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Im Namen Allahs

18. November 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter 2009


Die Schweiz debattiert derzeit über Minarette. Doch Muslime haben ganz andere Probleme: Ihre Imame sind schlecht ausgebildet – und in Moscheen wird Politik gemacht.

Peter Johannes Meier, Gian Signorell, Balz Ruchti, Sid Ahmed Hammouche

«Journalisten sind wie Füchse. Ich mag sie nicht», sagt Mustafa Karahan. «Sie schleichen sich rein und stellen freundliche Fragen. Dann aber steht etwas völlig anderes in der Zeitung.» Darum ist der Mediensprecher des Türkischen Kulturellen Kreises in Wangen bei Olten an diesem Freitagnachmittag strikt. Ohne Termin geht gar nichts. Und die Fragen braucht er vorher schriftlich. «Bitte haben Sie Verständnis», sagt Karahan und kommt noch bis zum Ausgang mit.

Die Nerven liegen blank in der schlagzeilenträchtigen Moschee in Wangen. Das Objekt der Kontroverse steht seit Januar auf dem Dach: ein weisses, mit goldenen Kanten verziertes Minarett. Für seine Errichtung stritten die Wangner Muslime bis vor Bundesgericht und wurden damit, wohl unfreiwillig, zu einem Auslöser der Minarett-Initiative.

Vergangenen Juni dann der nächste Eklat. Der Integrationsbeauftragte des Kantons Solothurn, Albert Weibel, sagte seine Teilnahme an der Einweihungsfeier des Minaretts ab. Er störte sich an einer Fahne. Sie weht auch heute auf dem Dach des Zentrums. Die Fahne zeigt einen heulenden Wolf. Für Kritiker ein Zeichen der Zugehörigkeit zur türkischen Organisation der «Grauen Wölfe», einer rechtsextremistischen Gruppierung.

Karahan distanziert sich ausdrücklich: «Mit denen haben wir nichts zu schaffen.» Für die Wangner Moschee sei der Wolf bloss ein Symbol aus der türkischen Geschichte. Türkentum wird in der Moschee hochgehalten. Zur Einweihung des Minaretts im Juni formulierte Karahan auch seine Ideen von Integration. Man müsse die eigene Kultur kennen und die schweizerische respektieren. Alles andere sei Assimilation.

FAST DOPPELT SO HOHE GEBURTENRATE

Der Islam hat sich in den vergangenen 40 Jahren zur stärksten nichtchristlichen Religionsgemeinschaft in der Schweiz entwickelt. Waren es 1970 noch 16′300 Muslime, registrierte die Volkszählung im Jahr 2000 knapp 311′000, damals 4,3 Prozent der Bevölkerung. Inzwischen dürfte ihre Zahl, so schätzen Experten, auf über 400′000 angewachsen sein. Der Trend wird anhalten: Die muslimische Bevölkerung in der Schweiz ist jünger als die übrige Gesellschaft, und die Geburtenrate ist bei muslimischen Frauen fast doppelt so hoch.

Wer sind die Muslime in der Schweiz? «Sie bilden keine geschlossene Gemeinschaft, sondern organisieren sich nach den gesprochenen Sprachen», sagt der Luzerner Religionsforscher Samuel M. Behloul. Mehr als die Hälfte der Muslime stammt aus den Ländern Ex-Jugoslawiens, rund jeder fünfte Muslim aus der Türkei. Eine kleine Minderheit wanderte aus Schwarzafrika, Asien oder den Maghreb-Staaten ein.

Eine von ihnen ist Chaira Belghaba. Die modisch gekleidete Frau sitzt auf der Terrasse eines Cafés und spielt mit dem bunten Sonnenschirmchen in ihrem Glas. Die Swarovski-Steine auf ihrem Handy glitzern in der Nachmittagssonne. Belghaba ist in Algerien aufgewachsen. Ihre Eltern kamen als Asylbewerber in die Schweiz, sie heiratete einen Schweizer. Abends betet sie ab und zu, und sie glaubt, dass es einen Gott gibt. Mit dem Islam aber, wie er in den Moscheen gelehrt wird, hat sie nichts am Hut. «Ich habe diese Art von Glauben verloren, als in meiner alten Heimat im Namen des Islams Bomben explodierten und Menschen umgebracht wurden», sagt sie lakonisch. Trotzdem: «Ja, klar bin ich eine Muslimin.» Wenn sie ihre Eltern besucht, die inzwischen wieder in Algerien wohnen, werfen ihr die Leute auf dem Land ihren westlichen Lebensstil vor. Sie befolge nicht die Vorschriften des Islams, und Nachbarn meinten, mit ihrer Lebensweise drohe ihr nach dem Tod die Hölle. «Die können mir ja schon mal das Ticket dahin besorgen», sagt Belghaba lächelnd und zwirbelt das bunte Sonnenschirmchen zwischen den Fingern.

Solche Sätze würde Soner Gerçek nie in den Mund nehmen. Der junge Türke aus dem thurgauischen Bürglen ist ein eifriger Moscheegänger, lebt streng nach den fünf Säulen des Islams. Er bekennt sich zu Allah als alleinigem Gott, betet fünfmal am Tag, fastet während des Ramadans und hat vor, einmal nach Mekka zu pilgern. Von der Zakat, der islamischen Armensteuer, ist er noch befreit, weil diese erst ab einem bestimmten Einkommen fällig wird. Gerçek trinkt keinen Alkohol, leiht Geld nicht gegen Zinsen aus, befürwortet das Verbot von vorehelichen Beziehungen. Für ihn ist dieser streng islamische Lebensstil der beste Garant, um sich in die Mehrheitsgesellschaft einzufügen: «Braucht ein Mensch, der diese Pflichten befolgt, sich noch weiter zu integrieren? Ein solcher Mensch stört doch niemanden, und niemand wird sich von ihm belästigt fühlen.»

DIE ZENTRALE ROLLE DER IMAME

Wenige Kilometer von der Milli-Görüs-Moschee entfernt, immer noch in Bürglen, liegt etwas versteckt in einem ehemaligen Fabrikgebäude eine weitere türkische Moschee. Sie gehört dem türkisch-islamischen Kulturverein. Die Stimmung ist lockerer als in der Milli-Görüs-Moschee. Im Gemeinschaftsraum trinken Männer Tee und rauchen. Auf dem Grossbildschirm läuft ein Fussballspiel der türkischen Süper Lig. Wie in den meisten Moscheen hängt am Eingang eine grosse Tafel mit Namen und Geldbeträgen, von 10 bis 200 Franken. Die Tafel weist aus, wie viel jedes Mitglied pro Monat bezahlt hat. Im Gebetsraum, einer mit Teppichen ausgelegten Fabrikhalle, trennt ein Faltvorhang die Abteilung für die Frauen ab. So werden sie von den Männern nicht gesehen, hören aber, was der Imam predigt.

