Monatsarchiv: November 2008

Die Millionen sind weg

© Beobachter 2008

Lohnt es sich, seine Bank zu verklagen? Ismail Ertekin hat es getan – und wurde prompt selber vor Gericht gezerrt.

Peter Johannes Meier

Für das Foto zu diesem Artikel wäre Ismail Ertekin gerne zum «Tatort» zurückgekehrt, in die Zürcher Filiale der US-Investmentbank Merrill Lynch. Doch der 49-Jährige hat Hausverbot. Mehr noch: Der ehemalige Unternehmer mit Pizza-Kette, Bar und Restaurant ist wegen versuchter Nötigung verurteilt. Was hat er getan?

Drei Millionen Franken aus Familienvermögen vertraute Ertekin zwischen Ende 2000 und Mai 2003 den Investmentbankern an. Diese machten aus drei Millionen eine. Zum Vergleich: In jenem Zeitraum verlor der Aktienindex Dow Jones mit 17 Prozent deutlich weniger. «Die Bank tätigte Geschäfte ohne meine Ermächtigung», sagt Ertekin. Unter anderem investierte sie in marode Firmen, bei denen sie als deren Bank selber ein finanzielles Interesse hatte. Deswegen haben Geschädigte in den USA eine Sammelklage eingereicht. Es geht aber um mehr: Ertekin sagt, er sei von der Bank über Verluste nicht rechtzeitig informiert worden. Ebensowenig sein Bruder, der sein Stellvertreter war, als Ertekin für mehrere Monate zum Meditieren nach Indien reiste. Und eine mündlich besprochene Stop-Loss-Vereinbarung, die die Verluste begrenzen sollte, sei nicht eingehalten worden.

Als Ertekin über die massiven Verluste ins Bild gesetzt worden war, riet ihm sein Bankberater, eine halbe Million Franken Kredit aufzunehmen, um die Einbussen schnell wieder zu kompensieren. Ertekin weigerte sich anfangs, liess sich aber dann überreden. Später stellte sich heraus, dass mit der halben Million bereits vor der Vertragsunterzeichnung spekuliert worden war. Merrill Lynch bestreitet die Vorwürfe. Der Kunde habe alle Transaktionen autorisiert und jeweils Bestätigungen per Post erhalten.

2005 reichte Ertekin Klage gegen Merrill Lynch ein. Zuvor hatte er vergeblich eine Aussprache mit den verantwortlichen Managern verlangt. Ende September 2005 schaffte er es, ins Büro des Geschäftsleiters zu gelangen, um dort gegen die Methoden der Bank zu protestieren. Er überreichte ihm ein Papier, in dem er drohte, an die Presse zu gehen, eine Demonstration zu organisieren und den Fall im Internet zu publizieren, falls ihm der Schaden nicht ersetzt werde. Zudem warf er dem Banker am Telefon vor, ein schönes Leben in einem grosszügigen Haus an der Goldküste zu führen – er dagegen stehe vor dem Ruin.

Nun muss das Bundesgericht klären

Der Banker informierte die Polizei – angeblich auch aus Angst um seine Kinder – und reichte Klage wegen Nötigung ein. Das Zürcher Bezirksgericht sprach Ertekin frei und attestierte dem Kläger Überängstlichkeit. Das Obergericht aber folgte dem Banker. Es verurteilte Ertekin wegen versuchter Nötigung zu einer bedingten Geldstrafe. Jetzt muss das Bundesgericht entscheiden, wie viele Emotionen jemandem zugebilligt werden müssen, der sich als Bankenopfer sieht. «Heute gehen selbst die Medien mit den Abzockern hart ins Gericht. Ich war wohl einfach etwas zu früh», so Ertekin. Um Ängste oder Drohungen sei es gar nie gegangen. «Die Bank will mich schlicht kriminalisieren. Wenn es vor Gericht dann um das Geld geht, wird es heissen: Der Mann ist ja ein Krimineller. Dem darf man nicht glauben.» Auf diesen Gerichtstermin wartet Ertekin bis heute.

Einen Vergleich hat er abgelehnt. «Es wäre um einen Betrag gegangen, der etwa dem entspricht, was ich allein für Anwalts- und Verfahrenskosten aufwerfen muss.» Insgesamt sollen es mittlerweile über 150’000 Franken sein. Bereut Ertekin die Klage? «Ich würde es wohl nicht mehr tun. Das geht nicht ohne unendlich viel Geduld und noch mehr Geld.» Er bedauert, dass Sammelklagen in der Schweiz nicht möglich sind.

Er meditiert immer noch regelmässig. «Ab und zu habe ich mehr Lust auf Kickboxen. Das geht aber nicht – Merrill Lynch würde das sofort als Drohung auslegen.»

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«Ich wusste, dass es so kommen würde»

© Beobachter 2008

Ein Investmentbanker packt aus: Die Banken brachten Controller und kritische Stimmen zu ihrer Bonipolitik zum Verstummen. Dass die Kreditblase platzen würde, war lange vor der Krise klar.

