist jetzt angebrochen.» Die Börse schloss tiefrot an diesem Tag.

«DIE ZEICHEN SIND KLAR»

Doch Elsener, selber ehemaliger Banker, denkt nicht nur ans Ende der Gier. «Es geht um mehr. Es geht um die Apokalypse und die Wiederkehr des Erlösers.» Dass die Bank der falsche Ort für einen wie ihn war, erkannte er bereits Ende der sechziger Jahre. «Ich war da einfach reingerutscht.» Elsener engagierte sich für die global operierende, aber wenig erfolgreiche Gruppierung «Geschäftsmann und Christ». Später verbrachte er Jahrzehnte in der Freien Volksmission, die den amerikanischen Prediger und Heiler William Branham verehrt. Der hatte das «Ende aller weltlichen Systeme» und den «Beginn des Tausendjährigen Reiches» für 1977 prophezeit – und starb an Heiligabend 1965 bei einem Autounfall.

Jetzt soll es also wieder so weit sein. «Die Zeichen sind klar», diagnostiziert Zahlenmystiker Elsener und berechnet die Quersummen von wichtigen Daten. Auf Putin sei zu achten, der werde noch eine entscheidende Rolle spielen. Und warum die Davidsterne auf den i-Pünktchen? «Die Juden sind unsere älteren Brüder – mit ihnen teilen wir immerhin die halbe Bibel – aber auch unsere Hoffnung.» In Briefen an Staatsmänner auf der ganzen Welt setzt sich Elsener für das Wohl der Juden ein. Ein nicht ganz selbstloses Anliegen: Denn erst wenn sich «die älteren Brüder» zu Christus bekennen, soll laut Bibel der Erlöser wieder auf Erden erscheinen. Bis dahin können wohl noch einige Plakate beschrieben werden.

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