Anders als die Milli-Görüs-Moscheen arbeiten die türkisch-islamischen Kulturvereine mit dem staatlichen Präsidium für Religionsangelegenheiten in der Türkei zusammen. Die 1924 von Mustafa Kemal Atatürk gegründete Institution kontrolliert die Imame und deren Ausbildung. Im Ausland sollen die Imame auch dafür sorgen, dass die türkische Diaspora ihre Loyalität zum Heimatland nicht verliert. In kleinere Moscheen werden staatliche Imame für ein Jahr entsandt, in grösseren können sie bis zu fünf Jahre bleiben. Doch auch in der Moschee des Kulturvereins wird geklagt. Die Mitglieder haben einen Imam beantragt. Ohne Erfolg. Zurzeit sei kein Vorbeter abkömmlich, wurde ihnen beschieden.

Imame sind für die gläubigen Muslime zentrale Bezugspersonen. Sie beraten ihre Schutzbefohlenen in allen Lebensbereichen. Sie beantworten religiöse Fragen, sind aber auch erste Anlaufstelle bei Mietstreitigkeiten, Schwierigkeiten mit Ämtern und Behörden und bei Beziehungs- und Erziehungsproblemen.

Auch der junge Tunesier Jamal sucht Rat, nämlich beim Imam der Mahmud-Moschee an der Forchstrasse in Zürich. Sie wird vor allem von arabischsprechenden Muslimen besucht. Jamal hat sich verliebt. Darf er mit dieser Frau eine Beziehung beginnen? «Das muss der Imam entscheiden. Ohne seine Erlaubnis ist es nicht möglich», sagt Jamal.

ODESSTRAFE UND GEWALT

Die Bedeutung des Imams in der muslimischen Gemeinde kann kaum überschätzt werden. Umso erschrockener war der österreichische Soziologe Mouhanad Khorchide, als er die Fragebögen seiner Untersuchung auszuwerten begann. Khorchide ist selber Muslim, predigte in Wien als Imam und galt bei den Oberen der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich als Hoffnungsträger. Er interessierte sich für die Einstellungen von muslimischen Religionslehrern in seinem Land. «Die Ergebnisse sind katastrophal», sagte Khorchide in einem Interview.

Gemäss seiner Untersuchung hält rund ein Fünftel der Befragten Demokratie und Islam für unvereinbar, fast jeder Fünfte (18,2 Prozent) erachtet die Todesstrafe als eine gerechte Sühne für den Abfall vom Islam. Jeder Dritte (32,7 Prozent) lehnt rechtsstaatliche Prinzipien ab, und immerhin noch jeder Elfte (8,5 Prozent) äusserte Verständnis dafür, wenn zur Verbreitung des Islams Gewalt angewandt wird.

«NIE EINE EXTREMISTISCHE PREDIGT GEHÖRT»

Ähnlich unbequem sind die Ergebnisse einer Studie, die das deutsche Bundesinnenministerium vor zwei Jahren publik machte. Befragt wurden insgesamt 1750 Muslime. Über 44 Prozent äusserten die Überzeugung, dass Muslime ins Paradies kommen, wenn sie im bewaffneten Kampf für den Glauben sterben. Immerhin 14 Prozent der Befragten, von denen knapp 40 Prozent einen deutschen Pass hatten, stünden mit der Rechtsstaatlichkeit auf Kriegsfuss und zeigten eine problematische Distanz zur Demokratie. Die Studie ordnet 40 Prozent der in Deutschland lebenden Muslime als fundamental orientiert ein.

Für die Imame in der Schweiz legt Hisham Maizar die Hand ins Feuer. «Ich kenne hier jeden Imam. Es gibt keine Fundamentalisten unter ihnen», sagt der Präsident der Föderation islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (Fids), zu der mehr als 150 islamische Zentren gehören. Hinweisen auf tendenziöse Äusserungen würde er als Fids-Präsident sofort nachgehen. «Ich wäre der Erste, der sich im Fall des Auftauchens von Hasspredigern oder Fundamentalisten unter den Imamen schützend vor die islamische Gemeinschaft stellen würde.»

Auch der Luzerner Religionsforscher Samuel M. Behloul betont, dass er bei seinen zahlreichen Moscheebesuchen nie eine extremistische Predigt gehört hat. Bloss: Wann ist eine theologische Lehrmeinung extrem: erst wenn sie zum Kampf gegen die Ungläubigen aufruft? Oder schon, wenn sie das Selbstbestimmungsrecht des Menschen bezweifelt, die Gleichwertigkeit von Mann und Frau bestreitet und die Einführung der Scharia als eigentlich wünschenswert bezeichnet?

Die Genfer Buchautorin Mireille Vallette neigt zur zweiten Ansicht. Für ihr Buch «Islamophobie oder legitimes Misstrauen?» analysierte die Frauenrechtlerin, wie sich führende, vor allem Westschweizer Islamvertreter und Imame öffentlich äusserten – zu umstrittenen Fragen wie dem Tragen eines Kopftuchs, dem Austritt aus dem Islam oder der Meinungsfreiheit. «Ich habe keinen Fürsprecher eines modernen Islams gefunden», sagt Vallette. Zum gleichen Befund kommt die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI), Saïda Keller-Messahli: «In orthodoxen Kreisen sind jene, die sich glaubhaft zu Demokratie und Menschenrechten bekennen, eine klare Minderheit.» In den Moscheen wehe noch der Geist des 7. Jahrhunderts.

FÜRBITTEN FÜR KÄMPFENDE BRÜDER

Für den Geist in den Moscheen interessierte sich auch das Eidgenössische Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Die Bundesbeamten beauftragten vor einiger Zeit Schweizer Religionsforscher mit einer Studie, in der die Einstellungen der hiesigen Imame erforscht werden sollten. Ausserdem sollten das Rekrutierungspotential und mögliche Schweizer Ableger der Muslimbruderschaft untersucht werden, einer der einflussreichsten islamisch-fundamentalistischen Bewegungen im Nahen Osten. Zu welchem Ergebnis kam die Studie? Das ist bis heute geheim. «Sie wurde gemäss den Bestimmungen für sensible Informationen klassifiziert», erklärt Sebastian Hueber, stellvertretender Chef Kommunikation VBS.

Der Gebetsraum ist zum Bersten voll an diesem Freitagnachmittag im islamischen Zentrum an der Rue de lIndustrie in Freiburg. Es ist das Ende des Ramadans, ein für Muslime besonders wichtiger Tag. «Allahu akbar»: Allah ist am grössten, es gibt nichts Grösseres als Allah. Der Imam intoniert das rituelle, arabische Gebet. Die gute Hundertschaft Gläubige kniet nieder und berührt mit der Stirn den Boden. Nach dem Gebet folgt die Freitagspredigt. «Seid fromm, folgt den Vorschriften Allahs, trinkt keinen Alkohol, bleibt den Frauen fern», beschwört der Vorbeter seine Gemeinde. Dann folgen Fürbitten für «die kämpfenden Brüder in Tschetschenien, in Afghanistan, im Irak und in Palästina», und «möge Allah die Feinde des Islams bestrafen». Der junge Imam übernimmt seine Rolle ehrenamtlich, wie er später im Gespräch mitteilt. Er ist in Libyen aufgewachsen, wohnt seit mehreren Jahren im Kanton Freiburg als Asylbewerber und lebt von der Sozialhilfe.