Peter Johannes Meier

Die letzten sechs Jahre habe ich meinen Kunden überhaupt nichts gebracht. Und ich wusste, dass es so kommen würde. Nicht genau wann, aber es musste so enden.» Investmentbanker Markus Peter (Name geändert) hat für Schweizer Grossbanken neue Produkte ausgetüftelt und Fonds für Privatanleger gemanagt. Jetzt überlegt er sich, der Branche den Rücken zu kehren.

Die fetten Jahre sind vorbei, die Zeche bezahlen andere. «Es sind wenige, die Millionen verdient haben, es geht aber um mehr. Viele haben intelligente Bücher und Berichte gelesen, die bereits 1999 den Zusammenbruch der US-amerikanischen Hypothekenbanken vorausgesagt haben. Und spätestens 2006, als die amerikanischen Immobilienpreise zu sinken begannen, war für mich klar, dass die Kreditblase platzen würde. Es stellt sich schon die Frage, warum man sich den Kopf zerbrochen hat, wenn das Geschäft dann doch mit Volldampf an die Wand gefahren wird.» Und die Antwort? «Wir haben keine Risikokultur mehr: Keiner traut sich, auf Gefahren hinzuweisen, weil er kurzfristige Gewinne gefährden könnte. Risiken richtig einzuschätzen ist aber das Kerngeschäft einer Bank.»

Interne Machtkämpfe

Peter erzählt ein Beispiel: «In einer Zürcher Privatbank hat ein Controller regelmässig versucht, die Händler zu bremsen, weil sie ihre Risikolimite überschritten. Sie investierten zum Beispiel 50 statt der vorgesehenen zehn Millionen in Derivatgeschäfte. Hier einzugreifen ist die vorgesehene Aufgabe eines Controllers. Doch was ist passiert? Der Händler, der drei bis sieben Prozent der Gewinne für sich einstreichen darf, beschwert sich bei seinem Chefhändler. Der wiederum massregelt den Chef-Controller. Im internen Machtkampf gewinnt der Chefhändler, weil er in der Vergangenheit ja viel Geld für die Bank verdient hat. Er kann zudem mit dem Abgang erfolgreicher Händler drohen, falls diese gezügelt werden. So wird der gesamte Controlling-Prozess ausgehebelt.»

Die Jasager sind am Ruder

Topbanker bereuen die Misere, einzelne wollen gar freiwillig Boni zurückbezahlen. Zugleich betonen sie aber, nach bestem Gewissen gehandelt zu haben. «Das ist angemessene Rhetorik, wenn Klagen gegen Topkader im Raum stehen», so Peter.

Jetzt werden neue Entschädigungsmodelle gefordert und von Banken auch angekündigt. Ob sie die Risikobereitschaft eindämmen werden, ist fraglich. Peter: «Es gibt zwei weitere grosse Probleme. Erstens haben in den vergangenen Jahren ausgesprochene Jasager Karriere gemacht. Sie garantierten, dass kurzfristiges Gewinndenken nicht ernsthaft in Frage gestellt wird, dass sich die Spirale weiterdreht. Hinzu kommt, dass der Bedarf an kompetenten Mitarbeitern nicht gedeckt werden konnte. Ich bin immer wieder Angestellten begegnet, die kaum einen Dreisatz beherrschen, geschweige denn eine Statistik seriös interpretieren können – und das in Zeiten, in denen immer komplexere Produkte auf den Markt geworfen wurden. Es ist keine Polemik, wenn behauptet wird, dass diese Leute nicht wussten, was sie verkauften. Zudem herrschte ein immenser Druck, mit neuen Produkten vorgegebene Umsätze zu erreichen. Entsprechend wurden die Kunden zum Kauf überredet.»

Jede Zeit braucht ihre Sündenböcke. Und die erwähnten Versäumnisse scheinen die Schuld der Auserwählten zu bestätigen. Für Peter greift das zu kurz. «Der Kollaps ist letztlich die Quittung für einen Lebensstil auf Pump. Den haben die Amerikaner in einem gesellschaftlichen und politischen Konsens ausgereizt. Es war US-Präsident Bill Clinton, der bereits 1998 die staatsnahen Hypothekarbanken angewiesen hatte, ihre Kreditstandards zu senken: Jeder sollte sich ein Haus leisten können, auch ohne eigenes Kapital. In den folgenden Jahren senkte der Staat die Zinsen, die Geldschleusen wurden aufgemacht.»

Doch nicht nur in den USA sind Kredite ohne Sicherheiten vergeben worden. «In England haben Hauskäufer mitunter mehr Kredit erhalten, als ihr Haus kostete. Man ging einfach von unendlich steigenden Immobilienpreisen aus. Hier stellt sich die Frage nach dem gesunden Menschenverstand der Kunden. Der sollte nie an die Banken delegiert werden.»