Monatsarchiv: März 2008

Verdacht auf Waffenschieberei

Die Bundesanwaltschaft lässt gegen einen Schweizer Geschäftsmann ermitteln
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Peter Johannes Meier und Alexander Bühler

Zürich Der Schweizer Waffenhändler Marius Joray steht im Verdacht, Tausende Kleinwaffen und grosse Mengen Munition illegal von Bosnien in den Irak verschoben zu haben. Die Bundesanwaltschaft ist in dem Fall aktiv geworden. «Wir haben die Bundeskriminalpolizei mit Vorermittlungen beauftragt», sagt Peter Lehmann, Mediensprecher der Bundesanwaltschaft.

Recherchen der SonntagsZeitung zeigen, dass vom Schweizer Händler vermittelte Ware mit Hilfe des serbischen Waffenschiebers Tomislav Damnjanovic in den Irak transportiert wurde. So am 11. Mai 2005, als ein Transportflugzeug, tonnenschwer mit Munition beladen, von Tuzla in Bosnien nach Bagdad unterwegs war. Die russische Frachtmaschine gehörte der Kosmas Air, die Damnjanovic bis 2006 leitete.

Marius Joray führt im Kanton Baselland ein unscheinbares Waffengeschäft. Der Verdacht: Mit Hilfe von Bewilligungen für Waffenimporte in die Schweiz, die er vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erhalten hatte, lieferte er 2004 und 2005 Kleinwaffen und Muniton direkt an die irakische Regierung. Joray weist den Vorwurf zurück: «Ich habe nie etwas an den Irak verkauft.» Dagegen bestätigt er, Munition und Waffen legal aus Bosnien in die Schweiz importiert zu haben. Über Art und Mengen wollte er keine Angaben machen.

Dokumente, die der SonntagsZeitung vorliegen, erwähnen explizit das irakische Verteidigungsministerium als Empfänger von Munition und Waffen. So könnte sich das Geschäft abgespielt haben: Joray benutzte die Importbewilligungen vom Seco, um in Bosnien eine Exportbewilligung zu erhalten. Nachdem Waffen und Munition einmal in seinem Besitz waren, gelangten sie mit Hilfe von Damnjanovic nach Bagdad.

Bosnien fordert die Schweiz zur Zusammenarbeit auf

Nachdem Amnesty International 2006 erstmals undurchsichtige Geschäfte von Joray erwähnt hatte, behauptete dieser, nicht alle Seco-Bewilligungen gebraucht zu haben. Darum sei die entsprechende Ware auch nicht in die Schweiz gelangt. Nicht eingelöste Bewilligungen auf seinen Namen könnten laut Joray von Drittfirmen missbraucht worden sein.

Beobachter der Waffengeschäfte sehen darin eine Schutzbehauptung und fordern die Schweiz auf, die Geschäfte unter die Lupe zu nehmen. «Solange die Vorgänge nicht seriös untersucht werden, sind illegale Waffengeschäfte, wie die von Joray, weiterhin möglich», warnt Hugh Griffiths von der Seesac, die im Auftrag der Uno illegale Waffengeschäfte auf dem Balkan bekämpft.

Und Peter Korneck, Internationaler Staatsanwalt in Bosnien, fordert die Schweizer Behörden zu einer Zusammenarbeit auf.

Von den Vorwürfen gegen Joray weiss das Seco seit über einem Jahr. «Über den Sachverhalt haben wir die Bundesanwaltschaft in Kenntnis gesetzt», sagt Seco-Sprecherin Antje Baertschi. Ob das Seco Joray weitere Importbewilligungen erteilt hat, sagt sie nicht.

BA-Sprecher Peter Lehmann verweist auf die Schwierigkeiten bei internationalen Fällen. «Wir sind auf Informationen aus Drittstaaten angewiesen.» Erschwerend dürfte ein weiterer Umstand sein: Waffenverkäufe an die irakische Regierung sind vom amerikanischen US Special Operations Command (Socom) unterstützt und gedeckt worden. Das Socom ist unter anderem für verdeckte Aktionen im «Krieg gegen den Terror» zuständig. Ein Geschäft, in dem sich laut Seesac besonders skrupellose Waffenhändler bereichern konnten: Damnjanovic soll nach seinem Engagement für die irakische Regierung Waffentransporte für Islamisten in Somalia organisiert haben.

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