Ganz anders präsentiert sich die Situation an der Zürcher Rötelstrasse. Hier predigt Emad Abdalla, ein Neuankömmling. Seit gerade mal zwei Monaten ist er in der Schweiz. «Ich dachte, ich würde in eine ruhige Gemeinde kommen, und stelle fest, es ist hier wie ein Vulkan.» Abdalla spielt auf die Minarett-Initiative an. «Aber wir werden nicht explodieren. Der Entscheid des Volkes gilt.» Eben hat er in der Freitagspredigt die rund 300 vorwiegend aus dem Maghreb stammenden Gläubigen zur Solidarität und Einheit aufgerufen. Aufgewachsen ist er in Ägypten, erzählt der Imam, während er barfuss über den grünen Teppich des Gebetsraums zu seinem Büro geht. Er kennt den Islam, hat an der Al-Azhar-Universität in Kairo studiert. Diese gilt in der islamischen Welt als eine der angesehensten Bildungsinstitutionen und ist die zweitälteste noch aktive Universität der Welt. Ein Jahr insgesamt wird Abdalla in Zürich predigen. Er verstehe noch nicht alles von den hiesigen Gegebenheiten, gibt er offen zu. «Ich brauche noch Zeit, um mich zu integrieren.»

Das scheint einer seiner Vorgänger, der Imam Youssef Ibram, in mehr als zehn Jahren nicht geschafft zu haben. Der Marokkaner musste 2004 seinen Posten in Zürich räumen, nachdem er in einem Interview zur Frage der Steinigung gesagt hatte: «Ich kann nicht dagegen sein, diese Strafe ist Teil des islamischen Rechts.»

Ibram sitzt jetzt als Vertreter der Schweiz im European Council for Fatwa and Research (sinngemäss etwa: Europäischer Rat für Fatwas und Forschung). Der Rat betrachtet die Scharia als verpflichtend für alle Muslime und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Fatwas (islamische Rechtsgutachten) für die muslimische Bevölkerung Europas zu erlassen, die mit den lokalen Gegebenheiten vereinbar sind. Fatwa Nr. 6 schreibt den Frauen das Kopftuch vor, Fatwa Nr. 17 verbietet strikt die Heirat einer Muslimin mit einem Nichtmuslim, Fatwa Nr. 38 verbietet den Mädchen das Velofahren, falls das Risiko dabei gross ist, dass das Jungfernhäutchen reisst.

ZWISCHENFALL AUF DEM SCHULHAUSPLATZ

Nach seinem Abgang in Zürich amtete Ibram bis November 2008 als Imam an der Moschee im Genfer Stadtteil Petit-Saconnex. Dieser angegliedert ist auch eine Schule, an der 900 Kinder und Jugendliche in Arabisch, islamischer Bildung und Auslegung des Korans unterrichtet werden. 2007 wurden vier als moderat bekannte Kadermitglieder der Moschee unerwartet entlassen, darunter der langjährige Pressesprecher Hafid Quardiri. Quardiri macht Ibram und die saudische Gesandtschaft in Genf für die Säuberungsaktion verantwortlich. Für diese Leute, sagte er kürzlich, bewege er sich «am Rande des Islams», ja sei «beinahe ein Ungläubiger».

Im Jahr nach den Entlassungen weigerte sich die Moschee entgegen der Tradition, einen Tag der Ökumene durchzuführen. Der Besuch einer Genfer Maturitätsklasse war ebenfalls nicht willkommen.

Im vergangenen April kam es zu einem Zwischenfall mit Schülerinnen einer benachbarten Schule: Nach dem Freitagsgebet nahm eine Gruppe Moscheebesucher eine Abkürzung über den Sportplatz, wo die Mädchen gerade Turnunterricht hatten. Die Männer warfen aufgestellte Markierungen um und beschimpften die Schülerinnen als «Drecksweisse» und als «schamlos», weil sie sich «während der Gebetsstunde» in ihren Turntenüs sportlich betätigten.

Die Frage stellt sich, ob Moscheen die Integration der Muslime in unsere Gesellschaft fördern oder erschweren. «Die Integration findet in erster Linie über den Arbeitsplatz und die Sprache statt», sagt Religionssoziologe Behloul. Man könne nicht von den Einwanderern verlangen, dass sie ihre Heimatkultur verleugnen und sich zu 100 Prozent an die hiesige Gesellschaft anpassten. «Und bedenken Sie», schiebt er nach, «es finden jeden Monat überall in der Schweiz Hunderte von Dialogveranstaltungen statt, über die die Medien nie berichten.»

Doch nicht allen muslimischen Einwanderergruppen gelingt die Integration gleich gut. Das spiegelt sich auch in den Moscheen und Gebetszentren. «Für türkisch oder arabisch geprägte Zentren ist die Kluft zur hiesigen Gesellschaft grösser als für die bosnischen und albanischen», erklärt der Luzerner Islamwissenschaftler Andreas Tunger. Muslime aus Ex-Jugoslawien stammen aus einem europäischen Umfeld. Geprägt durch die Erfahrungen des kommunistischen Staates, sind sie es gewohnt, sich selber zu organisieren. Der überwiegende Teil sieht seine Zukunft in der Schweiz, eine Rückkehr in ihre Herkunftsländer ist kaum eine Option. «Entsprechend gross ist ihre Loyalität zur Schweiz und zu den hiesigen Sitten und Gebräuchen», so Tunger.

Anders sieht es bei den Türken aus. Ihre Moscheen in der Diaspora stehen oft auch für eine politische Haltung gegenüber dem Heimatland. Vor allem geht es um die Einstellung zum säkularen türkischen Staat. In der 3000-Seelen-Gemeinde Bürglen etwa ist es die Moschee des gemässigten türkisch-islamischen Kulturvereins, die mit der konservativ-islamischen Moschee der Milli-Görüs-Bewegung (die nationale Sicht) konkurriert. Letztere wird in Deutschland von mehreren Bundesländern und von Sozialwissenschaftlern als antisemitisch und islamistisch kritisiert. Gegen den deutschen Generalsekretär der Bewegung und weitere Funktionäre ermittelt die Staatsanwaltschaft München seit diesem Frühling wegen Verdachts auf Bildung einer kriminellen Vereinigung. Dass über die Gotteshäuser Politik im Herkunftsland betrieben wird, schreckt viele in der Schweiz aufgewachsene Muslime ab. Neue islamische Bewegungen werben darum vermehrt ausserhalb der Moscheen um Gläubige (Das Netz der Konservativen).

IMAME NUR NOCH MIT STAATLICHER BEWILLIGUNG

Schweizer Politiker und Behörden haben den starken Einfluss der Imame auf die Gläubigen erkannt. Seit Anfang 2008 müssen darum alle religiösen Betreuungspersonen – dazu gehören auch die Imame – nachweisen, dass sie über eine entsprechende Ausbildung verfügen, eine Schweizer Landessprache sprechen und mit dem gesellschaftlichen und rechtlichen Wertesystem in der Schweiz vertraut sind. Acht Imamen ist seither die entsprechende Bewilligung erteilt worden, drei Gesuche wurden abgelehnt.

Einen Schritt weiter geht der Kanton St. Gallen. Hier müssen religiöse Lehrkräfte aus Nicht-EU- und Nicht-Efta-Staaten eine Integrationsvereinbarung unterzeichnen, wonach sie sich in einer Landessprache sowie in Staatsbürgerkunde weiterzubilden haben. Spätestens im dritten Jahr müssen die Imame ein Nachdiplomstudium an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) besuchen. «Imame, die sich gegen die berufsspezifische Ausbildung sträuben, müssen die Schweiz verlassen», sagt Bruno Zanga, Leiter des St. Galler Ausländeramts.

Mit dem Nachdiplomstudium «Religiöse Begleitung im interkulturellen Kontext» schlägt die ZHAW einen neuen Weg ein. Die Projektleitung liegt in den Händen von Christiane Hohenstein. Ist sie die richtige Person für diese Aufgabe? Zweifel sind erlaubt. Eine erste Medienanfrage nach der Zahl der eingeschriebenen Studierenden beantwortet Hohenstein, die sich gemäss ihrem Curriculum nie wissenschaftlich mit dem Islam befasst hat, gar nicht. Als der Beobachter nach einer Woche nachhakt, lässt die deutsche Professorin, zuständig für interkulturelle Kompetenz, wissen: «Ich irre mich nicht, wenn ich davon ausgehe, dass ich Ihnen nichts schuldig bin? Ich habe Aufgaben in der Forschung, Lehre, Weiterbildung und Verwaltung, die mir keine Zeit lassen, mich mit jeder journalistischen Anfrage detailliert auseinanderzusetzen.»

DIE AUSBILDUNG FUNKTIONIERT NOCH NICHT

Der eingeschlagene Weg, Imame und islamische Religionslehrpersonen in der Schweiz auszubilden, scheint einem Bedürfnis zumindest eines Teils der muslimischen Bevölkerung zu entsprechen. Im Juli publizierten Forscher der Universität Zürich eine Studie, gemäss der eine Mehrheit der befragten Muslime und islamischen Institutionen dies begrüssten. Sie versprechen sich davon eine integrationsfördernde Wirkung. Repräsentativ ist die Studie nicht: «Sie kann es nicht sein, denn wir befinden uns auf Neuland. Das darin vorhandene Spektrum von Meinungen haben wir nun allerdings erkundet und gewissermassen kartiert», sagt Andreas Tunger vom Forschungsteam.

In der Praxis funktioniert die Ausbildung der Imame noch nicht. In Basel musste ein Projekt für einen Lehrstuhl für «islamische Theologie» an der Universität auf Eis gelegt werden. Potentielle Geldgeber, darunter das Ministerium für islamische Wohlfahrt in Kuwait, beanspruchten ein Mitbestimmungsrecht bei der Wahl der Lehrpersonen, die Uni erachtete aber nur eine beratende Rolle als mit ihrer Unabhängigkeit vereinbar. An der Universität Freiburg sollte im September in französischer Sprache ein Nachdiplomstudium «Islam, Muslime und Zivilgesellschaft» starten. Das Bildungsangebot interessierte nur gerade drei Imame. Der auf 23 Tage angelegte Kurs musste auf sechs Tage reduziert werden. Den ZHAW-Kurs in Winterthur besuchen acht Personen, wobei nicht alle einen islamischen Hintergrund haben.

PREDIGEN NUR IN DER LANDESSPRACHE

Ungenügend ausgebildete Imame und Moscheen, aus denen politisiert wird: Für den Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze wäre das vermeidbar. Neben der Ausbildung von Imamen an Schweizer Hochschulen verlangt er «offene Moscheen» von den Betreibern der Gotteshäuser. «Predigten sollten vorrangig in einer unserer Landessprachen, allenfalls in Englisch, abgehalten werden. Und jeder Bürger – auch Nichtmuslime – sollte Gottesdienste besuchen können», fordert Schulze. So werde wirksam verhindert, dass problematische Prediger Moscheen als Plattform benutzten. «Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn Moscheen als öffentlich-rechtliche Institutionen, zum Beispiel als Stiftungen, betrieben werden», so Schulze. Dadurch würden sie einer minimalen staatlichen Aufsicht unterstellt.

Im luzernischen Emmenbrücke steht die Moschee des Vereins der Islamischen Gemeinschaft Luzern. Es ist nach Genf die zweitgrösste im Land. Weitgehend in Fronarbeit haben die örtlichen bosnischen Muslime das Innere des ehemaligen Kinos an der Emmenweidstrasse in ein repräsentatives islamisches Gotteshaus umgebaut. Der Gebetsraum mit dem roten Teppich und den feingemusterten, prächtig blauen Fayencen an der Wand belegt nur rund einen Fünftel der Gebäudefläche. Der Rest des Zentrums beherbergt einen Saal für Veranstaltungen, einen Jugendraum, Büros, eine Bibliothek mit Computerstationen und ein Restaurant. Dieses steht allen offen. Eine Moschee nicht genau nach Schulzes Konzept, aber sicher in seinem Sinn.

«Kommen Sie zum Mittagessen», sagt am Telefon ohne Umschweife Vehbija Efendic, der Vereinspräsident. Es gibt Kartoffelgratin, Ratatouille und Pouletschenkel an einer Béchamelsauce. Eine bosnische Spezialität? Efendic lacht. «Der Koch hat 18 Jahre für die Kantine im Coop gearbeitet.» Efendic selber lebt seit über 30 Jahren in der Schweiz.

«UNSERE SOLIDARITÄT GEHÖRT DER SCHWEIZ»

Das lockere Tischgespräch dreht sich um die Minarett-Initiative, um die Situation der Muslime in der Schweiz, die Lage in Bosnien. Die Unterhaltung überrascht. Erwartet man solche Worte von einem Imam? «Die Situation in Bosnien braucht uns nicht zu kümmern. Wir müssen unser Leben hier gestalten. Unsere Solidarität gehört der Schweiz. Das steht so im Koran.» Und: «Der Muslim muss seine Nachbarn besser respektieren als seine Brüder.» Auch das stehe so im Koran. Efendic redet mit natürlicher Überzeugungskraft, anschaulich, in plastischen Vergleichen. Braucht die Moschee ein Minarett? «Das Minarett ist wie der Stern bei einem Mercedes: Der Wagen fährt auch ohne sehr gut.» Da wird Efendic sogar heftig. Eine halbe Million Franken für ein Minarett zu sammeln sei kein Problem, empört er sich, aber die 120′000 Franken für die Bibliothek habe er förmlich zusammenkratzen müssen. «Nicht die Symbole sind wichtig, sondern der Inhalt.»

Und in der Vertrautheit, die solche Sätze hat entstehen lassen, klingen diese folgenden dann umso verstörender: die Scharia? Wenn ein Dieb wisse, dass ihm die Hand abgehackt werde, überlege er sich zweimal, ob er stehlen wolle. Und ja, die Frau müsse ein Kopftuch tragen. Und ja, eine Muslimin dürfe keinen Christen heiraten. Efendic: «So will es die islamische Tradition.»

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Tausendmal berührt

18. November 2009 · Kommentar schreiben

Amma umarmt alle, die zu ihr kommen. Von ihren Anhängern wird die Inderin wie eine Göttin verehrt. 
Kürzlich war sie in der Schweiz. Was lockte 20'000 Menschen zu ihr?

Peter Johannes Meier

Der Stadtpolizist betritt die Halle. Er spricht kurz mit zwei hellgekleideten Damen, dann geht er an der Menschenschlange vorbei, zwängt sich durch das Gedränge zu Amma vor. Wird sie jetzt verhaftet? Oder soll sie bloss die Nummer eines Falschparkers durchgeben? Tausende sind gekommen, haben ihre Fahrzeuge vor der Winterthurer Eulachhalle und im nahen Wohnquartier abgestellt. Für Stunden oder gleich für mehrere Tage. Es rauscht und knackt aus dem Funkgerät des Polizisten. Er legt es auf den Boden – und sinkt gleich selber dahin, direkt vor Amma. Dann legt er seinen Kopf auf ihre Schulter, lässt sich umarmen. Amma flüstert ihm ins Ohr.

Nach einer halben Minute steht er auf, richtet seinen Gurt, schultert das Funkgerät und macht sich aus dem Saal. «Ich bin im Dienst. Darum konnte ich mich nicht hinten anstellen», entschuldigt er sich. Er habe von diesen Umarmungen gehört – und er habe einfach wissen wollen, wie das ist.

Mata Amritanandamayi Devi, kurz Amma (Mutter) genannt, besucht seit 20 Jahren die Schweiz. Genauer: Tausende besuchen die 56-jährige Inderin, wenn sie und ihre 160 Mitreisenden für drei Tage haltmachen. 20′000 Menschen pilgerten laut Veranstalter Mitte Oktober in die Halle in Winterthur. Es werden immer mehr. Vor zehn Jahren waren es noch wenige tausend. Die genaue Zahl kennt niemand, denn wer Amma umarmen will, muss keinen Eintritt zahlen – aber stundenlang warten.

Sie riecht leicht süsslich

Wie ist es, von Amma umarmt zu werden? Die kleine, rundliche Frau sitzt auf einem Holzstuhl. Sie lächelt, schaut einem in die Augen. Von Fremden umarmt zu werden kann ja unangenehm sein. Sekunden sind dann eine Ewigkeit. Bei Amma ist das anders: Man fühlt sich sofort geborgen, versinkt im weissen Tuch, das den weichen Körper verhüllt. Die Wangen berühren sich. Man drückt sich innig, kuschelt sich an ihre linke Brust. Amma riecht leicht süsslich, aber angenehm unparfümiert. Zu denken gibt es in diesem Moment nichts, zu sagen auch nicht. Sie murmelt mantraartige Sätze: «Amma Mamma, Mamma, Amma», glaube ich zu verstehen.

Nach einer halben Minute lösen wir uns, es warten noch Tausende. Wer Amma in die Augen schaut, dem zwinkert auch kurz jenes verschmitzte Mädchen zu, das bereits Anfang der sechziger Jahre seine Eltern zur Verzweiflung trieb, als es wildfremde Menschen zu umarmen begann. Zum Abschied drückt sie mir einen Apfel in die Hand. Ich fühle mich gut, finde locker einen Weg durch Hunderte von Menschen, die dicht gedrängt um Amma sitzen, meditieren, lächeln. Wir fühlen uns gut.

Das wird andauern, versichert der 46-jährige Reto, der Amma bereits zum dritten Mal besucht. «Dieser Energieschub hilft über Monate durchs Leben. Ich brauche mich bloss kurz an die Begegnung zu erinnern, dann ist er wieder da», sagt er. Was für eine Energie? «Die bedingungslose Liebe. Wer sie erfahren hat, kann sie auch weitergeben.» In ihrem Wohnzimmer haben Reto und seine Frau ein Foto von Amma aufgestellt. «So begleitet sie uns täglich. Und wir leben seither besser», sagt er. Viele schildern ihre Amma-Erfahrung so. Einzelne ganz anders. Nach langem Anstehen und kurzer Umarmung fragt ein Mittvierziger seine Frau: «Spürst du was?» Sie: «Nein.» Er: «Gut. Gehen wir.»

Ein buntes Volk füllt die Halle. Kinder spielen zwischen Eltern, die sich auf Matten ein Lager in Ammas Nähe errichtet haben. Der unauffällige Bürolist, die goaerfahrene Hippiefrau und die tamilische Familie, sie alle sind gekommen, um Ammas Darshan zu empfangen, wie Eingeweihte die Umarmung nennen.

Ich sitze neben Amma, die in Indien als Reinkarnation der göttlichen Mutter verehrt wird. Ich darf sie interviewen – während sie weiter umarmt. Was bloss fragt man eine Göttin?

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Das Netz der Konservativen

31. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 30.10.2009


Unter dem Stichwort «Dialog» verbreitet sie einen konservativen Islam: Die Gülen-Bewegung ist in der Schweiz angekommen.

Peter Johannes Meier und Gian Signorell

Dialog heisst ihr Schlüsselwort, ihr Schweizer Zentrum ist das Dialog-Institut in Zürich. Hier empfängt eine Gruppe von Muslimen Politiker, Medienschaffende, Wissenschaftler und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften. Für Vorträge und zum sogenannten interreligiösen Gedankenaustausch. Verbindendes betonen statt Trennendes suchen: der goldene Weg in die Multireligionsgesellschaft? Die Medien berichten wohlwollend über das Institut. Einzelne Referenten verlassen es gar euphorisiert: So ermunterte die Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer nach einem Vortrag ihre Polizisten, für einmal Ramadan zu feiern. Der Aufruf soll mässig befolgt worden sein. Für den 5. November ist der Zürcher Justizdirektor Markus Notter angekündigt.

Recherchen des Beobachters zeigen, dass hinter dem Institut und weiteren Einrichtungen eine umstrittene islamische Bewegung steht: das Netzwerk von Fethullah Gülen, das sich von der Türkei aus über die ganze Welt spannt. Der charismatische Prediger, der in den USA lebt, will Muslime mit Hilfe des türkischen Mittelstands in die Gegenwart führen. Gülen predigt einen konservativen Islam, der sich unabhängig vom Staat in der Gesellschaft durchsetzen soll. Er ruft Muslime dazu auf, sich in westlichen Gesellschaften nicht abzuschotten, sondern sich darin erfolgreich zu bewegen. Daran arbeitet die Gülen-Bewegung mit geschätzten fünf Millionen Anhängern in einem losen, weltweiten Verbund von Stiftungen, Schulen, Zeitungen und TV-Stationen.

«Wir wollen keine frustrierten Muslime»

«Durch eine gute Ausbildung können sich junge Muslime besser in unsere Gesellschaft integrieren», sagt der 34-jährige Cebrail Terlemez, Geschäftsleiter des Dialog-Instituts. Die Elterngeneration, meist unqualifizierte Arbeiter, sei oft nicht in der Lage, ihre Kinder ausreichend zu unterstützen. «Hier springen unsere Bildungsinstitutionen ein. Wir wollen keine frustrierten Muslime, die sich in einer Parallelgesellschaft bewegen», so Terlemez. Das Schweizer Gülen-Netzwerk umfasst neben dem Dialog-Institut Ausbildungszentren für Schüler und Studenten, die von der Stiftung Sera betrieben werden. In Zürich hat sie im August eine erste Sekundarschule eröffnet. Terlemez betont, dass die in der Schweiz üblichen Schulfächer unterrichtet würden. «Das sind keine religiösen Schulen. Religion gibt es dort gar nicht als Schulfach.» Die Institutionen werden laut Terlemez massgeblich von türkischen Unternehmern in der Schweiz finanziert.

Für die Berliner Gülen-Expertin Claudia Dantschke steht ausser Frage, dass solche Schulen dazu genutzt werden, neue Anhänger zu gewinnen. «Das läuft auf einer informellen Ebene ab. Schüler und Studenten werden zum Beispiel motiviert, in eine muslimische Wohngemeinschaft zu ziehen. Dort werden sie dann angehalten, streng islamisch zu leben.» Bekim Agai von der Universität Halle, der über die Gülen-Bewegung eine Dissertation geschrieben hat, unterstreicht die Bedeutung dieses informellen Bereichs, um Führungsleute zu rekrutieren.

Gülen selber wird bei den Projekten kaum je als geistiger Vater erwähnt. Islamwissenschaftler kritisieren denn auch die undurchsichtige Struktur und Finanzierung der Bewegung. «Vor allem Jugendliche, die über Moscheenbesuche nicht mehr zum Islam finden, werden über Bildungsveranstaltungen angesprochen. Was an Kursen und vor allem darüber hinaus gelehrt wird, ist undurchsichtig», sagt der Berner Islamwissenschaftler Reinhard Schulze. Sein Kollege Ralph Ghadban von der Evangelischen Fachhochschule Berlin unterstellt Gülen gar eine «islamistische Auffassung», die unter «pseudomodernistischem Lack» getarnt werde. In Deutschland ist die Bewegung in nahezu jeder Stadt aktiv.

Dialog-Geschäftsleiter Terlemez bestätigt, dass sich Gülen-Anhänger nicht als Reform-Muslime verstehen. «Wir wollen vielmehr zeigen, dass man auch als traditioneller Muslim in der Schweiz integriert und beruflich erfolgreich leben kann.»

Erst der Koran, dann die Wissenschaft

Eine Mitstreiterin am Dialog-Institut ist Ümran Bektas. Die Psychologiestudentin mit türkischen Eltern ist in der Schweiz aufgewachsen. «Ein Jahr vor der Matur entschied ich mich, auch äusserlich nach meiner Religion zu leben.» Seither trägt die inzwischen verheiratete Frau ein Kopftuch. «Es gab schon seltsame Reaktionen. Eine Freundin meinte, ich könne ihr doch sagen, dass ich dazu gezwungen werde. Es war aber mein freier Entscheid.» Gülen verlangt von den Frauen nicht, ein Kopftuch zu tragen. Dennoch tun es die meisten Anhängerinnen.

Institutsleiter Terlemez ist im Thurgau aufgewachsen und besuchte die Milli-Görüs-Moschee in Bürglen. Als Student lebte er in einer WG mit türkischen Männern. «Zuvor sammelte ich Erfahrungen in einer gemischten WG. Obwohl ich die Mitbewohner mochte, waren Konflikte programmiert. Das geht vom Ausziehen der Schuhe – wir Muslime beten auf dem Teppich – übers Essen bis zum freizügigen Herumlaufen von Mitbewohnerinnen.»

Gülen-Anhänger betonen stets ihr Interesse für wissenschaftliche Erkenntnis. Dies mit einem konservativ-islamischen Glauben zu vereinbaren scheint für sie kein Problem: Die Evolution erklären sie – ähnlich wie evangelikale Bewegungen – mit einer kreationistischen Theorie. Gülen selber schreibt: «Koran und Hadith [die Überlieferungen Mohammeds] sind wahr und absolut. Wissenschaftliche Fakten sind wahr, solange sie mit Koran und Hadith übereinstimmen. Sobald sie von Koran und Hadith wegführen, sind sie fehlerhaft.»

Update: Privatschulen für Muslime

Anhänger des konservativen Muslim-Predigers Fethullah Gülen fördern Migrantenkinder über ein intransparentes Netz von Privatschulen.

in Backsteingebäude an der Theaterstrasse in Winterthur. Kein Hinweisschild – erst wer die Treppe in die erste Etage hochsteigt, findet an der Eingangstür das Firmenlogo: «Ekol Bildungszentrum». Es ist Mittwochnachmittag, in den Zimmern büffeln Schüler Mathematik und Deutsch, fast ausschliesslich Migrantenkinder.

«Unser Nachhilfeunterricht ist konfessionell strikt neutral. Religion spielt im Unterricht keine Rolle», sagt Schulleiter Abdullah Yildiz. Wirklich? Getragen wird das Institut vom muslimischen Kulturverein Prisma. Die Mitglieder wollen das in den Medien «verzerrte Bild des Islams» korrigieren.

Türkische Muslime betreiben mindestens ein halbes Dutzend Privatschulen in der Deutschschweiz, wie Recherchen des Beobachters zeigen (siehe Grafik). Sie sind Teil eines informellen Netzwerks, das der Bewegung des umstrittenen türkischen Predigers Fethullah Gülen nahesteht.

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Millionen für Rentner-Reisen

17. September 2009 · Kommentare sind deaktiviert

Auf Kosten der Invalidenversicherung werden jährlich Tausende Rentner für Untersuchungen in die Schweiz geflogen.

42′000 Schweizer IV-Rentner leben im Ausland. Alle drei bis fünf Jahre sollten sie sich in der Schweiz zeigen. Die IV überprüft dann ihre Gesundheit und entscheidet, ob sie weiterhin eine Rente bezahlt.

Max Spring

Max Spring

IV-Chef Alard du Bois-Reymond bestätigt, dass die IV grundsätzlich alle Reisekosten bezahlt, wenn jemand für eine Untersuchung aufgeboten wird. Das gilt für Rentner in der Schweiz und im Ausland gleichermassen. «Wir haben gar keine Wahl, denn das Sozialversicherungsgesetz und Verordnungen zur Invalidenversicherung schreiben diese Entschädigungen vor», so du Bois-Reymond. Rund 60 Millionen Franken wendet die IV jährlich für solche Reisespesen auf, den grösseren Teil für IV-Rentner in der Schweiz. Die Hin- und Rückfahrt wird aber nicht nur für Abklärungen, sondern auch für medizinische Behandlungen bezahlt.

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Arbeit für Rentner: Die IV-Illusionen

4. September 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 3.09.2009


Jobs trotz Handicap: Die Invalidenversicherung will 12500 Rentner zurück zur Arbeit bringen. Doch kaum jemand wird sie anstellen.

Peter Johannes Meier und Dominique Hinden

Die Zeitbombe tickt. Alard du Bois-Reymond soll sie entschärfen. Dafür muss der Chef der Schweizer Invalidenversicherung die mit 14 Milliarden Franken verschuldete Institution aus den roten Zahlen führen. Die Anzahl IV-Rentner hat sich zwischen 1988 und 2008 auf 294000 fast verdoppelt. Das ist sozialer Sprengstoff, der explodiert, wenn du Bois-Reymond falsch vorgeht – und erst recht, wenn er nichts macht. Letzteres traut ihm aber niemand zu; unter seiner Führung ist bereits das stetige Wachstum der Neuverrentungen gestoppt worden, bei etwa 17000 im Jahr 2007. In den Vorjahren waren es bis zu 28000.

Die Furcht vor dem «sozialen Kahlschlag»

Die Bombe tickt aber auch für die AHV, die heute das IV-Defizit zu tragen hat. Sie zu entschärfen braucht Zeit. Der IV-Chef verlangt dafür sieben Jahre. Ob er sie bekommen wird, entscheiden die Stimmbürger in drei Wochen an der Urne (siehe «Hintergrund»). Was passiert, wenn sie ablehnen?

«Die AHV würde weiterhin jedes Jahr 1,4 Milliarden verlieren, und damit stiege der politische Druck für ungezielte Schnellschüsse», befürchtet du Bois-Reymond. Zum Beispiel indem alle IV-Renten um etwa 40 Prozent gekürzt würden. «Das wäre ein sozialer Kahlschlag, der ausgerechnet die Schwächsten der Gesellschaft treffen würde», so der IV-Chef. Mit dieser Meinung steht er nicht allein: «Die IV kann nur über eine Reduktion der Anzahl Fälle saniert werden», findet Arbeitgeberpräsident Thomas Daum (siehe Interview, Seite 32). Die Rasenmäher-Methode kommt für ihn ebenso wenig in Frage wie die Finanzierung der Mehrausgaben über eine Erhöhung der Lohnprozente.

Mit dem Schulterschluss zwischen IV und Arbeitgeberverband werden folglich die heutigen Rentner ins Visier genommen: 12500 Personen sollen zwischen 2012 und 2018 raus aus der IV und zurück an die Arbeit. So könnte das jährliche IV-Defizit halbiert werden. Nur am Rande hilft dabei das Aufdecken von Rentenschwindel. Auf rund ein Prozent schätzt die IV die Betrugsquote – etwa 50 Millionen Franken. Mit 1,4 Milliarden ist das jährliche Defizit aber fast 30-mal höher.

Darum sollen gut vier Prozent der rechtmässigen Rentner in den Arbeitsmarkt reintegriert werden. So sieht es die 6. Revision der IV vor, die bis Ende Oktober in der Vernehmlassung ist. Wie aber kommt die IV auf die 12500? Und wer sind die Rentner?

Die IV krankt vor allem an der Psyche. Knapp 40 Prozent der Renten werden in der Schweiz wegen seelischer Leiden ausgerichtet. 4500 Personen würden mit ihrem Krankheitsbild nach heutiger Praxis und Rechtsprechung aber keine IV-Rente mehr erhalten. Sie leiden unter somatoformen Störungen – Beschwerden, die nicht klar auf eine organische Erkrankung zurückzuführen sind, etwa Schmerzsymptome oder allgemeine Müdigkeit und Erschöpfung. Diese Rentner sollen die IV verlassen.

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«Wir haben keinen Plan B»

«Ein sportliches Ziel» nennt der Direktor des Arbeitgeberverbands die Wiedereingliederung von 12500 Leuten – und hofft auf Unterstützung der ganzen Bevölkerung.

Interview mit Arbeitgeberpräsident Thomas Daum


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Millionen verschwunden

1. August 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 24.07.2009

Eklat in der Zürcher SE Swiss Estates: Der Verwaltungsrat beschuldigt CEO Udo Rössig, Millionen abgezweigt zu haben. Dieser weist die Vorwürfe zurück.

Udo Rössig, Ex-Geschäftsleiter der SE Swiss Estates

Das Immobilienunternehmen SE Swiss Estates hat gegen seinen Geschäftsführer Udo Rössig Strafanzeige wegen diverser Wirtschaftsdelikte eingereicht. Verwaltungsratspräsident Franz Josef Lerdo ist per sofort aus dem Verwaltungsrat zurückgetreten. Bis 2007 war Lerdo Vorsitzender der Geschäftsleitung der Dresdner Bank Schweiz, 2008 wurde er in den Verwaltungsrat der SE Swiss Estates gewählt.

Udo Rössig soll dem börsenkotierten Unternehmen einen Schaden von rund 3,4 Millionen Franken zugefügt haben. Das Geld soll ihm persönlich oder in von ihm kontrollierte Tochterfirmen geflossen sein. Rössig weist die Vorwürfe zurück.

Die SE Swiss Estates kauft und verwaltet Liegenschaften in der Schweiz. Das Firmenkonzept ermöglicht es zudem Ausländern, in Schweizer Immobilien zu investieren. Trotz Lex Koller ist dies möglich, indem sich die Ausländer über nicht stimmberechtigte Partizipationsscheine an der SE Swiss Estates beteiligen. Die Mehrheit der Aktien – und auch der Grossteil des Kapitals – ist dagegen im Besitz von rund zwei Dutzend Schweizern.

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Schmutzige Geschäfte mit Putzfrauen

22. Juli 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 23.07.2009

Doppelte Abrechnungen für Kunden, Drohungen gegen Angestellte und Geschäftspartner: Die schweizweit tätige Firma putzfrauenvermittlung.ch ist kein Garant für saubere Arbeit.

Wer seine Putzfrau nicht schwarz beschäftigen will, muss sich auf etwas Bürokratie einlassen. Oder er wendet sich an eine professionelle Putzfrauenvermittlung. Für einen Stundenpreis um 38 Franken sollte man eine korrekte Anstellung und Entlöhnung seiner Putzfee erwarten können. «Eine saubere Sache für eine saubere Wohnung», wirbt denn auch eine der grössten Agenturen der Schweiz, die putzfrauenvermittlung.ch.

400 bis 500 Putzfrauen arbeiten für das Zürcher Unternehmen im Stundenlohn. Gemäss Gesamtarbeitsvertrag (GAV) steht auch ihnen ein 13. Monatslohn zu. Den haben sie über zwei Jahre lang nicht erhalten.Erst auf Druck von Anwälten und nach einer Klage vor Arbeitsgericht zahlte man einigen die Nachforderung. Erhalten jetzt auch die anderen ihr Geld? Marco Gloor, Geschäftsführer der putzfrauenvermittlung.ch, sieht sich nicht in der Pflicht: «Der 13. Monatslohn war bei uns schon immer Bestandteil des Lohns.» Fragt sich, warum klagende Putzfrauen entschädigt wurden.

Das Betreibungsregister zeigt, dass es Gloors Zürcher Zentrale ist mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat. Pfändungen von jeweils über 100′000 Franken sind in den vergangenen zwei Jahren vollzogen worden. Und bis im Mai 2009 sind bereits neue Betreibungen über 150′000 Franken aufgelaufen. Hinter Betreibungen auf Pfändung stehen in der Regel öffentlich-rechtliche Gläubiger. Geht es also um nicht bezahlte Steuern oder Sozialabgaben für Angestellte? Marco Gloor verneint. Vielmehr habe das starke Wachstum der Firma die Aufnahme von 370′000 Franken Fremdkapital nötig gemacht. Daraus seien die Forderungen entstanden, «die von uns jeweils auch beglichen werden».

Update 23.7.09: Die Puztfrauenvermittlung.ch wird von mehreren Sozialversicherungen betrieben. Es geht um nicht einbezahlte Sozialabgaben für die Angestellten. Dies belegt ein detaillierter Auszug aus dem Betreibungsregister, der dem Beobachter vorliegt.

Offenbar hat das Zürcher Unternehmen ausländischen Putzfrauen auch die Quellensteuer abgezogen, diese dann aber nicht einbezahlt. Gegenstand von Betreibungen sind auch die Mehrwertsteuer und Beiträge an die paritätische Kommission der Reinigungsbranche. Insgesamt geht es um mehrere hunderttausend Franken.

Zu den Gläubigern des Unternehmens gehören die Sozialversicherungsanstalt des Kantons Zürich, eine BVG-Auffangeinrichtung, die eidgenössische Steuerverwaltung und die Abteilung Quellensteuer des Kantons Zürich. Allein im laufenden Jahr 2009 haben sich Forderungen im Wert von über 200′000 Franken angehäuft. Gemäss Arbeitsvertrag verrechnete die Putzfrauenvermittlung den ausländischen Angestellten sogar einen Administrativaufwand von 150 Franken für das Abrechnen der Quellensteuer.

Putzfrauzenvermittlung.ch  arbeitet mit Subunternehmen zusammen, die über einen Franchisingvertrag an die Zentrale gebunden sind. Alle Putzfrauen haben ihre Arbeitsverträge mit der  Zentrale abgeschossen. Das Zürcher Amt für Wirtschaft klärt zurzeit ab, ob das Unternehmen einen Personalverleih ohne die dafür nötige Bewilligung betreibt. Aus Gründen des Datenschutzes wollte sich das Amt aber nicht zum Fall äussern.

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Knausrige Bezahlung: Bei putzfrauenvermittlung.ch haben Angestellte nichts zu lachen.

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Jetzt wird abgewrackt

7. Mai 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 01.05.2009

Andy Fischli

Andy Fischli

Auch die Mehrheit der Schweizer will Geld vom Staat für neue Autos. Das hat eine repräsentative Umfrage ergeben. Gönnen wir uns also, was unsere Nachbarn schon glücklich macht. Auch unsere Autoindustrie darbt. Oder wann haben Sie zum letzten Mal einen Schweizer Wagen gekauft?

Doch der Neuwagen ist nur das Vorglühen einer gloriosen Zukunft. Die Abwrackprämie kann mehr. Deutsche Psychologen haben erkannt, wie sie im Hirn wirkt: Das Beutemodul wird aktiviert (die Angst, jemand könnte uns etwas wegschnappen), das Kontrollzentrum ausgeschaltet (die Frage des ökologischen Nutzens), das Belohnungssystem direkt angesprochen (Motoren und Moneten). Kurz: Wir fühlen uns gut. Und dass die Prämie vom Staat kommt, wird laut den Psychologen als besonders legitim empfunden. Anders gesagt: Wer für das Abrackern im Beruf nie eine anständige Abfindung erhalten wird, will sich wenigstens so trösten.

Wo man von Deutschen lernen kann, sollte man es tun. Abwrackprämien kurbeln die Wirtschaft an und machen uns glücklich. Wracken wir richtig ab!

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Die Buben sind die Dummen

7. Mai 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 01.05.2009

Die Idee war gut: Mädchen sollten in der Schule nicht mehr benachteiligt sein. Jetzt sind es die Knaben.

Balz Ruchti und Peter Johannes Meier

Der 15-jährige Gymnasiast sitzt ratlos vor Ölkreide und Papier. Bald sind die Quartalsarbeiten fällig, auch im Fach Gestalten: «Träum dich in dein Wolkenschloss! Bewohnst du es?» Das Papier bleibt leer. «So ein Scheiss», findet der blockierte Künstler. Weiterlesen →

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Amtlich nicht bewilligt

7. Mai 2009 · Kommentar schreiben

© Beobachter; 20.03.2009

100 000 Menschen leben illegal in der Schweiz. Die meisten haben nie ein Asylgesuch gestellt. Der Schweizer Mittelstand lässt sie billig für sich arbeiten.

Peter Johannes Meier und Balz Ruchti

Maria wischt sich die Tränen weg. «Eigentlich bin ich eine starke Frau. Das muss ich sein.» Nur wenn die 37-jährige Südamerikanerin ihr Leben Revue passieren lässt, dann schmerzt das. Dass sie zum Beispiel die Einladung ihrer Eltern zur goldenen Hochzeit nicht annehmen konnte. Das Risiko war zu gross, dass sie danach nicht mehr in die Schweiz hätte einreisen können. Es wäre die letzte Gelegenheit gewesen, ihren Vater noch einmal zu sehen. Inzwischen ist er tot.

Maria Gomez (Name geändert) bezahlt einen hohen Preis für ein Leben in der Schweiz. Ein Leben, von dem niemand erfahren darf. «Da ist die ständige Angst, in eine Kontrolle zu geraten, von jemandem angezeigt zu werden. Jede Person, die ich neu kennenlerne, ist eine potentielle Gefahr.»

Maria Gomez hat den Kontakt zu anderen Menschen weitgehend abgebrochen, sie trifft sich nur mit einer Handvoll Bekannter. Das war nicht immer so. Sie hat studiert, in ihrem Heimatland und in der Schweiz. Während des Studiums arbeitete sie hier mehrere Jahre legal mit einer B-Bewilligung. «Es war anstrengend, aber ich hatte Freunde.»

«Ich bin hier gefangen»

Sie verliebte sich in einen Schweizer, doch die Beziehung scheiterte. «Ich wollte mich trennen, aber er liess nicht los. Das wurde so beengend, dass ich keinen anderen Weg mehr sah, als in mein Heimatland zurückzukehren.» Maria Gomez wusste, dass sie danach keine Aufenthaltsbewilligung für die Schweiz mehr erhalten würde. «Doch in meiner Heimat fühlte ich mich seelisch tot. Das Land, die Leute, die ganze Kultur waren mir fremd geworden. Nach all den Jahren wartete niemand auf mich.» Sie entschied sich, wieder in die Schweiz zu reisen. «Ich sah keine andere Perspektive, als mich hier durchzuschlagen.» Das macht sie mittlerweile seit fünf Jahren. Wohnen kann sie bei einer Kollegin, doch bereits ihre Nachbarn wissen nicht um ihre Situation. «Mein Leben ist darauf ausgerichtet, unsichtbar zu sein.»

1500 Franken verdient Maria Gomez monatlich als Haushaltshilfe. Ein karger Lohn für eine karge Existenz: kaum Ausgang, keine Krankenkasse, keine Unfallversicherung. Kein Leben, wie man es sich in der Schweiz vorstellt. «Alles hängt von einem Papier ab, das ich nicht habe. Sogar die Freunde. Ich bin hier gefangen. Und trotzdem fühle ich mich genau hier zu Hause.»

Verwechslung mit Asylsuchenden

Maria Gomez ist eine von rund 100000 Sans-Papiers, die sich mit schlechtbezahlten Jobs über Wasser halten. Allein im Kanton Zürich leben 20000. Das sagt eine 2005 im Auftrag des Bundesamts für Migration (BFM) veröffentlichte Studie. Andere kamen gar auf bis zu dreimal höhere Zahlen. Letztlich basieren sie alle auf Schätzungen und Hochrechnungen. Denn Sans-Papiers sind nirgends registriert. Die Mehrheit der Fachleute war sich einig, dass die Zahlen ansteigen werden. Was seither genau geschehen ist, weiss niemand. Die BFM-Studie wurde nicht fortgesetzt.

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